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(Heft 3/2011)
Die Reform des Übergangssystems Schule – Beruf in Hamburg

Übergänge mit System schaffen

Für viele junge Menschen ist das Ende der Schulzeit der Beginn einer Odyssee durch verschiedene berufsvorbereitende oder berufsbildende Maßnahmen. Experten beklagen seit Langem einen Dschungel an Fördermaßnahmen und ein Übergangssystem, das diesen Namen nicht wirklich verdient.

In Nord­rhein-Westfalen ist die Entwicklung eines wirklichen Übergangssystems Gegenstand der Diskussion zwischen den Partnern des Ausbildungskonsenses. Im Herbst 2011 soll ein umfassendes Konzept vorgelegt werden.

Der Stadtstaat Hamburg ist auf dem Weg zu einem neuen Übergangssystem bereits einige Schritte weiter. Welches Konzept wird dort verfolgt und wie ist der Umsetzungsstand? Was können wir in NRW von Hamburg lernen? Rolf Deutschmann stellte im Rahmen des Fachforums den 40 Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Sicht der Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg die aktuellen Entwicklungen und erste Erfahrungen aus der Umsetzung vor. Den Schwerpunkt seiner Ausführungen legte er auf die Darstellung der bildungspolitischen Gesamtstrategie in Hamburg und auf die Frage, wie die nachhaltige Berufs- und Studienorientierung als Kernaufgabe des Bildungssystems aufgebaut wird.

Mit dem Ziel, das Übergangssystem Schule – Beruf „neu zu denken“, vereinbarten die Akteure in Hamburg sich auf gemeinsame Prinzipien. „Wir müssen anfangen, vom Jugendlichen her zu denken“, betont Rolf Deutschmann. Ein präventiver Ansatz, der eine individualisierte Kompetenzentwicklung bei den Schülerinnen und Schülern fördert und eine Fortbildungsoffensive für alle Lehrer/-innen zu Lerncoachs sind hierbei wichtige Säulen. Durch Kompetenzfeststellung, eine verbindliche Berufswegeplanung und eine enge Kooperation zwischen den 51 Stadtteilschulen (in Hamburg neben dem Gymnasium die zweite weiterführende Schulform, die den ersten und mittleren Schulabschluss sowie die allgemeine Hochschulreife nach 9 Jahren bietet) und beruflichen Schulen schon ab Jahrgangsstufe 8 soll eine „Verantwortungskultur“ in den Schulen aufgebaut werden.

Im Rahmen der Reform ist vorgesehen, die Jugendlichen individuell während der verschiedenen Übergangsphasen Schule – Beruf zu begleiten. Als besonders ehrgeiziges Ziel soll für alle marktbenachteiligten Jugendlichen eine Berufsausbildung sichergestellt werden. Feste Ansprechpartner für die Jugendlichen bei den Lehrkräften der allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen und ein individuelles Übergangsmanagement mit einer Begleitung über das Schulende hinaus, lautet die Devise. Wie aber können in den Schulen die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um die neuen Anforderungen umzusetzen? Dies war eine Frage, die viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitsgruppe interessierte. Rolf Deutschmann ist überzeugt: „Im System ist genug Geld vorhanden – im Moment ist es aber falsch verteilt. Wir brauchen eine neue Finanzierungsphilosophie. Auf den Anfang kommt es an!“

Statt Warteschleifen zu finanzieren, wird die Ausbildungsvorbereitung neu aufgestellt. Wie in NRW, so ist auch in Hamburg das Ziel, die Ausbildungsvorbereitung zu dualisieren und den Lernort Betrieb zu stärken. 50 neue Ausbildungsbegleiter bekommen in Hamburg die Aufgabe, die Akquise von Betrieben und die Begleitung der Jugendlichen zu übernehmen. Anders als in NRW spielen in Hamburg 8 Produktionsschulen eine gesonderte Rolle, die angelehnt an das weithin bekannte dänische Modell die Produktion von Gütern und Dienstleistungen unter Marktbedingungen für schulpflichtige Jugendliche ohne Abschluss und hinreichende Ausbildungs- und Betriebsreife als Plattform für die Vorbereitung und Orientierung auf Ausbildung und Beruf dienen. Die Hamburger Produktionsschulen sind aber nicht in das Schulsystem integriert, sondern, betrieben von sozialen Trägern, Teil des Übergangssystems.

Den „Geist“ der Hamburger Reform teilten auch die anwesenden Gäste aus Nord­rhein-Westfalen und es fehlte nicht an Anerkennung für den erreichten Fortschritt im hohen Norden. Es zeigten sich aber auch Unterschiede in den Sichtweisen, die zu gro­ßen Teilen mit den Unterschieden zwischen einem Stadtstaat und einem Flächenland wie NRW zu erklären sein dürften. Da war zum einen der Hinweis auf die Notwendigkeit der Berücksichtigung starker regionaler Unterschiede in NRW und die Forderung nach eigenen Wegen, der Situation in den verschiedenen Städten und Kreisen angepasst. Einem so zentral gesteuerten Modell wie in Hamburg standen vor allem diejenigen kritisch gegenüber, die auf bereits vorhandene und gut funktionierende Kooperations- und Verfahrensmodelle in ihren Kommunen verweisen konnten. Auch die Übertragung des Hamburger Modells auf die in NRW bestehende Schullandschaft erschien einigen Diskutanten nicht realistisch.

Kontakt

Friedel Damberg
Tel.: 02041 767-150
f.damberg@gib.nrw.de

Links

Die Reform des Übergangssystems Schule – Beruf in Hamburg, Präsentation von Rolf Deutschmann auf der Fachtagung „25 Jahre G.I.B.“ am 7.7.2011 in Bottrop
www.gib.nrw.de/service/downloads/uebergangssystem-hamburg-deutschmann
„Lust auf eine andere Lernkultur“, Interview mit Rainer Schulz, Geschäftsführer des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung, zur Rolle der berufsbildenden Schulen, in G.I.B.-Info 2/2011, hrsg. von der G.I.B., Bottrop/Juni 2011
www.gib.nrw.de/service/downloads/lust-auf-eine-andere-lernkultur
„Das Qualitätskriterium muss die gesicherte Anschlussperspektive sein“, Interview mit Rainer Schulz, Geschäftsführer des Hamburger Institut für Berufliche Bildung zur Hamburger Bildungsoffensive, in G.I.B.-Info 2/2010, hrsg. von der G.I.B., Bottrop/Juni2010
www.gib.nrw.de/service/downloads/das-qualitaetskriterium-muss-die-gesicherte-anschlussperspektive-sein
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