Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2011 Fachkräftesicherung „Frauen werden auch aus volkswirtschaftlicher Sicht als Arbeitskräfte benötigt“
(Heft 1/2011)
Interview mit Prof. Jutta Allmendinger

„Frauen werden auch aus volkswirtschaftlicher Sicht als Arbeitskräfte benötigt“

Auf dem Arbeitsmarkt expandiert der Dienstleistungssektor. Im Bildungsbereich überholen die Frauen ihre männlichen Altersgenossen. Bis 2020 wird die Zahl der Arbeit anbietenden Menschen demografisch bedingt soweit abgeschmolzen sein, dass rein rechnerisch jeder Arbeitswillige einen Arbeitsplatz haben kann – prognostiziert Hilmar Schneider vom Institut zur Zukunft der Arbeit. Rosige Zeiten also für Frauen auf dem Arbeitsmarkt? Die G.I.B. sprach mit Prof. Jutta Allmendinger (WZB) zum Thema „Beschäftigungspotenziale nicht erwerbstätiger Frauen“.

G.I.B.: 5,6 Mio. Frauen zwischen 25 und 59 Jahren sind in Deutschland nicht erwerbstätig. Dies entspricht einem Anteil von 28 Prozent aller Frauen in diesem Alter. Wie sieht das soziale Profil dieser Gruppe aus?

Prof. Jutta Allmendinger: Wir können diese Frauen nicht über einen Kamm scheren. Einige waren kontinuierlich und lange erwerbstätig, andere haben immer mal wieder für kurze Zeit gearbeitet, wieder andere sind gleich nach der Familiengründung dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden. Eine knappe Million von ihnen war noch nie erwerbstätig. Die meis­ten Frauen, die schon erwerbstätig waren, sind gut gebildet. Zwei Drittel haben eine Ausbildung oder sogar mehr als eine. Nur ein Drittel hat keine Ausbildung. Wir haben es also mit einer sehr vielfältigen Gruppe zu tun.

G.I.B.: Wie ist typischerweise die Familiensituation nicht erwerbstätiger Frauen?

Prof. Jutta Allmendinger: Das ist sehr unterschiedlich. Von den Frauen, die keine Arbeit suchen, sind 80 Prozent verheiratet, 90 Prozent dieser Gruppe haben Kinder. Unter den Frauen, die Arbeit suchen, sind weniger verheiratet, sie haben auch seltener Kinder. Sie sind häufiger nicht erwerbstätig aus anderen Gründen, die nicht in erster Linie mit der Familiensituation zu tun haben.

G.I.B.: Warum ist der Anteil der nicht erwerbstätigen Frauen in Deutschland so hoch?

Prof. Jutta Allmendinger: In Deutschland gibt es starke Anreize, die Erwerbsarbeit mit der Geburt von Kindern zu unterbrechen. Da sind zum einen die im Schnitt niedrigen Löhne in typischen Frauenberufen. Oft können Frauen mit dem eigenen Verdienst gerade mal die teure Kinderbetreuung bezahlen. Obgleich dies mittelfristig überaus rational wäre, ist die Wiederaufnahme der Berufsarbeit kurzfristig schwer gegenüber dem Partner zu vertreten. Das Ehegattensplitting tut sein Übriges. Vom Lohn der Frauen bleibt gefühlt wenig übrig. Auch die weit verbreitete Mentalität in Deutschland ist nicht förderlich: Man spricht noch immer von Rabenmüttern und behauptet, eine Erwerbstätigkeit der Mütter schade der Entwicklung der Kinder. Das alles fördert eine für Deutschland spezifische Kultur der Nichtvereinbarkeit von Voll-Erwerbstätigkeit und Familie. Der Mann ist Vollzeit erwerbstätig, die Frau nicht. Der Mann entwickelt sich im Beruf weiter, die Frau tritt aufgrund von Unterbrechungen und Teilzeitarbeit eher auf der Stelle. Nur bei 20 Prozent aller Paare mit Kindern sind beide Elternteile in Vollzeit erwerbstätig, in Finnland sind es 60 Prozent.

G.I.B.: Und was hält Frauen im späteren Verlauf vom Wiedereinstieg ab?

Prof. Jutta Allmendinger: Strukturelle Hürden für einen schnellen Wiedereinstieg sind mangelnde Vereinbarkeit von betrieblich gesetzten Arbeitszeiten und den Öffnungszeiten von Kitas, Kindergärten, Schulen und Horten.

G.I.B.: Wie wirken sich die Merkmale des ursprünglich ausgeübten Berufs auf die Dauer der Erwerbsunterbrechung aus?

Prof. Jutta Allmendinger: Es ist ganz entscheidend, welchen Beruf die Frauen vor der Unterbrechung hatten und wie ihre soziale Situation ist. In manche Berufe kehren Frauen sehr schnell zurück – aus existenzieller Not. Da geht es um Berufe, in denen geringfügige Beschäftigungsverhältnisse die Regel sind und in denen überwiegend un- und angelernte Frauen arbeiten, etwa bei den Gebäudereinigerinnen oder Lagerarbeiterinnen. Diese Berufe setzen keine besonderen Qualifikationen voraus. Sie zahlen oft jämmerliche Löhne, bieten nur eine lückenhafte soziale Absicherung. Aufstiegsmöglichkeiten gibt es nicht. In diesen Berufen arbeiten häufig Frauen, die dringend auf ein Einkommen angewiesen sind. Andere Frauen unterbrechen nur kurz aufgrund anderer Merkmale. So gehen Berufe mit einem hohen Anteil befristeter Tätigkeiten mit kurzen Erwerbsunterbrechungen einher. Architektinnen, Geschäftsbereichsleiterinnen, Ärztinnen, angestellte Lehrerinnen und Wissenschaftlerinnen hangeln sich oft von Job zu Job, bis sie schließlich eine unbefristete Beschäftigung gefunden haben.

G.I.B.: Und wer unterbricht lange?

Prof. Jutta Allmendinger: Frauen in Berufen, in denen viele Arbeiterinnen tätig sind. Je höher ihr Anteil in dem Beruf ist, umso länger hält typischerweise die Erwerbsunterbrechung an. Der Alltag in diesen Berufen ist häufig physisch und psychisch sehr anstrengend, beispielsweise in der Landwirtschaft und im Verkauf. Bei den Arbeiterinnen zeigen sich frühzeitig gesundheitliche Verschleißerscheinungen. Da andere Berufe diesen Frauen nicht offenstehen, scheiden sie meist lange aus dem Erwerbsleben aus, weil sie zu einer Weiterarbeit in ihrem alten Beruf körperlich nicht in der Lage sind. Auch die Arbeitszeiten spielen eine wesentliche Rolle. So steigen Frauen in Berufen, in denen regelmäßig mehr als 46 Wochenstunden geleistet werden, lange aus. Diese Arbeitszeiten sind nicht festgeschrieben, aber sie folgen informellen Normen. Eine einzelne Frau kann diese nicht aufbrechen. So werden von Hilfsarbeiterinnen, Friseurinnen und Sprechstundenhelferinnen oft Überstunden erwartet. Diese zusätzliche Belastung erschwert das tägliche Zeitmanagement und lässt sich mit dem Familienleben nur schlecht verbinden.

G.I.B.: Arbeitszeiten jenseits des 9:00 bis 17:00 Uhr-Regelmaßes sind also generell unattraktiv?

Prof. Jutta Allmendinger: Nicht unbedingt. Berufe, die auch am Wochenende oder an Feiertagen ausgeübt werden, sind oft jene, in die Frauen schnell wieder zurückkehren. Gute Beispiele sind Restaurantfachfrauen und Stewardessen. Offenbar erlaubt die Wochenendarbeit, dass man sich die Kindererziehung mit dem Partner, den Eltern oder anderen Verwandten teilt. Sie ermöglicht es, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren. Für Wochenendarbeit werden außerdem Lohnzuschläge gezahlt, sodass sie auch finanziell attraktiv ist. All das beschleunigt die Wiederaufnahme der Arbeit.

G.I.B.: Ist der öffentliche Dienst so attraktiv, dass Frauen möglichst zügig wieder ins Büro gehen möchten?

Prof. Jutta Allmendinger: Berufe im öffentlichen Dienst und Berufe mit einem hohen Anteil an Teilzeitarbeit haben offenbar keinen so entscheidenden Einfluss auf die Länge der Erwerbsunterbrechung. Das gilt auch für Berufe mit einem offenen Zugang, die also nicht an spezialisierte formale Zugangsvoraussetzungen gebunden sind. In solchen Berufen arbeiten Frauen aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlich hohem formalem Bildungsstand, beispielsweise Werbefachfrauen, Publizistinnen oder Direktionsassistentinnen.

G.I.B.: Wie beeinflussen die unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsmodelle die Quoten der Nichterwerbstätigkeit von Frauen bzw. Müttern? Welche Schlüsse ergeben sich im internationalen Vergleich für die Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland?

Prof. Jutta Allmendinger: Der Anteil nicht erwerbstätiger Frauen insgesamt unterscheidet sich im Vergleich von sieben europäischen Ländern nicht sehr stark. Schweden, Dänemark und Finnland haben mit 20 bzw. 21 Prozent die niedrigsten Quoten, Deutschland und Großbritannien mit 27 und 28 Prozent die höchsten. Die Schweiz und Frankreich liegen dazwischen. Das sind also keine riesigen Unterschiede. Aber was die Erwerbstätigkeit von Müttern angeht, liegen Welten zwischen diesen Ländern. Mütter in Deutschland, der Schweiz und in Großbritannien sind oft nicht erwerbstätig. In Deutschland liegt die Quote bei 37 Prozent.

G.I.B.: Ist die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit denn grundsätzlich ein Problem?

Prof. Jutta Allmendinger: Nein, nicht zwangsläufig. Phasen der Nichterwerbstätigkeit können durchaus ihr Gutes haben. Man erweitert seine Perspektiven, lebt ein Stück ein anderes Leben. Problematisch wird die Nichterwerbstätigkeit, wenn es keine Wahlmöglichkeiten gibt, wenn sie lange anhält, auch wenn die Frau das gar nicht möchte. Dann verlieren sich Optionen, der Weg zurück in den Arbeitsmarkt wird kompliziert und man riskiert, finanziell vom Partner oder dem Staat abhängig zu werden. Und genau das wollen Frauen nicht.

G.I.B.: Wo müsste man ansetzen, um die Situation zu verändern?

Prof. Jutta Allmendinger: Um die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland zu erhöhen, ist Prävention das Stichwort. Es ist nicht originell, es ist nicht innovativ, aber es ist wirksam und geht alle an – die Frauen, die Familien, die Betriebe und die Politik. Wir müssen alles daran setzen, dass sich eine Erwerbsunterbrechung erst gar nicht in die Länge zieht. Wir wissen: Die große Mehrheit von Frauen und Männern möchte eine Familie gründen und erwerbstätig sein. Doch insbesondere Mütter müssen achtgeben, an ihre Zukunft denken und diese selbst in die Hand nehmen. Sie müssen Hilfe aktiv einfordern, auch von ihren Partnern. Je ungleicher Hausarbeit und Erwerbsarbeit zwischen ihnen verteilt sind, umso ungleicher werden die Handlungsmöglichkeiten im weiteren Lebensverlauf sein.

G.I.B.: Mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – gibt es also „volkswirtschaftliche Motive“, die einer Förderung der Berufstätigkeit von Frauen entgegenstehen?

Prof. Jutta Allmendinger: Die Pflegebedürftigkeit älterer Angehöriger ist ein wichtiges Thema, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Es sind eben nicht nur Kinder, die Betreuung brauchen. Bedenken wir den demografischen Wandel unserer Gesellschaft, so wird der Anteil Älterer drastisch steigen, die Zahl der Pflegebedürftigen auch. Das Gesamtpotenzial derer, die erwerbstätig sein können, sinkt hingegen. Die Frauen werden also auch aus volkswirtschaftlicher Sicht als Arbeitskräfte benötigt werden. Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ist daher eine ebenso große Herausforderung wie eine menschenwürdige Versorgung Pflegebedürftiger.

G.I.B.: Welche unterschiedlichen Integrationsstrategien ergeben sich vor dem Hintergrund der Sozialprofile nicht erwerbstätiger Frauen?

Prof. Jutta Allmendinger: Die gut qualifizierten Frauen werden als Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt dringend benötigt. Sie brauchen gute und flexible Kinderbetreuungsangebote, eventuell eine kurze Weiterbildung, um Wissen aufzufrischen. Wenn die Frauen viele Jahre unterbrochen haben, ihr erlernter Beruf sich verändert hat oder nicht mehr existiert, dann bedarf es längerer Weiterbildungen und Umschulungen. Eine Qualifizierungsoffensive ist hier unbedingt notwendig. Und nicht vergessen darf man die gesundheitlich beeinträchtigten Frauen. Sie benötigen Rehabilitationsmaßnahmen, um wieder arbeiten zu können.

G.I.B.: Wie unterscheiden sich die Wege zum Wiedereinstieg zwischen dem SGB III- und SGB II-Rechtskreis?

Prof. Jutta Allmendinger: Die Wege unterscheiden sich deutlich. Wiedereinsteigerinnen im SGB III, also diejenigen, die Arbeitslosengeld I oder gar keine finanziellen Leistungen erhalten, treffen auf andere Strukturen. Ihnen stehen andere Möglichkeiten offen als den Frauen im SGB II, also denjenigen, die Arbeitslosengeld II bekommen. Die nicht erwerbstätigen Frauen im SGB II-Rechtskreis werden im Jobcenter betreut, die anderen von der Agentur für Arbeit. Doch dort müssen die Wiedereinsteigerinnen erst mal hingehen. Sie müssen sich arbeitslos oder zumindest arbeitsuchend melden, auch wenn sie kein Arbeitslosengeld bekommen. Dies ist bereits eine Hürde. Die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt in den Arbeitsagenturen bieten Veranstaltungen speziell für diese Frauen an, um sie zu informieren und die Hemmschwelle überwinden zu helfen. Die Frauen im SGB II haben keine Wahl. Sie sind auf Transferleistungen angewiesen und müssen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Wenn es aber um spezifische Wiedereinstiegsprobleme geht, konnten Wiedereinsteigerinnen im SGB II lange nicht auf Beauftragte für Chancengleichheit bauen. Dies ist seit Januar endlich anders.

G.I.B.: Laut Bildungsbericht 2010 haben 24,2 Prozent der weiblichen Nichterwerbspersonen eine Lehr- bzw. Anlernausbildung und 15,3 Prozent einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Welche Angebote bzw. Maßnahmen sind erforderlich, um diesen Frauen eine Berufsrückkehr zu ermöglichen?

Prof. Jutta Allmendinger: Hinzu kommen noch 16,4 Prozent der weiblichen Nichterwerbspersonen, die einen Fachschulabschluss haben. Dies kann zum Beispiel eine Technikerausbildung sein, bei Frauen leider noch immer unwahrscheinlicher, oder ein Abschluss im Gesundheitswesen. Diese Frauen sind hervorragend qualifiziert. Die Unternehmen sollten diese Potenziale nutzen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen. Nicht zuletzt müssen die Frauen aber auch ihre Partner in die Pflicht nehmen.

G.I.B.: Fördern atypische Beschäftigungsformen wie 400-Euro-Jobs die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Prof. Jutta Allmendinger: Unmittelbar vielleicht, wenn die Alternative heißt, gar nicht erwerbstätig zu sein. Wird aus dem Minijob jedoch keine reguläre Beschäftigung, geht diese Beschäftigungsform wieder zu Las­ten der Frauen, denn sie bietet keine Perspektive, weder beruflich noch für die Alterssicherung.

G.I.B.: Kann ehrenamtliches Engagement den Wiedereinstieg erleichtern?

Prof. Jutta Allmendinger: Ehrenamtliches Engagement hat viele positive Wirkungen. Die Frauen übernehmen diese Aufgaben freiwillig. Sie helfen, weil sie helfen wollen, sie werden eingebunden, sie leben ein Stück eigenes Leben jenseits ihrer Familie. Sie fühlen Respekt und bekommen Anerkennung. Aber man sollte keine übersteigerten Erwartungen hegen, dass ehrenamtliches Engagement automatisch die Chance verbessert, dauerhaft und im gewünschten Umfang wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Denn die Zahlen sind ernüchternd. Die meisten Frauen engagieren sich ehrenamtlich in Bereichen, in denen nur geringfügig neue Kompetenzen vermittelt werden. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass sich solche Übergänge, wenn sie denn gelingen, oft als unsicher und instabil herausstellen.

G.I.B.: Aber generell abraten würden Sie nicht, auch über das Ehrenamt Chancen zu verbessern?

Prof. Jutta Allmendinger: Es kommt wirklich auf die jeweilige Situation an. Viele freiwillige Tätigkeiten werden im sogenannten Dritten Sektor ausgeübt. Die Beschäftigung in diesem Bereich steigt. Einstellungen erfolgen durchaus rasch und zu Bedingungen, die gerade Frauen entgegenkommen, die aus familiären Gründen ihre Erwerbstätigkeit unterbrochen haben. Ihnen werden flexible Arbeitszeiten geboten und somit die Chance, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Allerdings finden sich auch unübersehbare Nachteile: Die Beschäftigung erfolgt meist befristet oder auf ein Projekt bezogen. Gleichzeitig sind die Löhne und Gehälter häufig auf einem sehr niedrigen Niveau. Diese Kombination aus flexiblen Arbeitszeiten, Befristung, Projektarbeit und geringen Löhnen deutet auf ein prekäres Arbeitsmarktsegment hin, in dem vor allem Frauen tätig sind. Übergänge in eine unbefristete und reguläre Anstellung sind in diesem Bereich selten zu erwarten.

G.I.B.: Welchen Frauen glückt der Wiedereinstieg?

Prof. Jutta Allmendinger: Je jünger die Frauen sind, desto eher schaffen sie den Wiedereinstieg. Das Gleiche gilt für die Qualifikation. Frauen mit einem akademischen Abschluss oder einem Meister werden mit mehr als viermal so hoher Wahrscheinlichkeit wieder erwerbstätig wie Frauen ohne einen Berufsabschluss. Werfen wir einen Blick auf die Arbeitszeit, dann stellen wir fest, dass Frauen, die in ihrem Erwerbsleben hauptsächlich in Vollzeit tätig waren, der Wiedereinstieg schwerer fällt als Frauen, die zuvor in Teilzeit arbeiteten. Die Erklärung liegt auf der Hand. Wir wissen, dass die meisten nicht erwerbstätigen Frauen unter den gegebenen Rahmenbedingungen nur eine Teilzeitbeschäftigung aufnehmen können, da nur so Beruf und Familie zu vereinbaren sind. Wenn diese Frauen nun früher in Vollzeit gearbeitet haben und auf ihrem Gebiet keine Teilzeitstellen angeboten werden, müssen sie große Hürden beim Wiedereinstieg überwinden. Vor diesen Problemen stehen Frauen nicht, die auch zuvor in Teilzeit arbeiteten – diese Berufe werden offensichtlich in Teilzeit angeboten.

G.I.B.: Welche Rolle spielen der Gesundheitszustand und die persönliche Familiensituation für die Chancen des Wiedereinstiegs?

Prof. Jutta Allmendinger: Als wichtiger Faktor erweist sich die Gesundheit. Bei erwerbsgeminderten oder schwerbehinderten Frauen ist ein Wiedereinstieg um das siebenfache unwahrscheinlicher als bei gesunden Frauen. Keinen Einfluss auf die Wiedereinstiegschancen hat hingegen die Dauer der Erwerbsunterbrechung. Auch haushaltsbezogene Merkmale verbessern nicht unser Verständnis, welche Frauen eher als andere wieder eine berufliche Tätigkeit aufnehmen. Frauen mit Partner werden ebenso häufig wieder erwerbstätig wie Frauen ohne Partner. Frauen mit hohem Familieneinkommen ebenso häufig wie Frauen mit niedrigem Familieneinkommen. Frauen mit Kindern unter 12 Jahren ebenso häufig wie Frauen ohne Kinder unter 12 Jahren.

G.I.B.: Welche Förderprogramme finden Sie besonders sinnvoll? Was muss noch getan werden?

Prof. Jutta Allmendinger: Das bundesweite Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ mit einem Internetportal, zahlreichen Infobörsen für Frauen zum Thema Wiedereinstieg und mehreren Modellprojekten des Europäischen Sozialfonds ist ein sehr guter Anfang. Auch die Landesprogramme wie das Netzwerk W hier in NRW oder der Plan W in Rheinland-Pfalz sind sehr sinnvoll. Wir müssen jetzt aber dafür sorgen, dass es nicht bei einigen Ländern und wenigen Modellprojekten bleibt, sondern dass nicht erwerbstätige Frauen in ganz Deutschland von den bisherigen positiven Erfahrungen der Programme profitieren und ihren Weg zurück in den Beruf finden.

G.I.B.: Wir sprechen hier über komplexe Veränderungsprozesse. Umstritten ist, inwieweit der Staat handeln muss, wo die Verantwortung der Betriebe beginnt und wo jeder und jede Einzelne sich bewegen muss. Das ist bei der aktuell heftig diskutierten Frage einer Frauenquote für Frauen in Spitzenpositionen ja nicht anders. Befürworten Sie eine Quote?

Prof. Jutta Allmendinger: Ich befürworte zumindest für einige Zeit die Einführung einer verpflichtenden Quote. Es ist klar, dass ein allgemeiner Mentalitätswandel erforderlich ist. Das ist schwierig, wir haben es ja mit einem tief verwurzelten Phänomen zu tun, nämlich überkommenen Geschlechterbildern und -stereotypen. Die sind nicht von heute auf morgen aufzulösen. Aber den benötigten Wandel haben Appelle, Versprechen und Selbstverpflichtungen über Jahre und Jahrzehnte nicht herbeigeführt. Es funktioniert also offenbar nur über eine strikte Vorgabe.

In anderen Ländern haben wir gesehen, dass in dem Moment, da es die Quote gibt, die fähigen Frauen bereit stehen, um Top-Positionen zu übernehmen und die Anforderung in hervorragender Weise erfüllen. Die Quote erzwingt das Entstehen einer kritischen Masse, die Veränderung bringt. Nach einiger Zeit werden sich die betrieblichen Strukturen und die dominanten Unternehmenskulturen wandeln. Dann werden Vorstandssitzungen nicht mehr um 20 Uhr anfangen, dann wird nicht mehr als selbstverständlich betrachtet, dass die Geschäftsführerin am Wochenende rund um die Uhr und sofort auf Mails antwortet. Aus ideologischen Gründen an der Maxime festzuhalten, so etwas sei nicht Sache des Staates, wirkt sich verheerend aus. Das müsste unser Ziel sein: Deutschland sollte sich nicht mehr dem Gespött aussetzen, wenn skandinavische oder amerikanische Top-Frauen bei einem Meeting in Deutschland meinen, im falschen Film zu sitzen, wenn sie sich auf einmal in reinen Männergesellschaften befinden.

Das Interview führte

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767-152
m.keuler@gib.nrw.de

Kontakt

Präsidentin, Prof. Jutta Allmendinger Ph.D.
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Reichpietschufer 50
10785 Berlin
buero.praesidentin@wzb.eu

 

Artikelaktionen