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(Heft 1/2011)
Möglichkeiten und Methoden zur Quantifizierung von Fachkräfteengpässen

Ingenieurmonitoring bestätigt Probleme bei Fachkräfteverfügbarkeit

Der „Ingenieurmonitor“, herausgegeben vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in Kooperation mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), liefert monatlich umfangreiche Daten und Fakten zum Ingenieurarbeitsmarkt aufgeglie­dert nach Arbeitsmarktregionen und Fachrichtungen.

Betrachtet werden das gesamtwirtschaftliche Stellenangebot im Ingenieursegment, die Anzahl arbeitsloser Ingenieure und die sich daraus ergebenden Fachkräftelücken. Für den im Herbst 2010 im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) auch auf Basis einer Unternehmensbefragung erstellten „Qualifizierungsmonitor“ legte das IW den Fokus hingegen auf die Ausbildungs- und Qualifizierungssituation der deutschen Wirtschaft. – Im Folgenden werden die Möglichkeiten und Methoden zur Quantifizierung von Fachkräfteengpässen dargestellt und gezeigt, was die Ziele sind, aber auch wo die Grenzen eines Monitorings liegen. Abschließend werden einige wichtige Ergebnisse der beiden Studien aufzeigt.

Das deutsche Geschäftsmodell basiert auf der Stärke der Hochtechnologiebranchen, wie dem Maschinen- und dem Fahrzeugbau sowie der Chemischen Industrie. Die­se Branchen haben einen großen Anteil an der Exportleistung, begründen die Spitzenstellung der deutschen Wirtschaft in Europa und bestimmen ganz entscheidend das Wirtschaftswachstum. Die Entwicklung und Umsetzung von innovativen Ideen ist die besondere Stärke der Unternehmen dieser Branchen. Dafür sind jedoch Fachkräfte unerlässlich, die im Wesentlichen aus dem sogenannten „MINT“-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) stammen., MINT-Fachkräfte – vor allem Ingenieure – stehen daher besonders im Fokus der Diskussion um die Fachkräftesicherung.

Monitoring als wichtiges Informationsinstrument
 

Das Monitoring der aktuellen Fachkräfteverfügbarkeit und der Blick auf die Nachwuchssituation sind vor diesem Hintergrund unumgänglich. Es erfüllt eine wichtige Informationsfunktion für Zielgruppen wie die Politik, Verbände und die breite Öffentlichkeit. Auf Basis aktueller Daten zur Bildungs- und Arbeitsmarktsituation lassen sich zum Beispiel Strategien entwickeln, um Fachkräfteengpässen entgegenzuwirken und sie zukünftig zu vermeiden. Dies ist sowohl für die Politik als auch für Unternehmen relevant. Für potenzielle Studierende kann das Monitoring eine Hilfe bei der Studienfachwahl sein.

Grundlage für jedes Monitoring sind Daten. Deren Verfügbarkeit kann die Fragestellung beeinflussen. Es lassen sich nur solche Fragestellungen untersuchen, für die Daten vorhanden sind. Auf der anderen Seite bestimmt die Fragestellung selbst entscheidend, welche Daten für das Monitoring überhaupt verwendet werden.

Gute Datenlage im internationalen Vergleich
 

In Deutschland sind die zur Verfügung stehenden Daten zu Bildungs- und Arbeitsmarktsituation von Fachkräften vergleichsweise gut. Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht zum Beispiel monatlich Statistiken zu den offenen Ingenieurstellen und arbeitslosen Ingenieuren. Eine solche Datenbasis ist in vielen anderen europäischen Ländern nicht vorhanden. Für das Fachkräftemonitoring können – je nach Fragestellung – Sekundärdaten, die beispielsweise vom Statistischen Bundesamt oder der Bundesagentur für Arbeit publiziert werden, aber auch Primärdaten verwendet werden, die zum Beispiel im Rahmen des IW-Zukunftspanels durch Unternehmensbefragungen erhoben werden können. Dennoch hat das Fachkräftemonitoring auch in Deutschland Grenzen. Nicht für alle Fragestellungen liegen ausreichend Daten vor. Zudem eignet sich das Fachkräftemonitoring als Diagnoseinstrument für gesamtwirtschaftliche oder regionale Fachkräfteengpässe, stellt aber keine Einzelfallbetrachtung dar.

Die unterschiedliche Verfügbarkeit und Qualität der Daten in den verschiedenen Ländern machen internationale Vergleiche oft schwierig. Genaue Aussagen über eine Fachkräftelücke bei den Ingenieuren in anderen Ländern sind zum Beispiel kaum möglich und stützen sich eher auf Erfahrungen von Verbänden und betroffenen Unternehmen als auf detaillierte Datensammlungen.

Ein Problem, das in Bezug auf das Fachkräftemonitoring auch in Deutschland auftreten kann, sind Brüche in Zeitreihen. Aktuelles Beispiel ist die Neuklassifikation der Berufe, die ab Mitte des Jahres beim Statistischen Bundesamt und der Bundesagentur für Arbeit umgesetzt wird. Diese führt dazu, dass ein Vergleich mit Daten, die vor der Umstellung veröffent­licht wurden, nicht mehr möglich ist. Auch die neuen Zuordnungen in der Studierendenstatistik machen Vergleiche mit älteren Daten schwer: So ist das Wirtschaftsingenieurwesen, das zuvor der Fächergruppe Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zugeordnet war, seit Kurzem in die eher betriebswirtschaftlich orientierten Studiengänge und die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge aufgeteilt. Erstgenannte verblieben in der alten Fachgruppe, Letztgenannte werden nun den Ingenieurwissenschaften zugerechnet, sodass etwa die Anzahlen der Studienanfänger vor und nach der Änderung nicht mehr vergleichbar sind. Für die Aussagen zu Entwicklungen bedeuten derartige Umstellungen, dass sie erst wieder mittelfris­tig möglich sein werden.

Differenziert, bundesweit, monatlich – der IW-Ingenieurmonitor
 

Das IW bietet verschiedene Publikationen im Bereich Fachkräftemonitoring an, die sich hinsichtlich der Fragestellung, der Schwerpunktsetzung und auch der Methode unterscheiden. Der IW-Ingenieurmonitor ist eine regelmäßig monatlich veröffentlichte Studie in Kooperation mit dem Verein deutscher Ingenieure (VDI), die den Arbeitsmarkt für Ingenieure darstellt, also offene Stellen, Potenzial an arbeitslosen Ingenieuren und Engpässe. Sie basiert auf Daten der Bundesagentur für Arbeit und ist differenziert aufgebaut. Die­se Differenzierung erfolgt zum einen gemäß den zehn Arbeitsmarktregionen der Bundesagentur für Arbeit. Dahinter steckt der Gedanke, dass es keine unbegrenzte Mobilität von Fachkräften gibt. Nicht jeder Arbeitsuchende ist bereit, für einen Arbeitsplatz von Nord- nach Süd- oder von Ost- nach Westdeutschland umzuziehen. Die Mobilität ist auf Regionen begrenzt, sodass die Daten auf die Region bezogen verglichen werden. Das zweite Differenzierungskriterium sind die sieben Ingenieurberufsordnungen, die von der Bundesagentur für Arbeit ausgewiesen werden. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass zwischen den einzelnen Berufsordnungen keine vollkommene Substituierbarkeit besteht. Beispiel: Ein Architekt kann nicht die Stelle eines Maschinenbauingenieurs besetzen, vielleicht aber die Stelle eines Bauingenieurs, der sich in der gleichen Berufsordnung wiederfindet.

Die Bundesagentur für Arbeit weist nur die gemeldeten Stellen aus, nicht aber die Stellen, die Unternehmen beispielsweise über Ausschreibungen auf Firmen-Homepages, in Internet-Stellenportalen oder in Zeitungen zu besetzen versuchen. Eine Befragung des IW unter Unternehmen, die Ingenieure beschäftigen, hat ergeben, dass nur jede siebte Ingenieurstelle bei der Arbeitsagentur gemeldet wird. Mithilfe dieser Meldequote lässt sich das tatsächliche Stellenangebot für Ingenieure schätzen. Die gesamtwirtschaftlich offenen Stellen werden anschließend nach Arbeitsmarktregionen und Ingenieurberufsordnungen getrennt der Zahl der arbeitslosen Ingenieure gegenübergestellt, woraus sich dann die aktuellen Engpässe ergeben. Die gesamtwirtschaftliche Ingenieurlücke setzt sich dann aus diesen Einzelergebnissen zusammen.

Maschinen- und Fahrzeugbau hat größten Bedarf
 

Bei Maschinen- und Fahrzeugbauingenieuren ergab sich im Dezember 2010 bundesweit eine Lücke von etwa 21.000 Personen, bei den Elektroingenieuren waren es 13.000, bei den Architekten und Bauingenieuren 6.200. Insgesamt weist der Ingenieurmonitor für Dezember 2010 eine Lücke von knapp 50.000 Personen aus. Das bedeutet, es gab in diesem Monat mindestens 50.000 mehr offene Stellen für Ingenieure als Arbeitslose mit diesem Zielberuf. Die Ingenieurlücke ist konjunkturabhängig, da insbesondere der Bedarf an Ingenieuren mit der wirtschaftlichen Lage schwankt. Während der Finanzmarktkrise ging die Lücke deutlich zurück, im aktuellen Aufschwung zeigt sie einen positiven Trend. Vor allem der anhaltende Bedarf an Maschinen- und Fahrzeugbauingenieuren hat auch in der Vergangenheit, auch in den konjunkturell schwächeren Zeiten, dafür gesorgt, dass weiterhin eine Lücke bestand. Im Wesentlichen handelt es sich bei der Ingenieurlücke jedoch um ein strukturelles Problem. Dies ist auch daran zu erkennen, dass die Lücke selbst während der Krise im Jahr 2009 noch vergleichsweise hoch war. Dies liegt auch daran, dass die Arbeitslosigkeit bei Ingenieuren seit Jahren rückläufig ist und sich auch während der Krise nicht wesentlich erhöht hat. Im Dezember 2010 gab es bundesweit lediglich rund 23.200 arbeitslose Ingenieure.

Neu: der Qualifizierungsmonitor
 

Der sogenannte Qualifizierungsmonitor, erstmalig im Herbst 2010 vom IW veröffentlicht, ist eine im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) erstellte Studie, die die Ausbildungs- und Qualifizierungssituation sowie den Fachkräftebedarf in der deutschen Wirtschaft aus Sicht der Wirtschaft abbildet. Er basiert unter anderem auf Daten der repräsentativen Befragung IW-Personaltrends, bei der Personalverantwortliche von Unternehmen der Industrie und aller Dienstleistungsbranchen angesprochen werden. Neben Fragen zur Unternehmensstruktur wurde vor allem nach der Ausbildungssituation und der Qualifizierung der Mitarbeiter gefragt.

Für das Jahr 2011 ergab sich im Wesentlichen ein positiver Trend in Bezug auf die Ausbildungssituation in deutschen Unternehmen: Ein Fünftel der Unternehmen wollte im Jahr 2011 gegenüber dem Jahr 2009 mehr ausbilden. Nur rund 10 Prozent der Unternehmen gaben dagegen an, dass sie ihr Ausbildungsangebot verringern wollen. Je größer das Unternehmen, desto größer ist der Anteil derer, die ihr Ausbildungsangebot verändern möchten. Während bei kleinen Unternehmen (1 bis 49 Mitarbeiter) knapp 21 Prozent eine Erhöhung des Ausbildungsangebots anstrebten, waren es bei großen Unternehmen (mehr als 250 Mitarbeiter) 36 Prozent.

Probleme bei Anwerbung von Hochschulabsolventen
 

Die Rekrutierung von Mitarbeitern mit Hochschulabschluss ist vor allem für exportierende Unternehmen schwierig. Rund ein Fünftel dieser Unternehmen mit Rekrutierungsschwierigkeiten gab an, große Probleme bei der Anwerbung von studierten Mitarbeitern zu haben; rund 13 Prozent waren es bei den nicht exportierenden Unternehmen. Genau entgegengesetzt ist das Bild bei der Rekrutierung von Mitarbeitern mit Berufsausbildung: Hier war es ein Fünftel der Betriebe ohne Exportanteil, die über große Probleme klagten, während bei Unternehmen mit Exportanteil nur etwa jedes zehnte solche Komplikationen angab. Vor allem die Rekrutierungsschwierigkeiten der Export-Unternehmen sind problematisch, da diese Unternehmen durch ihre Verbindungen zum Ausland eher bereit und in der Lage sein könnten, Unternehmens- und Produktionsstandorte ins Ausland zu verlagern.

Als Ursache für die Rekrutierungsprobleme sahen die befragten Unternehmen mehrere Gründe. Etwa 88 Prozent gaben an, dass Bewerber nicht die nötigen Qualifikationen oder Kompetenzen mitbringen würden. Rund zwei Drittel beklagten die zu geringe Anzahl an Bewerbern, also typischen Fachkräftemangel. Unternehmensspezifische Gründe für Rekrutierungsprobleme, wie etwa die Attraktivität des Standortes oder der Bekanntheitsgrad des Unternehmens, spielten hingegen eine geringere Rolle.

Für die Zukunft sagten mehr Personalverantwortliche für ihr Unternehmen einen steigenden Bedarf an Mitarbeitern voraus als einen gleichbleibenden oder fallenden. Bezogen auf studierte Mitarbeiter und den Mitarbeiter mit Fortbildungsabschluss lag der Saldo bei rund 20 Prozentpunkten, bezogen auf Mitarbeiter mit Berufsausbildung waren es sogar 27,5 Prozentpunkte. Nur bezogen auf Mitarbeiter ohne Berufsausbildung überwogen die Unternehmen, die in diesem Segment keine Bedarfssteigerung prognostizieren.

Verschärfung der Lage abzusehen
 

Die derzeitigen Fachkräfteengpässe, besonders bei Ingenieuren und anderen mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Berufen, werden sich zukünftig weiter verschärfen. Dies liegt unter anderem daran, dass sich die Anzahl der aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Fachkräfte in diesen Berufen mittelfristig deutlich erhöht. Mit den derzeitigen Studienabsolventen beispielsweise in den Ingenieurwissenschaften ist ein Ersatz zurzeit zwar theoretisch gerade noch möglich, aber nur, wenn diese Absolventen dem Arbeitsmarkt auch tatsächlich zur Verfügung stehen. Das ist aber schon aufgrund der zahlreichen Absolventen aus dem Ausland, die in vielen Fällen nach Beendigung des Studiums in ihre Heimat zurückkehren, illusorisch. Verstärkte Anstrengungen im Bildungssektor, sei es zur Attraktivitätssteigerung der mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Studiengänge oder zur Reduzierung der Abbrecherquoten, sind deshalb dringend notwendig. Zwar gibt es bereits zahlreiche erfolgreiche Initiativen, die sich mit dem Thema Fachkräftesicherung beschäftigen, aber es gilt diese weiter auszubauen, zu vernetzen und auch neue Wege zu finden, um die Fachkräfteverfügbarkeit in Deutschland langfristig sicherzustellen.

Kontakt

Dr. Vera Erdmann, Innovationsökonomie
Institut der deutschen Wirtschaft Köln
Konrad-Adenauer-Ufer 21
50668 Köln
Tel.: 0221 4981-749
erdmann@iwkoeln.de
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