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(Heft 3/2011)
Die Integrationsassistenten der Diakonischen Werkstätten Minden lassen sich in die Karten gucken

Leitfaden für Integrationsassistenz

In den Diakonischen Werkstätten Minden hat die Vermittlung von Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt eine lange Tradition. Bereits seit Mitte der 1990er Jahre widmet man sich dieser Herausforderung.

Zwei Integrationsassistenten übernehmen dort die anspruchsvolle Aufgabe, schwerbehinderte Menschen aus der Werkstatt hinaus- und in einen sozialversicherungspflichtigen Job hineinzuführen. Jetzt haben sie die gesammelten Erfahrungen als „Wegweiser und Arbeitshilfe für WfbM-Integrationsassistenten“ zusammengefasst.

„Wir hatten den ‚Luxus‘, im Rahmen zweier ESF-kofinanzierter Modellprojekte über knapp vier Jahre mit einem deutlich besseren Personalschlüssel (1:10) an der Integration arbeiten zu können als dem in der Werkstättenverordnung normalerweise vorgegebenen (1:120)“, sagt Elke Entgelmeier, Integrationsassistentin in den Diakonischen Werkstätten Minden. „Aus unseren Erfahrungen und Ergebnissen in dieser Zeit entstand diese Arbeitshilfe“, ergänzt ihr Kollege Oliver Buck.“

Die Dimensionen der Werkstätten in Minden sind erstaunlich: An sieben Standorten sind insgesamt über 1.000 Menschen mit Behinderungen in verschiedenen Produktionszweigen beschäftigt, wie z. B. Metallbearbeitung, Kabelkonfektionierung, Verpackung von Serien- und Aktionswaren, Näherei, Montage, Garten- und Landschaftsbau, KFZ-Werkstatt oder Biolandhof. Die Werkstätten arbeiten marktorientiert mit weit mehr als 50 führenden Unternehmen des regionalen Wirtschaftsraumes zusammen.

Mehrere Modellprojekte ebneten den Weg
 

Bereits von 2000 bis 2004 begannen die Diakonischen Werkstätten im Rahmen des vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe geförderten Sonderprogramms WFB Plus verstärkt Menschen mit Behinderung für den allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Es wurde schnell klar, dass die anspruchsvolle Aufgabe, einen Pool an externen Praktikumsplätzen aufzubauen und geeignete Beschäftigte im Vorfeld einer Tätigkeit besser zu qualifizieren, nicht von den vorhandenen Kräften quasi nebenbei erledigt werden konnte. 2005 wurde dann das mit ESF-Mitteln geförderte Modellprojekt „Trainingsarbeitsplätze“ initiiert. Elke Entgelmeier und Oliver Buck begannen, Beschäftigte der Diakonischen Werkstätten auf internen und externen Trainingspraktikumsplätzen für den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Training bedeutete hierbei, dass die ausgewählten Teilnehmer die Tätigkeiten vorab intern üben konnten und zwar auf Arbeitsplätzen, die den später vorgesehenen möglichst genau nachempfunden waren. Auch die Rahmenbedingungen wie Pausenzeiten, Arbeitsleistung usw. stimmten mit den realen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes überein.

Als nächster Schritt folgte ein ein- bis dreimonatiges Praktikum in einem Kooperationsbetrieb und bei dessen erfolgreicher Absolvierung die Vermittlung auf einem ausgelagerten Werkstattarbeitsplatz in einem Betrieb, begleitet von den Integrationsassistenten. Kann eine Festanstellung im Betrieb erreicht werden, übernimmt der Integrationsfachdienst (IFD), der im Kreis Minden-Lübbecke bei der Diakonie Stiftung Salem selbst angesiedelt ist, die Betreuung. Er fungiert als Schnittstelle zwischen Werkstätten und erstem Arbeitsmarkt, organisiert Fördermittel, hilft bei der Beantragung und übernimmt die Nachbetreuung.

„Der Anlass für dieses Verfahren war, dass erfahrungsgemäß der IFD einfach nicht genügend Zeit hatte, Menschen, die aus den Werkstätten auf den ersten Arbeitsmarkt wollten, zu betreuen“, sagt Elke Entgelmeier. Auf die Erfahrungen aus der Anfangsphase konnte dann beim anschließenden Projekt „Starthilfe: Arbeitsmarkt“, das bis Ende 2008 lief, zurückgegriffen werden. Das im Rahmen des Landesprogramms „Innovative Modellprojekte“ mit ESF-Mitteln geförderte Projekt richtete sich vornehmlich an jüngere Personen, die neu in die Werkstatt aufgenommen worden waren. Diese Personengruppe eignete sich nach der Erfahrung im vorangegangenen Projekt besser für einen Integrationsversuch als bereits an die Beschäftigung in der Werkstatt gewöhnte Menschen.

Neben den bewährten Schwerpunkten dieses Projekts stand jetzt auch die frühzeitige soziale Integration im Fokus der Arbeit der Integrationsassistenten. Mit Ende des Modellprojektes Ende 2008 beschloss der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Kostenträger, für alle Werkstätten das mittlerweile bewährte Instrument der Integrationsassistenz verbindlich einzuführen. Die Finanzierung ist zunächst bis zum 31. März 2012 befristet.

„Man hatte erkannt, dass da, wo es Integrationsassistenten gab, die Erfolgsquote für die Integration auf den allgemeinen Arbeitsmarkt stieg“, macht Oliver Buck deutlich, „und man verspricht sich natürlich dadurch auch eine Kostenentlastung.“

Auswahl geeigneter Beschäftigter ist entscheidend
 

Die Aufgaben der Integrationsassistenten beginnen mit der Auswahl „geeigneter“ Beschäftigter. Dabei sind die Kriterien Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, gute Arbeitsleistung, Motivation und Durchhaltevermögen entscheidend. Es gibt Beschäftigte, die sich bei der Integrationsassistenz melden, und Beschäftigte, die die Gruppenleiter in den Werkstätten empfehlen. „Wir stellen dann im Gespräch mit den Gruppenleitern und dem Sozialdienst fest, ob das Ganze Hand und Fuß hat“, sagt Oliver Buck. Man will keine Illusionen wecken, die nachher wieder zerstört werden müssen.

Dann folgt in der Regel ein dreitägiges Einführungsseminar für die Kandidaten, in denen ihnen genau vermittelt wird, wie der Weg in den ersten Arbeitsmarkt im Einzelfall verlaufen könnte und auf was sie sich einlassen. Andererseits können die Teilnehmer auch ihre eigenen Wünsche und Interessen deutlich machen. Nach den drei Tagen können sich die Kandidaten noch einmal entscheiden, ob sie den Weg wirklich gehen möchten. Gerade Menschen mit einer psychischen Grunderkrankung ist nach dem dreitägigen Seminar häufig klar, dass sie noch nicht so weit sind, so die Erfahrung der Integrationsassistenten.

In größeren Abständen wird die Entwicklung des Beschäftigten mit weiteren Seminaren begleitet, in denen es in erster Linie um soziale Schlüsselqualifikationen geht, die für den ersten Arbeitsmarkt wichtig sind. „Die Seminare sind beliebt, weil wir zum Beispiel mit Rollenspielen arbeiten“, berichtet Elke Entgelmeier. So lässt sich zum Beispiel ganz einfach vermitteln, warum ein Handy, das nicht ausgeschaltet ist, bei der Arbeit stört. Teamfähigkeit, Umgang mit Kritik, Kommunikation mit Vorgesetzten oder Kunden, wie melde ich mich richtig krank – das sind weitere Themen, die in diesen Kursen angegangen werden.

Elke Entgelmeier macht deutlich, warum das so wichtig ist und in der herausgegebenen Arbeitshilfe auch in einem eigenen Kapitel thematisiert wird: „Wenn Arbeitsverhältnisse scheitern, scheitern sie nach unserer Erfahrung meistens nicht an den Arbeitsleistungen, sondern an den ungeschriebenen Regeln des ersten Arbeitsmarktes, die unsere Leute nicht beherrschen oder auch einfach nicht kennen.“ Was in der Werkstatt mit Verständnis geduldet und abgefangen wird“, so Oliver Buck, „wird auf dem realen Arbeitsmarkt sehr sensibel registriert und führt nicht selten zu ernsten Schwierigkeiten.“

Enge Zusammenarbeit mit Integrationsfachdienst
 

Der IFD stellt sich in den Seminaren schon zu einem frühen Zeitpunkt vor, damit die Beschäftigten die IFD-Ansprechpartner persönlich kennen, wenn der Integrationsassistenz sich aus der Begleitung zurückzieht. Ziel für die Interessenten ist zunächst ein zeitnahes erstes Praktikum auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, das von der Arbeitszeit und den Arbeitsbedingungen schon nah an eine Vollzeitstelle heranreichen sollte. Eine große Hilfe ist ein Fähigkeitsprofil auf Grundlage des Bewertungssystems MELBA, das in der Werkstatt für jeden der Kandidaten auf einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt angelegt wird. Dabei bewertet man zum Beispiel kognitive Merkmale wie Auffassung, Konzentration, Lernen/Merken, soziale Merkmale wie Führungsfähigkeit, Kontaktfähigkeit und Kritikfähigkeit, außerdem Kulturtechniken wie Lesen, Rechnen, Schreiben, Merkmale der Arbeitsausführung und auch psychomotorische Eigenschaften.

In den ersten Tagen der Praktika ist die Betreuung besonders intensiv: „Wir arbeiten dann schon mal richtig mit“, verrät die Integrationsassistentin. Das ist aber abhängig davon, wie selbstständig die Beschäftigten sind. Es gibt auch Fälle, in denen sie das nicht wünschen. Zwei Mal in der Woche ist der Integrationsassistent in dieser Phase aber mindestens vor Ort.

Auch die Einbeziehung der Familie kann, besonders bei sehr jungen Menschen, ein wichtiges Element der Betreuung sein. Andererseits ist es aber auch wichtig, dem Willen des Werkstatt-Beschäftigten Vorrang einzuräumen. „Da kann es schon mal sein, dass man Eltern auch ausbremsen muss, wenn sie ihr Kind ständig überfordern“, ist die Erfahrung von Elke Entgelmeier.

Pool von Kooperationsfirmen aufgebaut
 

Im Anschluss kann dann ein längeres Praktikum und ein ausgelagerter Werkstattplatz folgen, auf dem der Beschäftigte längerfristig seine Leistung in Richtung des Niveaus auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt steigern kann. Die Integrationsassistenten halten aus diesem Grund Kontakt zu Firmen, die entsprechende Plätze bereitstellen. „Wir haben in den letzten Jahren einen Pool mit 30 bis 40 meistens kleineren Unternehmen aufgebaut“, so Oliver Buck. Kontakte entstehen häufig über die Firmen, die in den Werkstätten produzieren lassen oder durch die Gruppenleiter, meist Handwerker, die aus ihrer eigenen Berufsbiografie heraus oft mehrere Handwerksfirmen und Berufskollegen gut kennen.

Dabei gibt es durchaus Überschneidungen mit dem IFD, der ebenfalls Firmen akquiriert, die bereit sind, Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben. Große Firmen eignen sich nach Erfahrung der Integrationsassistenten weniger gut. „Die Strukturen sind einfach nicht optimal: groß, unübersichtlich, Schichtarbeit. Kleinere Unternehmen sind auch ideenreicher, was Stellen für Menschen betrifft, die nicht voll mitarbeiten können“, so Oliver Buck und Elke Entgelmeier. Wichtiger Tipp der Integrationsassistenten: Die Aufgabenbeschreibungen für die Beschäftigten mit Handicap sollten klar und deutlich das Tätigkeitsfeld definieren. Kleinstunternehmen oder Einmannbetriebe, in denen jeder alles macht, sind deshalb für einen Außenarbeitsplatz oft nicht geeignet. „Ein Übermaß an Flexibilität kann man nach unserer Erfahrung von der Zielgruppe schlichtweg nicht erwarten“, sagt Oliver Buck.

Qualifizierungsbausteine entwickelt
 

Parallel zur Phase der Praktika oder des Außenarbeitsplatzes werden weiterhin Seminare angeboten, die auch der fachlichen Qualifizierung der Werkstatt-Beschäftigten dienen – ein wichtiges Thema, dem der herausgegebene Leitfaden ebenfalls ein ganzes Kapitel widmet. „Wir sind im Moment dabei, Qualifizierungsbausteine zu entwickeln oder zu übernehmen, die von den Kammern anerkannt werden“, erläutert Elke Entgelmeier. Das können Dinge wie Heckenschnitt, Verlegen von Beton-Platten, Gabelstapler fah­ren und andere sein, wobei die Integrationsassistenten hier von den auf den entsprechenden Gebieten qualifizierten Gruppenleitern der Werkstätten unterstützt werden. Die Kammern vergeben bei erfolgreicher Teilnahme entsprechende Zertifikate, mit denen die Menschen mit Behinderung dann bei potenziellen Arbeitgebern punkten können.

Oliver Buck macht aber deutlich, dass auch bei einem guten Verlauf des gesamten Verfahrens Geduld gefragt ist: „Das ist kein Weg, der in insgesamt sechs Monaten abgeschlossen ist. Meistens dauert es anderthalb Jahre oder länger. Auch eine Arbeit über drei Jahre auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz ist denkbar, bevor der Schritt in den allgemeinen Arbeitsmarkt ansteht.“ Das liegt auch daran, dass in den Werkstätten, meistens nur die ankommen, für die die vorgeschalteten Instanzen keine andere Möglichkeit sehen.

Andererseits sind es vor allem die, die sich dann in den Werkstätten zu Leistungsträgern entwickeln, die für den ersten Arbeitsmarkt infrage kommen. Genau das birgt Konfliktpotenzial mit den Gruppenleitern in den Werkstätten, die sich ihrer besten Kräfte beraubt sehen könnten. „Da war ganz viel Skepsis am Anfang“, gibt Oliver Buck zu. „Die Gruppenleiter müssen ein Interesse haben, dass die Arbeit erledigt wird, aber sie haben auch Angst um ihre Kräfte, weil die oft vorher schlechte Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt gemacht haben.“ Deshalb nehmen die Integrationsassistenten die Gruppenleiter auch mit in die ausgesuchten Betriebe und suchen nach den „Starken in der zweiten Reihe“, die sich mit der Werkstatt nicht so ausgeprägt identifizieren und Interesse haben, woanders zu arbeiten.

Kräfte, die bereits zehn oder zwanzig Jahre in der Werkstatt arbeiten und dort „feste Größen“ sind, wollen nach Erfahrung von Elke Entgelmeier und Oliver Buck sowieso nicht mehr wechseln, weil sie mit der Rolle, in einer neuen Stelle wieder „ganz unten“ zu stehen, oft nicht zurechtkommen. Wer sich einmal an den geschützten Raum einer Werkstatt für Behinderte gewöhnt hat, neigt dazu, sich in dieser sicheren Situation langfristig einzurichten. Man kennt sich aus, hat seinen Freundeskreis, eine Arbeitsstelle, die einem gut gefällt. Der Trend geht deswegen dahin, die Menschen, die neu in die Werkstätten kommen, im Rahmen von Praktika gleich in Richtung ersten Arbeitsmarkt zu führen und sich nicht lange eingewöhnen zu lassen.

Auch wenn sich die Werkstätten für behinderte Menschen nach Erfahrung der Integrationsassistenten heute im Allgemeinen nicht mehr als „Einbahnstraße“ sehen, sich das Selbstverständnis also geändert hat, lässt sich der Konflikt zwischen Eigeninteresse der Werkstätten und dem Ziel der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt nicht komplett auflösen.

Fünf Monate Nachbetreuung
 

Erst wenn sich der Beschäftigte auf dem Außenarbeitsplatz auf Dauer stabil zeigt, sieht sich der IFD für ihn nach einer Stelle auf den ersten Arbeitsmarkt um. Bevorzugt wird dabei die Firma, bei der auch der Außenarbeitsplatz eingerichtet war. Das klappt relativ häufig, denn nicht selten haben sich die Beschäftigten dort unentbehrlich gemacht, weiß Oliver Buck. Wenn dort kein sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz eingerichtet werden kann, sieht sich der IFD nach Möglichkeiten in anderen Unternehmen um. Meistens geschieht der Einstieg dort dann über ein weiteres Praktikum.
Wenn ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zustande kommt, haben die Integrationsassistenten die Möglichkeit, eine fünfmonatige Nachbetreuung zu übernehmen. Das ist der Regelfall, muss aber über den Fachausschuss veranlasst werden. „Diese Betreuung ist so gedacht, dass wir uns immer weiter zurücknehmen“, macht Oliver Buck deutlich, „bei Bedarf aber auch da sind.“ Eine Nachbetreuung ist auch deshalb notwendig, weil im Rahmen des Arbeitsvertrages die Aufgaben, die der Beschäftigte zu übernehmen hat, gegenüber dem Außenarbeitsplatz oft noch ausgeweitet werden.

Im Schnitt liegt die Zahl der Außenarbeitsplätze der Diakonischen Werkstätten Minden bei 20 Einzelarbeitsplätzen und 30 Plätzen in einer betriebsintegrierten Außenarbeitsgruppe. Keine große Zahl, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in den Werkstätten ca. 1.000 Menschen mit Behinderung beschäftigt sind. „Die Hemmschwelle, den Schritt auf den ers­ten Arbeitsmarkt zu wagen, ist noch recht groß“, stellt Elke Entgelmeier fest, schränkt aber gleich ein: „Für einige ist die Werkstatt natürlich auch genau das Richtige, ganz häufig für Menschen mit einer psychischen Grunderkrankung.“ Endlich wieder eine Tagesstruktur und eine Teilhabe am Arbeitsleben, ohne permanent überfordert zu sein – das steht für diese Menschen zunächst im Vordergrund.

Auf der anderen Seite lockt einige Werkstatt-Beschäftigte das höhere Gehalt, das man auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erzielen kann und vor allem der Status, wie Oliver Buck erläutert: „Wenn man sagen kann: Ich arbeite bei der Firma XY, ist das für das Selbstwertgefühl etwas ganz anderes, als wenn man sagt: Ich arbeite in der Werkstatt.“ Das Lohnkostenmodell für die Werkstatt-Beschäftigten sieht neben einem Grundgehalt eine tätigkeits- und leistungsabhängige Entlohnung nach einem zehnstufigen Bewertungsrahmen vor. Auf einem Außenarbeitsplatz ist das Gehalt immer höher als in der Werkstatt, wobei dann der Betrieb die Arbeitsleistung zahlt, die die Kraft auf dem Außenarbeitsplatz erwirtschaftet. Bei guter Arbeitsleistung kann man auf einem Außenarbeitsplatz über 400 Euro verdienen. Der niedrigste Lohn liegt dort bei knapp 300 Euro. Dazu kommt die Grundsicherung. Die Werkstatt trägt außerdem die Sozialversicherungen und die Kosten für den Weg zur Arbeit sowie das Essen.

Das Thema Geld ist auch Gegenstand eines speziellen Seminars, das die Integrationsassistenten anbieten. „Es ist ganz wichtig, den Werkstatt-Beschäftigten auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt klarzumachen, auf welche Vergünstigungen, die sie von ihrer Werkstattphase gewohnt sind, verzichten müssen, wenn sie einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz mit einem zunächst scheinbar viel höheren Gehalt antreten“, so Oliver Buck.

Eventuell spielen auch die Versorgungsansprüche bei der Entscheidung für oder gegen eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Rolle. Die Erwerbsminderungsrente, die schwerbehinderten Menschen nach 20 Jahren Arbeit in der Werkstatt zusteht, geht beim Eintritt in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung normalerweise verloren. „Die Bestimmungen sind hier recht kompliziert, teilweise gibt es auch noch Klärungsbedarf, zum Beispiel wenn die Menschen nach einiger Zeit wieder in die Werkstatt zurückkehren“, weiß Elke Entgelmeier.
Vermittlungsquote steigend

2010 konnten in Minden neun Werkstatt-Beschäftigte in sozialversicherungspflichtige Arbeit vermittelt werden – bis jetzt das erfolgreichste Jahr. Die Zahlen sind seit 2009 steigend. Das begründet sich nach Erkenntnis der Integrationsassistenten neben dem aufgebauten Pool an vorbereiteten Teilnehmern auch in der hohen Zahl an neu gegründeten Integrationsunternehmen. Mit dem Landesprogramm „Integration unternehmen!“ wurden solche Gründungen seit 2008 gezielt unterstützt (s. Artikel „Ziel erreicht – Fortsetzung folgt“, S. 56 ff.). Ostwestfalen-Lippe steht dabei mit insgesamt 20 unterstützten Vorhaben an der Spitze der 16 Arbeitsmarktregionen in NRW. Das zahlt sich jetzt für die Menschen mit Behinderungen, die in dieser Region auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen, offensichtlich aus. Die Diakonischen Werkstätten in Minden arbeiten bisher mit zwei Integrationsfirmen zusammen. Die eine ist eine Mensa an einem Gymnasium, die andere ist eine integrative Arbeitnehmerüberlassung.

Mittlerweile gibt es in Minden auch Erfahrungen mit Rückkehrern aus dem ersten Arbeitsmarkt in die Werkstatt. Persönliche Gründe spielen hier oft eine Rolle. Elke Entgelmeier berichtet zum Beispiel von einer Person, die sich für eine Geschlechtsumwandlung entschied und dadurch in Konflikt mit den anderen Angestellten geriet. Andererseits ist es einem vermittelten ehemaligen Werkstatt-Beschäftigten, der über eine Zeitarbeitsfirma zunächst nur in einem bestimmten Betrieb eingesetzt war, gelungen, einen Wechsel in eine andere Firma zu meistern, als ihn in der Wirtschaftskrise die ursprüngliche Firma nicht mehr halten konnte. Im Allgemeinen ist die Arbeit im Rahmen der Integrationsassistenz also durchaus nachhaltig.

Als wichtigsten Erfolgsfaktor der Arbeit nennen die beiden Mindener Integrationsexperten das individuelle Vorgehen in jedem Einzelfall. Individualität und Besonderheiten der Zielgruppe widmet die Arbeitshilfe zur Integrationsassistenz daher auch ein eigenes Kapitel. „Nicht ein starres Schema anwenden, mit festgelegten Zeiträumen für Praktikum und ausgelagerten Arbeitsplatz, sondern immer schauen, was das individuell beste Tempo ist, abhängig vom Alter und von der jeweiligen geistigen oder psychischen Behinderung“, sagt Oliver Buck. Auch den eventuellen Nicht-Erfolg nicht persönlich zu nehmen, haben die beiden Integrationsassistenten im Laufe der Jahre gelernt – dazu gibt es im Leben der Klientel, wie im Leben aller Mensch einfach zu viele Unwägbarkeiten.

Den reichen Erfahrungsschatz der beiden Mindener Integrationsassistenten kann man jetzt mit ihnen teilen. Die Veröffentlichung „Starthilfe: Arbeitsmarkt – Wegweiser und Arbeitshilfe für WfbM-Integrationsassistenten“ steht auf der Internetseite der G.I.B. unter dem Themenbereich „Wege in Arbeit/Besonders Benachteiligte“ zum Download bereit. Sie enthält neben der Darstellung der verschiedenen Projekte, die letztendlich zur Integrationsassistenz geführt haben, auf 70 Seiten zahlreiche Tipps für die tägliche Arbeit und sogar detaillierte Beispiele für einen Qualifizierungsplan oder die Lerninhalte der verschiedenen begleitenden Seminare für die Menschen mit Behinderung.

Die beiden Autoren sind dankbar, dass sie durch die ESF-Finanzierung der vorangegangenen Modellprojekte gewisse Freiheiten hatten. „Man darf einfach mal eine Idee ausprobieren, dann in Ruhe bilanzieren, was gut, was weniger gut war und dann entscheiden, wie man weitermacht, ohne gleich die Qualitätssicherung auf den Plan zu rufen“, stellt Elke Entgelmeier fest. Die Ergebnisse und Erfahrungen teilt man daher gern mit anderen Institutionen. „Aber Achtung!“, heißt es in dem Leitfaden. „Jede Einrichtung ist anders. Sicherlich finden Sie viele Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer Werkstatt und den Diakonischen Werkstätten Minden; Sie werden aber auch klare Unterschiede vorfinden … Wir hoffen allerdings, dass unsere Beispiele ‚fruchtlose‘ oder ‚uneffiziente‘ Handlungen vermeiden und zu neuen eigenen Ideen anregen“ – und so soll es auch sein.

Abstract

Elke Entgelmeier und Oliver Buck haben im Rahmen mehrerer Modellprojekte bei den Diakonischen Werkstätten Minden viele Erfahrungen darin gesammelt, wie man Menschen mit Behinderung effizient und nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt führt. Als „Wegweiser und Arbeitshilfe für WfbM-Integrationsassistenten“ haben die beiden Integrationsassistenten diese Erfahrungen jetzt zusammengefasst und veröffentlicht. Für alle, die in das Thema einsteigen, eine wertvolle Informationsquelle und Hilfe, und auch für erfahrene „Integrationsarbeiter“ sicherlich lesenswert.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Richard Osterholt
Tel.: 02041 767-153
r.osterholt@gib.nrw.de

Kontakt

Diakonische Werkstätten Minden
Integrationsassistenz
Elke Entgelmeier/Oliver Buck
Friedrich-Wilhelm-Straße 87 a
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Tel.: 0571 93409-0
e.entgelmeier@diakonie-stiftung-salem.de
o.buck@diakonie-stiftung-salem.de

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