Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2011 Fachkräftesicherung Integration nicht dem Zufall überlassen
(Heft 1/2011)
Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in Duisburg

Integration nicht dem Zufall überlassen

Was wird in einer Stadt wie Duisburg, in der ganze Stadtteile von Menschen mit Zuwanderungshintergrund geprägt sind, getan, damit die vorhandenen Hilfsangebote zur Arbeitsmarktintegration und zur Integration generell auch bei diesen Menschen ankommen?

Gibt es in Duisburg und anderswo neue Ansätze zur Ansprache von Migranten? Was tun Migrantenselbstorganisationen, um die Integration voranzubringen? – Das sind nur einige der Fragen, die auf dem von der G.I.B. organisierten Workshop „Neue Wege der Ansprache und Aktivierung zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Migrationshintergrund“, der am 6. Dezember 2010 in Düsseldorf stattfand, beantwortet wurden. 80 Vertreter von Wohlfahrtsverbänden, Bildungseinrichtungen, ARGEn, Städten und Kreisen, Kammern, Migrantenselbstorganisationen und -Unternehmen aus ganz Nordrhein-Westfalen nahmen die Gelegenheit wahr, ihre Erfahrungen auszutauschen, neue Integrationskonzepte und -strategien zu diskutieren und voneinander zu lernen.

Drei innovative Projekte standen im Mittelpunkt des Workshops: Bei „Perestrojka“ aus der Region OWL geht es um einen neuen Ansatz der Zusammenarbeit von Arbeitsmarktakteuren und Migrantenselbstorganisationen zur Integration von Spätaussiedlern und Migranten aus der GUS in den Arbeitsmarkt. Im Rahmen von „SprInt – Sprach- und Integrationsmittlung“ werden in Wuppertal Menschen mit Migrationshintergrund zu Sprach- und Integrationsmittlern ausgebildet. Die Stadt Duisburg hat mit ihrem „Kommunalen Konzept zur arbeitsmarktlichen Aktivierung und Integration von Menschen mit Migrationshintergrund“ einen quasi alle gesellschaftlichen Bereiche erfassenden Ansatz entwickelt.

Integrationsstadt Duisburg
 

Dass Duisburg besonders eindrucksvoll zeigt, was auf kommunaler Ebene in puncto Integration alles möglich ist, kommt nicht von ungefähr. In der Hafenstadt am Rhein mit nicht ganz 500.000 Einwohnern leben Menschen aus 150 Nationen. Der Anteil der Duisburger mit Migrationshintergrund beträgt 32,3 Prozent. Das sind fast 160.000 Menschen. Die Stadt gehört damit zu den zehn deutschen Städten mit dem höchsten Zuwandereranteil, ist also eine der multikulturellsten Städte in der Bundesrepublik. Beim Anteil der türkischstämmigen Zuwanderer liegt Duisburg sogar ganz vorn. Rund 50 Prozent stammen aus der Türkei – in keiner deutschen Großstadt ist der Anteil höher. Betrachtet man nur die junge Generation, sind die Zahlen noch eindrucksvoller: Die Hälfte aller in der Stadt lebenden Kinder unter sieben Jahren hat ausländische Wurzeln.

„Man kann die Integration vor dem Hintergrund dieser Zahlen nicht dem Zufall überlassen“, stellte Marijo Terzic, stellvertretender Integrationsbeauftragter der Stadt Duisburg, auf der G.I.B.-Veranstaltung fest. Schon seine Arbeitsstelle, das Referat für Integration, zeigt, dass es
Duisburg ernst meint mit der Integration. Die städtische Einrichtung wurde 2007 gemäß den Handlungsempfehlungen zweier großer städtischer Integrationskonferenzen in den Jahren 2005/2006 neu ausgerichtet und als Querschnittsamt direkt dem Dezernat des Oberbürgermeisters angegliedert. „In Duisburg hatte man erkannt, dass es eine starke koordinierende Stelle geben muss, wenn Integration gelingen soll“, so Marijo Terzic.

Die Leiterin des Referats, die Integrationsbeauftragte Leyla Özmal, ist als Mitglied im Verwaltungsvorstand an allen städtischen Entscheidungen beteiligt. Das Referat berät und begleitet die städtischen Ämter und Institutionen bei ihrer interkulturellen Ausrichtung. Außerdem fungiert das Referat für Integration als koordinierende Stelle, die den Überblick über die zahlreichen Integrationsmaßnahmen in Duisburg gewährleistet, Kontakte zu allen Akteuren in der Duisburger Integrationsarbeit unterhält und nicht zuletzt auch neue Impulse in die Integrationsentwicklung in Duisburg einbringt.

Das Referat hat 2009 das „Duisburger Integrationskonzept“ erarbeitet, das sowohl die theoretischen Grundlagen als auch konkrete Ziele und Schwerpunkte der Arbeit des Referats benennt und verdeutlicht, wie sich die Kommune das Zusammenleben in Duisburg vorstellt. Arbeitsbereiche des Referats für Integration sind: Netzwerkarbeit, Geschäftsstelle des Integrationsrates, Arbeit mit Migrantenselbstorganisationen (MSO), interkulturelle Kulturarbeit, interkulturelle Ausrichtung der städtischen Verwaltung und Einrichtung und Pflege des Internetportals ISI, das unter dem Motto „Wir sind DU“ das Ziel verfolgt, alle Akteure und Angebote der Integrationsarbeit in Duisburg zu vernetzen und für jedermann zugänglich zu machen.

Ein weiterer interessanter Ansatz des Referats für Integration ist die Arbeit mit sogenannten „Integrationslotsen“. Das sind rund 30 ehrenamtlich tätige Duisburger, die nach umfangreichen, mit Mitteln des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration geförderten Schulungen seit März 2007 Zuwanderern bei Sprachproblemen und Orientierungsschwierigkeiten ebenso helfen wie bei behördlichen Formalitäten und der Eingliederung in die Arbeitswelt, ins Schulsystem oder andere Gesellschaftsstrukturen. „Hand reichen, Weg weisen, Brücken bauen”, heißt das Motto.

Die Integrationslotsen, die insgesamt 15 Sprachen beherrschen, werden vom Referat für Integration betreut und vermittelt und kommen auf durchschnittlich 20 Einsätze pro Monat. Ähnliche Ansätze gibt es mittlerweile in vielen Städten und Kreisen. Im Regierungsbezirk Detmold werden ebenfalls Integrationslotsen und Multiplikatoren geschult und eingesetzt. In Oberhausen arbeiten Mediatoren auf Honorarbasis, die für bestimmte Bereiche wie Gesundheit, Bildung, Schule, Kultur und Nachbarschaft in 15-monatigen Qualifizierungsmaßnahmen geschult wurden. Auch diese Konzepte wurden auf dem Workshop vorgestellt.

Integrationsbefragung als Arbeitsgrundlage
 

Um ihre Integrationsarbeit auf eine solide Basis zu stellen, hat die Stadt Duisburg von 2007 bis 2009 als erste deutsche Stadt, gefördert im Rahmen des KOMM-IN-Programms des Landes NRW, eine Integrationsbefragung durchführen lassen. Weitere Kommunen sind dem gefolgt, beispielsweise Köln. Die Ergebnisse – zum Beispiel die genannten Zahlen zu Einwohnern mit Zuwanderungsgeschichte – wurden im vergangenen Jahr veröffentlicht. Wichtig und innovativ war bei dieser Befragung aber, dass es nicht nur um Zahlen ging oder darum, wie es strukturell um die Integration in Teilbereichen wie dem Wohnungsmarkt oder der Bildung bestellt ist („strukturelle Indikatoren“), sondern auch darum, „wie die gefühlte Integration in Duisburg“ ist, so Marijo Terzic.

Der Bericht zur Integrationsbefragung widmet diesen subjektiven Indikatoren, sowie Einstellungen und Verhaltensweisen sogar mehr Raum als den Zahlen und Fakten. Und noch unter einem anderen Aspekt unterschied sich die Befragung vom üblichen Vorgehen: „Von den insgesamt 2.600 befragten Personen waren 1.600 Deutsche. Dass man auch die Mehrheitsgesellschaft einbezogen hat, macht diese Befragung zu etwas Besonderem“, verdeutlichte Ercan Idik von der Entwicklungsgesellschaft Duisburg, EG DU, auf dem Workshop.

Strukturell ist vor allem der Vergleich von Bildungs- und Berufsabschlüssen relevant. Während sich die Erfolgsquoten bei mittleren und höheren Bildungsabschlüssen angleichen, zeigen sich bei niederen Bildungsabschlüssen deutliche Unterschiede. So liegt die Zahl der Zugewanderten ohne Schulabschluss (7,3 %) mehr als sechsmal so hoch wie bei Deutschen (1,1 %). Betrachtet man nur die Frauen, sehen die Zahlen noch schlechter aus – 13,7 Prozent der Zuwanderinnen haben keinen Schulabschluss. Auch beim Berufsabschluss liegen Zuwanderer hinten. 45,2 Prozent können keine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen gegenüber 17,4 Prozent bei den Deutschen. 56 Prozent der Deutschen haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, aber nur 24,8 Prozent bei den Zugewanderten. Auch hier schneiden Frauen schlechter ab: 21 Prozent ohne Berufsabschluss bei den Deutschen stehen 48,7 Prozent bei den Zugewanderten gegenüber.

Dr. Jens Stuhldreier, Leiter der Regional­agentur NiederRhein, der die Zahlen auf dem G.I.B.-Workshop präsentierte, hält es deshalb auch für unabdingbar, in der zukünftigen Ausgestaltung der Landesarbeitsmarktpolitik besonders die zugewanderten Frauen stärker in den Blick zu nehmen. Berufsabschlüsse mit höherer Qualifikation betrifft das weniger: Analog zu den höheren Schulabschlüssen, gibt es auch bei höher qualifizierten Berufsabschlüssen weder bei Frauen noch bei Männern große Unterschiede zwischen Deutschen und Zuwanderern. Insgesamt führen die schlechteren Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse dazu, dass Zuwanderer in Duis­burg niedrigere Einkommen beziehen, häufiger erwerbslos sind (14 % gegenüber 6,7 %) und auch häufiger Transferleistungen in Anspruch nehmen als Deutsche (51,5 % gegenüber 33,6 %). Interessanterweise liegt die Jugendlichen-Arbeitslosenquote in Duis­burg mit 9,7 % bei Deutschen und 10,2 % bei Zuwanderern entgegen der bisherigen Vermutung fast gleichauf.

Wichtige Hinweise zur „gefühlten“ Integration
 

Wie steht es nun aber mit der gefühlten Integration? – Einer der Dreh- und Angelpunkte bei der Integration ist unbestritten die individuelle Sprachkompetenz. Die Zuwanderer selbst zeigen ein heterogenes Bild bei der Einschätzung der eigenen Sprachbeherrschung. Während ältere Zuwanderer ihre Deutschkenntnisse schlechter einschätzen als die Kenntnisse in ihrer Herkunftssprache, sieht es bei jüngeren Zuwanderern genau umgekehrt aus. Schon dieses Beispiel zeigt, dass die Zuwanderer keine homogene Gruppe bilden. Sowohl innerhalb der Gruppen der Ausländer, der Eingebürgerten und der Aussiedler gibt es große Unterschiede als auch zwischen diesen Gruppen, wobei die Aussiedler im Allgemeinen die im Sinne von Integration günstigsten Werte aufweisen.
34 Prozent der Zuwanderer halten mangelnde deutsche Sprachkenntnisse für den Faktor, der für ihre Beziehung zu Deutschen die größten Probleme mit sich bringt. Sie äußern diese Einschätzung sogar häufiger als die Deutschen, die Sprachkenntnisse mit 33 Prozent als häufigsten Grund für Probleme im Zusammenleben benennen.

Während sich Zuwanderer mehr Kontakte mit Deutschen wünschen (rund 50 %), sind Deutsche überwiegend mit dem bisherigen Status – sehr eingeschränkten Kontakten – zufrieden (rund 75 %). Deutsche denken auch, dass sie für die Integration von Zuwanderern keine Verantwortung tragen, während die Zuwanderer sich selbst durchaus in der Verantwortung sehen und auch die Forderung der Deutschen nach Anpassung an die deutschen Lebensverhältnisse deutlich unterstützen. Dagegen machen Deutsche mangelnden Integrationswillen der Zuwanderer als zweiten Hauptgrund für Probleme im Zusammenleben verantwortlich (26 %).

Insgesamt besteht aufseiten der Mehrheitsbevölkerung heute noch eine ausgeprägte Distanz gegenüber Zuwanderern und eine mangelnde Akzeptanz, was deren Zugehörigkeit zur Stadtgesellschaft angeht. Dabei wollen nur rund drei Prozent der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ganz sicher in ihr Herkunftsland zurückkehren. Die meis­ten befragten Zuwanderer, vor allem die jungen, betrachten Deutschland als „ihr“ Land und Duisburg als Heimatstadt. Das birgt bisher von den meisten Deutschen nicht erkannte Chancen: Duisburg hat in den letzten 30 Jahren trotz Zuwanderung 100.000 Einwohner verloren. Die Bevölkerungsstruktur mit einem zunehmenden Anteil an jungen Zuwanderern stellt, so das Ergebnis der Integrationsbefragung, für Duis­burg ein Potenzial dar, das in allen gesellschaftlichen Bereichen stärker berücksichtigt werden sollte.

„Weniger, älter, bunter“, das ist der Trend in der Stadt, so Marijo Terzic. „Interkulturelle Urbanität“ heißt daher eines der Leitziele, das sich die Stadt im Rahmen des Stadtentwicklungsprojekts „Duisburg 2027“ gesetzt hat. Diese neue Form der Urbanität ist nach Vorstellung des Duisburger Rates unter anderem Grundlage für eine „innovative und vielfältige Wirtschaftsstruktur“. „Das ist ein Pfund, mit dem Duisburg dereinst wuchern kann“, ist Marijo Terzic überzeugt.

Initiativen auf vielen Ebenen
 

Auf dem Weg dahin gibt es in Duisburg neben der Arbeit des Referats für Integration zahlreiche weitere Programme und Initiativen. Da ist zum Beispiel das vom Land und der EU geförderte Projekt FIBA (s. G.I.B.-Info 3_10), das türkischen Jugendlichen in mittlerweile fünf Städten in NRW beim Übergang von der Schule in den Beruf hilft. Zu den innovativen Elementen des vom ESTA-Bildungswerk und dem Verband türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa, ATIAD, getragenen Projekts gehört die Einbeziehung der Eltern und Familien der Jugendlichen, der islamischen Gemeinden und der türkischen MSO sowie die direkte Ansprache der Jugendlichen durch FIBA-Berater mit gleichem Migrationshintergrund. In Duisburg hat Yasemin Yadigaroglu diese Aufgabe übernommen. Die Sozialwissenschaftlerin sensibilisiert die türkischen Vereine und Gemeinden für das Thema, vermittelt türkische Jugendliche in Ausbildung und Praktika, hat ein Netzwerk aufgebaut mit zahlreichen gleichberechtigten Partnern wie den Kammern, MSO, türkischen Gemeinden, Bildungsträgern usw. und schafft damit nachhaltige Strukturen, die auch greifen sollen, wenn das Projekt beendet ist.

Grundlage für den Aufbau solcher Strukturen, so eines der Ergebnisse des Workshops, ist Vertrauensbildung und der Abbau von Konkurrenzdenken. Um ein Netzwerk zu erhalten, muss nach Erkenntnis der Workshop-Teilnehmer zum einen der Nutzen für die Mitglieder erkennbar sein, aber es muss auch Promotoren geben, die das Ganze in Gang halten.

Ein wichtiger Partner im Duisburger Netzwerk ist die regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, RAA. Diese vom Land geförderten Einrichtungen existieren bereits seit 1980. 27 gibt es in ganz NRW. In Duisburg ist die RAA als Referat dem Dezernat des Oberbürgermeisters zugeordnet. Elisabeth Pater ist dort die Leiterin. „Die Chance auf einen Ausbildungsplatz ist für Jugendliche mit Migrationshintergrund bei gleicher Eignung nur halb so groß“, berichtete sie auf der G.I.B.-Veranstaltung, „also braucht man spezielle Maßnahmen zur Kompensation und – noch viel wichtiger – eine Ausrichtung der Angebote auf die Belange der Migranten.“

Einen der Schwerpunkte legt die RAA dabei auf die Sprachförderung, wobei man mit zahlreichen Kooperationspartnern zusammenarbeitet. Zum Beispiel auch mit dem in Duisburg ansässigen Welt-Unternehmen Haniel, das an der Gesamtschule Ruhrort das „Aletta Haniel Programm“ finanziert, ein Programm, das sich an Jugendliche richtet, die in der Schule Schwierigkeiten haben. Zwei Fachkräfte arbeiten mit ausgesuchten Schülern ab der 8. Klasse an den individuellen Stärken und Schwächen. Ziel ist ein Schulabschluss, der den Einstieg ins Berufsleben erleichtert. Förderangebote wie Sprachunterricht, Bewerbungstraining und Feriencamps sind Bestandteile des Projekts. Mittlerweile ist es in die zweite Runde gegangen. Rund 60 Schüler machen mit.

Einen anderen Schwerpunkt setzt die 1999 gegründete stadteigene Entwicklungsgesellschaft Duisburg, EG DU. Ihre Aufgabe ist die Mitwirkung an der Verbesserung der Wirtschafts-, Sozial- und Wohnstrukturen in den von städtebaulichen, sozialpolitischen oder interkulturellen Problemlagen besonders betroffenen Ortsteilen in Duisburg. Ercan Idik, der ebenfalls an dem Düsseldorfer Workshop teilnahm, ist bei der EG DU für den Fachbereich Lokale Ökonomie zuständig. „Unsere Stärke liegt darin, dass wir in einem geografisch abgegrenzten Gebiet, zum Beispiel dem Stadtteil Marxloh, arbeiten und uns dort sehr gut auskennen“, machte er deutlich. „Wir können uns so nicht nur um den Arbeitsmarkt, sondern auch um Bereiche wie Wohnen, Planung, Bildung kümmern.“ In den Stadtteilen, in denen die EG DU aktiv ist, liegt der Anteil der Migranten mit 60 bis 80 Prozent weit über dem städtischen Durchschnitt. Wie die anderen Einrichtungen auch arbeitet die EG DU nicht nur mit Projekten wie FIBA zusammen, sondern bemüht sich, die Regel­angebote der Arbeitsverwaltung in diese Stadtteile hineinzutragen, und übernimmt dabei eine Vermittlerrolle – zum Beispiel zu MSO.

Der MUT e. V. ist eine davon, ein Verein, in dem sich Unternehmer mit Migrationshintergrund zusammengeschlossen haben, um ihren persönlichen und sozialen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Mevlüt Kurban stellte die Vereinsaktivitäten beim Workshop vor: „Wir stehen in engem Kontakt mit den Beratungslehrern und fangen mit unseren Veranstaltungen direkt in den Schulen an. Dort informieren wir die Schüler zum Beispiel über Ausbildungsmöglichkeiten und Praktika.“ Ein gemeinsames im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ mit Landesmitteln finanziertes Projekt von EG DU und MUT sind Straßenführer für die Weseler Straße in Marxloh und die Wanheimer Straße in Duisburg-Hochfeld. Herbert Marschall von MUT erläuterte, wie man vorgegangen ist: „Wir haben dort sämtliche Geschäfte besucht, die Angebote in den Straßenführern übersichtlich nach Hausnummern aufgelistet und in einer Branchenübersicht zusammengefasst. Gleichzeitig haben wir die Geschäftsinhaberinnen und -inhaber auf Praktikums- und Lehrstellen angesprochen, um die Unternehmen für Ausbildung zu sensibilisieren und entsprechende Plätze für Jugendliche zu gewinnen.“ Diese persönliche und unbürokratische Ansprache auf Augenhöhe wurde von mehreren Teilnehmern auf dem Workshop als einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren benannt, wenn es darum geht Migranten-Unternehmen in die Integrationsarbeit einzuspannen. Für ein gutes Mittel hält MUT auch Patenschaften zwischen Unternehmen und Vereinen, die die Organisation ebenfalls initiiert.

Die ARGE (ab Januar 2011 „Jobcenter Duis­burg“) geht in Duisburg ebenfalls neue Wege zur Kontaktpflege mit Migranten-Unternehmen. „Wir haben bei der Stadt Duisburg eine Beschäftigungsmöglichkeit geschaffen, um in Kooperation mit der Regionalagentur NiederRhein im vergangenen Jahr einen Mitarbeiter anzustellen. Herr Hakan Bagtas kümmert sich speziell um den Kontakt zu Migranten-Unternehmen und MSO. Er hilft dem Arbeitgeberservice der ARGE so, Schwellenängste gegenüber der ARGE abzubauen“, berichtete Siegfried Hufen von der Duisburger ARGE. Einen „Türöffner“ nennt er den neuen ARGE-Mitarbeiter auch gern. Hakan Bagtas nimmt bei seiner Arbeit unter anderem die Hilfe von MUT e. V. und anderen MSO sowie der vorhandenen Netzwerke in Anspruch – ein konkreter Ansatz zur Verbesserung der Situation auf dem Duisburger Arbeitsmarkt, auf dem Zuwanderer, wie die Zahlen der Integrationsbefragung zeigen, nach wie vor mit Benachteiligungen zu kämpfen haben.

Umdenken der Mehrheitsbevölkerung gefordert
 

Der Ergebnisbericht zur Integrationsbefragung nennt weitere mögliche Maßnahmen. So schlägt er Sprachförderung vor, insbesondere für die besonders benachteiligten Frauen. Aber nicht nur in Deutsch, sondern auch in der Herkunftssprache. Das soll jüngeren Zuwanderern helfen, ihre Mehrsprachigkeit – eine wichtige Kompetenz – zu erhalten und auszubauen. Sozial aufgestiegene Zuwanderer sollten als Vorbilder vor allem im Bildungsbereich in Integrationsmaßnahmen involviert werden. Migranten würden sich, so der Bericht, auch stärker mit der hiesigen Gesellschaft identifizieren, wenn die Einbürgerung erleichtert würde und sich deutsche Institutionen und Vereine den Zugewanderten mehr öffnen würden. Die Autoren der Duisburger Integrationsbefragung ziehen einige interessante Schlüsse, die auch auf andere Städte mit vielen Zuwanderern übertragbar scheinen:
• Die Mehrheitsgesellschaft muss die Realität der Einwanderung anerkennen und diese Tatsache muss auch stärker kommuniziert werden.

  • Ein Perspektivenwechsel ist nötig: Integration und Migration darf nicht nur in negativem Kontext thematisiert werden; Integration und Migration bedeuten Dynamik sowie soziale und kulturelle Innovation.
  • Im Zuge der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft ist die junge Altersstruktur der Zuwandererpopulation ein wichtiges Potenzial.
  • Mit diesem demografischen Wandel darf Integration nicht mehr als Aufgabe von spezialisierten Ämtern, sondern als alle Ämter und Institutionen betreffende Querschnittsaufgabe verstanden werden, die sich auch in einer multikulturellen Beschäftigtenstruktur widerspiegeln sollte.


Für Ercan Idik ist eine wichtige Erkenntnis aus der Integrationsbefragung, dass „die Integration schon die hiesige Gesellschaft – die Ober- und die Mittelschicht – leisten muss. Das gilt für Duisburg, für das Ruhrgebiet und auch für das ganze Land, wird im Moment aber noch etwas verdrängt.“ In Duisburg spürt man insgesamt aber ein positives Klima, so der Eindruck von Herbert Marschall, wenn es um Integration von Migranten geht. Mit dem direkt im Dezernat des Oberbürgermeisters angesiedelten Referat für Integration ist, so die Einschätzung der Autoren der Integrationsbefragung, „die Integrationsfrage vom Rand ins Zentrum der politischen Wahrnehmung und Aktivitäten in Duisburg gerückt.“ Duisburg ist damit einen Schritt weiter als viele andere Städte, die sich in ähnlicher Situation befinden.

Als zu Beginn des neuen Jahres das Unwort des Jahres 2010 gekürt wurde, fiel die Wahl auf „alternativlos“, weil es als „Totschlagargument“ jegliche Diskussion über Entscheidungen von vornherein unterbindet („Integrationsverweigerer“ landete übrigens knapp dahinter auf dem zweiten Platz). Was die Integration von Migranten angeht – das zeigten alle Beiträge des G.I.B.-Workshops und das zeigt vor allem das Beispiel der Stadt Duisburg – gibt es wohl wirklich nichts zu diskutieren: Sie ist tatsächlich alternativlos.
 

Abstract

Auf dem von der G.I.B. organisierten Workshop „Neue Wege der Ansprache und Aktivierung zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Migrationshintergrund“ trafen sich am 6. Dezember 2010 in Düsseldorf 80 in der Integration von Zuwanderern engagierte Akteure, um sich über neue Integrationsstrategien zu informieren und Erfahrungen auszutauschen. Im Mittelpunkt standen dabei die Aktivitäten in Duisburg. Die Stadt ist mit 160.000 Bürgern mit Migrationshintergrund, das sind 32,3 Prozent der Gesamtbevölkerung, eine der Migrationsstädte in Deutschland. In Duisburg hat man schon lange erkannt, dass es zur Integration keine Alternative gibt: Das städtische Referat für Integration und die regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, RAA, sind in Duisburg direkt dem Dezernat des Oberbürgermeisters zugeordnet und an allen städtischen Entscheidungen beteiligt. Als Arbeitsgrundlage hat Duisburg als erste deutsche Stadt eine Integrationsbefragung durchgeführt. Zahlreiche weitere Projekte fördern die Integration in Duisburg. Engagiert sind dabei nicht nur Institutionen der Stadt und des Landes, sondern auch Migrantenselbstorganisationen.

Ansprechpartnerin in der G.I.B.

Ute Soldansky
Tel.: 02041 767-256
u.soldansky@gib.nrw.de

Kontakte

Jobcenter Duisburg (ehem. ARGE Duisburg)
Siegfried Hufen
Friedrich-Wilhelm-Str. 103
47051 Duisburg
siegfried.hufen@arge-sgb2.de

EG DU Entwicklungsgesellschaft Duisburg mbH
Ercan Idik
Willy-Brandt-Ring 44
47169 Duisburg
eidik@eg-du.de

Migranten-Unternehmen e. V. (MUT)
Herbert Marschall, Mevlüt Kurban
Friedensstr. 5
47053 Duisburg
info@migranten-unternehmen.de

RAA Duisburg 
Elisabeth Pater
Begiusstr. 27
47049 Duisburg
e.pater@stadt-duisburg.de

Regionalagentur NiederRhein
c/o Stadt Duisburg, Amt für Statistik, Stadtforschung …
Dr. Jens Stuhldreier
Bismarckstr. 150 – 158
47049 Duisburg
j.stuhldreier@regionalagentur-niederrhein.de

Stadt Duisburg – Referat für Integration
Marijo Terzic
Gutenbergstr. 24
47051 Duisburg
m.terzic@stadt-duisburg.de

ESTA Bildungswerk gGmbH (Projekt FIBA)
Yasemin Yadigaroglu
Bismarckstr. 142 a
47057 Duisburg
yasemin.yadigaroglu@esta-bw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

 

Artikelaktionen