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(Heft 3/2011)
Fachkräftesituation in der Altenpflege in NRW

Es tut sich was

Kaum eine Woche vergeht, in der in den Medien nicht der bestehende oder zu erwartende Mangel an Fachkräften in der Altenpflege thematisiert wird. Ob zurzeit tatsächlich schon von einem Mangel an Altenpflegenden gesprochen werden kann, ist strittig. Einig ist man sich aber darin, dass der Bedarf an Fachkräften in der Branche aufgrund des demografischen Wandels in den nächsten Jahren stark wachsen wird. Gleichzeitig gestaltet sich trotz der Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz in einer Wachstumsbranche die Rekrutierung von Altenpflegerinnen und -pflegern schwierig.

Das Arbeitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen hat mit dem „Aktionsplan Altenpflege 2010“ in Zusammenarbeit mit den Regionaldirektionen NRW der Bundesagentur für Arbeit und den zugelassenen kommunalen Trägern unter Verwendung von Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds darauf reagiert. – Wie ist die aktuelle Situation in Nordrhein-Westfalen und was geschieht, um die Perspektiven für die Pflegenden und die Pflegebedürftigen zu verbessern?

Vertraut man den statistischen Zahlen, lässt sich bisher eigentlich kein Fachkräftemangel in der Altenpflegebranche ausmachen. Auf eine offene Stelle kamen nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bundesweit noch im dritten Quartal des vergangenen Jahres zwei arbeitslose Fachkräfte (s. auch Artikel „Echter Mangel bisher nur bei wenigen Berufen“ im G.I.B.-Info 1_2011). Die Zahl der Arbeitslosen in der Altenpflegebranche lag bundesweit zu Beginn des vergangenen Jahres sogar um 15 Prozent höher als im Vorjahr.1 Dass die Anbieter von Altenpflege-Dienstleis­tungen dennoch darüber klagen, dass sie kaum Altenpfleger finden, kann mehrere Gründe haben. Zum einen ist mit den genannten statistischen Zahlen nichts über die regionale Verteilung von offenen Stellen und arbeitslosen Fachkräften gesagt. Zum anderen spielt auch die Qualifikation der Fachkräfte eine Rolle.

Von den bundesweit 40.700 Arbeitslosen im Bereich der Altenpflege zum Ende des vergangenen Jahres waren nur 2.700 examinierte Altenpfleger.2 Der größere Teil der Arbeitslosen im Altenpflegebereich zählt demnach zu den Altenpflegehelfern und -helferinnen; vorrangig gesucht werden – so das IAB – aber examinierte Altenpfleger. Auch in NRW sind die Arbeitslosenzahlen bei den examinierten Kräften gering. Der Landesbericht über die Gesundheitsberufe in NRW3 bilanziert für den September 2009 genau 1.356 arbeitslose dreijährig examinierte Altenpflegende. Da die regionale Verteilung inhomogen ist und knapp 20 Prozent aufgrund von Einschränkungen als nicht vermittlungsfähig gelten, stellt der Bericht fest, dass „flächendeckend eine sehr geringfügige bis nahezu keine Arbeitslosigkeit bei Altenpflegenden vorliegt.“4

Bedarf an Altenpflegenden steigend
 

Das bedeutet, dass der Arbeitsmarkt in NRW keine zusätzlichen examinierten Altenpfleger hergibt. Doch es werden immer mehr Kräfte gebraucht. Der Bericht stellt für das Jahr 2009 einen Sofortbedarf von über 2.000 dreijährig ausgebildeten examinierten Altenpflegenden fest, für das Jahr 2010 von über 3.600. Der Mehrbedarf, der für eine optimale pflegerische Versorgung notwendig ist, wird von den Einrichtungen für dreijährige Pflegeberufe mit ca. 1.680 Stellen beziffert.5 Den durch Neugründungen von ambulanten Pflegediensten und stationären Pflegeeinrichtungen zu erwartenden Neubedarf gibt der Bericht für die kommenden Jahre mit jährlich annähernd 1.980 Altenpflegenden und 330 Altenpflegehelfern an. Dazu kommt noch der Ersatzbedarf durch ausscheidende Mitarbeiter, den die Einrichtungen zurzeit mit rund 5 Prozent angeben, allerdings mit steigender Tendenz.

Dem steht unter Berücksichtigung der Ausbildungserfolgsquote, die in der Altenpflegeausbildung bei rund 72 Prozent liegt, eine erwartete Absolventenzahl von 2.469 für das Jahr 2011 gegenüber. Dass das nicht reicht, ist offensichtlich, zumal sich die Zahlen jeweils auf Vollzeitstellen beziehen. Da der Anteil Teilzeitbeschäftigter in der Branche aber hoch ist – er liegt in der ambulanten und stationären Pflege bei rund zwei Dritteln, muss man tatsächlich von einem noch erheblich höheren Bedarf ausgehen.

Die NRW-Landesregierung hat die Entwicklung bereits seit längerer Zeit erkannt und die Zahl der landesgeförderten Schulplätze in der Altenpflegeausbildung von 2005 bis 2010 um 1.500 auf rund 8.700 erhöht.6 Dazu kommen die in dem Landesbericht noch nicht berücksichtigten rund 1.000 Ausbildungsplätze, die im Rahmen des „Aktionsplans Altenpflege 2010“ zusätzlich geschaffen wurden. Der Landesbericht stellt aber fest, dass die Erhöhung nicht den Trend umkehren konnte „der sich aus einem erheblichen Rückgang der SGB III geförderten Ausbildungsplätze ergibt.“ Rund 4.000 SGB-III-geförderte Ausbildungsplätze gingen in NRW zwischen 2003 und 2009 verloren. Ihre Zahl lag im Jahr 2009 nur noch bei 882.
Und auch die Pflegebranche zieht nicht mit. Zwar ist die Ausbildung in der Altenpflege wie auch in den anderen Pflegeberufen so organisiert, dass Pflegeschulen die Gesamtverantwortung für die Ausbildung tragen. Doch ist man, wenn der Ausbildungsträger nicht zugleich auch eine Pflegeeinrichtung betreibt, auf Kooperationen mit stationären und ambulanten Altenpflegeeinrichtungen angewiesen. Sie sollen den praktischen Ausbildungsteil sicherstellen, der 2.500 der insgesamt 4.600 Ausbildungsstunden der dreijährigen Ausbildung ausmacht.

Vor dem Hintergrund der Klagen der Branche über zu wenig examinierte Fachkräfte sollte man annehmen, dass sie von sich aus Anstrengungen für mehr Altenpflege-Ausbildungsplätze unternimmt. Doch de facto sind die Plätze für die praktische Ausbildung in NRW jedoch stark zurückgegangen, von rund 12.600 im Jahr 2003 auf rund 9.900 im Jahr 2008. Besonders ambulante Pflegedienste bilden fast gar nicht aus. Der „Fachkräftemangel in der Pflegebranche ist hausgemacht“ stellt der DGB denn auch fest7 und spart nicht mit weiterer Kritik:

So sei Interesse an dem zukunftssicheren Beruf durchaus vorhanden – die Bewerberzahl liegt nach Angaben des DGB in NRW bei 1,2 pro angebotenem Ausbildungsplatz – allerdings werde von der seit 2009 bestehenden Möglichkeit, auch Hauptschulabsolventen nach dem zehnten Schuljahr zuzulassen, zu wenig Gebrauch gemacht.

Ausbildungsumlage geplant
 

Die unbefriedigende Entwicklung in der Altenpflege-Ausbildung rühre allerdings auch daher, dass die bisherige Finanzierungsregelung die ausbildenden Betriebe kostenmäßig stärker belaste als nicht ausbildende Betriebe und damit den Wettbewerb verzerre. Der DGB fordert deshalb die Einführung einer Ausbildungsumlage.

Von dieser Möglichkeit, die das Altenpflegegesetz den Bundesländern bietet, will nach Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg jetzt auch das Land NRW Gebrauch machen: Das Landeskabinett hat ein Eckpunktepapier zur „Einführung eines Ausgleichsverfahrens nach § 25 Altenpflegegesetz in der Altenpflegeausbildung“ beschlossen. Geplant ist die Rechtsverordnung noch für den Herbst des laufenden Jahres. Ab Januar 2012 sollen dann alle Pflegeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen entsprechend ihrer Größe (Zahl der beschäftigten Pflegefachkräfte/betreute Personen/geleistete Pflegestunden) in einen Ausbildungsfonds einzahlen. Wer ausbildet, bekommt die Ausbildungsvergütung vollständig aus dem Fonds erstattet.

Das Land will für die bis zu 1.500 zusätzlichen Schülerinnen und Schüler die Förderung der Schulkosten übernehmen und plant weitere Maßnahmen: Erhöhung der Ausbildungserfolgsquoten in der Altenpflegefachkraftausbildung durch ausbildungsbegleitende Hilfen für schwächere Schülerinnen und Schüler, Vereinfachung des Berufsanerkennungsverfahrens in den Gesundheits- und Pflegeberufen, Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des Personalmanagements in den Einrichtungen durch Schulungsangebote mit dem Ziel, der teils starken Mitarbeiterfluktua­tion entgegenzuwirken, beispielsweise mit attraktiven Arbeitszeitmodellen und Angeboten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehen unter anderem auf der Agenda, ähnlich wie es über das Landesprogramm „Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen“ für einige Auszubildende in der Altenpflege im Ennepe-Ruhr-Kreis schon seit 2010 praktiziert wird.

Außerdem soll die Attraktivität der Pflegeberufe durch eine akademische Ausbildung erhöht werden. Hier ist Nord­rhein-Westfalen mit Modellvorhaben an mittlerweile sechs Hochschulstandorten bundesweit Vorreiter.8

In der Tat scheint es Handlungsbedarf zu geben. Die genannte Untersuchung des Sozialministeriums NRW vom vergangenen Jahr hat ergeben, dass 14,3 Prozent der teil- und vollstationären Altenpflegeeinrichtungen in Zukunft noch weniger ausbilden wollen – ein Trend, der allen Bemühungen, die Pflege in unserer alternden Gesellschaft zu sichern, zuwiderlaufen. Auch für die weitere Entwicklung in den Jahren 2011 und 2012 stellt die Untersuchung fest, dass „eine Erhöhung der Ausbildungsaktivität der teil- und vollstationären Pflegeeinrichtungen nicht unbedingt erwartet werden kann“.9

Abwerbungskampf um examinierte Kräfte
 

Trotzdem ist die Zahl der Beschäftigten in der Altenpflege in NRW gestiegen. In den teil-/vollstationären Pflegeeinrichtungen gab es zwischen 1999 und 2007 ein Plus von über 10.000 Kräften (2007: 33.724 Altenpfleger). Dazu kamen die Altenpflegehelfer, deren Zahl sich im gleichen Zeitraum um rund 1.000 auf 4.148 erhöhte. In den ambulanten Pflegediensten zählte man 1999 rund 5.700 Altenpfleger und rund 1.000 Altenpflegehelfer, im Jahr 2007 waren es knapp 9.000 Altenpfleger und 1.100 Altenpflegehelfer. Nach Informationen aus der Pflegebranche tobt aber um die examinierten Pflegekräfte bereits ein erbitterter Abwerbungskampf, an dem sich auch Träger aus dem europäischen Ausland und sogar aus den USA beteiligen – denn auch dort brauchen immer mehr alte Menschen Pflege und die gut qualifizierten deutschen Pflegekräfte sind begehrt.

Eine große Rolle beim Mangel an entsprechenden Fachkräften spielt offenbar auch die geringe Attraktivität einer Tätigkeit im Altenpflegebereich und die große Zahl an Berufsaussteigern. Die Gründe: hohe körperliche und psychische Belastungen, schlechter Gesundheitsschutz, Schichtdienst einschließlich Wochenendarbeit – das alles bei vergleichsweise geringem Gehalt. Die meisten Altenpflegefachkräfte üben ihren Beruf nicht länger als acht Jahre aus. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) hat berechnet, dass 60 Prozent der zukünftigen Fachkräftelücke geschlossen werden könnten, wenn die Altenpfleger- und -pflegerinnen so lange im Beruf blieben wie ihre Kollegen in der stationären Krankenpflege. Stattdessen scheidet nach Zahlen des DGB heute fast jede/r Dritte aus Gesundheitsgründen sogar ganz aus dem Erwerbsleben aus. Prof. Dr. Stephan Brandenburg, Hauptgeschäftsführer der BGW, ist überzeugt „dass sich dem drohenden Fachkräftemangel in der Branche unter anderem mit gutem Arbeits- und Gesundheitsschutz entgegenwirken lässt.“

Das wird neben der Rekrutierung neuer Altenpflegenden zur Stabilisierung der Zahl der Altenpflegekräfte sicher nötig sein, wie die Prognosen des BGW zeigen: Die Zahl der professionell zu versorgenden pflegebedürftigen Menschen wird demnach von 1,2 Millionen im Jahr 2007 auf voraussichtlich rund 3,2 Millionen im Jahr 2050 steigen. Gleichzeitig wird sich die Zahl der für die Pflege besonders bedeutsamen weiblichen Erwerbspersonen zwischen 35 und 55 Jahren im gleichen Zeitraum vermutlich nahezu halbieren. Der demografische Wandel schlägt also gleich doppelt zu: einmal auf der Seite der Pflegebedürftigen und einmal auf der Seite der Pflegenden.

Möglicherweise stünden schon heute viele Senioren ohne Betreuung da, wenn nicht bundesweit rund 100.000 Haushaltshilfen aus Mittel- und Osteuropa in deutschen Haushalten arbeiten würden – oft tatsächlich als Altenpfleger und damit meistens illegal. Diese Zahl hat die Caritas, der größte deutsche Wohlfahrtsverband, ermittelt.10 Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) schätzt, dass es allein in Nordrhein-Westfalen rund 100.000 „Haushaltshilfen“ aus Osteuropa gibt, die sich vornehmlich um pflegebedürftige Senioren kümmern. Bundesweit sollen es nach Schätzung der Deutschen Hospiz Stiftung aktuell 300.000 Hilfskräfte aus osteuropäischen Ländern sein.11

Aktionsplan Altenpflege erfolgreich
 

Einen wichtigen Impuls in Richtung Verbesserung der Altenpflege in NRW hat das Arbeitsministerium des Landes Nord­rhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit den Regionaldirektionen NRW der Bundesagentur für Arbeit und den zugelassenen kommunalen Trägern im vergangenen Jahr gegeben. Mit dem von April bis Dezember unter Verwendung von Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds durchgeführten „Aktionsplan Altenpflege 2010“ sollten 850 bis 1.000 zusätzliche Ausbildungsplätze zur Altenpflegefachkraft geschaffen werden. Als Zielgruppe wurden besonders Arbeitslose ins Auge gefasst, an die eine entsprechende Anzahl an Bildungsgutscheinen für die Umschulung zur Altenpflegefachkraft ausgegeben werden sollten.

Eine genaue Zahl aller per Bildungsgutschein Geförderten liegt noch nicht vor, nach Informationen der G.I.B. wurde die Zahl von 1.000 zusätzlichen Altenpflegeschülern/-schülerinnen im Vergleich zu den Geförderten aus 2009 aber nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen. Die Zahlen zur Ausbildung in der Altenpflege haben sich gegenüber der Landesberichterstattung Gesundheitsberufe NRW 2010 also mit einem Schlag verbessert, die Erhöhung der Ausbildungskapazität wird jedoch frühestens im Jahr 2013 voll auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. Gegenüber den nicht geförderten Altenpflegeschülern hat der Ak­tionsplan Altenpflege 2010 außerdem einen höheren Männeranteil erreicht, was dem Genderziel der Berufsfelderweiterung entgegenkommt.

Neben einem vom Arbeitsministerium herausgegebenen Informationsflyer „Altenpflegefachkraft: Beruf mit Zukunft!“ gab es zahlreiche Aktionen im Rahmen des Aktionsplans: Arbeitsagenturen, die ARGEn und die sonstigen kommunalen Träger informierten gemeinsam mit Pflege-Fachleuten NRW-weit auf regionalen Berufsinformationstagen „Altenpflegefachkraft“ über die beruflichen Perspektiven in der Altenpflege. Insgesamt wurden auf 15 Veranstaltungen in 10 Regionen (Aachen, Bonn, Emscher-Lippe, Düsseldorf/Mettmann, Köln, Münsterland, Märkische Region, Nieder­rhein, Ostwestfalen-Lippe, Westfäl. Ruhrgebiet) rund 1.250 Arbeitslose und Multiplikatoren erreicht.

Bessere Arbeitsbedingungen – besseres Berufsimage
 

Auch an die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Altenpflege hatte man gedacht. Der Aktionsplan sah dafür den verstärkten Einsatz des Instruments „Potentialberatung“ vor. Insgesamt 20 Informationsveranstaltungen hat es zu diesem Thema in NRW im vergangenen Jahr gegeben.

„Gute Pflege für alte Menschen – Potentialberatung in Pflegebetrieben“, so war zum Beispiel eine Fachtagung für kleine und mittlere Unternehmen betitelt, die im Juni vergangenen Jahres in der Handwerkskammer Düsseldorf stattfand. Geschäftsleitungen und Personalverantwortliche aus Seniorenwohnheimen, Sozialstationen, ambulanten oder stationären Pflegediensten informierten sich darüber, wie mithilfe von Potentialberatungen die Arbeitsorganisation, -abläufe und -bedingungen optimiert werden können.

Wie auch bei anderen Veranstaltungen der Reihe zeigte man dort nicht nur auf, was theoretisch möglich ist, sondern präsentierte mit dem Caritas-Seniorenzentrum St. Elisabeth aus Meschede und der Freien Alten- und Nachbarschaftshilfe aus Ennepetal auch zwei Beispiele guter Praxis. Beide Einrichtungen haben bereits Potentialberatungen in Anspruch genommen und konnten über Erfolge berichten. Stichworte waren hier zum Beispiel Senkung des hohen Krankenstandes, Entwicklung von Strategien zur Fachkräftebindung und -gewinnung, neue Aufgabenverteilung und deutlich reduzierte psychische und physische Belastung der Mitarbeiter in den Unternehmen. Ziele der Potentialberatungen sind unter anderem bessere Gesundheit und größere Zufriedenheit der Mitarbeiter, eine Steigerung der Attraktivität des Berufs für Arbeitsuchende und langfristig eine Imageverbesserung des gesamten Berufsstandes.

Eine Fortsetzung des Aktionsplans Altenpflege in NRW ist bisher nicht geplant. Stattdessen hat die Landesregierung im Juni des laufenden Jahres die „Initiative zur Fachkräftesicherung in NRW“ aus der Taufe gehoben, die sich der gesamten Fachkräfteproblematik annehmen soll. Ob sich der gute Erfolg des Aktionsplans Altenpflege damit fortsetzen lässt, bleibt abzuwarten. Die Finanzierung der im Rahmen des Aktionsplans geschaffenen Ausbildungsplätze ist jedoch gesichert: Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW hat sich, nachdem die Bundesagentur für Arbeit zum Endes des vergangenen Jahres aus der Finanzierung ausgestiegen ist, entschlossen, die Finanzierung für das dritte Ausbildungsjahr in der Umschulung zum Altenpfleger zu übernehmen (monatlich 280 Euro je Schüler/-in).12

Außerdem hallt der Aktionsplan Altenpflege 2010 im Jahr 2011 und wahrscheinlich auch noch länger nach: Einige der im Rahmen der Initiative neu entstandenen Kooperationen zwischen Regionalagenturen, Altenpflegeseminaren und Altenpflegeeinrichtungen sowie Agenturen für Arbeit und Jobcenter haben über den Zeitraum des Aktionsplans hinaus Bestand. In der Region Niederrhein, im Westfälischen Ruhrgebiet, in der Region Mülheim-Essen-Oberhausen sowie im Münsterland werden die neuen Netzwerke weiter gepflegt und für Aktivitäten im Jahr 2011 genutzt. So hat es eine Fortführung des „Branchendialogs Altenpflege“ in der Region Niederrhein gegeben, die Regio­nalagentur Münsterland nimmt an der Pflegekonferenz Münster teil, in der alle Einrichtungen und Seminare aus Münster vertreten sind, in der MEO-Region wird 2011 ein „Berufsinformationstag Altenpflegefachkraft“ durchgeführt und auch in Dortmund finden 2011 zwei Berufsinformationstage statt.

Weitere gute Ansätze
 

Und es gibt weitere Hoffnung machende Ansätze in NRW. So wurde im April des laufenden Jahres das zweijährige Modellprojekt PIA „Pflege-Innovationen in der Gesundheitsregion Aachen“ abgeschlossen, das über einen Zeitraum von zwei Jahren vom Arbeitsministerium NRW und mit EU-Mitteln gefördert wurde. An dem Projekt waren insgesamt neun Modelleinrichtungen aus dem Bereich der Krankenhäuser, Pflegeheime und ambulanten Pflegedienste aus der Region Aachen beteiligt. Die Unternehmen kümmerten sich im Rahmen des Projekts unter anderem um die Verbesserung der Kommunikationsstrukturen zwischen den verschiedenen Hierarchie-Ebenen, eine mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur sowie um gesundheitsfördernde Maßnahmen und die Entlastung älterer Mitarbeiter/-innen. Bedingungen schaffen, die die Beschäftigten im Job halten, möglichst bis zur Rente – so lautete eines der Hauptziele des Projekts.

Nach Projektende sollen die Erkenntnisse aus PIA allen Akteuren im Pflege-Bereich Nutzen bringen: Die Erfahrungen der beteiligten Einrichtungen und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen werden in einem Buch veröffentlicht. Das Angebot von Fortbildungen, die im Rahmen des Projekts entwickelt wurden, bleibt bestehen und kann von allen interessierten Pflege-Einrichtungen genutzt werden.

Neben der Förderung der Ausbildung zum hoch qualifizierten examinierten Altenpfleger gibt es in NRW auch Versuche, niederschwellige Einstiege in die Altenpflege zu schaffen. Im Haus der Pflege im westfälischen Ahlen, einer Schule für Altenpflege und Physiotherapie, können Jugendliche ohne oder mit schlechtem Schulabschluss zum Beispiel ein Werkstattjahr in der Altenpflege absolvieren. Finanziert aus dem EU-Sozialfonds haben dort 32 junge Menschen im September vergangenen Jahres diesen Einstieg gewagt. Bei entsprechender Leistung und nachgeholtem Schulabschluss können sie anschließend die einjährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin/zum Altenpfleghelfer anschließen.

Eine weitere Strategie, zusätzliche Altenpflegende zu rekrutieren, könnte sein, vermehrt Berufswiedereinsteigerinnen für den Beruf zu gewinnen. Das Projekt „Wiege“13 hat sich im vergangenen Jahr mit dieser Option beschäftigt. Man stellte allerdings fest, dass sich nur für Wiedereinsteigerinnen mit bereits abgeschlossener Berufsausbildung in der Altenpflege positive Aussichten ergeben. Für die neueren niederschwelligen Qualifikationsangebote sei eine tragfähige Perspektive auf Beschäftigung hingegen noch nicht abzusehen. Die Arbeitgeber der Branche haben sich gemäß der Studie noch nicht darauf eingestellt, entsprechende Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Es bestehe sogar die Gefahr, „dass niedrigschwellige Angebote sich für Wiedereinsteigerinnen zu einer berufsbiografischen Sackgasse entwickeln.“

Zeit für ein kleines Fazit: Es scheint klar, dass aufgrund des unausweichlichen demografischen Wandels in unserer Gesellschaft und der Komplexität der Probleme in der Altenpflege auf mehreren Ebenen gehandelt werden muss. Das Aktionsprogramm Altenpflege 2010 war für NRW sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Arbeitslose Menschen für den Wachstumsmarkt Altenpflege zu interessieren und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen in der Branche zu optimieren, erscheint als eine Strategie, die nachhaltig für mehr Altenpflegefachkräfte sorgen kann, die nicht zuletzt das Image des Berufes verbessert und die deshalb – in welcher Form auch immer – unbedingt weiterverfolgt werden sollte. Gleichzeitig steht mit dem geplanten Ausgleichsverfahren nach § 25 Altenpflegegesetz für NRW eine Regelung ins Haus, die eine ausreichende Zahl an Ausbildungsplätzen in den Unternehmen der Branche sicherstellen könnte. Für eine entsprechende Anzahl an Plätzen in den Pflegeschulen müsste natürlich ebenfalls gesorgt werden.

Außerdem scheint es notwendig, dass sich die Altenpflegebranche für niederschwellig Qualifizierte öffnet, die mit den – zum Teil heute arbeitslosen – Altenpflegehilfskräften bereits in größerer Zahl vorhanden sind. Entsprechende Arbeitsplätze könnten, neben der allgemeinen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, auch zur Entlastung der bisher knappen examinierten Kräfte führen und so dazu beitragen, dass Altenpflegefachkräfte zufriedener mit ihrer Tätigkeit sind sowie psychisch und physisch gesund und dadurch auch länger als bisher im Beruf bleiben. Das wäre im Sinn der Altenpflegenden, der Altenpflegeeinrichtungen, der Qualität der Pflege und nicht zuletzt im Sinn der Pflegebedürftigen.
 


1DGB: Newsletter „arbeitsmarktaktuell“ Nr. 01/Januar 2011
2DGB: Zahlen von Oktober 2010 lt. Newsletter „arbeitsmarktaktuell“ Nr. 01/Januar 2011

3Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Landesberichterstattung Gesundheitsberufe Nordrhein-Westfalen 2010 – Situation der Ausbildung und Beschäftigung in Nordrhein-Westfalen
4Die Arbeitslosenzahlen bei den Altenpflegehelferinnen und -helfern sind dem Landesbericht nicht zu entnehmen.

5Die Untersuchung weist die Bedarfe in den Bereichen Altenpflege, ambulante Pflege und Krankenhausbereich aus, differenziert aber nicht nach Berufen, weil vor allem in der ambulanten und in der teil-/vollstationären Versorgung sowohl Altenpflegende als auch Gesundheits- und Krankenpflegende die relevanten fachlichen Arbeiten gleichermaßen abdecken können. Für die ambulante Pflege wird zusätzlich mit ca. 1.600 Stellen und im Krankenhausbereich mit ca. 2.650 Stellen gerechnet. Der Mehrbedarf an Altenpflegenden kann also durchaus weit über den genannten 1.680 Stellen liegen.

6Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Landesberichterstattung Gesundheitsberufe Nordrhein-Westfalen 2010 – Situation der Ausbildung und Beschäftigung in Nordrhein-Westfalen
7DGB: Newsletter „arbeitsmarktaktuell“ Nr. 01/Januar 2011

8Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter (MGEPA): Mitteilung vom 28. Juni 2011, www.mgepa.nrw.de/presse/pressemitteilungen
9Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW: Landesberichterstattung Gesundheitsberufe NRW 2010 – Situation der Ausbildung und Beschäftigung in Nordrhein-Westfalen

10FAZ, 28.01.2010: „Rundumversorgung ganz legal“
11Ruhr Nachrichten, 16.02.2011: „Schwarzmarkt Pflege: Viele illegal Beschäftigte“

12Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen: Presse-Mitteilung vom 25.02.2011, „Nordrhein-Westfalen finanziert wieder das dritte Umschulungsjahr in der Pflege“

13„Wiege“ – Perspektiven für Wiedereinsteigerinnen in der Gesundheitswirtschaft, im Auftrag der Städte Bochum und Herne, gefördert im Rahmen der Landesinitiative Netzwerk W vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW, 2010

Abstract

In kaum einer anderen Branche wird zurzeit so sehr über Fachkräftemangel gesprochen wie in der Altenpflege. Dabei werden durch den demografischen Wandel aller Voraussicht nach in Zukunft noch viel mehr Altenpflegende gebraucht. Schon jetzt finden viele Pflegedienste aber nicht genug examinierte Kräfte. Dabei stellt die Branche selbst immer weniger praktische Ausbildungsplätze zur Verfügung. – Aber es tut sich was: Das Land NRW hat mit dem Aktionsplan Altenpflege 2010 einen wichtigen Impuls zur Verbesserung der Situation gegeben. Über 1.000 zusätzliche Ausbildungsplätze zur Altenpflegefachkraft, vor allem für Arbeitslose, wurden geschaffen. Gleichzeitig bemüht man sich in NRW um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in dem Beruf. So soll er attraktiver und ein längerer Verbleib älterer Kräfte in der Altenpflege gesichert werden. Außerdem ist für Altenpflegebetriebe, die nicht ausbilden, ab 2012 eine Ausbildungsabgabe geplant.

Ansprechpartnerinnen in der G.I.B.

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Heike Ruelle
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Autor

Frank Stefan Krupop
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