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(Heft 2/2014)
Zukunftsfabrik im Jobcenter Hamm

Synergieeffekte durch Selbstvornahme

Jobcenter vergeben Eingliederungsmaßnahmen fast ausschließlich an externe Träger. Das Jobcenter Hamm aber hat sich vor vier Jahren entschieden, Eingliederungsmaßnahmen für besonders benachteiligte junge Menschen im Leis­tungsbezug des SGB II selbst durchzuführen. In der dazu neu eingerichteten „Zukunftsfabrik“, zu der auch eine Produktionsschule gehört, sind seitdem hoheitliche Fallbearbeitung und klassische Maßnahmeaktivitäten inhaltlich und organisatorisch unmittelbar miteinander verknüpft. Von der „Selbstvornahme“ verspricht sich das Jobcenter bessere Steuerungsmöglichkeiten sowie Synergieeffekte.

Vergeben Jobcenter Eingliederungsmaßnahmen für SGB II-Beziehende an externe Träger, ergeben sich beim Transfer Brüche und Lücken, wenn Kundinnen oder Kunden die Einverständniserklärung zur Weitergabe von Daten und Informationen verweigern. Die Folge: Träger und Teilnehmer müssen das Procedere von Anamnese und Profiling wiederholen. Ein weiteres Problem von Trägermaßnahmen: Bricht der Teilnehmende die Maßnahme ab, ist eine Rückkehr unmöglich, die oft mühsam aufgebaute „Beziehungsarbeit“ wird unterbrochen. Hinzu kommt: Die Inhalte der Maßnahme sind bei der Auftragsvergabe durch die Leistungsbeschreibung im Rahmen des Ausschreibungsverfahrens fixiert. Die Folge: Bei einer Veränderung der Kundenbedarfe oder der Arbeitsmarktsituation ist die Fallsteuerung aufgrund der begrenzten inhaltlichen Flexibilität eingeschränkt.

In Hamm ließ sich das Verfahren durch die Zusammenführung von kommunalem Beschäftigungsträger und Jobcenter neu gestalten – „Selbstvornahme“ heißt das im Fachjargon. „Ausschlaggebend bei der Entscheidung, ob wir Maßnahmen als Selbstvornahme organisieren oder nicht, sind die Inhalte“, sagt Marie-Luise Roberg, Geschäftsführerin des Jobcenters Hamm. „Das bedeutet: Macht es Sinn, die Fallsteuerung mit allen Befugnissen in die Maßnahme einzubinden und ist hierdurch ein größerer Output zu erzielen?“

Besonders benachteiligte Zielgruppe
 

Organisatorisch verankert ist die neue Kombination aus hoheitlicher Fallbearbeitung und klassischen Maßnahmenaktivitäten in der Zukunftsfabrik Hamm des Jobcenters. Hier stehen 250 Teilnahmeplätze zur Verfügung für besonders benachteiligte junge Menschen im Leistungsbezug des SGB II.

Kern des Zukunftshauses, in dem auch ein kleineres, vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe gefördertes Projekt für wohnungs- oder obdachlose Leistungsbeziehende durchgeführt wird, ist eine Produktionsschule mit 52 Teilnahmeplätzen.

Längst nicht alle der Zukunftsfabrik zugewiesenen Jugendlichen sind sofort in der Lage, in der Produktionsschule mitzuarbeiten. Bei den meisten von ihnen haben herkömmliche Integrationsinstrumente nicht gewirkt, fast alle haben bereits Maßnahmen abgebrochen, arbeitsmarktrelevante Kompetenzen: Fehlanzeige. „Von einer Beschäftigungsfähigkeit sind sie weit entfernt“, weiß Ulrich Weseke, Leiter der Abteilung „Projekte zur Integration gem. SGB II“ im Jobcenter, wozu auch die Zukunftsfabrik zählt. „Viele von ihnen sind von sozialer Vereinsamung oder gar Verwahrlosung bedroht.“

Die erste Herausforderung ist, mit diesen Jugendlichen Kontakt aufzunehmen – ohne aufsuchende Sozialarbeit in Form von Hausbesuchen sowie Gesprächen mit Familie und Freunden, eine Unmöglichkeit. „Da einige von ihnen versäumen, Folgeanträge auf Leistungen nach dem SGB II zu stellen, könnten wir sagen: Um die kümmern wir uns nicht mehr, denn irgendwann sind sie auch keine Leistungsbezieher mehr, aber das wäre unklug. Außerdem hätten wir dann schon bald mehr Obdachlose in der Stadt. Neben humanen, gibt es also auch handfeste kommunalpolitische Gründe, sich dieser Klientel zu widmen.“

Kommunale Leistungen
 

Sind die Jugendlichen in der Zukunftsfabrik angekommen, steht ihnen das gesamte Spektrum kommunaler Leistungen nach § 16 a SGB II zur Verfügung. Das reicht von der Schuldner- und Suchtberatung über die psychosoziale Betreuung bis hin zur Betreuung minderjähriger Kinder.

Weil psychische Erkrankungen wie etwa Sozialphobien bei den jungen „Zukunftsfabrikanten“ keine Seltenheit sind, planen die Betreiber der Einrichtung eine engere Kooperation mit der nahe gelegenen Jugendpsychiatrie. Hinzu kommt ein anderes Problem, das Ulrich Weseke so beschreibt: „Manche junge Frauen flüchten sich in die Schwangerschaft, sagen: ,Mein Kind kann mir keiner nehmen‘ und kompensieren so vermeintlich ihre soziale Isolation. In solchen Fällen beziehen wir die Familienhilfe des Jugendamtes und das Gesundheitsamt in das Fallmanagement mit ein.“

Fallmanager, Sozialpädagoge und Vermittler in Personalunion
 

Die nicht standardisierten, am individuellen Bedarf ausgerichteten und deshalb arbeits- und zeitaufwändigen Hilfen beeinflussen den Betreuungsschlüssel. Er liegt gegenwärtig bei 1 zu 50, das heißt: Für die 250 Kundinnen und Kunden der Zukunftsfabrik sind fünf Coachs im Einsatz. Die gegenwärtige Zahl ist Grundvoraussetzung zur Umsetzung. Sein Argument: „Bei einer 40-Stunden-Woche kann ein Coach schon jetzt nicht einmal eine Stunde pro Woche mit jedem Kunden sprechen.“ Eine weitere Reduzierung der Zahl an Coachs würde nach seiner Meinung das Konzept unterminieren, zumal aufsuchende Arbeit grundsätzlich zu zweit erfolgt und so Personalressourcen bindet.

„Früher, als die Maßnahmen noch ausgelagert waren, hatten es die Jugendlichen mit dem beim Träger beschäftigten Sozialpädagogen, dem Fallmanager im Jobcenter und gegebenenfalls noch mit einem Vermittler zu tun. Hier und heute aber haben sie nur einen Ansprechpartner. Er ist Fallmanager, Sozialpädagoge und Vermittler in Personalunion – eine Eins-zu-Eins-Beziehung, die für beide Seiten überschaubarer ist und synergetisch wirkt: Die Kommunikationswege sind kurz, die Problembewältigung erfolgt ohne Zeitverlust.“

Den Coachs obliegt die eigentliche sozialpädagogische Begleitung. Aufgrund der eingangs beschriebenen Zusammenführung mit dem kommunalen Beschäftigungsträger findet sich das sonst bei Trägern vorhandene Know-how auch in der Zukunftsfabrik. Erst wenn die Coachs gemeinsam mit den Jugendlichen deren vorrangigen Probleme gelöst haben, erst wenn trotz weiter bestehender Arbeitsmarktferne eine gewisse Beschäftigungsfähigkeit hergestellt ist und die Jugendlichen auch wirklich wollen, können sie das Beschäftigungsmodul Produktionsschule nutzen. Möglich ist dabei auch ein „sanfter Einstieg“, heißt: Jugendliche können anfangs beispielsweise auch nur zwei Stunden am Tag in der Produktionsschule mitarbeiten. Kein außergewöhnliches Privileg, wie der Abteilungsleiter befindet, denn „im normalen Arbeitsleben kann sich auch jeder für Teilzeitarbeit oder einen Minijob entscheiden.“ Vorteil des gestaffelten Übergangs: „So lässt sich die Belastungsfähigkeit prüfen. Ist sie hergestellt, kann oder muss der Jugendliche seine tägliche Arbeitszeit sukzessive erhöhen.“

Fünf Werkbereiche
 

Fünf Werkbereiche umfasst die Produktionsschule in der Zukunftsfabrik: Metall/Fahrrad, Dienstleistung/Gastronomie, Kreativ, Holz, Natur/Umwelt. Im Bereich Dienstleistung/Gastronomie betreibt die Produktionsschule unter anderem die Betriebskantine eines in Hamm ansässigen Konzerns, in der Schreinerwerkstatt, also im Bereich Holz, stattet die Produktionsschule aktuell für den Katholischen Sozialdienst einen Kinderspielraum aus, errichtet für Kindergärten Sonnensegel über Sandspielplätzen, baut Sitzbänke und Bollerwagen für den Maximilianpark. „Alles klar umrissene Aufträge“, so Weseke, „die termingerecht erledigt sein müssen.“

Im städtischen Tierpark hat die Produktionsschule, finanziell unterstützt vom ortsansässigen Lions Club eines der Gehege komplett umgebaut. „Diese Dreieckskons­tellation: Einer hat das Geld, einer die Arbeit und wir können sie umsetzen, ist typisch für unsere Projekte.“ Eine langfris­tige Kooperation ist bereits anvisiert. Zu tun gibt es genug.

Für den Waldlehrpfad in der Freizeitstätte Selbachpark in Hamm-Pelkum hat die Produktionsschule, unterstützt von dem Förderverein Selbachpark e. V., die Patenschaft übernommen. Klassischer Umweltschutz gehört hier ebenso zum Aufgabengebiet wie beim Einsatz im Naturschutzgebiet Lippe-Auen, wo Heckenränder geschnitten, Zäune gesetzt, Eulenkästen gebaut, Besichtigungstürme errichtet und 800 Pappeln gepflanzt worden sind.

Originell auch der Kreativbereich der Produktionsschule: Hier haben die Beschäftigten im Martin-Luther-Viertel, dem Künstlerviertel der Stadt Hamm, Sitzbänke mit da Vinci-Motiven gestaltet und einen Freiluftspielplatz für Erwachsene inklusive Freiluftschach und weitere Brettspiele gestaltet. Weseke: „Die Aufträge dürfen die Jugendlichen nicht überfordern. Sie müssen wissen: Ich kann es schaffen! Das Ziel muss erreichbar sein.“

Die Entscheidung, welcher Jugendliche in welchem Werkbereich eingesetzt wird, hängt im Wesentlichen von deren Interessen und Neigungen ab. Weseke: „Wir halten die Werkbereiche vor, die das Potenzial der Jugendlichen fördern und Chancen auf eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt unterstützen. Es geht nicht darum Werkstätten zu erhalten, sondern die Infrastruktur vorzuhalten, die sich an den Bedarfen und am Können der Jugendlichen ausrichten.“

In einer Lehrwerkstatt machen alle das Gleiche und schulen bestimmte Fähigkeiten. Im richtigen Produktionsprozess aber, wie er für die Produktionsschule charakteristisch ist, macht jeder etwas anderes und die Werkanleiter müssen bei jedem Einzelnen sehen, dass alles ordentlich läuft.“

Realitätsnahe Produktion
 

„Lernen durch Arbeit“ – das ist die Leitidee der Produktionsschule, flankiert von den Komponenten Stabilisierung, Qualifizierung und nachhaltige Begleitung. Großen Wert legt Weseke auf die richtige Wortwahl: „Die Jugendlichen in der Produktionsschule sind nicht Teilnehmende, sondern Beschäftigte. Das kennzeichnet die Kultur des Projekts.“ So erfolgt auch die Erfassung der Arbeitszeit wie in regulären Betrieben über eine Stempeluhr und auf der Arbeitskleidung steht das Logo der Zukunftsfabrik.
Vergütet wird die Arbeit der Jugendlichen nach geleisteten Stunden. Das Prinzip ist einfach: Wer weniger leistet, kriegt weniger Geld. „Leistungszulagen“, argumentiert Weseke, „gibt es auf dem Arbeitsmarkt auch. Warum sollte das in der Produktionsschule nicht funktionieren? Die Vergütung des Mehraufwands ist für die Jugendlichen von großer Bedeutung: „Da wird mitunter richtig gefeilscht, wird diskutiert, wie unentschuldigte Fehlzeiten zu bewerten sind. Bei der Entscheidung sind Stempelkarten ein wichtiges Indiz.“

Genauestens organisiert ist auch „die beschäftigungsadäquate Besetzung der Baustellen“. Weseke: „Wir wissen ja nicht immer genau, ob die Jugendlichen zur Arbeit kommen oder nicht. Wenn mehr kommen als gebraucht werden, fahren wir die überzähligen Jugendlichen auf eine andere Baustelle mit höherem Personalbedarf. Bei uns steht keiner nur rum.“

Die Flexibilität beim Personaleinsatz und die vergleichsweise rigide Orientierung an der Produktion spiegeln die Verhältnisse am ersten Arbeitsmarkt. Wünsche von Jugendlichen wie: „Ich will aber mit meinem Kollegen mitfahren“, bleiben unberücksichtigt. „Deshalb haben wir auch nicht immer die gleichen homogenen Gruppen, wie es für andere Maßnahmen typisch ist. Unsere Produktionsschule ist ein realistisches Abbild der klassischen Auftragsarbeit.“

Im Arbeitsalltag zeigt sich jedoch, dass manche Jugendliche körperlich kaum belastbar sind. Weseke nennt ein Beispiel: „Weil der Eröffnungstermin des neuen Tierparkgeheges fest vereinbart war, mussten wir zwei Tage vorher noch schnell den Rollrasen verlegen. Ein, zwei Jugendliche klagten mittags über Kreislaufprobleme, weil sie ungewohnt durchgängig körperlich gearbeitet hatten. Das waren sie nicht gewohnt. Selbstverständlich achten wir auf ihre Gesundheit und individuelle Belastbarkeit, aber dem ein oder anderen mussten wir schon mal sagen, dass ein Muskelkater nicht gleich ein Fall für den Orthopäden ist.“

Die enge Begleitung der Jugendlichen durch die Werkanleiter, meist sieben Stunden pro Tag, sieht der Abteilungsleiter als Gratwanderung: „Die Nähe und die positive Ansprache sind genau das, was einige Jugendliche in ihren Familien jahrelang vermisst haben. Wir müssen aufpassen, dass die Anbindung und Harmonie nicht allzu groß wird, sonst wollen die Jugendlichen gar nicht mehr weg.“

Differenzierte Sanktionen
 

Dass die Produktionsschule kein Schonraum ist, begreifen die Jugendlichen schnell. Bei aller Rücksichtnahme auf ihre schwierige Ausgangslage: Bleiben sie der Arbeit fern, ohne bei einer anschließenden Anhörung akzeptable Gründe zu liefern, greifen Sanktionen – und die sind spürbar, zumal die öffentlichen Leistungen im Jugendbereich, anders als bei Erwachsenen, sofort um 100 Prozent gekürzt werden können. Im schlimmsten Fall lassen sich sogar die Kosten der Unterkunft kürzen. Alles geregelt im § 31 des SGB II.

Anders als bei Trägern, wo Sanktionen oft erst nach Wochen ausgesprochen werden, fällt in der Produktionsschule die Entscheidung innerhalb von 24 Stunden. „Das wirkt“, so Weseke, „und ist genau die richtige Reaktion auf pfiffige Jugendliche, die das System ausreizen und über Gebühr strapazieren.“ Von ihnen gibt es nicht wenige, wie die durchschnittliche Sanktionsrate von rund 20 Prozent vermuten lässt. Keineswegs aber erfolgen Sanktionen automatisch oder pauschal. „Bei orientierungslosen, labilen Jugendlichen handeln wir bei gleichem Sachverhalt sehr behutsam, denn bei ihnen könnten Sanktionen leicht dazu führen, dass sie irgendwo in der Gesellschaft verschwinden, und genau das wollen wir verhindern.“

Im Allgemeinen reagieren die Jugendlichen auf Sanktionen sogar mit Verständnis: „Sie wissen selbst, dass sie etwas falsch gemacht haben und sie wissen aufgrund ihrer täglichen Erfahrung, dass wir nicht strafen, sondern helfen wollen. Unser Vorgehen zeigt: Die Devise ,Fördern und Fordern‘ funktioniert!“

Ergänzende Freizeitangebote
 

In der Produktionsschule arbeiten die Jugendlichen täglich von halb acht bis halb drei. Darüber hinaus bestehen Freizeitangebote, die sie, aber auch alle anderen Jugendlichen der Zukunftsfabrik nutzen können. Neben beruflich orientierten Kursen gibt es Freizeitangebote in den Bereichen Gesundheit, Sport und Bewegung – notwendige Angebote, wie das geschilderte Beispiel der geringen Belastbarkeit mancher Jugendlicher beweist. In Fußball- oder Schwimmgruppen trainieren sie indes nicht nur ihre körperliche Fitness, sondern auch Teamgeist, Sozialverhalten und Kommunikationsfähigkeit – Schlüsselqualifikation in der Arbeitswelt.

Gleichzeitig dienen die Nachmittagsangebote dazu, die soziale Isolation der Jugendlichen zu durchbrechen, ihnen ein soziales Netzwerk zu schaffen, wobei sich alle Angebote an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientieren und Anregungen von ihnen aufgenommen werden.“ Eine Rarität in vergleichbaren Projekten dürfte die Lesegruppe der Zukunftsfabrik sein. Interessierte treffen sich regelmäßig und diskutieren über gelesene Bücher oder andere Texte. Entstanden ist das Angebot nach einem gemeinsamen mit dem ortsansässigen Lions Club durchgeführten Projekt, dem Büchermarkt in einem Hammer Einkaufszentrum.

Eine weitere Gruppe befasst sich mit Kunst, Kultur und Stadtgeschichte, zieht mit einer Videokamera durch die Stadt, filmt historische Gebäude, dokumentiert Stadtentwicklung und setzt sich mit ihrer Heimat auseinander. Weseke: „Auch hier geht es darum, Jugendliche am Leben teilnehmen zu lassen, und dazu gehört mehr als nur Arbeit.“

Flexibles Steuerungsrepertoire
 

Nach vier Jahren Zukunftsfabrik sind sich die Jobcenter-Verantwortlichen sicher: Die Kombination aus hoheitlicher Fallbearbeitung und Maßnahmendurchführung erzeugt Synergien: „Wenn die jungen Kundinnen und Kunden zu uns kommen, fangen wir nicht bei null an, sondern können auf unsere Datenbank zurückgreifen. Sie enthält alle relevanten Informationen über die Jugendlichen, seit sie bei uns Hilfeleistungen beziehen. So wissen wir, in welchen Maßnahmen sie vorher waren, ob und warum sie sie abgebrochen haben, und wir kennen ihren familiären Hintergrund. Auch alle neu anfallenden Informationen werden in der Datenbank erfasst.“

Vorteilhaft auch die flexiblen Reaktionsmöglichkeiten der Coachs in der Zukunftsfabrik. Die Fallsteuerung im Projekt und das hoheitliche Handeln im Sinne des Gesetzgebers aus einer Hand ergeben gerade bei dieser Zielgruppe klare Vorteile. Sie bestehen in der inhaltlichen Flexibilität bei der Integrationsarbeit in Verbindung mit einer intensiven Beziehungsarbeit mit dem Kunden.

In der Zukunftsfabrik können Jugendliche aufgrund der hoheitlichen Fallverantwortung nicht „abbrechen“. Vielmehr kann der Coach im besagten Fall den Jugendlichen erst einmal aus der Produktionsschule herausnehmen und den frei gewordenen Platz mit einem anderen, auf der Warteliste stehenden Jugendlichen besetzen. Der herausgenommene Jugendliche aber behält seinen Ansprechpartner, seine Beziehungsperson. Ist der Grund für sein Fernbleiben erkannt und das Problem gelöst, kann der Jugendliche umgehend in die Produktionsschule zurück, ohne auf einen neuen Maßnahmeplatz warten zu müssen.“ Die schnellen Reaktionsmöglichkeiten haben Einfluss auf die Fluktuation: Über ein Jahr gerechnet, nehmen rund 100 Jugendliche die insgesamt 52 Plätze der Produktionsschule in Anspruch.

Wirtschaftlichkeitsprüfung und Erfolgsmessung
 

Finanziert wird die Zukunftsfabrik über die Landesförderung „Produktionsschulen NRW“, die freie Förderung nach § 16 f des SGB II sowie über das Sponsoring. Doch Selbstvornahme schützt nicht vor Konkurrenz. Alle in der Zukunftsfabrik durchgeführten Projekte unterliegen einer Wirtschaftlichkeitsprüfung. Kostenkalkulation, Platzkostenanalyse und eine Stellungnahme der Abteilung „Planung“ – „sie hat den Überblick über Angebote und Leistungen am Markt“ – sind integrale Bestandteile eines jeden Vergabeverfahrens, das sich so als transparent erweist und gegenüber dem Bundesrechnungshof prüffähig ist.

Ähnlich streng sind auch die Zielvorgaben und das Controlling. Beides bezieht sich auf qualitative wie auch quantitative Ergebnisse: eine signifikante Erhöhung der Übergangsquoten, eine Verringerung der Hilfebedürftigkeit sowie eine Verhinderung lebenslanger Alimentierung im System der sozialen Sicherung. Obligatorisch ist das monatliche Berichtswesen anhand festgelegter Richtgrößen, Kennzahlen und Zielindikatoren. Darüber wacht der arbeitsmarktpolitische Beirat, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Kommunalpolitik und Unternehmensverbände, der Gewerkschaften und der Wohlfahrtsverbände zusammensetzt. Für jedes Projekt existiert eine „Balanced Scorecard”, ein Konzept zur Messung, Dokumentation und Steuerung der Aktivitäten hinsichtlich ihrer zugrunde liegenden Strategie.

Und so sieht die Erfolgsbilanz zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus: Mehr als 100 Einmündungen in den ersten Arbeitsmarkt, 14 in Minijobs, vier Übergänge in Ausbildung, eine begleitete Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, eine Einstiegsqualifizierung zur Vorbereitung auf eine Ausbildung sowie drei berufliche Weiterbildungen in den Bereichen Altenpflege, Hauswirtschaft und Bürofachkraft.

Niemand wird in den Arbeitsmarkt gedrängt, wer will, kann auch – kein vorrangiges Ziel der Produktionsschule, aber ein wichtiges Element der kommunalen Bildungsstrategie in Hamm – einen höheren qualifizierten Berufsabschluss erwerben. Dafür haben sich neun Personen entschieden.

Nachhaltigkeit gehört dabei zum Kern des Zukunftsfabrik-Konzepts. Dafür sorgt eine enge Begleitung der Jugendlichen beim Übergang in den ersten Arbeitsmarkt. Sie beginnt beim Praktikum. Aufgrund der neuen Situation und unbekannten Faktoren kommt es immer mal wieder schnell zu Abbrüchen, neue Wege können sein, dass wir versuchen, zwei Jugendliche in einem Betrieb unterzubringen. Oder der Werkanleiter begleitet sie am ersten Tag, um Berührungsängste zu mildern.“

Vor allem aber achten Coachs und Anleiter darauf, dass Jugendlicher und Arbeitsplatz zusammenpassen: „Manche Jugendliche sind kognitiv sehr schwach und machen am liebsten acht Stunden am Tag immer das Gleiche. Bei anderen, eher hyperaktiven Jugendlichen ist es genau umgekehrt: Sie brauchen dauernd wechselnde Tätigkeiten, bei denen sie sich bewegen können.“

Zur Ausnahme und bei Eignung können Beschäftigte der Produktionsschule in einen der ebenfalls in der Jobcenter-Abteilung untergebrachten Betriebe wechseln. Pädagogen gibt es hier nicht. „Es ist eine realitätsnahe, aber noch geschützte Arbeitssituation“, sagt Weseke, „die zur unmittelbaren Vorbereitung auf die echte Arbeitswelt dient.“

Mögliche Felder für Selbstvornahme
 

Die nachweislichen Erfolge der Zukunftsfabrik haben die Leitungsebenen des Jobcenters zur Überlegung veranlasst, ob und wie sich die Methode der Kombination von Beschäftigung und Begleitung in Selbstvornahme auf andere Zielgruppen übertragen lässt. „Es ist wichtig, die Trägerstruktur in der Region zu erhalten, um breit gefächerte Bildungsangebote im Kontext der Umsetzung des SGB II und darüber hinaus abrufen zu können. „In der Region suchen nicht nur junge Menschen mit einem komplexen Bildungs- und Beratungsbedarf Förderung, sondern auch andere Arbeitssuchende, Beschäftigte und Unternehmen erwarten ein Angebot an Weiterbildung und Beratung.“ Eigene Maßnahmen akzeptiert Marie-Luise Roberg nur dort, wo durch die Kombination von Maßnahmen und Fallmanagement Synergien erwartbar sind.

Felder, die sich als Selbstvornahme geradezu anbieten, sind – neben der Zukunftsfabrik – „Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung“. Dazu zählen das Bewerbercenter Hamm, „Job direkt“, eine Maßnahme zur Überprüfung der Verfügbarkeit, „Schnell“ der „work-first“-Ansatz zur direkten Vermittlung bei Antragstellung sowie die Umschulungsbegleitung für alleinerziehende Personen – Maßnahmen, bei denen eine enge Anbindung bzw. eine gemeinsame Prozesssteuerung mit dem Fallmanagement besondere Synergien verspricht.

„Die Idee von der Aufhebung bislang voneinander getrennter Bereiche war die Basis und der Grund, die Zukunftsfabrik zu entwickeln“, sagt Marie-Luise Roberg. So bietet die vom Jobcenter entwickelte „Kompetenzagentur für Migranten“ nicht mehr nur reine Sprachkurse an, sondern zusätzlich Qualifizierungen mit der Option Beschäftigung, also „eine Kombination aus BAMF und SGB II.“

Wichtig ist der Jobcenter-Leiterin aber vor allem die Botschaft, „dass Aktivitäten im Kontext des SGB II nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der Gesellschaft insgesamt dienen.“ Vor dem Hintergrund der bundesweiten Zielausrichtung „Förderung von Langzeitarbeitslosen“ (Jugendliche und Erwachsene) ist dieser integrierte Ansatz ein gutes Beispiel für den erforderlichen Ausbau der Flexibilität im Instrumenteneinsatz und in der Instrumentenausgestaltung im SGB II. Nicht zuletzt deshalb appelliert sie an die Landesregierung, „nicht müde zu werden, Ansätze wie den in der Zukunftsfabrik mit ihrer Produktionsschule, die über das SGB II nicht finanzierbar wären, auch weiterhin zu fördern.“

Ansprechpartner in der G.I.B.

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767-157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Kontakt

Ulrich Weseke
Abteilungsleitung BgA
(Betriebe gewerblicher Art)
Kommunales Jobcenter Hamm AöR
Marker Allee 88 a
59071 Hamm
Tel.: 02381 17-7800

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
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