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(Heft 4/2010)
Der "3. Weg in der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen"

Flexibel, individuell, erfolgreich

Können auch die Jugendlichen einen Ausbildungsabschluss erreichen, die mithilfe der bisherigen Förderinstrumente keinen Erfolg hatten? – Der 3. Weg in der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen beweist dies seit 2006.

Zeitliche Streckung der Ausbildung, Ausbildungsbausteine, kleine Lerngruppen in Berufskollegs, Bildungscoaching und individuelle Qualifizierungsplanung sind dabei die wesentlichen Erfolgsfaktoren. Nach vier Jahren Pilotphase geht der 3. Weg nun als „Individuelle integrative Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen NRW – 3. Weg“ (nach § 242 SGB III) in die Regelförderung über. Grund genug, aus der Sicht der Programmsteuerung und der fachlichen Begleitung einen Blick auf Innovationen, bisherige Erfahrungen und mögliche Konsequenzen für die Weiterentwicklung der Berufsausbildung zu werfen.

Das Pilotprojekt „3. Weg in der Berufsausbildung in NRW“ begann im Herbst 2006 mit rund 850 Plätzen. Im Herbst 2008 kam ein zweiter Ausbildungsdurchgang in gleicher Stärke hinzu. Der Ausbildungsvertrag nach BBiG/HWO wird mit einem Bildungsträger abgeschlossen, allerdings nehmen betriebliche Qualifizierungsphasen von bis zur Hälfte der Ausbildungszeit einen hohen Stellenwert ein. Das Pilotprojekt wurde vom Minis­terium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführt, in Kooperation mit dem Minis­terium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen sowie der Regionaldirektion NRW der Bundes­agentur für Arbeit und eng abgestimmt mit den Partnern des Ausbildungskonsenses NRW. Das Land Nordrhein-Westfalen hat für die Maßnahmenkosten insgesamt 54 Mio. € aus Landes- und ESF-Mitteln bereitgestellt.

Zurzeit werden im Rahmen des 3. Weges in Nordrhein-Westfalen 13 meist zweijährige Ausbildungsberufe angeboten, zu denen mit Unterstützung von Kammern sowie Experten aus Schule und Wirtschaft landesweit einheitliche Ausbildungsbausteine entwickelt und vom Bundesinstitut für Berufsbildung fachlich geprüft worden sind.1 Ziele sind der Berufsabschluss und/oder der Übergang in Arbeit. Wer vorzeitig die Ausbildung abbricht, soll mit den erfolgreich abgeschlossenen Ausbildungsbausteinen einen leichteren Einstieg in Anlerntätigkeiten in Betrieben bekommen und die Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen können. Unter Beibehaltung des Berufsprinzips werden damit auch die Potenziale einer modularen Ausbildung ausgelotet, wie sie in Fachkreisen seit einiger Zeit diskutiert wird.

„Ausbildungswillig, aber aktuell nicht vollständig ausbildungsreif“
 

Adressaten des 3. Weges sind „Jugendliche und junge Erwachsene, die ausbildungswillig sind, aber aufgrund ihrer persönlichen und schulischen Voraussetzungen noch nicht ausbildungsfähig bzw. ausbildungsreif sind, also absehbar trotz der vorhandenen Fördermaßnahmen im Rahmen bestehender Regelausbildungssys­teme (Schule, Betrieb) keine anerkannte berufliche Qualifizierung/Ausbildung mit den dazugehörigen Abschlüssen erwerben werden.“ (MAGS 2008, S. 5)

Während der Pilotphase waren 60 Prozent der Auszubildenden 20 Jahre und älter. 85 Prozent hatten die deutsche Staatsangehörigkeit. 58 Prozent besaßen einen Hauptschulabschluss, 26 Prozent verfügten über keinen Schulabschluss.2

Aus welchen Gründen bedürfen die betreffenden Jugendlichen einer besonderen Förderung? An erster Stelle stehen nach Einschätzung der Träger Defizite im Bereich des Arbeitsverhaltens und bei den Schlüsselkompetenzen sowie Probleme in Bezug auf das Einhalten von Regeln und allgemeinen Arbeitstugenden. Als zweiter Grund werden mangelnde schulische Basiskenntnisse im Schreiben, Rechnen, Lesen genannt. Bei ca. einem Drittel sind Probleme im sozialen oder familiären Umfeld ausschlaggebend. Es handelt sich also um eine sehr heterogen zusammengesetzte Zielgruppe mit oft multiplen Problemlagen. Trotz bereits absolvierter Ausbildungsvorbereitung brauchen sie mehr Förderung, als in der klassischen Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen vorgesehen ist.

Ausbildungsverlängerung oder -unterbrechung möglich
 

Im 3. Weg wird gemäß den gesetzlichen Möglichkeiten (§ 8 BBiG bzw. § 27 b HWO) durch individualisierte Ausbildungsverläufe mehr Zeit und Unterstützung zur Entwicklung von Ausbildungsreife gewährt. Konkreter Grund für eine Ausbildungsverlängerung kann zum Beispiel sein, dass die Jugendlichen im ersten Ausbildungsjahr eine längere Phase der persönlichen oder sozialen Stabilisierung benötigen, dass sie aufgrund von Lernschwierigkeiten besonders intensiv gefördert werden müssen oder dass sie enorme Umstellungsprobleme oder erheblichen Entwicklungsbedarf im Bereich des Arbeitsverhaltens und der Persönlichkeit haben. Durch die zeitliche Streckung oder Unterbrechung sind im 3. Weg Elemente der Berufsvorbereitung, wie z. B. Kompetenzentwicklung, Klärung der persönlichen und sozialen Situation, persönliche Stabilisierung, individuell in die Ausbildungszeit integrierbar. So können in vielen Fällen Ausbildungsabbrüche vermieden werden.

Von der Möglichkeit der Unterbrechung haben im Pilotprojekt allerdings offiziell nur 4,6 Prozent der Auszubildenden Gebrauch gemacht (33 Fälle im ersten und 77 Fälle im zweiten Durchgang). Unter Einbeziehung vieler nicht registrierter Unterbrechungen bei Fortbestehen des Ausbildungsvertrages kann man realistisch von etwa 180 Fällen (ca. 10,6 Prozent) ausgehen. Neben solchen Unterbrechungen, die gesetzlich legitimiert sind (Kindererziehung, gesundheitliche Probleme), liegen die Gründe oft in Ereignissen, die normalerweise zum Abbruch der Ausbildung geführt hätten.

So brauchen manche Jugendliche zur Regelung ihrer finanziellen Angelegenheiten mehr Zeit und Unterstützung, als ihnen üblicherweise dafür gewährt wird. Viele Auszubildende müssen eine durch Regeln strukturierte Arbeits- und Lebensweise erst langsam lernen. Das Ableisten einer Haftstrafe und der anschließende Wiedereintritt in eine Ausbildung wie die Wiederaufnahme einer Ausbildung nach einer längeren Unterbrechung wegen einer Therapie brauchen Zeit und Unterstützung.

Manche krankheitsbedingte Unterbrechung hat vielfältige biografische Hintergründe, die es aufzuklären und soweit wie möglich zu bearbeiten gilt. Viele Jugendliche im 3. Weg leben in einem schwierigen familiären Umfeld (Krankheiten in der Familie, Betreuungsnotwendigkeiten für Angehörige, fehlendes geregeltes Leben in der Familie, Gewaltpotenzial in der Familie), sodass immer wieder ein hoher Bearbeitungsaufwand entsteht.

Nach erfolgreichem Abschluss einer zweijährigen Ausbildung wird im Pilotprojekt den Auszubildenden, die über dem Leis­tungsniveau der Zielgruppe liegen, die Möglichkeit angeboten, die Ausbildung in einem drei(einhalb)jährigen Ausbildungsberuf fortzusetzen (sog. Durchstiegsoption), der auf dem zweijährigen Ausbildungsberuf aufbaut. Vorrangig soll die Ausbildung in einem Betrieb fortgesetzt werden. Bei Vorliegen bestimmter Gründe (z. B. noch fehlende persönliche Stabilität des Auszubildenden, kein adäquater Arbeitsplatz zu vermitteln) kann die Ausbildung auch beim Bildungsträger fortgesetzt werden.

Strukturierung der Ausbildung durch Ausbildungsbausteine
 

Das Ausbildungskonzept und die Ausbildungsmethoden müssen in besonderer Weise auf die Stärken und den Entwicklungsbedarf der Jugendlichen eingehen, sodass ein unterschiedliches Lerntempo ermöglicht wird. Ausbildungsbausteine bilden die Grundlage für die Individualisierung und Flexibilisierung der Ausbildungsverläufe. Sie sind tätigkeitsorientiert formuliert, in sich abgeschlossen und beschreiben Qualifizierungsergebnisse auf dem Niveau der beruflichen Handlungskompetenz. Ihr Zuschnitt erfolgt gemäß praxisbezogenen Kerntätigkeiten. Sie wurden auf der Grundlage der jeweiligen Ausbildungsordnung entwickelt, haben einen verbindlichen Bezug zu Ausbildungsrahmenplan und Rahmenlehrplan der Berufskollegs und schließen mit einer Leis­tungsfeststellung durch den Träger ab. Nicht zu unterschätzen ist auch der motivierende Aspekt: Durch abgeschlossene Ausbildungsbausteine werden bereits nach relativ kurzer Zeit Erfolge verbucht, entgegen den bisherigen Misserfolgserfahrungen der Jugendlichen.

Die Ausbildungsbausteine bilden im 3. Weg die Grobstruktur für die betriebliche Ausbildungsplanung des Trägers (vgl. § 11 BBiG). Sie gliedern den Gesamtverlauf der Ausbildung und verdeutlichen die übergeordneten Ziele: Ausbildungsabschluss und Eingliederung in ein betriebliches Arbeitsverhältnis. Genauso wie die Lernfelder von den Berufsschulen in Lernsituationen untergliedert werden, sind auch die Ausbildungsbausteine in Handlungssituationen aufzuteilen (Lern- und Arbeitsaufgaben). Sie knüpfen an typische betriebliche Arbeitstätigkeiten an, die beim Bildungsträger durchgeführt oder zumindest vor- und nachbereitet werden. Durch diese Ausdifferenzierung und durch eine klare Abgrenzung untereinander sind im Rahmen der Pilotphase ihre Bezüge zu den Lernfeldern deutlicher geworden. Durch die in den Berufskollegs eigens eingerichteten kleinen Lerngruppen (Mindestgruppengröße von 12 Teilnehmenden) haben sich auch dort die Möglichkeiten für Binnendifferenzierung und individueller Förderung erheblich erhöht. In der Abstimmung der Ausbildungsinhalte zwischen Bildungsträgern und Berufsschulen sind viele Ideen zur Verzahnung der beiden Lernorte entstanden.

Im 3. Weg gibt es viele Beispiele, wie Bildungsträger im Rahmen von Projekten, internen Aufträgen, gemeinnützigen Arbeiten oder durch Betriebskooperation auch in der außerbetrieblichen Ausbildung betriebliche Arbeits- und Geschäftsprozesse realitätsnah gestalten. Diese Tendenz gilt es weiter zu verstärken, denn Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein gedeihen nur, wenn die Auszubildenden ihre eigene Leistung als wertschöpfend erkennen können.

Durch die tätigkeitsorientierten Ausbildungsbausteine können die Betriebe differenzierter erkennen, für welche Tätigkeiten die Auszubildenden bereits produktiv einsetzbar sind und an welchen Stellen die Einzelnen noch Unterstützung brauchen. Hier besteht allerdings noch Handlungsbedarf. Viele Betriebe kennen zwar im Groben die Ausbildungsbausteine, auf die Vereinbarung der Ziele für die betriebliche Ausbildungsphase hat dies aber bisher kaum Einfluss. Zukünftig soll daher die Schnittstelle zwischen den Lernprozessen beim Bildungsträger und der Weiterführung in den Betrieben noch klarer formuliert und so die Anwendung, Erweiterung und Vertiefung bisher erworbener Kompetenzen verbessert werden.

Heterogene Ausbildungsgruppen
 

Individualisierte Ausbildungsverläufe benötigen auf die Einzelnen zugeschnittene Planungsprozesse. Ausbildungsbausteine beginnen und enden nicht bei allen Auszubildenden zur gleichen Zeit. Mitunter werden auch mehrere Ausbildungsbausteine gleichzeitig ausgebildet. Im betrieblichen Arbeitsprozess oder in komplexeren Projekten lassen sich die Aufgabenstellungen nicht immer streng nach Ausbildungsbausteinen trennen. Aufgaben, die im Schwerpunkt dem Ausbildungsbaustein 3 zugeordnet sind, enthalten mitunter auch Tätigkeiten aus den vorangegangenen oder folgenden Bausteinen. So können die Auszubildenden innerhalb der Gruppe mit differenzierten Teilaufgaben befasst werden, die ihrem individuellen Entwicklungsstand entsprechen.

Qualifizierungs- und Förderplanung
 

Während der Pilotphase hat sich gezeigt, dass Förderung oft noch mit dem Beheben von Defiziten assoziiert wird, statt die Stärken und die Leistungspotenziale in den Vordergrund zu stellen. In der Personalentwicklung bedeutet „Förderung“ dagegen, Menschen in ihren Stärken zu unterstützen, um sie zur erfolgreichen und effizienten Aufgabenbewältigung im betrieblichen Arbeitssystem zu befähigen. Deshalb stellt Qualifizierungs- und Förderplanung in erster Linie fachliche Herausforderungen in den Vordergrund. Nicht das, was jeder leisten muss (z. B. Einhaltung von Regeln), ist Gegenstand von Zielvereinbarungen, sondern individuelle Leistungen.

Die Ausbildungsbausteine beschreiben die Ausbildungsziele und -inhalte für alle Auszubildenden. Auf dieser Grundlage werden individuelle Förder- und Qualifizierungsziele zu fachlichen und fachübergreifenden Kompetenzen entwickelt, die für die einzelnen Lernenden eine besondere Herausforderung darstellen. Diese kann zum Beispiel darin bestehen, erstmalig die Gruppenleitung, die Zuständigkeit für die Materialkalkulation oder für die Dokumentation der Arbeitsplanung zu übernehmen. Jede/r Einzelne entwickelt so individuell neue Kompetenzen. Gerade weil die Jugendlichen in ihrer bisherigen Biografie häufig an ihren Schwächen gemessen worden sind, brauchen sie die Anerkennung ihres Leistungsvermögens. Daraus entwickelt sich ein Ansporn, auch Leistungen in Bereichen zu verbessern, die nicht zu den Stärken gehören.

Bildungscoaching als Beratungsansatz
 

Bildungscoaching als prozessbegleitendes Beratungs- und Unterstützungsangebot soll die Jugendlichen befähigen, die für sie richtigen Entscheidungen zunehmend selbst zu treffen und damit mehr und mehr Verantwortung für ihren weiteren beruflichen Entwicklungsprozess zu übernehmen. Bildungscoaching fasst die Koordination der verschiedenen Lernorte (Bildungsträger, Berufskolleg und Betrieb), die sozialpädagogische Begleitung und die Lernförderung im Stütz- und Förderunterricht zu einem gemeinsamen Handlungsansatz zusammen, eng verschmolzen mit der fachlichen Ausbildung. Übergeordnetes Ziel ist die Herausbildung beruflicher Handlungskompetenz. Alle Teammitglieder bringen ihre jeweiligen berufsfachlichen Kompetenzen ein und machen ihr berufliches Handeln bis ins Detail gegenseitig transparent.

Coaching beruht auf einer freiwilligen und gleichberechtigten Beratungsbeziehung. Ausgangspunkt für einen Coachingprozess ist ein Anliegen oder ein Problem, wozu der bzw. die Auszubildende Lösungsstrategien entwickeln will. Bildungscoaching unterstützt die Auszubildenden durch Fragen oder Impulse, die für sie und ihre Ziele richtigen Lösungsstrategien zu entwickeln und Aktivitäten zur Umsetzung zu unternehmen.

Erfolge und Empfehlungen
 

Im ersten Durchgang haben 499 Auszubildende in zweijährigen Ausbildungsberufen an der Abschlussprüfung teilgenommen, 447 davon erfolgreich (89,6 %). 45 Prozent dieser Auszubildenden haben die Prüfung nach zwei Jahren bestanden, ein weiteres Drittel nach höchstens 30 Monaten. 22 Prozent haben zwischen 31 und 40 Monate benötigt. Knapp 30 Prozent haben die Ausbildung im dreijährigen Ausbildungsberuf fortgesetzt.

Mit dem 3. Weg ist von Nordrhein-Westfalen ein entscheidender bildungspolitischer Impuls ausgegangen. Das Land ist Vorreiter in Sachen „Modularisierung“ in der Berufsausbildung. Dazu beigetragen hat die Einbindung der Partner im Ausbildungskonsens, insbesondere der Kammern und Gewerkschaften. Auf Bundes­ebene ist das Thema Ausbildungsbausteine später auch in anderen Programmen aufgegriffen worden, etwa im BMBF-Programm „JOBSTARTER CONNECT“ als ein Lösungsansatz für Altbewerber oder zur Verknüpfung von Berufsvorbereitung und außerbetrieblicher Ausbildung.

Der 3. Weg kann auch im Übergang Schule – Beruf neue Perspektiven eröffnen. Mit der Verzahnung von Berufsvorbereitung und Berufsausbildung können Investitionen in das Übergangssystem zielgerichteter und wirtschaftlicher erfolgen. „Für den Wissenschaftler (Dieter) Euler ist der ,3. Weg‘ einer der wenigen ,Leuchttürme‘ im Übergangssystem. Auch Norbert Wichmann vom Deutschen Gewerkschaftsbund lobt: ,Hier werden eigentlich chancenlose Jugendliche eben nicht in die Warteschleife gestellt, sondern direkt in die Lehre gebracht.‘“ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 05.04.10).

Trotz der aufgezeigten Erfolge gibt ein Entwicklungsprojekt wie der 3. Weg auch künftig Aufgaben zur Optimierung auf, die gleichzeitig wertvolle Hinweise für ähnliche Ansätze darstellen können: Hinsichtlich der Zielgruppen bedarf es einer konsequenteren Abgrenzung des 3. Weges gegenüber der klassischen Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (BaE). Alternativ ist auch eine Integration der Förderinstrumente des 3. Weges in die BaE im Sinne eines ganzheitlichen Förderkonzeptes denkbar.

Der komplexe Förderansatz muss der Zielgruppe gelten, die ihn wirklich benötigt: Jugendlichen mit nicht vollständig entwickelter Ausbildungsreife. Eine Erhöhung der Kapazitäten würde immense Folgekosten für diese Zielgruppe einsparen. Bei der Auswahl der Jugendlichen für die jeweiligen Förderangebote hat sich eine Abstimmung zwischen den Partnern in der Region bewährt. Die zu Beginn bewusst niedrig formulierten Anforderungen für Ausbildungswilligkeit müssen während der Ausbildung erkennbar gesteigert werden, um Fehlzeiten und Fluktuation zu vermindern. Künftig müssen bereits bei der Zwischenprüfung mit den Betrieben gemeinsame Strategien zur Weiterführung der Ausbildung im 3. Ausbildungsjahr oder zur Übernahme in Arbeit entwickelt werden.

Um die Akzeptanz der Ausbildungsbausteine für die Betriebe zu erhöhen, bedarf es landesweit einheitlicher und transparenter Qualitätsstandards für die Bausteinprüfungen sowie eine verstärkte Kommunikation mit den Betrieben zur Planung der betrieblichen Ausbildungsphasen auf der Basis der bisher erreichten Kompetenzen. Bei vorzeitiger Beendigung müssen die Träger künftig verpflichtend für Bescheinigungen der Kammern sorgen, um den Übergang in Arbeit oder eine spätere Wiederaufnahme der Ausbildung unter Anrechnung bereits absolvierter Bausteine zu erleichtern. Diese Herausforderungen gilt es auch in der „BaE NRW 3. Weg“ zu meistern, das die zentralen Elemente des Förderkonzepts „3. Weg in der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen“ aufgreift. Rund 500 Jugendliche werden in diesem Rahmen ab September 2010 ausgebildet.


1 Eine Übersicht und die Ausbildungsbausteine selbst unter www.gib.nrw.de/service/downloads/3Weg_AB_Uebersicht.pdf
2 Quelle: 4. Bericht der fachlichen Begleitung (2009), S. 9 – 22; aktualisierte Auswertungen.


Autorenteam

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Tel.: 02041 767-241
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Christoph Eckhardt
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Referentin für berufliche Ausbildung
Ministerium für Arbeit, Integration und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Fürstenwall 25
40219 Düsseldorf
kerstin.freund-berghausen@mais.nrw.de

Literatur

BMBF (Hg.): Berufliche Qualifizierung Jugendlicher mit Förderbedarf – Benachteiligtenförderung. Bonn/Berlin 2005
Buschmeyer, Hermann/Eckhardt, Christoph: Individuelle Qualifizierungs- und Förderplanung. Eine Arbeitshilfe. Materialien zum 3. Weg in der Berufsausbildung. Arbeitspapier 30, Hg. G.I.B. Bottrop, November 2009 (Download www.gib.nrw.de/service/downloads/Arbeitspapiere_30.pdf)
Buschmeyer, Hermann/Eckhardt, Christoph: Bildungscoaching. Eine Arbeitshilfe. Materialien zum 3. Weg in der Berufsausbildung. Arbeitspapier 33, Hg. G.I.B. Bottrop, Juni 2010 (Download www.gib.nrw.de/service/downloads/bildungscoaching-eine-arbeitshilfe)
Buschmeyer, Hermann u. a.: Regionale Abstimmungsprozesse und Kooperation der Lernorte. Vierter Bericht der fachlichen Begleitung des Pilotprojektes „3. Weg in der Berufsausbildung in NRW“ (Januar bis September 2009). Hg. G.I.B. Bottrop, September 2009 (Download www.gib.nrw.de/service/downloads/3Weg_Bericht_4.pdf)
Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS) (2008): Förderkonzept „3. Weg in der Berufsausbildung in NRW“ (Stand 15. Mai 2008) (Download www.gib.nrw.de/service/downloads/Foerderkonzept.pdf)
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