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(Heft 1/2011)
Roundtable-Gespräch

Förderung von Erwerbslosenberatungsstellen und Arbeitslosenzentren

Das Land NRW hat, kofinanziert durch den Europäischen Sozialfonds, die Förderung von Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen wieder aufgenommen. Anfang Oktober 2010 hat ein Erlass des MAIS den Weg für einen Neustart der von der Vorgängerregierung im Jahr 2008 eingestellten Förderung zum 1.1.2011 frei gemacht. Die G.I.B. diskutierte mit Trägern, der Arbeitsverwaltung und den Regionalagenturen über die regionale Umsetzung der Landesförderung.
Julia Roesler, Regionalagentur MÜNSTERLAND e. V.
Gisela Tripp, Arbeitslosenzentrum Dortmund e. V.
Matthias Spies, Sozialagentur der Stadt Mülheim a. d. R.
Friedrich Hahne, Jobcenter Märkischer Kreis
Erika Theißen/Gerdi Hippert-Yilmaz, Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e. V.

 

G.I.B.: Welche Kriterien im regionalen Abstimmungsprozess waren bei der Neuauflage der Förderung von Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen ausschlaggebend?

Julia Roesler: Natürlich ist Erfahrung eines der entscheidenden Kriterien. Träger, die ein entsprechendes Angebot bis 2008 vorgehalten oder trotz Wegfall der Förderung weiter aufrechterhalten haben, besitzen diese Erfahrung. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Träger gibt, die eine qualitativ gute Erwerbslosenberatung anbieten und ein solches Angebot ebenfalls aufbauen könnten.

Wir haben in der Arbeitsmarktregion Münsterland versucht, das Verfahren so transparent wie möglich zu halten. Die uns bekannten Träger, auch alle Grundsicherungsträger und Agenturen für Arbeit, wurden informiert, bevor der Erlass herauskam. Interessierten Trägern stand dann das Beratungsangebot der Regionalagentur zur Verfügung.

Aus den eingegangenen Anträgen haben wir einen Beschlussvorschlag erarbeitet. Weil die Verteilung der Beratungsstellen und Arbeitslosenzentren in unserer flächenmäßig großen Region bis zum Jahr 2008, als die alte Förderung endete, sehr ungleichmäßig war, mussten wir zu einer regionalen Umverteilung kommen. Außerdem waren die Arbeitslosenzahlen an den jeweiligen Standorten zu berücksichtigen.

Wir haben uns für eine kleinräumige Lösung entschieden – also für mehr Beratungsstellen mit halben Stellen, die die Fläche dann aber auch abdecken. Das hat dazu geführt, dass wir Träger, die in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet haben, nicht berücksichtigen konnten, und andere Träger, die in der Lage waren, an bestimmten Standorten ein Angebot vorzuhalten, in die Förderung aufgenommen haben. Im Facharbeitskreis gab es eine breite Unterstützung für unsere fachlichen Argumente.

Erika Theißen: Die Berücksichtigung neuer Träger wie unseres Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen ist auch unter dem Aspekt wichtig, dass sich im Laufe der Jahre gesellschaftliche Veränderungen ergeben und entsprechend auch neue Träger entstehen, die neue Zielgruppen erreichen, die zuvor nicht berücksichtigt wurden. Andere Einrichtungen haben in der Vergangenheit immer wieder ratsuchende muslimische Migrantenfamilien zu uns geschickt, da sie sie sprachlich und kulturell bei uns adäquater beraten sahen und die Berater sich z. T. auch mit diesem Klientel überfordert fühlten. Ich plädiere deshalb für eine verstärkte Öffnung der Beratungsstellen für Mitarbeiter mit Zuwanderungsgeschichte. In einem Ballungsraum wie Köln sollten gemäß dem Prinzip der kurzen Wege die Beratungsstellen auch dort liegen, wo die Arbeitslosen wohnen.

Zwar sind wir von der Regionalagentur und vom Land informiert worden, doch von den Strukturen, in die wir mit unserer sozialen Arbeit direkt eingebunden sind, hat man uns zurückgemeldet, dass wir im Fall einer Bewerbung keine Chance hätten. Vor diesem Hintergrund hatten wir zunächst auf eine Bewerbung verzichtet, obwohl wir aufgrund unserer jahrelangen Beratungstätigkeit eigentlich prädestiniert dafür wären. Die Regionalagentur war etwas verwundert darüber und hat uns animiert, doch noch kurzfristig einen Antrag für ein Arbeitslosenzentrum zu stellen.

So sind wir jetzt „nur“ Arbeitslosenzentrum, was natürlich auch von der Förderung nicht so attraktiv ist. In Köln sind wir zwar als einziger neuer Träger hinzugekommen, die kommunale Förderung erhalten aber nur die alten Träger, weil die Stadt Köln die finanzielle Zusage nur für die Aufrechterhaltung des bisherigen Beratungsstandards, nicht jedoch zu dessen Ausweitung für weitere Zielgruppen oder Regionen erwägt.

G.I.B.: Wobei zu beachten ist, dass Arbeitslosenzentren nicht die „Light-Version“ von Erwerbslosenberatungsstellen sind, sondern eine andere Funktion haben. Sie sind ein besonderes Angebot zur Förderung der Selbsthilfe von erwerbslosen Menschen, die möglichst niederschwellig Begegnungen und soziale Kontakte, aktive Beteiligung und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen sollen. Im Unterschied zur Förderung der Erwerbslosenberatungsstellen steht hier also die Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements mit Selbsthilfecharakter im Mittelpunkt.

Gisela Tripp: Das Programm hatte nie die Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen, sondern es war sicherzustellen, dass alle Arbeitslosen erreicht werden können. Man ging allerdings davon aus, dass insbesondere langzeitarbeitslose Menschen umfassende Hilfebedarfe haben. Das ist sicher richtig. Die Besucher bei uns entsprechen der Struktur der Arbeitslosigkeit in Dortmund. Der Anteil der Migranten, der uns aufsucht, liegt bei 30 %. Unser Standort ist im Dortmunder Norden – der Stadtteil hat mehr als 25 % Arbeitslosigkeit – und die meisten Migranten wohnen hier aufgrund unserer langjährigen Tätigkeit.
Wir gingen vom bisherigen Bestand aus und dies wurde auch so mit uns kommuniziert. Das war auch die Information der Regionalagentur. Unsere Einrichtung wurde mit 2,5 Fachstellen gefördert und eine weitere in der Beratungsstelle Wendepunkt im Frauenzentrum Dortmund. Der Facharbeitskreis hat auch diese Fachstellen für Dortmund positiv entschieden.

Insgesamt waren die Entscheidungsträger froh, dass die bisher geförderten Einrichtungen in die Bewerbung gingen. Die Zusammenarbeit mit der Regionalagentur ist sehr gut. Unsere Arbeit ist anerkannt.

G.I.B.: Nun erarbeiten die Regionalagenturen nur den Beschlussvorschlag, die Entscheidung selbst muss von den Vertretern der Region getragen werden, die im Facharbeitskreis vertreten sind. Welche Abstimmungen hat es zum Beispiel mit den SGB II-Trägern in der Vorbereitung der neuen Strukturen gegeben – gerade in den Regionen, in denen es zuvor keine Beratungsstelle gab?

Julia Roesler: Dadurch, dass die Stellen sehr frühzeitig informiert waren, kam man natürlich ins Gespräch und es gab teilweise auch kritische Rückmeldungen. Dabei handelte es sich aber eher um generelle Fragen, begründet aus der Geschichte des Programms. Beispielsweise gab es Befürchtungen, dass bei einem Politikwechsel und einem erneuten Zurückfahren der Förderung, die ohnehin lädierten kommunalen Haushalte zusätzlich belastet werden.

Matthias Spies: Bei uns ist die Abstimmung anders gelaufen. Mülheim ist mit 170.000 Einwohnern relativ klein. Es gab schon seit Langem ein Arbeitslosenzentrum, das Mülheimer Arbeitslosenzentrum MALZ, getragen von einem Trägerkreis aus Wohlfahrtsverbänden und Parteien, und einen Arbeitslosentreff, getragen von der katholischen Arbeiterbewegung. Die Träger des Arbeitslosenzentrums haben das Beratungsangebot auch nach Einstellung der Förderung zunächst mit kommunalen Mitteln, später mit Stiftungsmitteln aufrechterhalten; der Arbeitslosentreff wird von der Kirche finanziert. Andere Institutionen hatten in der Vergangenheit kein Interesse, in die Arbeitslosenberatung oder -betreuung einzusteigen.
Angesprochen wurden bei der Neuauflage der Förderung nur die Träger der genannten bestehenden Einrichtungen. In den Nachbarstädten Oberhausen und Essen war das ähnlich. Insofern gab es bei der Abstimmung im Lenkungskreis auch keine Überraschungen.

Friedrich Hahne: Im Märkischen Kreis existierte bis 2008 sowohl ein Arbeitslosenzentrum als auch eine Beratungsstelle getragen vom evangelischen Kirchenkreis. Mit Auslaufen der Landesförderung endete auch deren Arbeit, weil der finanzielle Handlungsspielraum des Märkischen Kreises eine Auffangfinanzierung nicht zuließ. Die Stadt Iserlohn, in der beide Einrichtungen liegen, hat dann ein geringeres Budget bereitgestellt, und die Arbeit konnte mit verringerter Stundenzahl aufrechterhalten werden.

Der Abstimmungsprozess bei der Wiederaufnahme der Förderung war sehr offen: die Regionalagentur hat uns und den Trägern die Informationen frühzeitig zur Verfügung gestellt. Insgesamt gab es vier Bewerber, wovon drei das Jobcenter kontaktierten und mit uns Kooperationsmöglichkeiten erörterten. Diese drei Bewerber haben dann auch Anträge einge­reicht. Sie hatten die Gelegenheit, ihre Konzepte dem Facharbeitskreis in einem kuren Vortrag vorzustellen, und der hat sich dann für das beste entschieden – also offene Diskussion und Chancengleichheit beim Auswahlverfahren im Märkischen Kreis. Der Facharbeitskreis hat dann entschieden, dass neben Iserlohn auch im südlichen Märkischen Kreis ein Beratungsangebot etabliert werden soll, allerdings im Rahmen der einen geförderten Beratungsstelle.

G.I.B.: Es scheint also so zu sein, dass die Kriterien im regionalen Abstimmungsprozess recht unterschiedlich kommuniziert worden sind.

Julia Roesler: Offensichtlich ist das in ganz Nord­rhein-Westfalen unterschiedlich gehandhabt worden. Für die Regionalagentur Münsterland kann ich nur sagen: Das Verfahren war für alle offen.

Matthias Spies: Man sollte das differenziert sehen. Dort, wo schon eine gute Versorgungslage mit Beratungsstellen gegeben ist, sollte man auch auf die vorhandenen Träger bauen – es geht ja nicht darum, neue Betätigungsfelder für Träger zu schaffen, sondern die unabhängige Arbeitslosenberatung zu sichern. Und so ist es in Mülheim auch geschehen, ohne dass Konflikte aufgetreten sind, weil andere Träger auch kaum Interesse gezeigt haben.

G.I.B.: Die interkulturelle Öffnung oder entsprechende Ansprachekonzepte sind schon angesprochen worden. Welche Qualitätskriterien sollte Ihrer Meinung nach eine Beratungsstelle generell erfüllen?

Friedrich Hahne: Eine unabhängige Anlaufstelle ist erst einmal eine gute Sache. Ob es nun genug Beratungsstellen gibt, darüber kann man streiten, auch vor dem Hintergrund, was sie denn nun eigentlich leisten sollen. Andererseits ist das Jobcenter im Märkischen Kreis mit seinen 364 Mitarbeitern auch in der Lage, eine gute Beratung zu machen.

Gerdi Hippert-Yilmaz: Bei der Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund sind Sprachmittler und Vertrauenspersonen essenziell. Wichtig ist, dass jemand diesen Menschen die Zusammenhänge in ihrer Sprache erklärt, dann arbeiten sie entgegen oft geäußerter gegenteiliger Erfahrungen auch sehr gut mit.

Matthias Spies: Bei Förderung einer Person in einer Beratungsstelle mit 100.000 Euro für zwei Jahre lassen sich allerdings nicht verschiedene Sprachkompetenzen realisieren – wir haben es ja nicht nur mit Türkisch und Deutsch zu tun. Mit jüngeren Türken gibt es kaum Sprachprobleme, eher mit Migranten aus den osteuropäischen Ländern. Ich glaube auch nicht, dass die viel zitierte interkulturelle Kompetenz in erster Linie mit Sprache gleichzusetzen ist. Es geht viel mehr darum, wo ich welche Migrantengruppe am besten ansprechen kann, also zum Beispiel über Moschee-Vereine und andere Migrantenselbstorganisationen.

Gisela Tripp: Vieles hängt auch mit dem Engagement des einzelnen Mitarbeiters zusammen und damit, wie viel Wert der Träger auf die Fortbildung seiner Mitarbeiter legt. Allerdings ist es schwierig, wenn nur ein Mitarbeiter gefördert wird, den anspruchsvollen Beratungsauftrag, den das Programm fordert, komplett zu erfüllen. Es geht ja nicht nur um SGB II und III, sondern auch um alle angrenzenden Rechtsbereiche wie Unterhaltsrecht, Renten, Wohngeld, Elterngeld, KITA-Gebühren usw. Und es geht ja nicht nur um Beratung, sondern auch um viele andere Aufgaben, zum Beispiel darum, Kooperationen herzustellen, kommunalpolitische Prozesse in Gang zu bringen, Netzwerke neu zu entwickeln, Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Das lässt sich nur über einen Zeitraum von Jahren umsetzen. Ganz entscheidend ist für die Berater außerdem, dass sie wach sind für das, was interkulturell in einer Stadt passiert.

G.I.B.: Gibt es so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, das die Berater und Beraterinnen in den Beratungsstellen erfüllen müssen?

Gerdi Hippert-Yilmaz: Da muss man über ein ganzes Paket sprechen. Über die gute und aktuelle Informationslage der Berater haben wir schon gesprochen. Außerdem muss ein niederschwelliger Zugang gewährleistet sein. Sehr wichtig sind die Faktoren Zeit und kurze Wege – Zeit in der Beratungssituation, die die Agenturen und Jobcenter für die Menschen, die sich oft in sehr schwierigen Lebenssituationen mit multiplen Problemlagen befinden, einfach nicht haben. Kurze Wege sind wichtig, wenn es darum geht, die Menschen an weitere Hilfsangebote heranzuführen. Natürlich ist es dann günstig, Dinge wie zum Beispiel eine Schuldnerberatung im eigenen Haus anbieten zu können oder eine gute Vernetzung mit anderen Hilfe-Anbietern zu haben. Dann ist auch die Erfolgsquote größer als bei der Regelberatung. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Kinderbetreuung, ohne die Frauen mit kleinen Kindern Schwierigkeiten haben, in die Beratungsstelle zu kommen. Ideal fände ich eine Entwicklung hin zu Familienzentren.

G.I.B.: Eine gleichzeitig niederschwellige und ganzheitliche Beratung zu organisieren scheint aber schwierig zu sein.

Gisela Tripp: Arbeitslosigkeit und Armut haben vielfältige Folgen auf alle Lebensbereiche eines Menschen. Sie wirken ein auf das Leben und das Zusammenleben in einer Kommune und im Stadtteil. Wir versuchen, unsere Beratungs- und Angebotsstrukturen an den Bedarfen zu orientieren.

Wir beraten im Jahr mehr als 2.000 Menschen persönlich und erhalten ca. 5.000 Anrufe, die im Wesentlichen rechtliche Hilfen suchen und das seit mehreren Jahren. Hier liegen auch unsere Kapazitätsgrenzen; deutlich wird aber auch der große Nachfragebedarf. Wir bieten u. a. Informationsangebote für die Menschen in Fragen des Sozial- und Arbeitsrecht, aber auch im Mietrecht, in Bildung und Fortbildung und im persönlichen Gespräch. Insgesamt ist festzustellen, dass unsere Einrichtung mit seinen vielfältigen Aufgaben und Angeboten ein Bestandteil der kommunalen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik und Sozialarbeit ist.

G.I.B.: Gibt es zwischen Grundsicherungsträgern und unabhängigen Beratungsstellen Konkurrenzdenken?

Friedrich Hahne: Die Kernfrage für mich ist, weshalb es neben der etablierten Beratung und der Grundsicherung für Arbeitssuche anscheinend noch weiteren Beratungsbedarf gibt. Man könnte spekulieren, dass die Träger von SGB II und SGB III das nicht in der gesellschaftlich gebotenen Notwendigkeit leisten können. Sämtliche Ansätze, die jetzt genannt worden sind, von der Struktur der Beratung bis zur Vernetzung, sind auch Aufgaben, die im Gesetz stehen und die wir zum Beispiel im Fallmanagement auch leben. Aber das scheint nicht ausreichend zu sein. Natürlich wird es immer mal wieder falsche Entscheidungen geben. Wenn wir auf Fehler hingewiesen werden, kann das für uns ja auch Anlass sein, etwas zu verbessern. Insgesamt sehe ich die unabhängigen Beratungsstellen nicht als Konkurrenz, sondern als Korrektiv.

Matthias Spies: Wir haben ja sogar ein eigenes Beschwerdemanagement eingeführt, das unabhängig in Entscheidungen eingreifen kann. Trotzdem ist ein unabhängiges Korrektiv, das von außen auf die Dinge schaut, nicht schlecht. Es schützt eventuell sogar einzelne Mitarbeiter vor einer Überreaktion. Es gibt auch Fälle, in denen unsere Mitarbeiter Kunden zu der unabhängigen Beratungsstelle schicken, weil sie Schwierigkeiten habe, die wir nicht regeln können. Es wird immer Situationen in Beratungen geben, die nicht im Konsens verlaufen. Andererseits kann es nicht die Aufgabe von unabhängigen Beratungsstellen sein, ausschließlich Widersprüche zu schreiben.

Julia Roesler: Das Thema Konkurrenz zwischen Grundsicherungsträgern und unabhängigen Beratungsstellen ist in allen Gesprächen, die ich in der Region Münsterland mit beiden Seiten geführt habe, nicht aufgetaucht. Mein Eindruck war, dass die Beteiligten angstfrei auf das Angebot reagiert haben. Es gab auch keine Vorbehalte von Grundsicherungsträgern gegen bestimmte Träger.

Erika Theißen: Auch ich würde das Verhältnis SGB II-Träger – Beratungsstellen aufgrund der unterschiedlichen Aufgaben eher als kooperativ bewerten. Was die Arbeit der ARGE angeht, ist meine Erfahrung, dass es wirklich gute Fallmanager gibt, mit denen man Hand in Hand zum Wohle des Klienten arbeiten kann. Aber aufgrund der Personalprobleme der Jobcenter wechseln dort häufig die Ansprechpartner. Die Bindung Klient – Berater ist dort kaum so intensiv wie in den Beratungsstellen. Die Rolle des Fallmanagers ist zudem doppeldeutig: er ist nicht nur für die Beratung, sondern auch für die Bewilligung und damit für eventuelle Leistungskürzungen zuständig. Das ist ein Spannungsfeld, mit dem besonders Migranten sich schwer tun.

Friedrich Hahne: Da muss man zunächst mal die Begrifflichkeit klären. Es kommt darauf an, wie sich die einzelnen Jobcenter organisieren: Bei uns ist die Trennung ganz klar. Wir betreuen im Fallmanagementbereich Menschen mit speziellen Problemen und im anderen Bereich machen wir normale Vermittlung mit persönlichen Ansprechpartnern für die Kunden. Im Fallmanagement sind die Mitarbeiter grundsätzlich mindestens Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen, also sehr gut qualifiziert. Im Bereich der Vermittler gibt es beklagenswerterweise gar keinen vorgeschriebenen Ausbildungsgang.

Julia Roesler: Eine wichtige Aufgabe der Beratung muss sein, Verständnis und damit erhöhte Akzeptanz des jeweiligen Rechtskreises, in dem sich der Betroffene bewegt, zu bewirken. Für den Fallmanager oder Vermittler ist es schwierig, seine Rolle innerhalb des Verfahrens zu erklären. Da ist es hilfreich, wenn ein Externer mit viel Empathie für die Lebenssituation des Betroffenen für Verständnis der Rahmenbedingungen und des Gesamtsystems sorgt.

Gisela Tripp: Es ist aber auch nicht Aufgabe einer Beratungsstelle, schlechte Politik gut zu reden. Hartz IV ist nach meiner Meinung bis heute ein schlecht gemachtes Gesetz und ich sehe meine Aufgabe darin, die Interessen der Menschen zu vertreten. Es ist nie unser Interesse gewesen, auf die Arbeitsbehörde einzudreschen – damit kommt man keinen Schritt weiter und das ist auch für die Existenz der Beratungsstelle gefährlich, die ja auch von kommunalen Geldern abhängig ist. Wir übernehmen die Rolle eines Moderators oder Übersetzers und engagieren uns so für die Menschen, die das Vertrauen in die Politik aufgrund ihrer verschlechterten sozialen Lage verloren haben. In Dortmund werden wir als Ergänzung verstanden. Insgesamt besteht ein ziemlich guter Austausch, durch den sich auch etwas verändern kann in der Arbeit des Jobcenters oder der Agentur.

Gerdi Hippert-Yilmaz: Wir haben keine großen Schwierigkeiten mit dem Jobcenter – aber auch keine regelmäßigen Kooperations-Treffen oder Ähnliches. Es gibt einen Sprecherrat der großen Träger in Köln, der Verhandlungen mit dem Jobcenter führt.

Friedrich Hahne: Wir arbeiten nach dem Vier-Phasen-Modell. Der Kern des Modells ist, dass man bei den Stärken der Hilfebedürftigen ansetzt. Das ist erst einmal ein Pluspunkt des Gesetzes. Dass es handwerklich im Bereich der leistungsrechtlichen Fragen Unklarheiten gibt, die durch die Sozialgerichtsrechtssprechung auch noch verschärft worden sind, das ist eine andere Seite. Trotzdem kann man bei vernünftiger Zusammenarbeit zwischen Trägern und Agentur viel bewirken, auch im politischen Kontext.

G.I.B.: In den Qualitätsanforderungen für die Erwerbslosenberatungsstellen und Arbeitslosenzentren ist auch die Arbeitsmarktorientierung festgelegt. In welcher Form ist die in den ganzheitlichen Beratungsansatz integriert?

Gerdi Hippert-Yilmaz: Es ist ein Grundrecht des Menschen, sich im Beruf selbst verwirklichen zu können. Migranten sind immer noch diskriminiert auf dem Arbeitsmarkt. Die meisten Menschen, die zu uns kommen, haben aber eine große Motivation zu arbeiten, sich zu qualifizieren und gleichberechtigt Geld verdienen zu können. Deshalb ist uns die Arbeitsmarkorientierung enorm wichtig.

Gisela Tripp: Die Diskussion ist ja nicht neu. Wir haben immer dargestellt, dass die Betroffenen keine Faulenzer sind, sondern Interesse haben, in Arbeit zu kommen und ein eigenständiges Leben führen zu können. Das betrifft alle Gruppen, vom Akademiker bis zum Hilfsarbeiter. Voraussetzung für den Blick auf den Arbeitsmarkt ist, dass die Existenz einigermaßen gesichert sein muss. Wir kennen die Beschäftigungsträger vor Ort und können sie auch von der Qualität her einschätzen. Als eine konkrete Maßnahme haben wir einen wöchentlichen Job-Club installiert, wo Menschen sich zu einem festen Termin treffen und gemeinsam oder allein mit Hilfestellung nach Jobs recherchieren und sich bewerben können. Das hat sich sehr bewährt. Dazu kommen die Veranstaltungen, die wir zu den verschiedenen Programmen regelmäßig anbieten.

G.I.B.: Wie sehen Sie Ihre zukünftige Arbeit? Welche Trends gibt es, welche Bedarfe im Bereich der Qualifizierung, welche Tendenzen im Bereich der Qualitätsentwicklung?

Gisela Tripp: Ich möchte daran erinnern, dass es bei der jetzigen Förderung nicht einfach nur um Sozialberatung geht, sondern darum – so ist es im Koalitionsvertrag formuliert, soziale Bürgerrechte zu stärken. Das ist wichtig, damit die Einrichtungen vor Ort auch den Stellenwert bekommen, den man ihnen zuschreibt. Es geht darum, Einzelhilfen zu geben, aber auch auf die Lage von Arbeitslosen und in Armut lebenden Menschen hinzuweisen. Wir verstehen uns als ein Akteur in der Umsetzung des Aktionsplans Soziale Stadt. Die Einrichtungen müssen deshalb auch bei kommunalen Entscheidungen beteiligt werden.

Julia Roesler: Erfahrungsaustausch und Vernetzung – das sind die Dinge, die für uns derzeit im Vordergrund stehen. Wir haben in unseren fünf Teilregionen jetzt erst einmal die vor Ort tätigen Träger gemeinsam eingeladen, verbunden mit Pressearbeit, sodass die Öffentlichkeit schon im Januar informiert war, dass das Angebot jetzt wieder startet. Diese Treffen dienten dem Kennenlernen aller Beteiligten. Insgesamt handelt es sich um sechs Arbeitslosenzentren und sieben Erwerbslosenberatungsstellen, wobei die Beratungsstellen jeweils mehrere Standorte haben, damit die Fläche besser abgedeckt ist. Bei diesen Treffen wurde großes Interesse an einem münsterlandweiten Austausch bekundet und der wird auch demnächst stattfinden. Ich halte es für wichtig, dass sich die Anbieter der Beratungsleistungen untereinander kennen und dass sie von den Erfahrungen der jeweils anderen profitieren können. Das ist auch eine Form der Qualitätssicherung.

Erika Theißen: Wir beraten überwiegend Frauen, deshalb stehen bei uns besonders Fragen wie Kinderbetreuung im Fokus. Dazu kommen andere familiäre und psychosoziale Probleme. Wir würden uns deshalb eine psychosoziale Hilfestellung wünschen, weil das die Beraterin nicht noch gleichzeitig leisten kann. Die Förderung von 15.000 Euro im Jahr für ein Arbeitslosenzentrum ist dafür natürlich nicht ausreichend.

Weil Vorbehalte gegen eine muslimische Einrichtung bestanden, haben wir alle Träger zu einem Treffen bei uns eingeladen, damit sie uns kennenlernen können und sich die Vernetzung verbessert.

Zur Arbeitsmarktorientierung ist der Blick auf den Arbeitsmarkt vor Ort sehr wichtig. In einer Stadt wie Köln ist der Überblick über die Trägerlandschaft, über unterstützende Maßnahmen und aktuelle Tendenzen des Arbeitsmarktes für die Berater sehr schwierig. Da würde ich mir in relativ kurzen Zeitabschnitten Schulungen vom Jobcenter und der Bundesagentur wünschen.

Friedrich Hahne: Wir haben in einem Flächenkreis mit 15 Städten und Gemeinden, mit 440.000 Einwohnern und 24.349 erwerbsfähigen Hilfebedürftigen eine Beratungsstelle in der größten Stadt Iserlohn. Die Vernetzungsmöglichkeiten werden sich zwangsläufig auf diesen Standort konzentrieren. Die Beratungsstelle hat ihre Arbeit gerade erst aufgenommen und es wird sich erst zeigen, wie wir in die Zusammenarbeit kommen. Für besonders wichtig halte ich dabei den Aspekt Arbeitsmarktorientierung.

Matthias Spies: Auch mir ist die Arbeitsmarktorientierung sehr wichtig, denn die Menschen kommen ja in erster Linie wegen der Nicht-Erwerbstätigkeit in eine Beratungsstelle. Allerdings möchte ich Frau Tripp widersprechen: Es gibt mehr als eine Hand voll Leute, die nicht arbeiten möchten. Eine wichtige Aufgabe der Mitarbeiter ist dann Motivationsarbeit. Arbeitsmarktorientierung heißt in diesem Fall, dass man kleine Schritte gehen muss.

Durch die Menge der zur Verfügung stehenden Angebote ist es auch für unsere Mitarbeiter schwer, den Überblick zu behalten, zumal in einem Ballungsraum wie dem Ruhrgebiet. Ich sehe die Beratung in diesem Bereich aber als Aufgabe der Grundsicherungsträger und nicht der Erwerbslosenzentren. Bei nur einer geförderten unabhängigen Beraterstelle für die Stadt Mülheim ist es auch fraglich, ob die geforderte Qualität überhaupt gewährleistet werden kann.

G.I.B.: Die Themen und Arbeitsfelder der fachlichen Begleitung durch die G.I.B. werden wir im Dialog mit den Trägern ermitteln. Da die Beschäftigten bei den Trägern sehr unterschiedlich lange Erfahrungen auf dem Gebiet haben, könnte ein erster Ansatz sein, Informationen zu rechtlichen Grundlagen zu liefern. Außerdem müssen wir klären, was über den landesweiten Erfahrungsaustausch hinaus Bedeutung hat und welche Fortbildungen und Qualifizierungen man gemeinsam mit den Regionalagenturen anbieten kann? In der letzten Förderphase waren das zum Beispiel Themen wie Beratungskompetenzen, aber auch Fachthemen und Rechtsfragen, die in einzelnen Workshops bearbeitet wurden.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Julia Roesler
MÜNSTERLAND e. V.
am FMO Flughafen Münster/Osnabrück
Regionalagentur
Airportallee 1
48268 Greven
Roesler@muensterland.com

Gisela Tripp
Arbeitslosenzentrum Dortmund e. V.
Leopoldstr. 16 – 20
44147 Dortmund
giselatripp@alz-dortmund.de

Matthias Spies
Stadt Mülheim a. d. R.
Sozialagentur
Eppinghofer Str. 50
45468 Mülheim a. d. R.
Matthias.Spies@stadt-mh.de

Friedrich Hahne
Jobcenter Märkischer Kreis
Friedrichstr. 59 – 61
58636 Iserlohn
Friedrich.Hahne@arge-sgb2.de

Erika Theißen
Gerdi Hippert-Yilmaz
Begegnungs- und Fortbildungszentrum
muslimischer Frauen e. V.
Liebigstr. 120 b
50823 Köln
erika.theissen@bfmf-koeln.de
gerdi.hippert-yilmaz@bfmf-koeln.de

Moderation

Ute Mankel
Tel.: 02041 767-159
u.mankel@gib.nrw.de

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767-152
m.keuler@gib.nrw.de

Ansprechpartnerin in der G.I.B.

Monika Cziesla
Tel.: 02041 767-202
m.cziesla@gib.nrw.de
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