Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2011 Fachkräftesicherung Regel oder Ausnahme
(Heft 1/2011)
Prekäre Beschäftigung in der Weiterbildung

Regel oder Ausnahme

Die Arbeitsbedingungen in der Fort- und Weiterbildung weisen zunehmend atypische Züge auf. Unregelmäßige Auftragslagen, häufig wechselnde Arbeits- und Aufgabenfelder, befristete bzw. hauptberufliche Honorartätigkeiten, Abend- und Wochenendarbeit und alles zu Stundenlöhnen, die zum Teil weit unterhalb der gewerkschaftlichen Mindestlohnforderung für pädagogische Mitarbeiter liegen.

Von dem seit Jahren zu beobachtenden Prekärisierungsschub in der Weiterbildung betroffen sind sowohl sozialversicherungspflichtig Beschäftigte als auch selbstständig Tätige.

Dieses Bild zeichnet eine 2005 veröffent­lichte Studie des Instituts für Wirtschaft- und Sozialforschung (WSF). Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung untersuchte das WSF die berufliche und soziale Lage der rund 650.000 Lehrenden im Weiterbildungssektor. 1,6 Mio. Beschäftigungs- und Tätigkeitsverhältnisse in der Weiterbildung weist die Studie für den Untersuchungszeitraum 2004 aus. Mit rund 1,4 Mio. wurde der überwiegende Teil als reine Lehrtätigkeiten definiert.

Anhand der Relation zwischen der Anzahl der Gesamtbeschäftigten und den absoluten Tätigkeiten wird deutlich, dass Mehrfachbeschäftigung keine Ausnahme bildet. Ein Blick auf die Ausgestaltung der Beschäftigungsverhältnisse der Lehrenden zeigt, lediglich 14 % wurden im Rahmen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ausgeführt. Mit 74 % bildeten selbstständig Tätige und Honorarkräfte die stärkste Gruppe. Ein Mix von kurzfristigen Aufträgen bei wechselnden Auftraggebern sowie geringe Honorarsätze, die nicht zur Deckung des Existenzminimums ausreichen, sind gängige Charakteristika selbstständiger Honorartätigkeit in der Weiterbildung.

Im Zentrum der aktuellen Diskussion um Niedriglöhne steht die öffentlich geförderte Aus- und Weiterbildung nach dem zweiten und dritten Sozialgesetzbuch (SGB). Seit der Umsetzung der Hartz-Regulierungen ist dieser Bereich immer wieder von dras­tischen Einsparungen betroffen. Angaben der Gewerkschaft ver.di zufolge sind Bruttoeinkommen unterhalb von 2.000 € für qualifizierte pädagogische Mitarbeiter in dem Branchensegment bereits seit längerer Zeit keine Seltenheit mehr. Finanziell weitaus schlechter gestaltet sich die Einkommenssituation für die am Markt agierenden Honorarkräfte, deren monatliches Einkommen oftmals 1.200 € nicht übersteigt.

Arbeitsbedingungen im Wandel
 

Inwieweit die Arbeitsbedingungen in der allgemeinen Weiterbildung prekäre Züge aufweisen, war Untersuchungsgegenstand einer 2009 von der GEW in Auftrag gegebenen Studie des Instituts für Berufs- und Weiterbildung (IBW) an der Universität Duis­burg-Essen. Über leitfragengestützte Interviews wurden Festangestellte und selbstständig tätige Dozenten hinsichtlich ihrer Beschäftigungssituation befragt. Auch wenn die Studie keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erhebt, ermöglichen die Ergebnisse doch einen Einblick in die realen Beschäftigungsbedingungen pädagogischen Fachpersonals in der allgemeinen Weiterbildung. Sie zeigen: Anhaltende Kosteneinsparungen drücken den Preis und die Qualität der Weiterbildungsleistungen immer weiter nach unten. Dieser Trend bleibt letztendlich nicht ohne negative Folgen für die Beschäftigten. „Niedrige Einkommen, flexible Arbeitseinsätze, zeitlich verdichtete Arbeit, erhebliche Belastungen und das Gefühl, zunehmend mit Aufgaben konfrontiert zu sein, die der beruflichen Ausbildung nicht entsprechen“, so beschreiben die Forscher die vorherrschenden Arbeitsbedingungen in der allgemeinen Weiterbildung.

Besonders zu schaffen macht den Befragten die Aushöhlung der Tätigkeitsprofile durch Hinzunahme fachfremder Aufgaben. Dem eigenen Selbstverständnis nach steht nicht mehr die Vermittlung von fachlichen Inhalten im Zentrum des Unterrichts, sondern vielmehr die sozial-integrative Betreuung und Beratung besonderer Zielgruppen. Das Fundament, auf dem die Unterrichts- und Lerninhalte der Dozenten vielfach aufbauen müssen, bilden soziale Benachteiligung, kulturelle Unterschiede, starke Lerndefizite und z. T. erhöhte Gewaltbereitschaft der Teilnehmenden. Viele der „Weiterbildungspädagogen“ fühlen sich in der Rolle des „intervenierenden Sozialarbeiters“ überfordert. Die Notwendigkeit, sich im Schnellverfahren inhaltlich und methodisch-didaktisch auf neue Themenfelder und besonders benachteiligte Zielgruppen einzulassen, fordert den Beschäftigten ein hohes Maß an Flexibilität und Stress-Bewältigungsstrategien ab. Dass diese Art von Flexibilität recht schnell zu einer dauerhaften Spirale der Selbstausbeutung werden kann, darauf weist die GEW-Studie hin. Fehlende Inves­titionen in die eigene Employability, Resignation und Burn-Out-Erscheinungen bei dem Lehrpersonal sind die Folgen.

Erosion der Normalarbeit
 

Als durchweg unsicher muss die Einkommenssituation für die Gruppe der hauptberuflichen Honorarkräfte bezeichnet werden. Monatliche Einkommen zwischen 800 und 1.100 € sind mittlerweile gängig. Zu vergleichbaren Werten kommt auch mediafon, der ver.di-Beratungsservice für Selbstständige. Für den Zeitraum 2009 – 2010 konnten 207 Angaben zu Honorarsätzen aus unterschiedlichen Bereichen der Aus- und Weiterbildung ausgewertet werden. Erschreckend hierbei: Mit 69,1 % war der überwiegende Anteil der Honorarsätze zwischen 10 bis 20 € je Unterrichtseinheit angesiedelt. Wer aber als Selbstständiger von seinem Honorareinkommen nach 45 Versicherungsjahren zumindest eine Rente in Höhe der Grundsicherung von 676 € ansparen möchte, muss ver.di-Berechnungen zufolge ein Minimum von 24 € pro Unterrichtseinheit erwirtschaften. Stundensätze, in annähernder Größenordnung finden sich im Hochschulbereich sowie in der privat finanzierten beruflichen Weiterbildung. Hier wird durchaus mit Honorarsätzen von durchschnittlich 45 € kalkuliert.

Vergleichsweise geringe Entlohnungsbedingungen für Honorarkräfte bietet der öffentlich geförderte Bildungsbereich. Nach Angaben von mediafon handelt es sich hierbei z. B. um den von der Bundesagentur für Arbeit geförderten Bereich der Aus- und Weiterbildung und das Segment der Bewerbungstrainings. Dort lagen die erzielten Durchschnittshonorare zwischen 16,02 € und 16,40 € pro Unterrichtseinheit. Häufig handelt es sich bei den gezahlten Honorarsätzen um Pauschalbeträge, d. h. weder zusätzliche Kosten für An- und Abfahrt noch für Materialbeschaffung etc., können geltend gemacht werden. Es ist eine Vielzahl von Fällen bekannt, bei denen das monatliche Einkommen so gering ausfällt, dass die Betroffenen zur Senkung ihrer Ausgaben z. B. die für „Lehrende“ bestehende Rentenversicherungspflicht umgehen und somit bewusst gegen das geltende Sozialrecht verstoßen.

Auch für die Festangestellten der Branche haben sich in den letzten Jahren erhebliche Einschnitte hinsichtlich der Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen ergeben. Laut ver.di sind seit Einführung der Hartz-Gesetze berufliche Weiterbildungsmaßnahmen um über 70 % gekürzt worden, wodurch rund 30.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im Segment der Aus- und Weiterbildung abgebaut wurden. Daneben muss­ten die Beschäftigten Lohneinbußen von bis zu 30 % hinnehmen und das, obwohl sich die Einkommenshöhe innerhalb der Branche bereits seit Längerem auf einem relativ niedrigen Niveau bewegt. Vollzeit-Brutto-Einkommen für qualifiziertes pädagogisches Personal unterhalb von 2.000 € gehören zum Alltag. Aus Sachsen-Anhalt sind sogar Monats-Gehälter für Vollzeitstellen in der Berufsvorbereitung bekannt, die gerade einmal mit 1.200 € entlohnt werden. Ferner hält der Trend an, Aufträge ver­stärkt über Honorarkräfte abwickeln zu lassen. Vor dem Hintergrund weiterer finanzieller Kürzungen im Weiterbildungsbereich ist zukünftig eher mit einer Zu-  als Abnahme von Honorartätigkeiten zu rechnen.

Modernisierung des Vergaberechts
 

Maßgeblich für die Einkommenskrise verantwortlich gemacht werden Mittelkürzungen und Vergabepraxis der Bundesagentur für Arbeit. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lassen sich tiefgreifende Kürzungen in der beruflichen Weiterbildung seit Inkrafttreten der Hartz-Gesetzgebung beobachten. So ist die Zahl der Teilnehmer im Zeitraum von 2002 bis 2008 von rund 300.000 auf 120.000 Personen gesunken. Parallel kam es zu erheblichen Einsparungen bei den Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit. So wurden allein zwischen 2002 und 2004 die Ausgaben für berufliche Weiterbildung von 6,7 Mrd. auf 3,6 Mrd. € zurückgefahren. In den Folgejahren hielt der Sparzwang weiter an. Für 2011 rechnet der Verband deutscher Privatschulen e. V. (VDP) mit weiteren Einsparungen bei den Gesamtausgaben für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen – im Vergleich zum Haushalt 2010 um 2,57 Mrd. €.

Harsch in der Kritik steht neben der seit dem 1.1.2009 geltenden Instrumentenreform, die nach § 46 SGB III bzw. § 16 SGB II zwingend die Anwendung des Vergaberechts fordert, auch die seit Mitte Juni 2010 in Kraft getretene Neufassung der Vergabeverordnung für Leistungen (VOL/A). Danach müssen Arbeitsmarktdienstleistungen grundsätzlich weiterhin nach einem Wettbewerbsverfahren öffentlich ausgeschrieben werden. Die Wettbewerbsbedingungen gelten nach dem ersatzlosen Wegfall von § 7 Nr. 6 VOL/A 2006 nunmehr für privatwirtschaftlich-kommerzielle als auch für gemeinnützige Bildungseinrichtungen gleichermaßen. Für den über SGB II- bzw. SGB III-Mittel geförderten Weiterbildungsbereich haben die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Folge, dass die Abwicklung der Vergabeverfahren zumeist nicht mehr unter Regie der örtlichen Agenturen oder Jobcenter, sondern über die regionalen Einkaufscenter erfolgt. Damit haben die Agenturen bzw. Jobcenter in der Praxis einen Teil ihrer Entscheidungsfindung für die Umsetzung von Maßnahmen als auch die Option der freihändigen Vergabe nach Richtpreisen verloren. Anhaltende Mittelkürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik sowie eine verschärfte Wettbewerbssituation erhöhen den Preisdruck auf die Weiterbildungsträger. Die Ergebnisse des zu beobachtenden Unterbietungswettbewerbs sind Ausgründungen, Gehaltskürzungen, Niedrigstlöhne bei Neueinstellungen, ausufernde Arbeitszeitregelungen, Personalabbau sowie verstärkte Übergänge zu Honorarverträgen.

Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn
 

Aufgrund dieser Entwicklungen wurden Forderungen nach Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns für die Beschäftigten der Weiterbildung lauter. Um branchenspezifische Mindestlöhne einzuführen, hatten ver.di, die GEW sowie der Bundesverband der Träger beruflicher Bildung (BBB) am 27. März 2008 einen Antrag auf Aufnahme in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz (AEntG) gestellt. Die Begründung der Antragsteller: „Für den überwiegenden Teil der Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen ist nach wie vor der Preis das ausschlaggebende Kriterium, nicht die Qualität des Angebots. Das führt zu einer Abwärtsspirale, gegen die allein ein branchenweiter Mindestlohn etwas ausrichten kann“, so eine Stellungnahme des ver.di-Bundesvorstands.

Da die Aufnahme in das AEntG allein für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns nicht ausreicht, waren die Tarifvertragsparteien gefordert, einen Branchentarifvertrag auszuhandeln, der in letzter Instanz vom Bundesarbeitsministerium für allgemeinverbindlich erklärt werden muss. Die unter den Tarifpartnern ausgehandelten Mindestlöhne sahen für pädagogisch tätige Beschäftigte, die im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit bzw. Praxisanleitung arbeitslose SGB II- und SGB III-Beziehende qualifizieren, Anfangsstundenvergütungen von mindes­tens 12,28 Euro (West) sowie 10,93 Euro (Ost) vor. Für Verwaltungsmitarbeiter wurden Stundenlöhne von 10,71 Euro (West) und 9,53 Euro (Ost) vereinbart. Nach erfolgter Allgemeinverbindlichkeitserklärung würden die Regelungen für rund 23.000 Beschäftigte des Teilsegments gelten.

Im Oktober 2010 lehnte das Bundesminis­terium für Arbeit und Soziales die Allgemeinverbindlichkeitserklärung des Mindestlohn-Tarifvertrags aufgrund „fehlender Repräsentativität und mangelnden öffentlichen Interesses“ ab. Aus Sicht der Antragsteller eine herbe Fehlentscheidung, da ihrer Meinung nach mit rund 70 % Tarifbindung ein ausreichendes Maß an Repräsentativität innerhalb des Branchensegments gegeben ist. Nicht nachvollziehbar für die Tarif-Zweckgemeinschaft ist zudem das Argument des mangelnden öffentlichen Interesses – stellt doch die außerbetriebliche Qualifizierung arbeitsloser Menschen sowohl ein hohes volkswirtschaftliches (Diskussion um Fachkräftemangel) als auch sozialpolitisches Gut dar. Aufseiten des Bundes ist mit weiteren Kürzungsvorhaben zu rechnen. Ohne gesetzliche Mindestlöhne wird sich die Lage der Beschäftigten zunehmend verschlechtern, davon sind die Gewerkschaften überzeugt. Um die Entscheidung der Arbeitsministerin von der Leyen nachträglich zu revidieren, startete die GEW unter dem Motto „gute Bildung braucht Qualität und Qualität hat ihren Preis“ eine Unterschriftenaktion. Der Unterzeichnung des „Weimarer Aufrufs“ sind bisher rund 8.000 Personen gefolgt. Ein Appell ging zudem an die Bundestagsabgeordneten, weiteren Einsparungen in der Weiterbildung etwas entgegenzusetzen.

Anfang 2011 erhielt die Diskussion um Mindestlöhne im Rahmen der Verhandlungen um die Hartz IV-Reform neuen Aufwind. Auf Drängen von SPD und GRÜNE wurden branchenspezifische Lohnuntergrenzen am Verhandlungstisch diskutiert und ein Kompromiss mit den Regierungsparteien ausgehandelt. Die Einigung sieht vor, dass zukünftig für Leiharbeitnehmer sowie für Beschäftigte im Sicherheitsgewerbe und der Weiterbildung verbindliche Mindestlöhne greifen. Passend zum Inkrafttreten der Regulierungen zu „Arbeitnehmerfreizügigkeit und Dienstleistungsfreiheit in der EU“ sollen für Beschäftigte der Zeitarbeit bereits zum 1. Mai 2011 verbindliche Mindestlöhne gelten. Hierzu wird im Arbeitnehmer­überlassungsgesetz eine Lohnuntergrenze festgesetzt, die sich am jeweiligen tariflichen Mindestlohn orientiert (derzeit 7,60 € West bzw. 6,65 € Ost). Sowohl für die Branchen des Wach- und Sicherheitsgewerbes (einschl. Geld- und Werttransporte) als auch für die Aus- und Weiterbildung sind die Tarifparteien aufgefordert, entsprechende Lohnuntergrenzen nach dem AEntG festzusetzen. Am 25.02.2011 gaben Bundestag und Bundesrat grünes Licht für das weitere Verfahren. Nun liegt es an den Tarifparteien einen tragfähigen Konsenz zu finden.

Gute Arbeit – Perspektiven für die Weiterbildung NRW
 

Unterstützt werden die Mindestlohnforderungen vonseiten der neuen Landesregierung in NRW. Entsprechend dem Motto „Gute Arbeit für NRW“ folgt das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW (MAIS) der Zielsetzung, sich für „sichere, gesunde und angemessene Bezahlung der Beschäftigten“ starkzumachen und entschieden gegen prekäre Beschäftigung vorzugehen (s. G.I.B.-Info 4_2010). Im Zentrum stehen die Forderungen des Arbeitsministers Guntram Schneider nach der Verankerung gesetzlicher Mindestlöhne auf Ebene des Bundes sowie die Regulierung der Zeitarbeit.

Die angespannte Lage im Bereich der Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen nach dem SGB II und SGB III ist der Landesregierung NRW durchaus bewusst, weshalb die neus­ten Entwicklungen zur Einführung eines Mindestlohns begrüßt werden. Um der Zielsetzung einer nachhaltigen Wiedereingliederung Arbeitsloser sowie der Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit zu entsprechen, wird die Landesregierung sich weiterhin auf Ebene des Bundes dafür einsetzen, trotz aller gebotenen Sparmaßnahmen, die Haushaltsmittel der Bundesagentur für Arbeit bei Fortbildungen, Umschulungen und Eingliederungen nicht noch weiter zu kürzen. Auch wird das MAIS NRW im Austausch mit den Regionaldirektionen der Bundesagentur darauf hinwirken, Qualitätsstandards einzuhalten und hochwertige Bildungsdienstleistungen einzukaufen.

Neben diesen Einflussmöglichkeiten auf Bundesebene ergeben sich auch Handlungsspielräume im Zuge der eigenen Mittelverantwortung, z. B. im Rahmen der Programm­änderung des Ziel 2-EFRE-Programms NRW. Fortan besteht die Möglichkeit, EFRE-Mittel auch für Qualifizierungsmaßnahmen einzusetzen. Dies gilt sowohl bei der Ausgestaltung des Sonderprogramms „Qualifizierung und Innovation zur Fachkräftesicherung im Mittelstand“ als auch für den gemeinsam von MAIS und dem Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr NRW sich konzeptionell in der Arbeit befindlichen Ansatzes zur sozialräumlichen Arbeitspolitik in städtischen Problemgebieten. Unter dem gemeinsamen Dach der „Lokalen Ökonomie“ sollen zukünftig passgenaue Lösungsansätze zur Integration arbeitsloser Zielgruppen in benachteiligten Quartieren umgesetzt werden. Zwingende Voraussetzung für eine gute Qualifizierungspolitik ist eine leistungsfähige Weiterbildungsinfrastruktur, weshalb die Weiterbildungsträger in NRW im Rahmen der förderrechtlichen Möglichkeiten auf die Unterstützung des Landes zählen können. In den Fokus rückt hierbei sowohl die sachliche Ausstattung über Landes- und EFRE-Mittel als auch die Weiterentwicklung von Lehrangeboten bei ESF-Modellprojekten. Ebenfalls zugute kommt den Trägern die Förderung der Weiterbildungsbeteiligung durch den Bildungsscheck.

Bei der Vergabe von Landesmitteln wird die Landesregierung – soweit möglich – verstärkt darauf achten, „seriöse Weiterbildungs-Träger“ an der Umsetzung zu beteiligen. In diesem Kontext kommt der Wiedereinführung des Tariftreuegesetzes eine besondere Bedeutung zu. Im Koalitionsvertrag haben sich GRÜNE und SPD darauf verständigt, das von der alten schwarz-gelben Landesregierung direkt nach Amtsantritt abgeschaffte Tariftreuegesetz zu revitalisieren. So heißt es in der Vereinbarung: „In Abstimmung mit den Kommunen [wird] ein neues EU-konformes Tariftreuegesetz entwickel[t], das weder bei den Kommunen noch in den Unternehmen zu bürokratischen Durchführungshemmnissen führt. Tariftreue bedeutet fairer Wettbewerb – international und vor Ort. Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen schützt Arbeitnehmer wie Unternehmen vor Lohndumping und Wettbewerbsverzerrung.“

Auf der Ebene der Bundesländer lässt sich seit 2009 ein Comeback der Tariftreue beobachten. So sind in Bremen, Berlin und Rheinland-Pfalz neue Tariftreue- und Vergabegesetze in Kraft getreten, die durchaus auch Vorbildcharakter für NRW haben könnten. Die Besonderheit der gesetzlichen Regelungen dieser Länder besteht darin, mit neuen Instrumenten wie „vergabespezifischen Mindestlöhnen“ zu arbeiten. Öffentliche Aufträge können somit ausschließlich an Unternehmen vergeben werden, die ihre Mitarbeiter nachweislich zumindest mit 7,50 € (Berlin) bzw. 8,50 € (Rheinland-Pfalz sowie nach Anhebung des Stundensatzes um 1 € zukünftig auch Bremen) pro Stunde vergüten. Liegen die Tarifentgelte der entsprechenden Branchen über dem vergabespezifischen Mindestlohn, müssen die­se eingehalten werden. Lohnenswert zu prüfen wäre zudem, inwieweit auch vergaberechtliche Mindeststandards für freiberufliche Honorartätigkeiten z. B. in der Weiterbildung Eingang in ein neues Vergabegesetz NRW finden könnten.

Abstract

In der Fort- und Weiterbildung häufen sich zunehmend Indikatoren atypischer Beschäftigung sowohl bei sozialversicherungpflichtigen als auch bei freiberuflichen Beschäftigungsverhältnissen. Diese Beobachtungen bestätigen Studien des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der GEW aus den Jahren 2005 und 2009. Wechselnde Auftraggeber, eine unsichere Auftrags- und Einkommenslage sowie die Notwendigkeit, sich im Schnellverfahren inhaltlich und methodisch-didaktisch auf neue Themenfelder und besondere Zielgruppen einzulassen, fordert den Beschäftigten ein hohes Maß an Flexibilität und Stress-Bewältigungsstrategien ab. Trotzdem liegt die Entlohnung immer öfter weit unterhalb der gewerkschaftlichen Mindestlohnforderung für pädagogische Mitarbeiter. Besonders betroffen scheint der Bereich der Weiterbildung nach dem SGB II und SGB III. Um die Abwärtsspirale aufzuhalten und einen gesetzlichen Mindestlohn zu etablieren, stellte ein Zusammenschluss von ver.di, GEW und BBB 2008 einen Antrag zur Aufnahme in das AEntG und handelte den notwendigen Branchentarifvertrag aus. 2010 wurde der Antrag auf Allgemeinverbindlichkeit mit der Argumentation der fehlenden Repräsentativität und des fehlenden öffentlichen Interesses vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales abgelehnt. Neuen Aufwind erhielt die Diskussion um Lohnuntergrenzen im Rahmen der Verhandlungen um die Hartz IV-Reform im Februar 2011. Unterstützung erhalten die Mindestlohnforderungen vom MAIS NRW, das sich für eine Verankerung gesetzlicher Mindestlöhne auf Bundesebene sowie für die Regulierung der Zeitarbeit starkmacht. Ferner will die Landesregierung NRW laut Koalitionsvereinbarung das Tariftreuegesetz revitalisieren, wodurch die Möglichkeit bestünde, vergabespezifische Mindeststandards einzuführen, ein Trend, der sich bereits in Bremen, Berlin und Rheinland-Pfalz durchgesetzt hat.

Weiterführender Link

GEW-Gutachten (2009): Beschäftigung in der Weiterbildung. Prekäre Beschäftigung als Ergebnis einer Polarisierung in der Weiterbildungsbranche?
http://www.gew.de/Binaries/Binary57566/Dok%2009-2009.pdf

Autor

Lars Czommer
Büro für sozialwissenschaftliche Arbeit
Tel.: 0160 1516292
buero@czommer.de
Artikelaktionen