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(Heft 3/2011)
Wege in Arbeit für besondere Zielgruppen

Integration ist machbar

Unter diesem Titel lud die Abteilung „Wege in Arbeit“ der G.I.B. zum Gedankenaustausch an gleich fünf Thementischen ein.

In wechselnden Gesprächsrunden unter dem Zeltdach zwischen Lohnhalle und Halde tauschten sich interessierte Fachmenschen zu Fragen der Arbeitsmarktintegration von Zielgruppen aus, deren berufliche Integration und gesellschaftliche Teilhabe oben auf der Agenda der Landesarbeitspolitik Nordrhein-Westfalens steht.

Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv
 

Die UN-Behindertenrechtskonvention sieht das Recht auf selbstbestimmte Teilhabe am Arbeitsleben vor. Das Arbeitsministerium NRW unterstützt dies im Rahmen des ressortübergreifenden Programms „NRW – inklusiv“ bzw. über Einzelprogramme wie die Aktion „100 zusätzliche Ausbildungsplätze“ und „Integration unternehmen!“ Doch wie inklusiv sind diese Ansätze und wo liegen die Grenzen der Inklusion? Wie nehmen die Werkstätten für behinderte Menschen den „Inklusionsauftrag“ an?

Rund 70.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen arbeiten in den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Schon allein diese Zahl macht deutlich, dass die Inklusion dieser Personen unabhängig von ihrem Behinderungsgrad ein langer Weg ist. Auf dem Weg zu diesem Ziel muss das System der WfbM mehr Durchlässigkeit erhalten und zwar in beide Richtungen: Beschäftigten der Werkstatt, die auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten wollen, müssen umfangreiche individuelle Unterstützung bekommen. Inklusion könnte auch bedeuten, die Werkstätten anderen Personenkreisen zu öffnen, denen die Werkstätten als Kompetenzzentrum für die berufliche Teilhabe behinderter Menschen passende Beschäftigungsmöglichkeiten bieten könnten.

Wo sind die Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen? Ein Ort der Inklusion könnten Integrationsprojekte sein. Sie sind eine Sonderform marktorientierter Unternehmen und bieten 25 bis 50 % ihrer Arbeitsplätze inklusive Betreuung für schwerbehinderte Menschen an. Das Programm „100 zusätzliche Ausbildungsplätze“ setzt darauf, Einzelausbildungsarbeitsplätze in Unternehmen zu erschließen und so den Weg der Inklusion zu beschreiten. Im Ergebnis gilt: Nicht das „Wo“ der Beschäftigung ist für einen Menschen mit Behinderung ausschlaggebend, sondern entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen der Arbeit passend sind. Vertreter der WfbM warnen im Übrigen davor, dass die WfbM sich zu einer „exklusiven“ Restinstitution entwickeln und damit Opfer der Inklusion werden.

Potenziale von Menschen mit Migrationshintergrund aktivieren und fördern
 

Noch immer ist in NRW die Erwerbslosenquote von Migranten und Migrantinnen mehr als doppelt so hoch wie bei Erwerbsfähigen ohne Zuwanderungsgeschichte. Sie verfügen seltener über allgemeinbildende Schulabschlüsse und ihre Übergänge in berufliche Ausbildung sind deutlich niedriger. Fast die Hälfte der Erwerbsfähigen mit Zuwanderungsgeschichte hat keinen beruflichen Ausbildungsabschluss. Welche Lösungsansätze müssen entwickelt werden um erfolgreiche Zugänge zu Erwerbsarbeit und Bildung zu ermöglichen?

Gerade im Gesundheits- und Pflegebereich steigt die Zahl der pflegebedürftigen Migranten und Migrantinnen. In den Einrichtungen sind bisher jedoch die Mitarbeiter/-innen mit Zuwanderungsgeschichte häufig unterrepräsentiert. Wie können ihre Potenziale besser genutzt werden?
Die Diakonie Wuppertal, schilderte aus Sicht eines Arbeitgebers, welche Vorteile die Beschäftigung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in ihren Pflegeeinrichtungen hat. Hervorzuheben ist dabei insbesondere der verbesserte Zugang zu pflegebedürftigen Migrantinnen und Migranten. Sind die bisherigen Qualifizierungskonzepte ausreichend, damit Menschen mit Zuwanderungsgeschichte erfolgreich in eine Beschäftigung im Pflegebereich einmünden können oder sind zusätzliche Unterstützungsangebote notwendig? Die Erfahrungen einer ehemaligen Auszubildenden aus dem ESF geförderten Modellprojekt „Ausbildung zur Altenpflegehelfer/-in“ während ihrer Ausbildung und ihrer Praktika zeigen deutlich, dass bei einer gezielten Förderung während der Ausbildung, die arbeitsmarktliche Integration nachhaltig gelingen kann. Dazu bedarf es aber zusätzlicher Qualifizierungs­angebote wie z. B. Sprachförderung und kultursensible Trainings.

Welche Rahmenbedingungen müssen in den Pflegeeinrichtungen geschaffen werden, um eine interkulturelle Öffnung zu ermöglichen? Aus Sicht der Diakonie Wuppertal sind insbesondere Diversity-Schulungen von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in den Einrichtungen notwendig, um die Herausforderungen, die eine „neue Kundengruppe“ mit sich bringt, bestehen zu können und gleichzeitig dadurch den Bedarf an ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erhöhen.

Das Ende der öffentlich geförderten Beschäftigung?
 

Vom April 2010 bis April 2011 gab es in NRW eine Reduzierung der öffentlich geförderten Beschäftigung von 63.000 auf 42.000 Förderfälle. Die anstehende Instrumentenreform sieht weitere, deutliche Einschnitte für die öffentlich geförderte Beschäftigung sowie eine Reduzierung der Instrumente vor. Bei gleichzeitigem wirtschaftlichen Aufschwung stellt sich die Frage: Wofür brauchen wir einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor?

In zwei anregenden Diskussionsrunden waren sich die Teilnehmenden schnell einig: Auch in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs und selbst bei Vollbeschäftigung wird es auch zukünftig poten­tiell immer Arbeitnehmer bzw. arbeitslosen Menschen geben, die aufgrund ihrer persönlichen Voraussetzungen am Arbeitsmarkt nur begrenzt wettbewerbsfähig sind. Diese These konnte ganz praktisch von einer Teilnehmerin aus dem ländlichen Raum erläutert werden. Trotz nahezu Vollbeschäftigung in dieser Region können besonders benachteiligte Zielgruppen des Arbeitsmarktes nur par­tiell erreicht werden und in den ungeförderten Arbeitsmarkt integriert werden. Für sie muss es auch weiterhin einen öffentlich geförderte Beschäftigungssektor geben. Dabei ist es wichtig, dass die damit verbundenen Arbeiten nicht in Nischen stattfinden, sondern möglichst nah an den Rahmenbedingungen des ersten Arbeitsmarktes ansetzen, denn „wertschöpfende Arbeiten sind besser als Maßnahmen mit Bastelstubencharakter.“ Dazu müsse man das Instrument der JobPerspektive nach § 16 e SGB II weiter entwickeln und ausbauen und entsprechende Zielgruppenprogramme aus dem ESF auflegen.

Auch der Aufbau von „Sozialfirmen“ als ergänzendes Modell zur JobPerspektive sei sinnvoll. Mit diesen „Sozialfirmen“ können sinnvolle Produkte und Dienstleis­tungen entwickelt und hergestellt werden und im Rahmen langfristiger, im Einzelfall auch dauerhafter sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung für benachteiligte Zielgruppen umgesetzt werden. Finanzierbar ist dies im Rahmen einer Aktivierung passiver Leistungen.

Insgesamt braucht die Debatte um öffentlich geförderte Beschäftigung ein stärkeres Marketing. Die Bürgerinnen und Bürger und natürlich auch die Politik müssen den gesellschaftlichen Mehrwert der öffentlich geförderten Beschäftigung erkennen können, um die notwendige Längerfris­tigkeit öffentlich geförderter Beschäftigung mitzutragen und politisch durchsetzbar zu machen.

Ausbildung in Teilzeit – zweite Chance für Mütter ohne Ausbildung
 

Über 500 Ausbildungssuchende mit Familienverantwortung sind 2011 in die dritte Förderrunde von (TEP) „Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen“ gestartet. Das ESF-geförderte Programm des Arbeitsministeriums NRW ist Teil des Handlungsprogramms „Brücken bauen in den Beruf“ und steht vor allem für das Ziel der Verbesserung der Vereinbarkeit einer Erstausbildung mit Familienpflichten. Zwei Drittel der TEP-Teilnehmer/-innen sind Alleinerziehende. Ist die TEP-Förderung der ideale Ansatz? Wie sind die Erfahrungen mit der Kooperation parallel laufender Alleinerziehender-Projekte und welche Rolle spielt die regionale Netzwerkarbeit? Fragen, die den Auftakt bei den Zeltgesprächen bildeten. Eine Vertreterin eines TEP-Projektes und eine Netzwerk-Vertreterin aus der MEO-Region berichteten dazu von ihren Erfahrungen aus nunmehr drei Jahren.

In der Jugendhilfe Essen gGmbH werden, in Kooperation mit den Trägern Trivium in Oberhausen und BBWE in Mülheim, insgesamt 30 Teilnehmende auf das Programm vier Monate individuell vorbereitet und gecoacht und danach acht Monate bei einer betrieblichen Ausbildung in Teilzeit begleitet. Im Vergleich zu anderen Vollzeitmaßnahmen des Vereins in Essen brechen bei TEP z. B. viel weniger Alleinerziehende ihre Ausbildung ab. Parallel zur Durchführung der zwölfmonatigen Maßnahme durch die drei Träger haben diese zusammen mit Vertretern von Arbeits­agenturen und Jobcentern sowie der Regionalagentur MEO ein regionales Netzwerk gebildet. Gemeinsam wurde eine Arbeitshilfe zu Finanzierungsfragen der TEP-Teilnehmer/-innen beim Übergang in Ausbildung erstellt, die auf der Internetseite der Regionalagentur immer aktualisiert zur Verfügung steht: http://www.regionalagentur-meo.de/Leitfaden

Gemeinsam wurde 2010 eine große Veranstaltung für Unternehmen durchgeführt, um gelungene Beispiele von Ausbildung in Teilzeit vorzustellen. Eine Bäckereikette der Region wirbt mittlerweile schon per Plakat für die Ausbildungsmöglichkeit in Teilzeit. Es ist also gelungen, mehr Unternehmen für diese familienfreundliche Ausbildungsvariante zu interessieren, aber natürlich spielen zurückgehende Schülerzahlen und Fachkräftebedarfe dabei auch eine Rolle.

Erwerbslosenberatung – auf dem Weg zur unabhängigen Beratung oder Erfüllungsgehilfe der Jobcenter?
 

Wer arbeitslos ist, braucht soziale Unterstützung, Verständnis und Zeit, um den Verlust des Arbeitsplatzes zu bewältigen und neue Perspektiven zu finden. Hier setzt die Arbeit der Erwerbslosenberatung in NRW an. Sie unterstützen die Ratsuchenden dabei, ihre Fähigkeiten zu stärken, neue Wege zu gehen und damit einen Weg aus der Krise zu finden. Denn der Verlust des Arbeitsplatzes wird in der Regel als schmerzhaft erlebt, damit gehen Einkommensquelle, soziale Kontakte und Anerkennung verloren, die Isolation wird größer und das Selbstwertgefühl entsprechend kleiner.

Aber lässt der zunehmende Kosten- und Erfolgsdruck, dem Jobcenter und damit auch ihre Kundschaft unterliegen, eine unabhängige Sozialberatung überhaupt zu oder werden die Beratungsstellen zu Erfüllungsgehilfen der Jobcenter? Wie sollten sich Beratungsstellen in diesem Beziehungsgeflecht positionieren, um ihrem Beratungsverständnis gerecht zu werden?

Zunächst wurde thematisiert, was unabhängige Beratung eigentlich heißt bzw. ausmacht:

  • Unabhängige Beratung kann/sollte nicht in die staatliche Leistungsgewährung eingebunden sein, sie sollte unabhängig von Interessen der verschiedenen Behörden agieren können.
  • Unabhängige Beratung handelt immer im Interesse der Ratsuchenden und basiert auf den Prinzipien der Freiwilligkeit und Vertraulichkeit und findet auf Wunsch auch anonym statt.


Eine wichtige Aufgabe der Erwerbslosenberatung ist nach Ansicht der Teilnehmer/-innen die Entwicklung von Zukunftsperspektiven. Im Vordergrund steht dabei auch die berufliche (Neu-)Orientierung, aber als ebenso wichtig wird die Stabilisierung der materiellen, psychischen und sozialen Situation der Ratsuchenden erachtet. Dazu ist ein ganzheitlicher Beratungsansatz notwendig, der die gesamten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen der Rat suchenden Menschen in den Blick nimmt. In diesem Zusammenhang wurde das Modellprojekt „Selbstvermittlungscoaching“ des Paritätischen NRW diskutiert. Die Idee, die dahinter steckt, ist Folgende: Mithilfe der Selbstvermittlungscoaching-Methode sollen die Ratsuchenden die Chance bekommen, einen Job zu finden, den sie gerne machen und der zu ihnen passt. Um dies zu erreichen, sollen sie zu Expertinnen und Experten für ihre Selbstvermittlung auf den Arbeitsmarkt werden.

Diese Ressourcenaktivierung kann nach Ansicht der Teilnehmer/-innen eine wichtige Unterstützung sein, um die oft hohen Belastungen der Arbeitslosigkeit zu bewältigen und somit die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Übereinstimmend wurde festgehalten, zu überprüfen, inwieweit es möglich ist, diesen Ansatz für die Arbeit in den Erwerbslosenberatungsstellen nutzbar zu machen.

Im Mittelpunkt der Arbeit in den Erwerbslosenberatungsstellen steht der Ratsuchende selbst. Sein Anliegen, seine Probleme sind handlungsleitend für die Beraterinnen und Berater. Dazu vernetzen sie sich mit anderen Institutionen, u. a. auch mit den Jobcentern. Hier gibt es vielfältige Möglichkeiten der vertrauensvollen Zusammenarbeit und Kooperation, die aber nur funktionieren, wenn sie sowohl aufseiten der Jobcenter als auch aufseiten der Beratungsstellen gewollt sind.

Kontakt

Barbara Hordt
Tel.: 02041 767-250
b.hordt@gib.nrw.de
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