Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2011 25 Jahre G.I.B. „Inklusion muss bereits bei Bildung und Qualifizierung realisiert werden“
(Heft 3/2011)
Interview mit Roland Schüßler

„Inklusion muss bereits bei Bildung und Qualifizierung realisiert werden“

Zentrale Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Menschen mit Behinderung ist die Integration in das Erwerbsleben, denn nur sie ermöglicht die Sicherung einer eigenständigen ökonomischen Existenz. Tatsächlich aber ist keiner anderen Personengruppe der Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt so versperrt wie dieser. Die Bundesagentur für Arbeit ist einer der größten Player bei der Integration von behinderten Menschen in den Arbeitsmarkt. Die G.I.B. sprach mit Roland Schüßler, Geschäftsführer Arbeitslosenversicherung der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, über die Leistungen für Rehabilitanden, das Förderinstrument „Unterstützte Beschäftigung“ und das Thema Inklusion.

G.I.B.: Die beruflichen Eingliederungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit für behinderte Menschen sind insgesamt rückläufig. Welche Erklärung gibt es dafür?

Dr. Roland Schüßler: Im gesamten Bereich der beruflichen Rehabilitation sind die Eintritte in den letzten drei Jahren konstant. Bei den unterschiedlichen Angeboten ist es zu Verschiebungen gekommen – das Thema betriebliche Ausrichtung spielt hier eine große Rolle. Das Budget für Rehabilitanden und schwerbehinderte Menschen liegt in NRW seit Jahren bei über einer halben Milliarde Euro jährlich. Wenn man bedenkt, dass im Eingliederungstitel für alle anderen Personengruppen etwa 600 Millionen zur Verfügung stehen, ist das ein sehr großer und auch entsprechender Mittelansatz. Dass es in Gesprächen mit der Politik gelungen ist, ihn seit drei oder vier Jahren auf diesem Niveau zu halten, finde ich schon sehr positiv. Man muss natürlich die Anzahl der langfristigen und kurzfristigen Maßnahmen und den Übergang in eine betriebliche Ausbildung berücksichtigen. Insgesamt plädiere ich dafür, immer von der einzelnen Person auszugehen und die Wirkung der eingesetzten Maßnahmen zu beurteilen.

Wir haben insgesamt ca. 20.000 Eintritte für Rehabilitanden in Nordrhein-Westfalen geplant.

G.I.B.: Spielen bei den Zahlen auch die Arbeitsmarktsituation und eine veränderte Definition von Behinderung eine Rolle?

Dr. Roland Schüßler: Die Arbeitslosigkeit ist insgesamt um ca. 20 Prozent zurückgegangen. Das spricht dafür, dass der Markt angezogen hat und die Arbeitgeber jetzt auch Personen mit Leistungseinschränkungen eine Chance geben und nicht nur den Olympioniken. Mein Thema ist: Die Arbeitslosigkeit insgesamt nimmt ab, aber die Arbeitslosigkeit der Schwerbehinderten geht nicht im gleichen Umfang zurück. Das ist ein Themenfeld, das wir zukünftig verstärkt in den Fokus nehmen wollen. Auch in der internen Kommunikation, – da will ich mich aus der Verantwortung gar nicht herausnehmen – ist zu fragen: Müssen wir nicht intern mehr Transparenz schaffen über die Struktur der Arbeitslosen, der Rehabilitanden und der Schwerbehinderten? Gleichzeitig müssen wir extern kommunizieren, wie viel Poten­zial und Chancen in dem Personenkreis stecken. Dass der Markt jetzt anzieht und das an einem bestimmten Personenkreis vorbeigeht, kann aus meiner Sicht nicht das Ergebnis bleiben.

G.I.B.: Ziel ist es, individuelle Lösungen für den Einzelnen zu finden und umzusetzen. Was stellt die BA vor dem Hintergrund dieser Strategie zur Verfügung?

Dr. Roland Schüßler: Auch für individuelle Lösungen sind standardisierte Prozesse wichtig. Wir brauchen ein Übergangssystem Schule – Beruf, bei dem nicht Probleme hin- und hergeschoben werden. Wenn zum Beispiel ein Arbeitgeber einen Schüler aufgrund von Defiziten, die in der Schule nicht behoben werden konnten, nicht einstellt, dann ist die Frage an die Bundesagentur „Was kann die Agentur tun?“ der falsche Weg. Wir müssen uns darauf verständigen, schon in der achten, neunten, zehnten Klasse Berufsorientierung anzubieten. Es muss uns gelingen, viel mehr Schüler zu identifizieren, die dann in eine betriebliche Ausbildung oder in eine Übergangsaktivität einmünden.

In diesem Feld arbeiten viele Akteure vor Ort und das ist auch gut so. Man muss sicherstellen, dass diese Akteure auch in einem Netzwerk und nicht isoliert arbeiten.

Wir veranstalten beispielsweise einen Arbeitgebertag in Schulen, bei dem wir die Lehrer mit den konkreten Anforderungen der Arbeitgeber, die in Einstellungstests abgefragt werden, konfrontieren. Andererseits legen wir die Eignungsdiagnosen, die in der Berufsorientierung, Berufsberatung, Arbeitserprobung durchgeführt werden, den Arbeitgebern offen, sodass sie in Bewerbungsverfahren nicht bei null anfangen müssen. Das muss standardisiert werden. Wenn ich dann ein rundes Bild eines Menschen habe, kann ich nach individuellen und passgenauen Lösungsansätzen suchen.

G.I.B.: Auf die Rehabilitanden bezogen wäre das der Rehabilitationsplan. Wie funktioniert der?

Dr. Roland Schüßler: Der Rehabilitationsplan ist für mich eher ein Werkzeug. Zunächst muss ich die Gesamtsituation der Person einordnen. Es muss uns gelingen, auch in den Jobcentern und bei den zugelassenen kommunalen Trägern, ein Gespür dafür zu entwickeln, ob jemand arbeitsmarktbedeutsame gesundheitliche Einschränkungen hat. Denn nur dann wird ein Reha-Verfahren angestoßen. Das „Erkennen“ ist die erste Hürde, die genommen werden muss. Im Mittelpunkt steht dabei die Beratung des Menschen, bei Bedarf werden ärztliche, psychologische oder technische Fachdienste hinzugezogen. Wenn dann ein differenziertes Bild der Person existiert, wird vereinbart, wie es weitergeht. Das wird am Ende in dem Reha-Plan niedergelegt. Der Reha-Eingliederungsplan ist also die Zielvereinbarung, die ich mit dem Kunden gemeinsam entwickle – vorher muss aber eine ordentliche Analyse stattfinden.

G.I.B.: Welche Bedeutung haben die Beratungsdienste? Es ist doch entscheidend, ob es sich um einen Wiedereinstieg oder einen Ersteinstieg in eine Ausbildung oder den Arbeitsmarkt handelt oder ob jemand in die Werkstatt geht.

Dr. Roland Schüßler: Der Reha-Berater versucht im Gespräch, zunächst diese Frage zu klären. Die Problemlagen oder Leistungsvoraussetzungen sind aber individuell sehr unterschiedlich. Man muss sich vergegenwärtigen, was das Aufgaben-Spektrum eines Reha-Beraters alles beinhaltet: die berufliche Orientierung von Jugendlichen, die Beratung von Erwachsenen, die Einrichtung von Maßnahmen – das Produktportfolio ist immens. Ziel ist immer die Integration in Ausbildung und Arbeit.

G.I.B.: Es gibt zahlreiche Träger mit unterschiedlichen Aufgaben, Rechten und finanziellen Ausstattungen. Wie positioniert sich die BA in diesem gesamten Umfeld?

Dr. Roland Schüßler: Wir sind nicht der einzige, aber ein großer Player. Bei der Ersteingliederung liegen 98 Prozent in unserer Kostenträgerschaft.

Bei der Wiedereingliederung – also eher im Erwachsenenbereich – liegen wir bei knapp einem Drittel, wenn wir SGB II und SGB III zusammennehmen. Hier übernehmen wir die Beratungsleistung für Rehabilitanden. Daneben gibt es die Behindertenhilfe, Jugendhilfe und die Integrationsämter. Deshalb werbe ich dafür, das Ganze zu vernetzen. Nehmen Sie die „Unterstützte Beschäftigung“, die wir zwei Jahre lang fördern. Beim anschließenden sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis kann eventuell noch eine Begleitung notwendig sein. Wenn das Integrationsamt hier eine Möglichkeit sieht, ist uns das im Sinne der dauerhaften Integration des behinderten Menschen sehr willkommen. Darüber müssen wir uns aber vorher verständigen, damit wir im Sinne des Kunden einen ordentlichen Reha-Plan erarbeiten können. Sie beschreiben aber vollkommen richtig, dass es sehr viele Akteure und Programme gibt. Für den Einzelnen das Richtige zu finden und die richtigen Strippen zu ziehen, ist eine immense Aufgabe. Deshalb: Hut ab vor den Reha-Beratern.

Wenn Sie nach der Rolle der BA fragen, sage ich Ihnen: Bei 98 Prozent Anteil bei der Ersteingliederung könnte man natürlich sagen, wer das Geld zahlt, bestimmt die Musik, aber das eigene Geschäft zu betreiben ist die eine Seite, im Sinne des Kunden zu schauen, wer in der Gemengelage noch mit am Tisch sitzt und wann wer anzusprechen und einzuschalten ist, ist weitaus wichtiger, aber auch schwieriger. Dabei spielen hierarchische, durch die Höhe der Kosten­übernahme begründete Verhältnisse keine Rolle. Hier geht es einzig und allein um die Frage: Wie kann ein optimaler Integrationsplan zustande kommen?

Es gibt gewachsene regionale Strukturen, wo schon gute Kooperationen existieren und es eigentlich keiner Regelung mehr bedarf. Aber jemand muss aus meiner Sicht die Steuerung übernehmen, sei es ein Netzwerktreiber oder ein runder Tisch vor Ort. Wer zu Gesprächen einlädt, welche Gremien geschaffen werden usw., ist dann zweitrangig.

G.I.B.: Wenn man sich die einzelnen Einrichtungen noch einmal ansieht, zum Beispiel Reha-Zentren – was bietet die BA genau an und mit wem arbeiten Sie zusammen?

Dr. Roland Schüßler: Lassen Sie mich über die berufliche Wiedereingliederung einsteigen: Die richtet sich ja an einen Personenkreis, der schon einmal Kontakt zum Arbeitsmarkt hatte, sei es gelernt oder ungelernt. Nach unserem Sprachgebrauch handelt es sich um Personen mit Versicherungszeiten. Im Vordergrund steht hier die Frage: Wie viel Betrieb ist möglich? Welche Einschränkungen sind vorhanden, die jemanden hindern, seinen Beruf auszuüben? Muss derjenige etwas Neues beginnen oder kann er auf seiner bisherigen Tätigkeit aufbauen?

G.I.B.: … also von der technischen Anpassung des Arbeitsplatzes bis zur psychischen Unterstützung.

Dr. Roland Schüßler: Genau. Brauche ich nur den neuen Bürostuhl oder aufgrund der Augenerkrankung den größeren Bildschirm, oder müssen sonstige technische Bedingungen geschaffen werden, damit ich meinen Beruf wieder ausüben kann, oder habe ich körperliche, psychische, geistige Einschränkungen durch eine Erkrankung erfahren. Da unterscheidet sich die Ersteingliederung zunächst nicht von der Wiedereingliederung im Erwachsenenbereich. Man muss sich neu beruflich orientieren mithilfe von Eignungsabklärungen oder Arbeitserprobungsphasen. Wenn es um eine Weiterbildung geht, muss geklärt werden: Kann ich an einer „normalen“ Weiterbildung teilnehmen, weil es beispielsweise nur um die fachliche Ausbildung in meinem gelernten technischen Ausbildungsberuf geht, oder brauche ich doch eine behinderungsbedingt spezielle, vielleicht auch dauerhafte Unterstützung bzw. psychologische oder sozialpädagogische Begleitung? Die Frage ist also in diesem Fall: Wie viel Reha brauche ich?

G.I.B.: Ist der Eindruck richtig, dass es in diesem Bereich genügend differenzierte und qualifizierte Angebote gibt?

Dr. Roland Schüßler: Die Agenturen erstellen eine Bildungszielplanung in der beruflichen Weiterbildung und sehen sich dabei immer beide Seiten an, also die Potenziale auf der Arbeitnehmerseite und die Aufnahmefähigkeit des Marktes. Man darf nicht dem Trugschluss erliegen, dass diese Bildungszielplanung nur auf den Fachkräftebedarf ausgerichtet ist. Da gibt es einen bunten Mix an Berufsfeldern und Qualifikationsstufen. Wir haben uns noch einmal die abschluss­orientierten Maßnahmen angesehen. Für die berufliche Wiedereingliederung reicht nicht immer eine sechsmonatige Anpassungsqualifizierung. Bei einer beruflichen Umorientierung haben wir ein Spektrum von rund 5.000 Eintrittsmöglichkeiten in ganz NRW und da scheitert es auch nicht an Mitteln.

G.I.B.: Wann kommen die Berufsförderungswerke ins Spiel?

Dr. Roland Schüßler: … immer dann, wenn jemand neben der beruflichen Ausbildung und Weiterqualifizierung aus unserer Sicht eine zusätzliche Unterstützung braucht – bis hin zur Internatsunterbringung, weil er eine dauerhafte Begleitung braucht.

G.I.B.: Was versteckt sich hinter dem Begriff der Nachbetreuungsverpflichtung?

Dr. Roland Schüßler: Nach einem zwei- bis dreijährigen Reha-Verfahren hört die Begleitung nicht auf. Unter Integrationsverantwortung verstehen wir die dauerhafte Eingliederung auf den Arbeitsmarkt. Im Falle des Scheiterns müssen die Ursachen geklärt und mögliche Lösungen gefunden werden. Das kann die Prüfung einer Bewerbungsmappe betreffen oder den erneuten Einsatz des Ansprechpartners, der in den letzten Jahren zuständig war. Der Teilnehmer darf am Ende der Maßnahme nicht in ein Loch fallen. Für uns werten wir das aus, indem wir den Integrationsgrad nach der Hauptmaßnahme feststellen. Dabei nehmen wir auch die verantwortlichen Träger in die Pflicht im Sinne von: Was könnt ihr noch in dem Zusammenhang leisten?

G.I.B.: Wenn wir den Blick von der Wiedereingliederung jetzt auf den Übergang Schule – Beruf richten: Mit welchen Unterstützungsmaßnahmen kann man es schaffen, dass Jugendliche aus Förderschulen möglichst in eine duale Ausbildung einmünden?

Dr. Roland Schüßler: Berufsorientierung ist, glaube ich, die Stellschraube für vieles, die berufliche Beratung sattelt dann oben drauf. Wir sammeln im Moment gemeinsam mit dem Land NRW gute Erfahrungen mit vertiefter Berufsorientierung. „Zukunft fördern. Vertiefte Berufsorientierung gestalten“ heißt die Initiative. Schulen können aus insgesamt 10 Modulen zur Berufswahlorientierung wählen, angepasst an ihre individuellen Programme und Konzepte. Viele Berufsentscheidungen sind vom Elternhaus geprägt. Ein beliebtes Beispiel ist der Kfz-Mechaniker. Autos reparieren will jeder, wenn man aber deutlich macht, wie die alltägliche Praxis und der Verdienst aussehen, stellt sich die Situation schon ganz anders dar. Die vertiefte Berufsorientierung will Sequenzen für einzelne Berufsbilder entwickeln und erlebnisorientiert aufarbeiten. Man muss auch bei der Berufsorientierung differenzierte Angebote entwickeln, je nach der Art der Einschränkung. Auch für Menschen mit geis­tiger Behinderung gibt es Alternativen zum Werkstattpraktikum, beispielsweise einen vereinfachten Parcours, wie beim Projekt „Komm auf Tour“. Dies ist ein Angebot in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, findet in der achten Klasse statt und ist erlebnispädagogisch konzipiert. Ein Arbeitsauftrag heißt zum Beispiel „Shoppen gehen“, wobei vorher die Haushaltskasse gerecht aufgeteilt wird und für den ganzen Monat reichen muss. Da zeigen sich ganz neue Talente. Geistig behinderte Menschen bedürfen einer sehr individuellen und personenzentrierten Ansprache. Wichtig ist, dass auch bei den Schulen ein Interesse geweckt wird, diese Konzepte anzunehmen und aktiv zu begleiten. Der Automatismus des Übergangs in eine Werkstatt für Förderschüler entsteht ja dadurch, dass viele Beteiligte das Thema unter dem Versorgungsaspekt und nicht so sehr unter dem Aspekt von Entwicklungsmöglichkeiten sehen.

G.I.B.: Ein methodisches Werkzeug ist in diesem Zusammenhang die Diagnose der Arbeitsmarktfähigkeit, die DIA AM. Warum wurde diese Methode eingeführt und was kann sie leisten?

Dr. Roland Schüßler: Unsere Beratungsfachkräfte verfügen über ein großes Know-how und wir haben versucht, das über Beratungskonzeptionen und Schulungsveranstaltungen immer weiter zu entwickeln. Unsere Mitarbeiter sind also so versiert, dass sie schon eine gute Einschätzung abgeben können – über die Unterstützung der Fachdienste haben wir bereits gesprochen. Trotzdem bleibt ein Beratungsgespräch immer eine Momentaufnahme, mit der wir vielleicht nicht allen Kunden gleich gerecht werden. Insofern finde ich es auch gut, wenn man die Möglichkeit hat, über Arbeitserprobungen oder DIA AM die Arbeitsmarktfähigkeit festzustellen – und das über einen längeren Zeitraum. Wir haben also die Erkenntnisse aus der Berufsorientierung, die wir verstärkt berücksichtigen müssen, und als nächsten Schritt dann ein qualitativ hochwertiges Beratungsgespräch mit Unterstützung der Fachdienste. Das reicht bei den komplexen Lebenslagen, die die Menschen mit sich bringen, aber nicht immer aus. Deshalb benötigen wir Instrumente wie DIA AM, um zu einer gesicherten Analyse zu gelangen.

Dabei geht es um Kompetenzen, die ich nicht in einer Tagesveranstaltung über einen psychologischen Test ermitteln kann. Gerade bei psychisch behinderten Menschen ist deren Leistungsfähigkeit großen Schwankungen ausgesetzt. Das DIA AM-Team kann mit einem Personalschlüssel von 1 : 5 eine sehr auf Kleingruppen orientierte Arbeit leisten, die sich der Frage widmet: Ist überhaupt eine Sozialraum- oder Gemeinschaftsfähigkeit des Einzelnen vorhanden? Man suchte nach einem Diagnose-Instrument losgelöst von einem potenziellen Leistungsträger, denn es werden bei den Betroffenen Erwartungen geweckt nach dem Motto: Wenn ich da einmal angekommen bin, warum soll ich da nicht bleiben? Deshalb hat man diesen Satelliten geschaffen, bei dem nach bestimmten Kriterien die Arbeitsmarktfähigkeit festgemacht wird. Da gibt es unter den Beteilig­ten – Kostenträger, Sozialhilfeträger, Werkstätten – auch Einigkeit. Wenn man die Diagnose herauslöst, ist auch die Bindung zum Auftragnehmer und vielleicht zum Rehabilitanden eine ganz andere.

Es gibt eine ganze Reihe von Rehabilitanden, die sagen: Ich kann mehr, als ihr denkt. Dann besteht die Möglichkeit, das in einem Betrieb auszutesten. Ein Betriebsanteil ist bei dem Instrument, wenn auch nicht als Mussbestimmung, vorgesehen.

G.I.B.: Wie ist der Zugang zu DIA AM geregelt? Kann man sich auch freiwillig dazu melden?

Dr. Roland Schüßler: Die Entscheidung fällt der Reha-Berater. Das Angebot wird von uns vorgehalten, und es ergibt sich im Beratungsgespräch, ob man darauf zurückgreift, vor allem in den Fällen, in denen man im Gespräch nicht zu einer abschließenden Entscheidung kommt.

G.I.B.: Ist das ein Selbstläufer oder muss man die Berater motivieren, eine Empfehlung in Richtung DIA AM auszusprechen?

Dr. Roland Schüßler: Wenn ein Berater zu dem Ergebnis kommt, das wäre eine gute Ergänzung, dann bietet er das auch an. Die Herausforderung für den Berater ist, dass sich häufig der Kunde vielleicht auch mit seinen Eltern schon festgelegt hat, wo er hin möchte. Nicht selten lautet der Weg reflexartig Förderschule – Werkstatt. Das aufzubrechen und klarzumachen: Du hast eine ganz andere Chance, das ist dabei die Herausforderung und nicht so sehr das Problem, dass wir nicht genug Plätze hätten.

G.I.B.: DIA AM ist also auch als eine Strategie zu sehen, den Automatismus des Übergangs in eine Werkstatt zu durchbrechen.

Dr. Roland Schüßler: Genau – bei der Strategie geht es darum, die Kompetenzen der Förderschüler zu entdecken, die unter bestimmten Rahmenbedingungen andere Möglichkeiten als die Werkstatt eröffnen. Wir haben auf der anderen Seite immer auch den Arbeitgeberkunden – wir sprechen da über Themen wie Fachkräftebedarf und Aufnahmefähigkeit des Marktes. Jemanden aus der Förderschule da hinzuführen, ist nicht einfach, das sehe ich ein, aber es gibt in Teilen diese Möglichkeiten und die sollte man nutzen. Wenn DIA AM ein System ist, das uns dabei hilft, ist es eine gute Ergänzung.

G.I.B.: Wird DIA AM auch eingesetzt, wenn jemand aus der Werkstatt aus- und in den ersten Arbeitsmarkt oder „Unterstützte Beschäftigung“ einsteigen möchte?

Dr. Roland Schüßler: Ich will nicht ausschließen, dass für jemanden, der in der Werkstatt war, eventuell eine Pause gemacht und eine andere Richtung eingeschlagen hat und dann wieder auf uns zukommt, der überschaubare Zeitraum von drei Monaten DIA AM sinnvoll sein kann. Allerdings immer in dem Bereich, in dem wir Möglichkeiten für den Betreffenden sehen. DIA AM bildet ein Segment ab, das sich zwischen „Unterstützter Beschäftigung“, Werkstatt für behinderte Menschen und manchmal sogar Berufsvorbereitung abspielt.

G.I.B.: Wie verträgt sich das mit dem Prinzip, erst zu platzieren und dann zu qualifizieren? Ist der Zeitpunkt, an dem DIA AM eingesetzt wird, richtig gesetzt?

Dr. Roland Schüßler: Ich würde das vom Einzelfall abhängig machen. Meine persönliche Einschätzung ist: DIA AM vor die Werkstatt zu setzen, nach dem Motto, dass ich wirklich eine ordentliche Analyse gemacht habe, um die Entscheidung zu treffen, macht für mich Sinn. Aber auch die Übergangssysteme muss man öffnen, also nicht „einmal Werkstatt – immer Werkstatt“. Als nächstes Standbein „Unterstützte Beschäftigung“ einzusetzen, wäre für mich kein Widerspruch, sondern eine sinnvolle Erweiterung.

G.I.B.: Was ist notwendig, um den Übergang von „Unterstützter Beschäftigung“ (UB) in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu ebnen? Was bietet die BA an, damit der Effekt nachhaltig ist?

Dr. Roland Schüßler: Aus meiner Sicht sind zwei Jahre „Unterstützte Beschäftigung“ ein langer Zeitraum; man kann das nicht endlos strecken. Wir haben die Rückholtage und die Kombination aus Träger und Qualifizierung bei dem Arbeitgeber. Nach zwei Jahren sollte ein Bild von dem Menschen entstanden sein und die Entscheidung getroffen werden können: Den kann ich mir in meinem Betrieb, unter den gegebenen Rahmenbedingungen vorstellen. Dann sind wir eher wieder der Netzwerktreiber, der die Verknüpfung zum Integrationsamt herstellt und vielleicht noch eine passgenaue Begleitung anbieten kann.

Zwischen den Zeilen heißt Ihre Frage ja, ob wir noch einmal mit einem Zuschuss in die Förderung einsteigen. Das möchte ich nicht gänzlich ausschließen, wäre für mich aber an der Stelle nicht systemimmanent. Wir bieten in den zwei Jahren genug Möglichkeiten, um die Vermittlungshemmnisse zu klären und im gemeinsamen Gespräch mit dem Arbeitgeber nach Lösungen zu suchen, zum Beispiel in Form einer zusätzlichen Begleitung durch einen Dritten.

Alle sprechen von Inklusion. Für mich ist die tragende Säule die Integration in Arbeit. Werden Arbeitgeber schon frühzeitig und nicht erst nach dem Maßnahmeaustritt eingebunden, lässt sich der Übergang wesentlich einfacher gestalten. Wenn die Teilhabe am Arbeitsleben nicht funktioniert, ist die Inklusion ein Papiertiger. Die Erkenntnis, dass es Talente und viel Potenzial für eine Integration von Menschen mit Behinderungen gibt, setzt sich meiner Meinung nach erst dann durch, wenn bereits bei Bildung und Qualifizierung Inklusion realisiert wird.

Das Interview führten

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767-152
m.keuler@gib.nrw.de

Richard Osterholt
Tel.: 02041 767-153
r.osterholt@gib.nrw.de

Kontakt

Dr. Roland Schüßler
Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen
Josef-Gockeln-Str. 7
40474 Düsseldorf
Artikelaktionen