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(Heft 2/2014)
Interview mit Heinrich Schafmeister

„Der absolut schönste Beruf der Welt, den man nur nicht weiterempfehlen kann“

Beim Beruf Schauspieler denkt man unweigerlich zunächst an die großen Stars, die mit ihren Filmen zig Millionen verdienen, in Luxus schwelgen, an Glamour und den roten Teppich. Dass die Realität für die allermeisten in der Branche ganz anders aussieht, dass sie nicht selten in prekären Verhältnissen leben, immer in der Hoffnung auf die nächste vielleicht besser bezahlte Rolle, darüber sprachen wir mit Schauspieler Heinrich Schafmeister bei einem Gastspiel in Essen. Er ist nicht nur ein bekanntes „Fernsehgesicht“ und daneben durch Filme wie „Comedian Harmonists“ bekannt, er ist auch beim Bundesverband Schauspiel (Bühne/Film/Fernsehen/Sprache – BFFS) u. a. zuständig für den Bereich Tarifpolitik.

G.I.B.: Was machen Sie zurzeit in Essen?

Heinrich Schafmeister: Ich spiele hier am Theater im Rathaus „Oscar und Felix“, bekannt durch die Hollywood-Verfilmung mit Walther Matthau und Jack Lemmon. Den Oscar spielt mein Freund und Kumpel Leonard Lansink. Wir touren damit jetzt schon im vierten Jahr. In Essen sind wir jetzt zum zweiten Mal, weil es so erfolgreich war. Vielleicht liegt es daran, dass Leonard Lansink und ich beide aus Essen kommen. Wir haben hier unsere Jugend verbracht.

G.I.B.: Bei Schauspielern denken die meisten Menschen an roten Teppich, Champagner und Glamour. Entspricht dieses Bild der Realität?

Heinrich Schafmeister: Ja, bitte! – Nein, jetzt im Ernst: Ich wüsste keinen anderen Beruf, der so häufig in den Medien vorkommt und trotzdem so verzerrt dargestellt wird wie der Beruf des Schauspielers. Damit da kein Missverständnis aufkommt – das sage ich immer wie ein Mantra – der Schauspielberuf ist absolut der schönste Beruf der Welt, den man nur nicht weiterempfehlen kann.

Gehen Sie mal im Theater in den Zuschauerraum und dann in die Garderoben. Dann kennen Sie den Unterschied zwischen Schein und Sein. Die Garderoben stinken, die sind abgerockt, vergilbt, sanitär nicht mehr so ganz in Ordnung, stammen oft aus den 1950er Jahren. Und nach draußen ist alles rot, üppig, verziert, Gold.

G.I.B.: Deshalb engagieren Sie sich im Bundesverband Schauspiel, der mittlerweile über 2.600 Schauspielerinnen und Schauspieler vertritt. Wie verlief die Entwicklung des Verbandes und was ist Ihre persönliche Rolle beim BFFS?

Heinrich Schafmeister: Mein Kollege Michael Brandner hatte 2006 die Idee zur Gründung der Interessenvertretung. Ich war skeptisch: Du bekommst sieben Schauspieler noch nicht mal in dieselbe Kneipe, wie denn dann zu einem Notar, habe ich gesagt. Er hat es aber geschafft. Die Nöte sind so groß geworden, dass selbst Schauspieler, die sich als Künstler schwer tun mit Verbänden, erst recht mit Gewerkschaften, sich überzeugen ließen, dass es nicht anders geht.

Wir sind mittlerweile mit Abstand der mitgliederstärks­te Verband innerhalb der Film- und Fernsehbranche. Bisher kommen die Mitglieder vor allem aus diesem Bereich. Ich bin von Anfang an im Vorstand und dort für Finanzen zuständig, aber auch für sozialen Schutz. Das umfasst alles, was mit Sozialversicherungen zu tun hat, aber auch die Bühnenversicherung oder die Pensionskasse Rundfunk. Dann kümmere ich mich auch noch um die Tarifpolitik und verhandele mit den Sendern. Da liegt einiges im Argen. Die Sender bieten zum Beispiel über ihre Mediatheken Wiederholungen ohne Ende an. Die arbeitslosen Schauspieler können sich also ihre eigenen Filme jederzeit anschauen, Arbeitslosengeld bekommen sie nicht, aber die Sender machen weiter Gewinne mit ihrer Leistung.

G.I.B.: Wäre da ein GEMA-Modell wie bei Musikern nicht eine Lösung?

Heinrich Schafmeister: Wir haben ja eine Verwertungsgesellschaft, die GVL. Die kümmert sich aber nur um Zweitverwertungsrechte. Dort gibt es schon genug Probleme: Der Gesetzgeber hat unter Bundeskanzler Schröder leider dafür gesorgt, dass die zuguns­ten der Urheber und ausübenden Künstler vom Staat festgesetzten Gebühren bei Computer- und Speichermedien abgeschafft wurden und durch Abgaben ersetzt wurden, die zwischen Industrie und Verwertungsgesellschaft ausgehandelt werden sollten. Aber die Industrie hält sich einfach nicht daran. Es kommen überhaupt keine Verhandlungen in Gang. Es gibt Hunderte Prozesse, nur um festzustellen, wie viel in dem Bereich überhaupt verkauft worden ist. Da gibt es politischen Handlungsbedarf. Das ist wohl im Koali­tionsvertrag auch angedeutet.

Ausschüttungen, die wir aus den Zweitverwertungsrechten bekommen – also aus dem Bereich Privatkopie und öffentliche Wiedergabe, zum Beispiel in Hotels – sind auf maximal ca. 1 Prozent gesunken. Bekam man früher 100 Euro, bekommt man heute höchstens einen. Das gilt vor allem aber für Schauspieler.

G.I.B.: Was tut der BFFS für die Schauspieler in Deutschland?

Heinrich Schafmeister: Der BFFS ist vom Bereich Film und Fernsehen ausgegangen. Nachdem wir für den Bereich endlich einen Tarifvertrag für Schauspielerinnen und Schauspieler durchsetzen konnten, arbeiten wir uns jetzt – die Satzung haben wir entsprechend geändert – auch in die anderen Einsatzbereiche ein, wo Schauspieler tätig sind: Theater, Hörfunk, Synchronisation. Sozialpolitisch gesehen ist die Situation hier überall ähnlich.

Natürlich gibt es auch in diesen Bereichen schon Verbände und Gewerkschaften, die für die Schauspieler etwas tun. Wir versuchen, unsere Arbeit damit zu synchronisieren und uns nicht gegenseitig in die Beine zu grätschen. Gegeneinander zu arbeiten, können wir uns echt nicht leisten.

G.I.B.: Welche Organisationen sind dort tätig?

Heinrich Schafmeister: Im Film- und Fernsehbereich gibt es die Gewerkschaft ver.di, die bisher die Tarifverträge alleine gemacht hat. Nun haben wir den neuen Schauspieltarifvertrag und den neuen Kinoerlösbeteiligungstarifvertrag gemeinsam verhandelt und unterschrieben. Beim Manteltarifvertrag sitzen wir mit am Tisch, lassen ver.di aber den Vortritt. Wir können insbesondere aus Schauspielersicht einen wichtigen Input geben, möchten aber, dass ver.di, mit der wir uns gut verstehen und wo viele andere Filmberufe organisiert sind, den Hut aufbehält.

Wir haben im künstlerischen Bereich, was die Vertretungen angeht, eine sehr zersplitterte Landschaft. Jede Künstler-Gattung hat ihren eigenen Verband – das ist alles sehr kompliziert. Wir legen auf der einen Seite Wert darauf, dass wir originär für Schauspieler sprechen, andererseits möchten wir mit Kräften, die schon da sind, kooperieren. Im Bereich Bühne gibt es zum Beispiel eine andere Vertretung, die GDBA (Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger). Sie vertritt Schauspieler, Sänger, Tänzer, vor allem aber auch die Kräfte hinter der Bühne: Maske, Technik usw. Die werden aber zum Teil auch von ver.di vertreten. Diese Überschneidungen bergen Konflikte und das bindet Kräfte, die man eigentlich für die gemeinsame Arbeit an wichtigeren Themen bräuchte: Ensemblesterben, Scheinselbstständigkeit etc.

Zur Zersplitterung der Arbeitnehmervertretungen kommt hinzu, dass Künstler gerade im Bereich Film sich kaum an Betriebsräte wenden können. Unsere „Betriebe“ bestehen meistens aus zwei, drei Personen: Produzent, Sekretärin, aus! Die stellen dann für eine Produktion Leute auf Zeit an, manchmal bis zu 150, und danach ist für die dann wieder Feierabend.

G.I.B.: Der BFFS vertritt wegen des Fehlens von Betriebsräten also auch die einzelnen Mitglieder. Sie haben eine Untersuchung zur Einkommenssituation der Schauspieler gemacht. Was ist dabei herausgekommen?

Heinrich Schafmeister: Das war 2010. Dabei ging es um die Jahreseinkünfte von Schauspielern. Fangen wir mit dem Positiven an: 4,7 Prozent verdienten über 100.000 Euro brutto im Jahr. Aber: Zwei Drittel verdienten weniger als 30.000, mehr als 55 Prozent sogar weniger als 20.000 Euro im Jahr. Wir haben leider keine Vergleichszahlen, daher kann man nicht sagen, ob die Situation sich verschlechtert hat. Aus meiner Erfahrung gab es immer schon diese prekären Verhältnisse. Ich gehe aber davon aus, dass es in den letzten Jahren schlimmer geworden ist.

G.I.B.: Woran liegt das?

Heinrich Schafmeister: Es gibt zwei Hauptfaktoren: Schauspieler werden zum einen im Bereich Film/Fernsehen eingesetzt, zum anderen im Bereich Bühne. Im Bereich Film/Fernsehen haben die öffentlich-rechtlichen Sender das Sagen, die Privaten spielen da nur eine kleine Rolle. Schon seit Jahren reduzieren die Sender ihre Budgets für fiktionale Programme bzw. frieren sie ein. Ein Tatort darf heute nicht mehr kosten als vor 20 Jahren. Inflationsrate, höhere Miete, teurerer Strom interessieren da nicht. Im Vorabendprogramm wird sogar reduziert.

Und die Produzenten, die unsere Arbeitgeber sind, sind voll abhängig von diesen Sendern. Weil die Sender weniger Geld ausgeben, sagen die Produzenten: Wir müssen die Produktion in weniger Drehtagen fertigstellen. Das geht auf Kosten der Qualität – gucken Sie mal Fernsehen, da muss man gar nichts mehr zu sagen – und es geht auch auf Kosten der Gesundheit der beteiligten Leute, nicht nur der Schauspieler. Die Produktionsleiter, die die Quadratur des Kreises hinbekommen müssen, stehen mit einem Bein immer im Knast, weil gesetzliche und tarifliche Regelungen zu Ruhezeiten, Nachtarbeit usw. gar nicht mehr eingehalten werden können. Arbeitsanweisungen werden dann später oft „nachgebessert“, damit man die Überschreitungen nicht noch dokumentiert. Die Maximalarbeitszeit ist zum Beispiel auf 13 Stunden festgelegt. Es wird aber nicht selten 16, 17 Stunden gearbeitet. Die einfachste Form des Arbeitskampfs wäre für uns, am Set einfach mal die gesetzlichen und tariflichen Regeln einzuhalten. Da würde alles zusammenbrechen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben die Produktion outgesourced an Produktionstöchter, die von den Sendern ein bestimmtes Budget bekommen, mit dem sie klarkommen müssen. Vor dem, was dann dort passiert, verschließen sie die Augen. Die Produzenten sind ja keine Kriminelle, die sind selbst die Gepressten. Daher führen wir auch Tarifverhandlungen anders.

Dabei bekommen die Öffentlich-Rechtlichen im Zuge der Neuregelung der Gebühren mehr Geld – aber es kommt weniger bei uns an. Deswegen sind wir gegen die geplante Senkung des Rundfunkbeitrags um 43 Cent – dem Wert einer Vollkornsemmel. Die Politikerinnen und Politiker, die die Senkung vehement fordern, sollten sich zunächst mal ansehen, was mit den Rundfunkgebühren überhaupt passiert, wo und wie das Geld eingesetzt wird.

G.I.B.: Wie hoch sind die Tagesgagen bei einer normalen Fernsehproduktion für Schauspieler im Schnitt?

Heinrich Schafmeister: Es gibt keinen Schnitt. Schauspieler werden nicht nach Arbeitstagen, sondern nach Anzahl der Drehtage bezahlt. Das ist etwas anderes. Ich spiele gerade eine Hauptrolle in einer SOKO-Produktion. Was meinen Sie, wie viele Drehtage das sind?

G.I.B.: Keine Ahnung: 10, 15?

Heinrich Schafmeister: Drei! Die ganze SOKO-Folge wird in sechs, sieben Drehtagen abgedreht. Die Reihe ist erfolgreich. Wie reagieren Sender darauf, wenn eine Reihe erfolgreich ist? Sie wollen mehr Folgen haben für weniger Geld. Das ist das Grundprinzip. In diesem Jahr ist pro SOKO-Folge ein halber Drehtag gekürzt worden. Wenn in Amerika etwas erfolgreich ist, wird darin investiert – hier nicht.

G.I.B.: Wie sieht die Situation am Theater aus?

Heinrich Schafmeister: Die Leistungen der Städte für Kultur sind immer freiwillige Leistungen. Essen ist meine Geburtsstadt, ich bin hier aufgewachsen, kann es also beurteilen: Die Stadt wird ärmer, ärmer, ärmer – das sieht man. Bundesweit wird gekürzt oder geschlossen und deswegen knapsen auch die Theater rum. Ensembles werden abgebaut.

Dabei handelt es sich bei Theater-Ensembles um nach einem Tarifvertrag spielzeitverpflichtete Schauspieler. Das ist das festeste Anstellungsverhältnis, das wir kennen. Wir reden hier allerdings von Zeitverträgen über ein oder zwei Jahre. Es gibt praktisch keine festangestellten, also unbefristet beschäftigten Schauspieler.

Diese Spielzeitverträge nennen wir Festverträge, wobei der Begriff wie gesagt irreführend ist. Der Trend geht aber zu Produktionsverträgen für eine bestimmte Produktion. Was noch schlimmer ist: Es werden immer mehr Werkverträge abgeschlossen, die in der Regel illegal sind. Bühnen, die dem Bühnenverein nicht angehören, halten sich oft an gar keine Regeln, zumindest nicht an die, die GDBA bzw. ver.di mit dem Bühnenverein vereinbart haben. Einige Theater versuchen damit, die finanziellen Einschnitte, die durch die Kultur-Etat-Kürzungen der Länder entstanden sind, aufzufangen. Bei dem technischen Personal und den Verwaltungskräften hält man sich in der Regel noch an die Tarife. Aber bei den Künstlerverträgen, also auch bei Regisseuren, Dramaturgen, bei allen, die an der Erstellung des Kunstproduktes beteiligt sind, wird extrem gespart. Das führt vor allem in Ostdeutschland dazu, dass oft die Hälfte der Ensembles für die Mindestgage von 1.650 Euro beschäftigt ist – und das über mehrere Jahre.

Schauspieler werden bei Produktionen an Theatern oft mit sehr niedrig dotierten Werkverträgen abgespeist. Mir ist ein Fall einer Theaterproduktion bekannt, bei der die Schauspieler für drei Monate 5.000 Euro erhalten. Davon müssen sie alles selbst bezahlen, Unterkunft, Fahrtkosten – und die spielen jeden Tag zwei Mal. Da fragt man sich vielleicht: Warum macht ihr das überhaupt? – Schauspieler müssen spielen. Genauso wie ein Klavierspieler Klavier spielen muss. Sonst kommen wir aus der Übung. Wir spielen zum Beispiel auch ohne Gage in Studentenfilmen mit oder in kleinen Fernsehspielen, mit denen Regisseure debütieren.

G.I.B.: Wie steht es um die soziale Absicherung von Schauspielern?

Heinrich Schafmeister: Eins vorweg: Wenn man sich den Vergleich mit den USA ansieht, kann man nur drei Kreuze machen, dass wir eine soziale Gesetzgebung haben. Wenn wir jetzt meckern, soll das nicht heißen, dass sie bei uns grundsätzlich schlecht ist. Nein, wir sollten unser Sozialversicherungssystem bewahren, aber der Wirklichkeit der Arbeitswelt anpassen.

Es gilt ja nicht nur für Schauspieler, dass die Anzahl der kurz befristet Beschäftigten steigt. Es wird – Gott sei Dank – viel über diese atypischen Beschäftigungsverhältnisse geredet, aber die Sozialgesetzgebung wird nicht wirklich darauf angepasst. Das bemängeln wir und kämpfen dafür, dass das passiert. Es geht nicht nur um Arbeitslosengeld, sondern auch um die Rente. Der Fall Horst Janson ging durch die Boulevard-Presse. Jeder Schauspieler kann neidisch sein auf die Karriere, die er hingelegt hat. Inzwischen ist er längst im Rentenalter und kriegt eine Rente von 420 Euro. Er hatte, wie das jeder von uns machen kann, privat vorgesorgt. Das ist aber schief gelaufen. Auch das kann jedem passieren. Dann bleibt noch die gesetzliche Rente, die die Lebensleistung widerspiegeln soll – tut sie aber nicht. Weil die Leistung auf bestimmte Zeiten reduziert wird. Wenn man mein Beispiel von den drei SOKO-Drehtagen nimmt: In Wirklichkeit habe ich eine Arbeit von zwei, drei Wochen.

G.I.B.: Die Forderung für Schauspieler wäre also: Nicht Drehtage, sondern Arbeitstage für die Berechnung der Sozialleistungen und Renten zugrundezulegen.

Heinrich Schafmeister: Das ist ja eigentlich gesetzlich auch so gedacht. Nur konnte man zu Horst Jansons Zeiten nicht feststellen, wie viele Arbeitstage genau zugrunde gelegt werden müssen. Inzwischen haben wir dafür einen Schlüssel gefunden, aber trotzdem bleiben viele Arbeiten, die man nicht eindeutig zuordnen kann. Die Dinge, die ich tun muss, damit ich für den Schauspielerberuf fit bleibe, ähnlich wie die Tonleiterübungen, die ein Musiker machen muss, lassen sich nicht bestimmten Aufträgen zuordnen.

Dazu kommt die strukturelle Schwäche, dass selbst Schauspieler, die viel beschäftigt sind, ihre Engagements nicht „fugenfrei“ aneinanderreihen können. Wir haben Arbeitgeber, die versuchen, die Arbeitszeit so knapp zu berechnen, wie es nur irgendwie geht, weil sie ja sozialbeitragspflichtig ist. Die Beitragsbemessungsgrenze wird aber nur auf die Beschäftigungstage reduziert. Deshalb fließt viel zu wenig Geld in die Sozialkassen. Es entstehen also auch bei gut beschäftigten Schauspielern viele Lücken. Rein rechnerisch sieht es so aus, als hätte Horst Janson eigentlich kaum gearbeitet. Wir wissen alle, dass das nicht stimmt. Und das muss man ändern.

Das ist die Grundsituation für alle Schauspieler – oder zumindest 80 bis 90 Prozent. Die Zukunftsplanung erstreckt sich maximal über ein halbes, im günstigsten Fall über ein Dreivierteljahr. Etwa 10 Prozent der Schauspieler haben ein sogenanntes „festes“ Engagement an einem Theater. Aber auch da werden bei einem Intendantenwechsel nicht selten alle gekündigt.

G.I.B.: Wie könnte eine Lösung des Problems aussehen?

Heinrich Schafmeister: Es geht um die Verstetigung unserer Sozialversicherungsverhältnisse. Man könnte es zum Beispiel so machen, dass bei Beschäftigungen, die von vorneherein auf unter einem Jahr befristet sind, die Sozialabgaben grundsätzlich nicht auf den Tag genau, sondern für die vollen Kalendermonate hochgerechnet werden. Leute, die ohnehin wenig verdienen, würden nicht mehr belastet, weil ja die Beitragsbemessungsgrenze das verhindert. Leute, die mehr verdienen, müssten dann – Solidaritätsprinzip – nicht nur für ihre drei, vier oder fünf Drehtage einzahlen, sondern für den gesam­ten Kalendermonat und würden damit einen Ausgleich schaffen. Die Folge wäre: Wir wären durchgehender sozialversichert, wir könnten uns weniger arbeitslos melden. Das machen wir ja ohnehin nur, damit wir keine Löcher für die Rente haben. Unsere atypischen Beschäftigungs- und Versicherungsverhältnisse würden verstetigt. Und es würde für Arbeitgeber kein zusätzlicher Anreiz geschaffen, noch mehr Pensum an noch weniger Arbeitstagen anzusetzen. Diese Rechnung würde nicht aufgehen, denn sie müssten sowieso den ganzen Kalendermonat bedienen – aus die Maus!

Das wäre ein Modell, über das wir zu Gesprächen bereit sind. Politiker gucken uns immer groß an, wenn wir sagen, wir möchten eigentlich mehr einzahlen. Wir möchten also nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten und das soll sich auf alle Zweige beziehen: Arbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Wir haben das Frau Nahles schon gesagt und werden da auch wieder vorstellig werden.

G.I.B.: Sie haben jetzt einen neuen Tarifvertrag geschlossen, der speziell auf die Arbeitsverhältnisse der Schauspieler bei Dreharbeiten zugeschnitten ist. Was sind die Hauptinhalte dieses Tarifvertrages?

Heinrich Schafmeister: Erst mal ist es schon eine Sensation, dass es ihn überhaupt gibt. Das gab es in Amerika und England, aber in Deutschland noch nie: einen speziellen Tarifvertrag für Schauspieler. In der Berufswelt entstehen leider immer mehr tariffreie Zonen – das ist jetzt mal eine umgekehrte Entwicklung. Darauf sind wir stolz.

Unter anderem haben wir darin als ganz wichtigen Punkt eine Einstiegsgage festgelegt, die nicht unterschritten werden darf. Bei uns ist es eine spezielle Sache, weil Schauspieler nur sehr individuell einsetzbar sind, anders als andere Arbeitnehmer. Wenn Sie einen Elektriker brauchen, dann muss der eine gewisse Qualifikation haben, um die Leitung richtig legen zu können, mehr nicht. Wenn eine Rolle besetzt wird, braucht man gezielt eine ca. 50-jährige Frau mit weiteren bestimmten Merkmalen oder gezielt einen kleinen Dicken. Bei uns wird daher sehr stark individuell verhandelt. Die Gage ist ganz unterschiedlich, weil es ganz andere Marktwerte gibt. Ich rede da gar nicht von Begabung. Man kann bestimmte Merkmale einfach häufig gebrauchen, andere nicht.

Wenn wir eine „Mindestgage“ festgelegt hätten, würden alle sehr unterschiedlichen Schauspieler über einen Kamm geschoren. Wir regeln im Tarifvertrag daher nicht, was allgemein für Schauspieler angemessen ist, sondern wir sagen, was garantiert für alle unangemessen ist – nämlich wenn Leute weniger verdienen, als Berufseinsteigern schon zustehen müsste.

Das wirkt sich jetzt schon positiv auf die Gagen aus. Schauspieler verdienten früher zum Teil weniger als Filmtiere. Ein Hund kostet 350 Euro, eine Katze 400 und eine Kuh 450. Wenn sie einen Hund haben wollen, der einfach mit einer Oma über die Straße geht, der sonst also nichts zu können braucht, kostet der 350 Euro. Und wenn die Oma eine Schauspielerin ist, kann es sein, dass die weniger verdient als der Hund, den sie an der Leine führt. Das klingt witzig, ist es aber nicht. Diese extremen Auswüchse des allgemeinen Gagenverfalls wollten wir mit dem Tarifvertrag stoppen. Irgendwo mussten wir mal eine Notbremse ziehen.

Es sind auch noch andere Dinge geregelt, die für uns sehr wichtig sind. Wenn Sie die Zeitung aufschlagen, werden Sie häufig von „Darstellern“ lesen. Das ist so, als würde man Juristen als Dienstleister bezeichnen. Schauspielerei ist ein Beruf, Darsteller nicht. Unser Beruf wird schon durch viele Vokabeln entwertet. Dann dürfen wir uns nicht wundern, dass wir auch finanziell nicht wertgeschätzt werden. Deshalb heißt es jetzt nicht mehr „Darstellervertrag“, sondern Vertrag für Schauspielerinnen und Schauspieler oder Schauspielvertrag.

Wir haben auch andere Regeln eingeführt; zum Beispiel, dass man Drehbücher rechtzeitig erhält, was leider nicht selbstverständlich ist.
Neben dem Schauspieltarifvertrag haben wir mit ver.di zusammen noch einen Erlösbeteiligungstarifvertrag für Kinofilme durchgesetzt. Dabei geht es nicht um viel Geld, aber es ist ein wesentlicher Schritt dahin, dass Kreative an dem Erfolg von Filmen auch beteiligt werden. Die Beteiligung ist gering, aber einen entsprechenden Tarifvertrag gab es bisher nicht. Lukrativer ist der Vertrag, den wir mit dem Privatsender SAT 1 um Folgevergütungen ausgehandelt haben.

G.I.B.: Sie sind Botschafter der Initiative „Faire Arbeit – fairer Wettbewerb“ in NRW. Warum unterstützen Sie diese Initiative des Landes?

Heinrich Schafmeister: Weil es unser ureigenstes Thema ist. Ich denke, dass wir in der Initiative, die ja nicht speziell für uns gemacht wurde, würdige Vertreter sind. Man denkt oft, es geht dabei um prekäre Verhältnisse und damit um Leute, die nicht gut ausgebildet, beruflich unterprivilegiert seien. Wir Schauspieler haben vier Jahre studiert, haben ein Schauspiel-Diplom. Wir möchten durch unsere Teilnahme an der Initiative klarmachen, dass es auch um hoch spezialisierte Berufe geht. Zum Beispiel Schauspieler und Regisseure, aber auch Wissenschaftler und andere. Es geht auch um hoch qualifizierte Leute, in die diese Gesellschaft sehr viel Geld gesteckt hat.

Unser Beruf ist eine wunderbare Tätigkeit, die wir für sehr sinnvoll und notwendig halten für eine Gesellschaft. Uns ist aber bewusst: Wir sind nur 15.000 Schauspieler in Deutschland. Für eine solch kleine Schar werden keine Sondergesetze gemacht. Allerdings sind wir bekannte Vertreter von Phänomenen, die sehr viele andere Menschen betreffen, bei denen nicht sofort die Presse vor der Tür steht. Deshalb sehen wir unser Engagement als eine Verpflichtung. Wir wollen keine Sonderrolle. Wir haben einen ordentlichen Beruf wie viele andere auch und es sollte ordentliche Gesetze dafür geben. Deshalb finden wir die Initiative so wichtig.

G.I.B.: Wo werden wir Sie demnächst sehen können?

Heinrich Schafmeister: Erst mal freu ich mich auf den Urlaub. Den brauche ich dringend, denn im vergangenen Jahr habe ich sehr viel Zeit geopfert, um den Tarifvertrag weiterzubringen. Was nach dem Urlaub kommt, weiß ich nicht. Ich bin für alles offen. Wenn ihr ne schöne Rolle wisst – ich nehm die an.

Das Interview führten

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767-152
m.keuler@gib.nrw.de

Arnold Kratz
Tel.: 02041 767-209
a.kratz@gib.nrw.de

Kontakt

Heinrich Schafmeister
Kurfürstenstraße 130
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Tel.: 030 225027930
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