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(Heft 3/2011)
Bustour durch die „Innovation City“ aus Anlass des 25. G.I.B.-Jubiläums

Zero Emission, Wasserstoff, Nachhaltigkeit – die Innovationsstadt Bottrop

Welcher Standort wäre für eine Gesellschaft, die das „innovativ“ im Namen führt, besser geeignet als eine „Innovation City“? Seit November 2010 kann sich die Stadt Bottrop, seit 1986 Sitz der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung, mit diesem Titel schmücken. Grund genug für die G.I.B. zum 25. Jubiläum ihres Bestehens eine Bustour durch die Innovations-Stadt Bottrop anzubieten.

Christina Kleinheins vom Stadtplanungsamt informierte die 40 Teilnehmer dabei über Hintergründe und Ziele des „Innovation City“-Programms und stellte einige wichtige Projekte vor.

Bottrop hat sich im Rahmen eines vom Initiativkreis Ruhr unter allen Ruhrgebietsstädten ausgelobten „Innovation City“-Wettbewerbs gegen starke Konkurrenz unter anderem der Städte Duisburg, Mülheim, Essen, Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund durchgesetzt. Entsprechend den Wettbewerbsregularien bestimmte die Stadt eine Pilotregion, die in den nächsten zehn Jahren zur Niedrigenergiestadt entwickelt werden soll. Das Gebiet, das die Innenstadt und große Teile des südlichen Stadtbezirks umfasst, soll Vorbild- und Vorzeigecharakter für das Ruhrgebiet und sogar international haben. Ziel ist die deutliche Reduzierung des Energieverbrauchs und damit des CO2-Ausstoßes durch den Einsatz innovativer Produkte und Verfahren in den Bereichen Wohnen und Freizeit, Handel und Dienstleistungen, Industrie und Gewerbe sowie Verkehr. Die Stadt verbindet mit dieser Aufgabe aber auch städtebauliche Aspekte und Ideen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt. Unterstützt wird das Projekt vom Land Nordrhein-Westfalen und durch Mittel der EU (in der Umsetzungsphase). Der Initiativkreis Ruhr geht als Träger des Projektes davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren Investitionen und Fördermittel in Milliardenhöhe in die „Innovation City“ fließen werden.

Neue Sanierungslösungen für historische Siedlung gesucht
 

Die Bustour führte die 45 Teilnehmer vom Gewerbegebiet Arenberg-Fortsetzung, dem Standort der G.I.B., zunächst in die nahegelegene Bergbausiedlung Rheinbaben. Für diese größte Bottroper Bergbausiedlung, die in unterschiedlichen Bauphasen von Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre hinein entstand, ist ein Architektur- und Städtebauwettbewerb geplant. Dessen Ziel ist es, ein Konzept zur energetischen Sanierung der Siedlung zu entwickeln, das Rücksicht auf das baukulturell wertvolle Erscheinungsbild des teilweise denkmalgeschützten Gebäude-Ensembles und den städtebaulichen Zusammenhang nimmt. Denn „die Siedlung ist in einem energetisch überarbeitungswürdigen Zustand und eine Standard-Sanierung ist an diesem Standort wegen des erhaltenswerten Charakters der Fassaden nicht möglich“, wusste Christina Kleinheins zu berichten.

Es wird also eine Lösung gesucht, die das Bild der Häuser und der gesamten Straßenzüge nicht zerstört. So soll zum Beispiel das Aussehen der besonders interessant verzierten und mit geschwungenen Fensterflügeln ausgestatteten Steigerhäuser erhalten bleiben. „Die ersten Erkenntnisse für solche Bereiche sind, dass man durch einen Austausch der Heizungsanlagen und eine Dämmung von Dächern und Kellerdecken einiges erreichen kann“, so die Stadtplanerin. Resultat des Wettbewerbs soll neben Ausstellungen eine Fibel für die Eigentümer sein, die diese über die Wirtschaftlichkeit von Sanierungsmaßnahmen aufklärt sowie über mögliche Sanierungsformen informiert und sie dazu motiviert. „Allerdings“, so Christina Kleinheins, „gibt es hier wie bei einer ganzen Reihe der Projekte die ausgearbeitete Projektidee, aber noch keine Finanzierung.“

Weiter verlief die Tour in südliche Richtung an dem Gewerbegebiet Prosper III, einem alten Zechengelände, vorbei. Bei dessen Sanierung im Rahmen der IBA Mitte der 1990er Jahre wurde erstmals nach dem Prinzip „Kein Krümel vom Hof“ verfahren. Das bedeutet, dass das belastete Bodenmaterial nicht aufwändig entsorgt, sondern auf dem ehemaligen Zechengelände an einer Stelle zusammengeschüttet, und durch eine Abdichtung gesichert wurde. Auf dem abgedichteten Altlastenmaterial befindet sich heute ein Park. „Man konnte also nicht jeden Quadratmeter des Geländes vermarkten, hatte dafür aber mit vergleichsweise geringem Aufwand eine Lösung für die Altlasten und konnte gleichzeitig eine große Grünfläche realisieren“, so Christina Kleinheins.

Zero Emission Campus statt Bergbau
 

Auf dem Weg zum geplanten Standort der Hochschule Ruhr West im südlichen Teil der Pilotregion zeigte die Bottroper Stadtplanerin auf, dass hinter der geplanten Stadtentwicklung nicht nur energetische, sondern auch strategische Gedanken bezüglich der Arbeitsmarktsituation stehen: Eine der letzten Zechen im Ruhrgebiet, das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, das heute noch über 4.000 Menschen Arbeit gibt, schließt im Jahr 2018. „Bei der Stadt ist deshalb schon vor einigen Jahren eine Organisationseinheit eingerichtet worden, die unter der Überschrift ‚Zukunftsstandort Bottrop‘ parallel zum Bergbau versucht, Strukturen in den Bereichen Gesundheits- und Freizeitwirtschaft, Einzelhandel, Flächenentwicklung und vor allem auch Bildung aufzubauen“, berichtete Christina Kleinheins. Für den Wettbewerb „Innovation City“ war diese Organisationseinheit ein Glücksgriff, denn sie war direkt im Thema und konnte sich mit der Bewerbung befassen – erfolgreich, wie wir mittlerweile wissen.

Besonders im Bereich Bildung hat Bottrop noch Nachholbedarf. Die in Kooperation mit der Stadt Mülheim im Jahr 2009 gegründete Hochschule Ruhr West ist deshalb für die Stadt ein wichtiges Projekt. Zurzeit residiert die Hochschule am Standort Bottrop noch in einer ehemaligen Hauptschule. In der Nachbarschaft des Berufskollegs soll mit dem Zero Emission Campus Hochschule Ruhr West bis zum Jahr 2013 ein Neubau entstehen, der die Ideen der „Innovation City“ vorbildhaft umsetzt. Wie der Name schon sagt, wird dabei höchster Wert auf die Vermeidung von Emissionen und den Einsatz von erneuerbaren Energien gelegt. Innovatives Bauen und der effiziente Umgang mit Energie soll in einem hohen Maß in den Hochschulbetrieb integriert werden. „Es sollen mit Heizungs-, Lüftungs-, Solaranlagen möglichst viele verschiedene innovative Technologien in das Gebäude eingebaut werden, sodass das Gebäude quasi als Labor für die Studierenden funktioniert, zum Beispiel für den Studien­gang Energietechnik/Energiesysteme“, führte Christina Kleinheins aus. Mit dem Neubau will man die Standards der Energieeinsparverordnung (EnEV 2009) weit übertreffen und alle Voraussetzungen für die höchste Bewertung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) erfüllen.

Auch das zum Teil bereits umgesetzte Bottroper Verkehrskonzept soll zur Verringerung der Emissionen beitragen. Der öffentliche Nahverkehr hat Vorrang vor dem Auto. Zentraler Punkt der Bottroper City ist der neue Busbahnhof mit Überdachung, barrierefreien Einstiegsmöglichkeiten und Informationssystem. Und auch Fußgängern und Fahrradfahrern ist im Stadtzentrum bereits mehr Platz eingeräumt worden. Dazu wurde zum Beispiel die zentrale Verkehrsachse in der Stadt, die Osterfelder-/Horster Straße, auf zwei Fahrbahnen für PKW zurückgebaut. Fußgänger und Fahrradfahrer haben heute in der Bottroper Innenstadt Vorrang. „Damit ist die Stadt schon vor dem Wettbewerb das Thema Mobilität angegangen, das neben den Themen Wohngebäude und Büro-, Gewerbe- und Industriegebäude eines der drei Hauptschwerpunkte der „Innovation City“-Agenda ist“, so die Bottroper Stadtplanerin.

Zentrale Anlaufstelle für Hauseigentümer
 

Damit die an der energetischen Sanierung ihrer Häuser Interessierten eine zentrale Anlaufstelle aufsuchen können, richtet die Stadt Bottrop im Südring Center in der Nähe des Hauptbahnhofes gemeinsam mit verschiedenen Partnern wie der Handwerkskammer, der Verbraucherberatung und der Energieagentur ein Zentrum für Information und Beratung ein. „Das ist eines der wichtigsten ersten Projekte von ,Innovation City‘“, machte Christina Kleinheins deutlich. „Ziel ist es, dass Hauseigentümer auf eine Art Lotsen zurückgreifen können, der sie von der ersten Beratung bis zur Realisierung begleitet, Ansprechpartner vermittelt, Termine koordiniert usw.“ Damit werden die bisher dezentral und fachspezifisch organisierten Beratungsstellen zusammengeführt. Besonders den am Rand der Innenstadt gelegenen, sanierungsbedürftigen Gebäudebestand aus den 1950er Jahren hat man dabei im Auge. Die Eröffnung des Informationscenters ist für den September des laufenden Jahres geplant. Neben der Beratung wird eine Ausstellung innovative Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz präsentieren. Schulungen, Vorträge und Workshops sollen das Angebot im Info-Center ergänzen.

Auch für das Industrie- und Gewerbegebiet „Am Kruppwald & An der Knippenburg“ sind die Planungen schon weit fortgeschritten. Diese Fläche von 120 Hektar, die 250 kleine und mittlere Betriebe beherbergt, soll zu einem „Zero Emission Park“ ausgebaut werden. Den ersten Schritt auf dem Weg zu einem nachhaltigen Industriegebiet haben die ansässigen Unternehmen selbst getan: Sie haben eine Interessengemeinschaft gegründet und Partner gesucht, mit denen sie das Ziel, möglichst wenig schädliche Nebenwirkungen zu erzeugen, umsetzen wollen. Das Neue am Projekt „Zero Emission Park“ ist, dass betriebliches Umwelt-Wissen genutzt und betriebsübergreifend auf ein gesamtes Industriegebiet angewendet wird. Christina Kleinheins machte deutlich: „Null-Emissionen ist natürlich immer ein visionäres Bild. Der erste Schritt ist immer, weniger Emissionen zu produzieren.“ Und das geschieht auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Die Firmen erneuern ihre Haustechnik und ihre Gebäude, aber es gibt auch Gespräche zur besseren Anbindung an den ÖPNV bis hin zum Thema Kinderbetreuung vor Ort. Auch das sei, wenn man von Nachhaltigkeit spricht, ein Kriterium.

Mit Wasserstoff und Klimaschutz in die Zukunft
 

Am Baudenkmal Malakoff-Turm der Zeche Prosper vorbei führte die Bustour dann weiter in die Welheimer Mark. „Dieses Gebiet zeigt im Kleinen das, was man in der gesamten Pilotregion oder auch im gesamten Ruhrgebiet vorfindet“, so Chris­tina Kleinheins. Damit gemeint ist das dichte Nebeneinander von Wohn-, Industrie-, Gewerbe-, Verkehrs- und Freiflächen. Als „Pilotprojekt im Pilotprojekt „Innovation City“ Bottrop“ bezeichnete die Exkursionsleiterin deshalb die Welheimer Mark. Die für die Wohnsiedlung zuständige Wohnungsbaugesellschaft hat bereits energetische Gebäudesanierungen umgesetzt und dabei auch weitere ökologische Aspekte wie zum Beispiel die Regenwasserabkopplung berücksichtigt. Weitere Gebäudesanierungen und der Neubau einer Klimaschutzsiedlung sind geplant.

Mit der Kläranlage der Emschergenossenschaft und der Kokerei Prosper gibt es in der Welheimer Mark einen aktuellen und einen potenziellen Wasserstoffproduzenten. Damit könnte das Gebiet zu einem Standort der Wasserstofftechnologie ausgebaut werden – soweit heute absehbar ein Zukunftsmarkt. Schon heute gibt es auf dem Gelände der Kläranlage eine Wasserstofftankstelle, die einen in Bottrop eingesetzten Wasserstoff-Linienbus sowie weitere Dienstfahrzeuge der Stadt mit Treibstoff versorgt. Und auch eine in der Welheimer Mark gelegene Schule nutzt den in der Nachbarschaft erzeugten umweltfreundlichen Wasserstoff als Energiequelle. Weitere Chancen sehen die Stadtplaner in den großen Freiflächen des Gebiets, die auch Potenzial für die Entwicklung eines Energie- und Technologieparks bieten. Neben Wohnungsbaugesellschaften und Privateigentümern sind an dem Projekt „Integrierte Stadtentwicklung Welheimer Mark“ daher auch große Unternehmen wie die RAG oder Air Liquide beteiligt.

Vom Streitobjekt zum Wahrzeichen: das Tetraeder
 

Über die Gartenstadt Welheim, eine Zechensiedlung aus den frühen 1920er Jahren, die bereits zur IBA vor etwa 15 Jahren saniert worden ist, ging es dann zum „Höhepunkt“ der Tour auf das auch vom G.I.B.-Standort gut sichtbare Tetraeder auf der Bergehalde Beckstraße (Ja, laut Duden heißt es das und nicht der Tetraeder, auch wenn eigentlich jeder im Ruhrgebiet die maskuline Form verwendet).

Nicht alle Teilnehmer trauten sich bis auf die dritte Ebene der Stahlpyramide. Schon die Treppe auf die erste Aussichtsplattform hat es in sich: sie schwankt leicht, durch die Löcher in den Stufen kann man hindurchsehen und auch durch die Stahlgitter am Boden der ersten Aussichtsebene hat man freie Sicht auf die Halde, die man unter sich lässt. Wer sich überwindet, wird dafür aber mit einem Blick über weite Teile des Ruhrgebiets belohnt.

Über das auf der Nachbarhalde gelegene Alpin-Center und die Kokerei Prosper streift der Blick bis weit nach Essen und in die anderen Nachbarstädte der „Innovation City“.

Kaum zu glauben, dass die fragile Stahlkonstruktion bei ihrem Bau im Jahr 1995 höchst umstritten war. „Was ist das denn für ein Gerüst, das die da oben auf die Halde stellen“, habe man oft gehört, so Christina Kleinheins. Heute sind die Bottroper stolz auf ihr „Gerüst“. Das 50 Meter hohe Tetraeder ist ein Symbol für Bottrop und die gesamte Region geworden und zieht tagtäglich zahlreiche Besucher an.

Mit dem grandiosen Ausblick vom Bottroper Wahrzeichen fand die Bustour einen gelungenen Abschluss und zugleich schloss sich auch der Kreis zur Jubiläumsfeier der G.I.B.: Der ehemalige Leiter der G.I.B. und heutige Aufsichtsratsvorsitzende Roland Matzdorf, der sich die Bustour und den Aufstieg auf das Tetraeder nicht entgehen ließ, hatte am Vormittag in seiner Festrede daran erinnert, dass es auch beim Aufbau der G.I.B. ebenfalls kritische Stimmen gab. Die sind schnell verstummt. Die G.I.B. ist heute eine von allen Seiten anerkannte Institution und aus der Beratungslandschaft der Arbeitsmarktpolitik ebenso wenig wegzudenken wie das Tetraeder aus der Silhouette Bottrops und des Ruhrgebiets. – Man darf gespannt sein, ob auch dem Projekt „Innovation City“ Bottrop eine solche Erfolgsgeschichte beschieden sein wird.

Autor

Frank Stefan Krupop
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