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(Heft 4/2010)
Martin Wrotny arbeitet seit zehn Jahren als Leiharbeiter

Von der Übergangslösung zum Dauerzustand

Was als Übergang geplant war, ist zum Dauerzustand geworden: Martin Wrotny ist seit Jahren Leiharbeiter. Kabel aufwickeln, Leergut oder Metallteile sortieren – meistens fühlt sich der studierte Wirtschaftswissenschaftler mit seinen Aufgaben unterfordert.

In ungefähr 20 Firmen hat Martin Wrotny in den vergangenen zehn Jahren gearbeitet. Bei einigen mal zwei, drei Tage, bei anderen immer wieder mit Unterbrechungen. „Andere Kollegen werden viel häufiger von Firma zu Firma weitergereicht“, erklärt der Wuppertaler – einer von derzeit knapp 900.000 Leiharbeitern in Deutschland. Die meisten von ihnen haben befristete aufgabenbezogene Verträge „Damit erwerben sie noch nicht einmal Anspruch auf Urlaubs- oder Weihnachtsgeld“, weiß Martin Wrotny.

Er hat es da besser mit seinem unbefristeten Vertrag, ist sozusagen „privilegiert“. Was nicht bedeutet, dass der studierte Wirtschaftswissenschaftler zufrieden ist. Im Gegenteil: Er fühlt sich als Arbeitnehmer zweiter Klasse.

Geld reicht nur für das Nötigste
 

Grund dafür ist zum einen der Verdienst: „Wenn ich weiß, dass ich für die gleiche Arbeit rund ein Drittel weniger bekomme als der Kollege von der Stammbelegschaft, dann ist das frustrierend.“ Martin Wrotny verdient cirka 900 Euro netto im Monat für 151,67 Stunden. Selbst als Alleinstehender kann er mit seinem Lohn keine großen Sprünge machen. Eine Urlaubsreise, neue Möbel für die Mietwohnung und vor allem Geld für Belletristik wünscht er sich. Kritisch wäre es, wenn sein Auto kaputt ginge. Einen Wagen braucht er für die Arbeit, obwohl er so oft es geht, öffentliche Verkehrsmittel benutzt.

Viele kleine Diskriminierungen
 

Abgesehen von dem geringen Einkommen sind es die vielen kleinen Diskriminierungen, die ihm zu schaffen machen. So existiert bei seinem Verleihbetrieb „null Mitspracherecht“, wenn es um die Einsätze geht. Er zum Beispiel mag keine kurzen Tätigkeiten von zwei, drei Tagen. Denn häufig erfährt er von seinem Verleiher vorher noch nicht einmal, ob er drinnen oder draußen arbeiten muss. „Was soll man sich denn unter ,Allgemeinen Hilfstätigkeiten’ oder ,Qualitätskontrolle’ vorstellen? Das kann alles Mögliche sein: Kabel legen, am Flughafen aushelfen oder Leergut sortieren.“ Was für Kleidung nimmt man also mit? Und wie lange dauert die Fahrt? „Der Verleihfirma kommt es nur darauf an, das Personal unterzubringen, wie es die Auftragslage gerade erfordert.“ Ganz gleich, ob jemand der passende Mann ist oder nicht.

Was schlimme Folgen haben kann: Martin Wrotny hatte einen Arbeitsunfall, bei dem er sich trotz Handschuhen mit heißem Metall die Hand verbrannte und wochenlang ausfiel. Krankgeschrieben war er sonst in zehn Jahren nur noch ein einziges Mal wegen einer Grippe.

Mehr bezahlen in der Kantine
 

Gerechte Behandlung vermisst Martin Wrotny auch bei den Entleihfirmen. Das fängt mit Parkplätzen an, die oft für die Stammbelegschaft reserviert sind. „Dann muss man herumfahren und suchen.“ Auch schon vorgekommen: Das Mittagessen in der Betriebskantine ist für Leiharbeiter teurer. „Das ist doch paradox. Ich verdiene weniger, muss aber mehr bezahlen.“ So etwas gefällt auch vielen Festangestellten nicht. Als nette Geste werden ihm schon mal Essensmarken zugesteckt. Martin Wrotny kommt mit den Kollegen „zu 80 Prozent kollegial und menschlich gut zurecht.“ Wenn ihn manche Firmen namentlich anfordern, weiß er, dass er seinen Job gut gemacht hat. Allerdings hat er in den vergangenen Jahren immer häufiger bemerkt, dass in manchen Betrieben Stammbelegschaften die schlechter bezahlten Leiharbeiter als Konkurrenz empfinden. „Sie befürchten einfach ersetzt zu werden.“

Eine eiserne Regel versucht Martin Wrotny immer zu befolgen: sich heraushalten aus Konflikten der Belegschaften. „Das ist ein kleiner Vorteil, den man als Leiharbeiter am Anfang hat: Man tut so, als bemerke man die dicke Luft nicht und holt sich nur die Informationen, die man braucht."

Ausweg aus der Arbeitslosigkeit
 

Dass der Akademiker nun schon seit zehn Jahren in der Branche ist, „war nie geplant.“ Wie er da reingerutscht ist? Er spricht zunächst von einem „untypischen Bildungsweg“: Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann folgte über den zweiten Bildungsweg die Fachhochschulreife. Mit Anfang 30 begann Martin Wrotny Wirtschaftswissenschaften zu studieren, machte seinen Abschluss aber erst mit 46 Jahren. Als Student hatte er immer wieder projektbezogene Verträge im wissenschaftlichen Bereich an einem Umweltinstitut. Dann wurde er arbeitslos und fand in eineinhalb Jahren keine neue Stelle.

Zeitarbeit erschien ihm als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Mit Ende 40 hatte er die Hoffnung, über einen Einsatz des Verleihbetriebs einen Dauervertrag bei einer Firma zu bekommen, „wo meine Fähigkeiten gebraucht werden und ich auch arbeiten möchte. Denn ein positiver Aspekt der Leiharbeit ist, dass es die Gelegenheit gibt, Betriebe kennenzulernen.“ Tatsächlich hätte es für den Akademiker fast am Anfang mit dem „Klebeeffekt“ geklappt: Seine Übernahme bei einer Chemiefirma im Forschungsbereich scheiterte, weil die Firma in die Krise kam und einen Einstellungsstopp verhängte. Martin Wrotny blieb Leiharbeiter.

Weiterbildung nicht unterstützt
 

In den ersten Jahren verdiente er etwas mehr als heute und wurde meistens, wie vereinbart, als kaufmännischer Sachbearbeiter eingesetzt. Weiterbildungen wie etwa im EDV-Bereich finanzierte er aus eigener Tasche. Sein Zeitarbeitsunternehmen „nahmen das nur zur Kenntnis, mehr aber auch nicht.“ Er hätte sich gewünscht, noch mehr im kaufmännischen Bereich zu arbeiten.

Von Qualifizierung im Job hält sein Arbeitgeber offenbar ohnehin nicht viel: Als Martin Wrotny sein Englisch auffrischen wollte, „war die Bereitschaft nicht da, mich zu unterstützen. Man wisse nicht, ob es intern Kurse gäbe, lautete die lapidare Antwort.“ Den gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub hat er bis heute kein einziges Mal eingelöst, weil „ich die Befürchtung hatte, indirekt sanktioniert zu werden, indem mir schlechte, gefährliche und schmutzige Jobs zugewiesen werden.“

Ums Recht gekämpft
 

Martin Wrotny beschreibt sich als „anpassungsfähig“, alles will er sich aber nicht gefallen lassen. Gegen eine Änderungskündigung, die weniger Gehalt vorsah, ging er rechtlich vor. Heraus kam ein Kompromiss: Er bekam eine finanzielle Entschädigung, sein Gehalt wurde heruntergestuft, und er muss seitdem weniger qualifizierte Tätigkeiten im gewerblichen Bereich übernehmen. So hat der 59-Jährige in den vergangenen sechs Monaten in einer Textilfirma Bänder aufgerollt. „Das war anstrengend, weil man sich sehr konzentrieren musste und es so monoton war. Aber immerhin konnte ich sitzen.“ Mittlerweile hat er bei seinen „spracharmen Tätigkeiten“, die ihn extrem unterfordern, angeeignete Kenntnisse wieder verlernt oder sie sind nicht mehr aktuell. Mit seinen Computer- und Englisch-Kenntnissen könnte er heute nicht mehr punkten, nimmt er an.

Außerdem beklagt Martin Wrotny, dass er keinen Einfluss darauf hat, wann er seine Überstunden abfeiern kann. Sie würden verrechnet, wenn sein Verleiher keinen Arbeitseinsatz für ihn habe. Dabei müsse der Verleiher für die verleihfreie Zeit aufkommen. Martin Wrotny: „Tut er das nicht, wälzt er das unternehmerische Risiko auf den Arbeitnehmer ab. Das ist so, als würde ich mich selbst bezahlen.“

Autorin

Lisa von Prondzinski
Tel.: 0221 4203823
Lisa.von-Prondzinski@ish.de
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