Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2014 (Schein-)Werkverträge Viele Fragen – gute Lösungsansätze
(Heft 2/2014)
Praxisworkshop Berufsfelderkundung im Kreis Borken

Viele Fragen – gute Lösungsansätze

Berufsfelderkundungen sind eines der Standardelemente des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule-Beruf in NRW“. Schon in der 8. Klasse sollen Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit haben, in die regionale Berufs- und Arbeitswelt hineinzuschnuppern, verschiedene Berufsfelder in Betrieben kennenzulernen und diese Erfahrung für eine erste berufliche Orien­tierung zu nutzen. In der Referenzkommune Kreis Borken finden bereits seit dem vergangenen Jahr Berufsfelderkundungen statt.

Die Kommunale Koordinierungsstelle des Kreises lud, in enger Zusammenarbeit mit der IHK-Nordwestfalen und der Kreishandwerkerschaft Borken am 31. März dieses Jahres Vertreterinnen und Vertreter von Schulen und Unternehmen aus der Region zu einem „Praxisworkshop Berufsfelderkundung“ in die Brüninghoff-Akademie in Heiden ein. Ziel war es, Erfahrungen auszutauschen und Anregungen für eine Optimierung der praktischen Umsetzung zu sammeln.

Der Ort der Veranstaltung war nicht willkürlich gewählt, stellt doch die Brüninghoff GmbH und Co. KG als einer der großen Arbeitgeber in der Region regelmäßig Plätze für Schulpraktikanten und seit 2013 auch für Berufsfelderkundungen zur Verfügung. Bei dem Hallenbau-Spezialisten können die Schülerinnen und Schüler ein breites Spektrum an Berufsfeldern kennenlernen. Neben Zimmerern werden bei Brüninghoff unter anderen Metall-, Beton- und Stahlbetonbauer, Elektroniker, Bauzeichner sowie Kaufleute für Büromanagement oder Informatik aus- und in der 2013 gegründeten Akademie weitergebildet.

Erste Erfahrungen ausgetauscht
 

45 Lehrerinnen und Lehrer von allgemein­bildenden Schulen sowie acht Unter­neh­mens­vertreter/-innen aus der Region nah­­men an dem Workshop in dem Schulungszentrum teil. Carsten Taudt, der Geschäftsbereichsleiter Bildung der IHK-Nordwestfalen, begrüßte die Gäste und machte deutlich, dass sich die Kommunale Koordinierung des Kreises von dem Treffen Anregungen für eine bessere Umsetzung der Berufsfelderkundung erhoffe. Die IHK habe im Vorfeld alle Ausbildungsbetriebe der Region angeschrieben und über das neue schulische Standardelement informiert, mit einer „gar nicht schlechten“ Resonanz. Allerdings habe die Information, das hätten einige Rückfragen von Unternehmen gezeigt, nicht immer die richtigen Ansprechpartner/
-innen erreicht. Auch habe über die Hälfte der Betriebe bei einer späteren Nachfrage angegeben, dass sich keine Schulen bei ihnen gemeldet hätten. Das zeige, dass das Thema noch nicht bei allen angekommen und der Informationsfluss noch verbesserungswürdig sei.

Anschließend stellten Ruth Weber, Personalleiterin der Brüninghoff GmbH & Co. KG und Brüninghoff-Geschäftsführer Sven Brüninghoff zunächst das europaweit tätige Familienunternehmen und den Ablauf der Berufsfelderkundungen bei Brüninghoff vor.

Dirk Schütte, Lehrer und Berufswahlkoordinator der Realschule im Vestert in Ahaus, gab einen ersten Erfahrungsbericht zur Umsetzung der Berufsfelderkundungen an seiner Schule. Zunächst habe man die Kollegen und die Fachkonferenzen über das neue System informiert. Pro Schuljahr seien 150 Schülerinnen und Schüler zu betreuen. Das zu stemmen, bedeute eine Herausforderung für die Schule. „Wir haben die Klassenlehrer/-innen, die am nächsten an den Schülern dran sind, eingebunden, und die haben auch die Betreuung der Schüler übernommen“, so Dirk Schütte. „Wenn Schüler selbst eine Idee für eine Berufsfelderkundung hatten, war das gut, wenn nicht, haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wo die Reise hingehen kann.“ Dabei habe man vorliegende Listen von Betrieben genutzt, die Berufsfelderkundungen anbieten. Auch die Eltern habe man auf Elternpflegschaftsabenden eingebunden.

Überzeugungsarbeit nötig
 

Im Beitrag des Realschullehrers wurde deutlich, dass vonseiten der Schule einiges an Überzeugungsarbeit nötig war. Nicht nur viele Eltern seien kritisch gewesen, auch Unternehmen hätten sich erst daran gewöhnen müssen, dass sie es jetzt schon mit Schülerinnen und Schülern im Alter von 13 bis 14 Jahren zu tun haben. „Mich hat zum Beispiel am Tag einer Berufsfelderkundung schon mal ein Unternehmen angerufen und sich vergewissert, ob auch alles seine Richtigkeit hat“ berichtet Dirk Schütte. „Hier stehen zwei Schüler und wollen eine Berufsfelderkundung machen – aber die sind noch so klein!“, habe es da geheißen.

Dirk Schütte stellte aber auch klar, dass die Schule diese frühe, systematische Berufsorientierung sehr begrüßt. Für eine sinnvolle Auswahl von Berufsfeldern für einzelne Schüler sollten nach seiner Erfahrung die Ergebnisse der ebenfalls zu den Standardelementen des Übergangssystems gehörenden Potentialanalyse zugrunde liegen. „Deshalb ist es wichtig, dass wir die möglichst früh haben.“ Der Workshop sei ein gutes Forum, um die Ideen und Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen von anderen Schulen kennenzulernen.

Für den Austausch der Erfahrungen hatten die Veranstalter fünf Thementische vorbereitet, die die Teilnehmer des Workshops in kleinen Gruppen nachein­ander besuchten. Diskutiert wurde dort beispielsweise die Fragen: Müssen Schulen selbst Betriebe suchen oder steht ihnen ein ausreichender Pool an geeigneten Unternehmen zu Verfügung?

Vor allem die organisatorischen Probleme trieben viele Lehrer um: Macht es Sinn, wenn alle Schulen gleichzeitig Schüler in die Berufsfelderkundung schicken? Und wie sollen die Schüler die verstreut liegenden Betriebe in einem ländlichen Flächenkreis erreichen?

Auch inhaltliche Themen fanden ihren Weg in den Workshop. So würden es einige Schulen begrüßen, wenn ihnen Kurzporträts der Inhalte der Berufsfelderkundungen bei den einzelnen Unternehmen vorliegen würden, ähnlich dem des gastgebenden Unternehmens Brüninghoff: Wie ist die Berufsfelderkundung im Unternehmen organisiert? Welche Ausbildungsberufe werden angeboten? usw. Das könne eine gute Grundlage für die Beratung der Schüler durch die Schule darstellen. Auch eine im Vorfeld durchgeführte Betriebserkundung durch die Lehrer wurde zu diesem Zweck ins Gespräch gebracht.

Als hilfreich wird die Liste der Betriebe in insgesamt 14 Berufsfeldern empfunden, die der vom Bildungsbüro initiierte Bildungskreis Borken im Internet veröffentlicht hat (www.bildungskreis-borken.de/uebergang-schule-beruf/berufe-in-der-region). Hier lässt sich unter den 14 Stichpunkten jeweils auf die zugehörigen Berufe und im nächsten Schritt auf Unternehmen im Kreis Borken zugreifen, die eine entsprechende Ausbildung anbieten.

Insgesamt scheint es bisher einen Mangel an Stellen für Berufsfelderkundungen in sozialen Berufen zu geben. Viele Lehrer/-innen wünschten sich hier eine Erweiterung des anbietbaren Berufs-Spektrums.

Beim Thema „Vorbereitung der Schüler“ spielt in den Schulen offensichtlich das Fach Politik eine große Rolle. Das Vorstellen von verschiedenen Berufen gehört vielerorts zum Curriculum in diesem Fach. Beim Workshop in Heiden wurde aber auch vorgeschlagen, ein Fach „Berufswahlkunde“ einzuführen. Eine Hauptschule habe damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Andere Schulen nutzen eine Art Patenmodell: Ältere Schüler erarbeiten Berufssteckbriefe und präsentieren diese dann jüngeren Schülerinnen und Schülern. Einige Schulen setzen auch auf Referate zu Berufsfeldern, die an die betreffenden Schüler vergeben werden. Außerdem bereitet man die Schüler zum Teil mit einem Training des Sozialverhaltens auf ihren Besuch in den Unternehmen vor.

Als besonders wichtig wurde die Einbeziehung der Eltern erachtet. Das geschieht an den Schulen vorzugsweise an den Elternabenden.

Potenzialanalyse berücksichtigen
 

Die Erwartungen der Schülerinnen und Schüler gehen nach der bisherigen Erkenntnis der Workshop-Teilnehmer dahin, dass sie Berufsfelderkundungen möchten, die zu ihren Potenzialanalysen passen. Daraus wurde abgeleitet, dass die Schulen beim „Matching“ auf die Potenzial­analysen zurückgreifen sollten, damit die Schüler/-innen auch die den Interessen und Kompetenzen der Schüler/-innen entsprechenden Berufsfelder ansteuern. Eine möglichst zeitnahe Auswertung der Potenzialanalysen sei daher wünschenswert.

Ebenfalls ganz oben auf der Wunschliste der Schulen steht erfahrungsgemäß ein fester Ansprechpartner im Betrieb und eine gute Erreichbarkeit des jeweiligen Unternehmens.

Die Unternehmen wünschen sich eine Vorbereitung der Schüler durch die Schulen. Um eine gewisse Verbindlichkeit zu erreichen, wäre aus Unternehmenssicht das Abschließen eines Kooperationsvertrages sinnvoll. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Unternehmensseite durchaus Interesse hat, bei den Schülerinnen und Schülern schon früh Interesse an den Unternehmen zu wecken und die Berufsfelderkundung als eine Chance begreift, zukünftige Nachwuchskräfte auf sich aufmerksam zu machen.

Unternehmen zu Kooperationen bereit
 

Vor diesem Hintergrund sind Unternehmen auch grundsätzlich Kooperationen mit Schulen gegenüber nicht abgeneigt. Viele Schulen arbeiten bereits mit vier, fünf oder mehr betrieblichen Partnern zusammen, die für sie erster Ansprechpartner sind, wenn es um Themen wie die Berufsfelderkundungen geht. Neben der Bereitstellung von Praktikums-Plätzen können im Rahmen solcher Kooperationen zum Beispiel Ausbildungsmessen in Schulen und an anderen Orten organisiert werden, was vielerorts auch bereits umgesetzt wird. Weitere Hilfen könnten Betriebe in Form von Ausbildungs- und Bewerbungsinfos bereitstellen.

Im Rahmen der Vorbereitung an den Schulen sollten auch Nischenberufe nicht außer Acht gelassen werden, weil sich in solchen Berufen Lehrstellen oft nur mit Mühe besetzen ließen. Es böten sich hier nach Ansicht der Unternehmensvertreter/-innen auch Chancen für schwächere Schüler/-innen.

Die Unternehmen legen wenig Wert auf eine ausführliche Bewerbung für eine Berufsfelderkundung. Auch die Ergebnisse der Potenzialanalyse, die Schülerinnen und Schüler den Unternehmen zum Teil bei der Anfrage für eine Berufsfelderkundung präsentieren, wollen diese nicht unbedingt sehen. Die Unternehmen möchten bei den jungen Schülerinnen und Schülern lieber ehrliches Interesse für den jeweiligen Beruf erkennen, unabhängig von Zeugnissen oder sonstigen im Vorfeld festgestellten Kompetenzen.

Grundsätzlich wünschen sich beide Seiten ein Feedback über die einzelnen Berufsfelderkundungen, das es allerdings wiederum zu organisieren gilt. Dafür sei in jedem Betrieb eine „Schnittstelle Schule“ sinnvoll, also eine feste Stelle, die sich um die Kommunikation mit den Schulen kümmert.

Elisabeth Büning von der Kommunalen Koordinierungsstelle zog ein positive Bilanz der Veranstaltung: „Die heute diskutierten Fragen werden uns bei der weiteren Umsetzung mit Sicherheit beschäftigen. Es ist deutlich geworden, dass es noch viele Stolpersteine gibt, aber auch schon viele gute Ansätze, wie Berufsfelderkundung umgesetzt werden kann.“

Abstract

Die Kommunale Koordinierungsstelle des Kreises Borken veranstaltete am 31. März dieses Jahres in enger Zusammenarbeit mit der IHK-Nordwestfalen und der Kreishandwerkerschaft Borken einen „Praxisworkshop Berufsfelderkundung“. Vertreter und Vertreterinnen von Schulen und Unternehmen aus der Region trafen sich in der Brüninghoff Akademie in Heiden mit dem Ziel, Erfahrungen auszutauschen und Anregungen für eine Optimierung der praktischen Umsetzung von Berufsfeld­erkundungen zu sammeln. Zwar kamen verschiedene Probleme z. B. beim Informationsfluss, bei der Organisation an den Schulen, beim Angebot von Stellen in sozialen Berufen oder bei der Vorbereitung der Schüler auf die Berufsfelderkundungen zur Sprache. Es wurde aber auch deutlich, dass sowohl die Schulen als auch die Unternehmensseite diese frühe, systematische Berufsorientierung sehr begrüßen.

Kontakte

Kommunale Koordinierung
Kreis Borken – Bildungsbüro
Kreishaus in Borken
Burloer Str. 93, 46325 Borken
Elisabeth Büning
Tel.: 02861 82-1346
e.buening@kreis-borken.de

Brüninghoff GmbH & Co. KG
Personalleitung – Ruth Weber
Industriestraße 14
46359 Heiden/Westfalen
Tel.: 02867 9739-145
ruth.weber@brueninghoff.de

Ansprechpartner in der G.I.B.

Richard Osterholt
Tel.: 02041 767-153
r.osterholt@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
Artikelaktionen