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(Heft 1/2011)
Beratungs- und Qualifizierungsprojekt „FAMILIENbewusste Unternehmen in Hamm“

Fachkräftesicherung durch Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Familienbewusstes Handeln ist ein Gewinn nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für die Unternehmen. Das belegen Studien, die den Aufwand für familienfreundliche Maßnahmen mit möglichen Kosteneinsparungen vergleichen.

Deshalb unterstützt das von der Wirtschaftsförderung Hamm initiierte Beratungs- und Qualifizierungsprojekt „FAMILIENbewusste Unternehmen in Hamm“ sieben ortsansässige Betriebe aus unterschiedlichen Branchen bei der Entwicklung unternehmensspezifischer Konzepte für mehr Familienbewusstsein.

Familienfreundlichkeit in Unternehmen zahlt sich aus. Das zeigt eine Studie des „Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik“ (FFP) in Müns­ter. Danach haben familienbewusste Unternehmen eine um 16 Prozent geringere Fehlzeitquote und eine um 15 Prozent geringere Fluktuationsrate. Gleichzeitig steigt die Mitarbeiterzufriedenheit um 13 Prozent.

Besonders wichtig angesichts des vielfach beklagten Fachkräftemangels: Bei den Personalverantwortlichen familienfreundlicher Betriebe gehen fast ein Drittel mehr Bewerbungen für Stellen in Schlüsselpositionen ein als in anderen Unternehmen. Und: Die Quote der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die nach der Elternzeit in ihren Betrieb zurückkehren, ist bei familienfreundlichen Unternehmen um rund 22 Prozent höher.

Gleich mehrere messbare Vorteile also, denen sich sieben Unternehmen aus Hamm nicht verschließen wollten, darunter die DEG Dach-Fassade-Holz eG, die Friedrich-Wilhelm-Stift gGmbH, die Hesse GmbH & Co. KG, die hotel.de AG, die Mohs Stahlhandel GmbH, die Salzgitter Mannesmann Line Pipe GmbH und die Stadtwerke Hamm GmbH. “Familienfreundlichkeit als Standortfaktor auszubauen ist Anliegen der Wirtschaftsförderung Hamm, denn gute Voraussetzungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen ist heute ein Imagegewinn für eine Region und bietet Anreize gerade für qualifizierte Fachkräfte", so Karin Kaplan von der Wirtschaftsförderung Hamm, die das Projekt federführend initiiert hat. Eine Veranstaltung des Familienbüros der Stadt Hamm in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung zum jährlichen Aktionstag der Lokalen Bündnisse für Familie zum Thema „Wir gewinnen mit Familie!“, konnte als Auftakt genutzt werden, um das Projekt „FAMILIENbewusste Unternehmen in Hamm“ interessierten Unternehmen und Institutionen vorzustellen. Kompetente Partner konnten zur Unterstützung des Projektes gewonnen werden. „Zu ihnen zählen das Familienbüro der Stadt Hamm, der Unternehmensverband Westfalen-Mitte e.V., die IHK zu Dortmund mit der Zweigstelle Hamm, der Einzelhandelsverband Westfalen-Münsterland e.V. und der Deutsche Gewerkschaftsbund“, berichtet  Dr. Britta Obszerninks, stellvertretende Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Hamm. Moderiert wird das Projekt von der B.A.U.M. Consult GmbH mit Sitz in Hamm und von dem Beratungsinstitut ATempo aus Dortmund.

Workshops und Erfahrungsaustausch
 

Methodisch orientiert sich das Projekt Familienbewusste Unternehmen am Projekt „ÖKOPROFIT – Betriebskostensenkung durch Umweltschutzmaßnahmen“, das bereits seit zehn Jahren in ganz Deutschland durchgeführt wird und dazu beigetragen hat, das Umweltmanagement in mehr als 2500 Unternehmen zu verbessern. Geschäftsführer der B.A.U.M. Consult Johannes Auge: „Viele Unternehmen haben uns im Rahmen des Beratungsprozesses auf das Thema ,Soziales‘ als Komponente der betrieblichen Nachhaltigkeit angesprochen und sich Unterstützung bei der systematischen Erarbeitung des Themas gewünscht. So entstand die Idee, ein Beratungs- und Qualifizierungsprogramm für Unternehmen zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu konzipieren.“ Die erste Projektrunde in Hamm baut auf den Erfahrungen des Pilotprojektes FamUnDo – Familienbewusste Unternehmen in Dortmund – auf, das mittlerweile in der zweiten Runde läuft.

Neben einer Workshopreihe umfasst das Projekt eine individuelle Beratung der Betriebe, begleitende Öffentlichkeitsarbeit sowie – nach erfolgreichem Abschluss – die Auszeichnung zum „FAMILIENbewussten Unternehmen“. Zunächst aber können sich die teilnehmenden Unternehmen in fünf Workshops einen Überblick über Elemente und Handlungsfelder familienfreundlicher Personalentwicklung verschaffen. Ein Workshop greift die wichtigen Themen Arbeitszeit und Arbeitsorganisation auf. „Bei der Arbeitsorganisation“, konkretisiert Alexandra Malinka, Beraterin bei der B.A.U.M. Consult, „sind zwei Komponenten zu berücksichtigen: die Planbarkeit von Arbeit, realisierbar etwa durch die Schaffung von Teamstrukturen oder frühzeitig abgestimmte Schichtpläne, sowie die Ermöglichung von Flexibilität, zum Beispiel bei familiären Notfällen. Dies kann unter anderem durch rechtzeitige Vertretungsregelungen gelingen.“

Weitere Workshops befassen sich mit dem Aspekt „betriebliche Kommunikation“ sowie den Themen „Kinderbetreuung“ und „Pflege“. Gerade letzteres Thema wird nach den Erfahrungen der Beraterin in den Unternehmen trotz demografischer Entwicklungen noch vernachlässigt. Während die Anzahl der Pflegebedürftigen im Jahr 2005 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes noch 2,13 Millionen betrug, wird bis zum Jahr 2030 ein Anstieg auf bis zu 3,36 Millionen Pflegebedürftige prognostiziert. „Auf viele Arbeitnehmer kommen zusätzliche Pflegeaufgaben zu, denn Angehörige werden überwiegend in häuslicher Pflege versorgt, was oftmals zu einer hohen Doppelbelastung für berufstätige Arbeitnehmer führt. Hier kann das Unternehmen durch Informationen unterstützen, z. B. durch „Pflegeseminare“ oder Ratgeber mit lokalen Ansprechpartnern. Da das Pflegezeitgesetz auch Freistellungen für Mitarbeiter mit Pflegeaufgaben vorsieht, sollten Unternehmen in diesem Feld Umsetzungskonzepte entwickeln.“

Im fünften, abschließenden Workshop rücken „Aus- und Wiedereinstieg vor und nach Familienzeiten“ als mögliche Instrumente der Personalentwicklung und betrieblichen Kommunikation in den Vordergrund. Ebenfalls findet im Rahmen eines Workshops eine Informationsbörse statt, bei der sich die lokalen Kooperationspartner mit ihren Angeboten vorstellen und mit den Unternehmen mögliche Kooperationsformen diskutieren können.

Konzipiert sind die Workshops in einem ausbalancierten Verhältnis aus Fach-Vorträgen von Experten und gemeinsamer Erarbeitung der Themen in Gruppenübungen. Alexandra Malinka: „Dem Erfahrungsaustausch der teilnehmenden Unternehmen widmen wir in den Workshops viel Raum, denn familienfreundliche Ansätze entstehen in der Praxis. Die Gruppenzusammensetzung aus Firmen unterschiedlicher Branchen und Größen wird dabei von den beteiligten Betrieben sehr positiv bewertet, denn über die Entdeckung von Gemeinsamkeiten, aber auch von Unterschieden lassen sich Anregungen für Maßnahmen gewinnen, die am besten zum eigenen Betrieb passen. Deshalb sind die Workshops ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Projekts.“

Beteiligung der Beschäftigten
 

Weiterer Erfolgsfaktor ist die individuelle Beratung der Betriebe auf der Basis einer Stärken-Schwächen-Analyse zu den Aspekten Arbeitszeitregelungen, Personalpolitik und -entwicklung, Kommunikation und Information. Anhand einer Checklis­te werden zudem betriebswirtschaftliche Daten wie die Personalstruktur, Fluktuationsraten und Krankenstand erhoben sowie bereits vorhandene familienfreundliche Maßnahmen und Angebote identifiziert. Um später bedarfsgerechte Maßnahmen konzipieren zu können, ist die Einbeziehung der Beschäftigten unverzichtbar. „Deshalb“, so Johannes Auge, „wollen wir projektbegleitend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach ihrer Einschätzung und Bewertung vorhandener oder fehlender Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie fragen, zum Beispiel im Rahmen einer Mitarbeiterbefragung oder eines Mitarbeiterworkshops.“

Das gesamte Vorgehen – von der Stärken-Schwächen-Analyse über die intensive Beteiligung der Beschäftigten bis hin zum konkreten Handlungsplan – deckt sich nach Meinung von Wera Pöhler von der Regionalagentur Westfälisches Ruhrgebiet, die das Projekt seit Beginn begleitet, weitestgehend mit dem Ablauf einer Potentialberatung. Tatsächlich haben zwei Unternehmen, die Friedrich-Wilhelm-Stift gGmbH, ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe, und die Mohs GmbH, Stahlhandel und Schweißfachbetrieb, eine vom Land geförderte Potentialberatung für die im Projekt vorgesehenen Beratungstage im Betrieb beantragt.

Individuelle Konzepte
 

An je drei Beratungstagen werden die Unternehmen fachkundig und intensiv bei der Auswahl und Umsetzung familienbewusster Maßnahmen unterstützt. „Dabei geht es nicht um die Umsetzung einer Vielzahl von Maßnahmen, sondern um individuelle, auf Ziele und Herausforderungen eines jeden Unternehmens zugeschnittene Lösungen, die Mitarbeitern und Betrieb nutzen“, so Johannes Auge.

Die Hesse GmbH & Co KG etwa, ein Unternehmen mit 100 Jahre alter Geschichte und spezialisiert auf die Herstellung von Lacken und Beizen für den Innenbereich, sucht Nachwuchskräfte in hoch spezialisierten Berufen: den Lacklaboranten oder die Lacklaborantin zum Beispiel. Mit der Teilnahme am Projekt will sich das Unternehmen auch neue Fachkräftepotenziale erschließen. Innovative Personalstrategien sind für die Hesse GmbH & Co. KG, die sich auch beim betrieblichen Eingliederungsmanagement oder bei der Ausbildungsförderung besonders engagiert, kein Neuland.

Ganz anders die Herausforderungen bei der Friedrich-Wilhelm-Stift gGmbH. Zu den Aufgaben des freien Jugendhilfe-Trägers zählt die ambulante und stationäre Betreuung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher – eine Arbeit, die in den Wohngruppen zum Beispiel 24-Stunden-Schichten bedeutet. Schon heute wird den Interessen der Mitarbeiterinnen in vielfältiger Weise Rechnung getragen, z. B. durch im Team abgestimmte Schichtpläne. Das Thema „Vereinbarkeit“ soll jetzt aber durch einen Newsletter noch stärker in die innerbetriebliche Kommunikation einfließen und gemeinsam mit den Mitarbeitern diskutiert werden.

Auch am Umgang mit dem Thema „Pflegebedürftigkeit von Angehörigen“ soll gearbeitet werden: „Einige der Stift-Mitarbeiterinnen haben Kinder unter 16 Jahren und müssen zusätzlich aber schon jetzt oder bald auch ältere Familienangehörige pflegen – eine Kumulation, eine Doppelbelastung, auf die der Betrieb rechtzeitig eine Antwort finden muss“, so Rolf Öhlmann, Geschäftsführer der Friedrich-Wilhelm-Stift gGmbH. „Auch das Thema „Betrieb und Gesundheit“ ist uns wichtig und soll im Projekt angegangen werden, z. B. im Rahmen von Veranstaltungen für Mitarbeiter.“

Ausgezeichnete Betriebe
 

Die Beratungspraxis in Unternehmen zeigt, dass sich eine familienbewusste Personalpolitik auf „drei Säulen“ stützt. Dies wird durch Forschungsergebnisse des FFP-Instituts Münster bestätigt. „Auf der einen Seite stehen die konkreten Maßnahmen, zum Beispiel die Flexibilisierung der Arbeitszeit, finanzielle Unterstützungen wie steuerbegünstigte Kindergartenzuschüsse oder die Schaffung von Betreuungsmöglichkeiten von Mitarbeiterkindern“, so Alexandra Malinka. Zum anderen geht es um das Thema Kommunikation: „Oft sind schon viele gute Maßnahmen vorhanden, die bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht ankommen. Die Verbesserung der betrieblichen Kommunikation ist somit eine wichtige Aufgabe. Hinzu kommt, als dritte Säule, der Bereich „Unternehmenskultur“. Die Beraterin nennt, als Frage formuliert, ein Beispiel: „Wird es eigentlich im Betrieb akzeptiert, dass Führungskräfte in Teilzeit arbeiten oder dass Familienauszeiten genommen werden? Häufig befürwortet die Unternehmensleitung die Inanspruchnahme familienbezogener Angebote die mittlere Führungs­ebene wie Team- oder Bereichsleiter sieht in der Inanspruchnahme von Angeboten zur Familienfreundlichkeit aber gegebenenfalls eine Störung von Arbeitsabläufen. Durch das Projekt wollen wir an dieser Stelle einen Bewusstseinswandel anregen.“

Nach Abschluss des Projekts erhalten die Unternehmen von der Wirtschaftsförderung Hamm und den Projektpartnern die Auszeichnung „Familienbewusster Betrieb in Hamm“ – ein Zertifikat, ist
Karin Kaplan von der Wirtschaftsförderung Hamm überzeugt, „das bei potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern, dringend gesuchten Fachkräften also, aber auch bei Kunden und Dienstleistern einen positiven Eindruck hinterlassen dürfte.“ Darüber hinaus schafft die Teilnahme am lokalen Projekt „FAMILIENbewusste Unternehmen in Hamm“ gute Voraussetzungen für die Teilnahme am Audit „Beruf und Familie“, einem überregionalen Managementinstrument der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, das von allen Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft empfohlen wird.

Abstract

Wissenschaftliche Studien belegen: Familienbewusste Unternehmen sind eindeutig besser gerüstet für Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels. So gehen bei den Personalverantwortlichen familienfreundlicher Betriebe fast ein Drittel mehr Bewerbungen für Stellen in Schlüsselpositionen ein als in anderen Unternehmen und die Quote der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die nach der Elternzeit in ihren Betrieb zurückkehren, ist bei familienfreundlichen Unternehmen um rund 22 Prozent höher. Deshalb unterstützt das von der Wirtschaftsförderung Hamm initiierte Beratungs- und Qualifizierungsprojekt „FAMILIENbewusste Unternehmen in Hamm“ sieben ortsansässige Betriebe aus unterschiedlichen Branchen bei der Entwicklung unternehmensspezifischer Konzepte für mehr Familienbewusstsein.

Kontakt

Alexandra Carina Malinka, Dipl.-Jur.,
Nachhaltigkeitsberaterin B.A.U.M. Consult GmbH
Sachsenweg 9
59073 Hamm
a.malinka@baumgroup.de
Karin Kaplan
Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hamm mbH
Münsterstraße 5 (Haus 4)
59065 Hamm
Tel.: 02381 9293-201
karin.kaplan@wf-hamm.de
www.wf-hamm.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de

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