Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2010 "Gute Arbeit" statt prekäre Beschäftigung Flexibel, aber sicher
(Heft 4/2010)
Beschäftigung bei Arbeitgeberzusammenschlüssen

Flexibel, aber sicher

In Frankreich gibt es sie schon seit 1985, in Deutschland setzt sich die Idee nur langsam durch: Arbeitgeberzusammenschlüsse (AGZ) zur gemeinsamen Beschäftigung von Mitarbeitern.

Betriebe, die nur periodisch oder saisonal Bedarf an Arbeitskräften haben, fassen Teilzeitbeschäftigungen in unterschiedlichen Unternehmen zu Vollzeitstellen zusammen und teilen sich diese Mitarbeiter. Diese neue Organisationsform steht auch im Zentrum des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojektes FlexStrat, welches die G.I.B. als Lead-Partner koordiniert.

Nachdem es zunächst nur in den neuen Bundesländern solche Zusammenschlüsse nach französischem Vorbild gab, hat sich im März 2009, gefördert durch das Arbeitsministerium NRW sowie den EU Sozialfonds, auch in Nordrhein-Westfalen ein AGZ gegründet. Die Genossenschaft „AGZ Soest-Ruhr-Lippe“ ist angetreten, die Idee des Arbeitgeberzusammenschlusses in der westfälisch-lippischen Landwirtschaft umzusetzen. Mit Erfolg?

„Für uns hat diese Art von Mitarbeiterbeschäftigung den Vorteil, dass wir Hilfe an den Tagen bekommen, an denen wir sie benötigen und arbeitsmäßig entlastet werden. Die gewonnene Zeit nutzen wir einerseits dafür, um den Betrieb weiter nach vorn zu bringen, andererseits um ein Stückchen mehr Lebensqualität zu haben“, sagt Betriebsleiter Philipp Schulze zur Wiesch, der einen Zuchtsaubetrieb im südwestfälischen Bad Sassendorf betreibt und seit Mai 2009 Jürgen Engelmann als Mitarbeiter über den Arbeitgeberzusammenschluss Soest-Ruhr-Lippe beschäftigt. Er arbeitet im dreiwöchigen Rhythmus jeweils 5,5 Tage in dem Betrieb. Das ist der Rhythmus, in dem die Säue Ferkel werfen.

„In Westfalen-Lippe haben wir es in der Landwirtschaft meistens mit Familienbetrieben zu tun. Durch die Spezialisierung der Betriebe sind die Arbeiten einerseits nicht mehr mit Kräften aus den Familien zu bewältigen, auf der anderen Seite ist für eine Festanstellung nicht genug Arbeit vorhanden oder die finanzielle Möglichkeit dafür nicht gegeben“, skizziert Rita Leßmann-Kind, Geschäftsführerin des AGZ Soest-Ruhr-Lippe und selbst Landwirtin, die Situation in der Region.

Zuchtsauenhaltung, Schweinemast, Milchviehhaltung, in den letzten Jahren zunehmend auch Geflügelhaltung – das sind die Haupterwerbsquellen der Landwirte in Westfalen-Lippe. Der Großteil der Arbeit fällt dabei in den Stallungen an. Meistens werden Kräfte benötigt, die Teilbereiche abdecken, wie zum Beispiel die Geburtsüberwachung in der Schweinezucht. Das sind überwiegend Anlerntätigkeiten, die aber gewisse Voraussetzungen erfordern, wie angstfreier Umgang mit Tieren, Toleranz gegenüber Schmutz, körperliche Belastbarkeit usw.

Generell gibt es in der Landwirtschaft saisonal oder auch periodisch häufig Arbeitsspitzen, die einen flexiblen Personal­einsatz notwendig machen. In der Erntezeit ist der Einsatz von Lohnunternehmen die Lösung. Wächst ein Betrieb und ist das regelmäßige Arbeitsaufkommen durch Mehrarbeit nicht mehr zu bewältigen, beschäftigen die Landwirte heute überwiegend Teilzeit-Hilfskräfte – zum Teil auf 400-Euro-Basis, seltener auf der Basis von Leiharbeit – zum Teil auch Kräfte aus dem grauen Bereich von Nachbarschafts- und anderen Hilfen.

Spezialisten für bestimmte Arbeitsbereiche sind als Teilzeitkräfte auf dem Arbeitsmarkt aber nur schwer zu bekommen. Bei Leiharbeit besteht das Problem, dass immer wieder neue Einarbeitungszeiten entstehen, die diese Form der Beschäftigung gegenüber festen Kräften weniger effektiv macht

Das Prinzip Fachkräfteteilung
 

Eine Lösung für den Fachkräftemangel im landwirtschaftlichen Bereich bietet hier der AGZ Soest-Ruhr-Lippe an: Fachkräfteteilung über Unternehmensgrenzen hinweg heißt sein Dienstleistungsprinzip. Am Anfang steht die Bedarfsanalyse, bei der die benötigte Qualifikation des Mitarbeiters festgestellt und der Umfang des Einsatzes ermittelt wird. Die zeitlichen Einsatzmöglichkeiten sind sehr variabel. Die Arbeitskräfte können Arbeitsspitzen abfangen oder auch kontinuierlich entlas­ten. Regelmäßig wiederkehrende Einsätze an einem festgelegten Tag oder mehreren Tagen pro Woche oder Monat sind ebenso möglich wie Arbeit an bestimmten Tagen in einem festen Wochenrhythmus.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, saisonale Arbeit für einen festgelegten Zeitraum anzufordern sowie auch Wochenenddienste und Urlaubsvertretungen. Benötigt ein Mitgliedsbetrieb des AGZ aktuell Arbeitskräfte, so schließt er mit ihm eine Abrufvereinbarung, in der alle notwendigen Modalitäten, wie Beschreibung der Tätigkeit, erforderliche Qualifikation, Beschäftigungszeit und -ort usw., geregelt sind und in der auch der Bruttolohn des Arbeitnehmers festgelegt wird. Grundsätzlich bucht der Betrieb eine feste Stundenzahl pro Monat. Die Entscheidung über Auswahl und Einsatz der Mitarbeiter treffen Betrieb und Geschäftsführung des AGZ gemeinsam. Mitte des Monats schickt der AGZ dem Betrieb eine Abschlagsrechnung über die gebuchten Stunden. Ende des Monats werden dann die tatsächlich geleisteten Stunden gemäß dem Tätigkeitsnachweis abgerechnet.

Das Zusammenschluss-Modell bietet dem Landwirt viele Vorteile: Die Geschäftsstelle des AGZ übernimmt für die Mitgliedsbetriebe das komplette Personalmanagement wie die Auswahl und Einstellung der Mitarbeiter, die Gestaltung der Einsatzplanung, die Urlaubsregelung, die Vertretungsregelung im Krankheitsfall und die Lohnabrechnung. Die Mitarbeiter stehen den Unternehmen zu dem Zeitpunkt zur Verfügung, zu dem Bedarf besteht, sie sind eingearbeitet, kompetent, flexibel und haben zum Mitgliedsunternehmen eine feste Bindung.

Der AGZ Soest-Ruhr-Lippe bietet jedem interessierten Betrieb zunächst die Möglichkeit, den Mitarbeiter an einem kos­tenfreien „Info-Tag“ in seinem Betrieb kennenzulernen. Dann sind drei weitere Tage gegen Kostenerstattung möglich, ohne dass der Landwirt schon Vollmitglied der Genossenschaft werden muss. Erst danach muss er sich entscheiden. Auf diese Weise ist das Risiko für die Landwirte minimiert, und es ist ihnen möglich, schnell die richtige Kraft für die jeweilige Stelle zu finden.
Die Kündigungsfrist für die Landwirte ist mit vier Wochen kurz gehalten, sodass ein Ausstieg aus dem Beschäftigungsverhältnis ohne große Verzögerung möglich ist.

Die zusammengeschlossenen Betriebe teilen sich als „Unternehmen der Unternehmen“ das finanzielle Risiko – zum Beispiel das der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – und profitieren gemeinsam von den wirtschaftlichen und finanziellen Vorteilen, die ein nicht gewinnorientierter AGZ bietet. Im Unternehmensnetzwerk können darüber hinaus Synergien durch weitere gemeinsame Aktivitäten entstehen.

Positive Bewertung überwiegt
 

Aber auch die AGZ-Arbeitnehmer bewerten ihre Beschäftigung im Allgemeinen positiv: Üblicherweise sind es nur zwei bis vier unterschiedliche Arbeitsplätze, die zu Vollzeitstellen kombiniert werden und den Lebensunterhalt vollständig sichern können. Trotzdem hat der Mitarbeiter es nur mit einem Arbeitgeber zu tun, dem AGZ. Durch den Einsatz in mehreren Betrieben ist die Arbeit abwechslungsreicher als ein normaler Job. Allerdings hat mancher „… Schwierigkeiten, sich an die unterschiedlichen Anfangszeiten in den einzelnen Betrieben, die räumliche Mobilität und die wechselnden Arbeits­teams zu gewöhnen“, weiß Rita Leßmann-Kind. Insgesamt überwiegen aber die positiven Aspekte wie die vielfältigen sozialen Kontakte, die Kompetenzerweiterung sowie eine bessere Leistung, Motivation und Zufriedenheit.

In Frankreich, wo man schon jahrzehntelange Erfahrung mit AGZ hat, finden sich unter den AGZ-Mitarbeitern viele eifrige Verfechter des AGZ-Konzeptes. Mitunter arbeiten ganze Familien in den gleichen Zusammenschlüssen. Auch AGZ-Mitarbeiter Jürgen Engelmann, der neben seiner Tätigkeit im Betrieb von Philipp Schulze zur Wiesch in Bad Sassendorf noch bei einem Hähnchenmastbetrieb und bei drei weiteren Landwirten beschäftigt ist, zeigt sich zufrieden: „Alle drei Wochen versorge ich die Ferkel im Zuchtsauenbetrieb, in den anderen Betrieben mache ich einmal pro Woche alles, was anfällt. Ich denke, für mich ist die Arbeit in unterschiedlichen Betrieben besser“, sagt der aus Kasachstan stammende Spätaussiedler, der dort selbst Land bewirtschaftete und Vieh hielt.

Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gilt: AGZ verbinden die Anforderungen der Betriebe an Flexibilität der Kräfte mit dem Bedürfnis der Beschäftigten nach Arbeitsplatzsicherheit. AGZ sind auch ein Instrument zur regionalen Fachkräftesicherung, da sie mit ihrem überbetrieblichen Blick und ihrem integrativen Vorgehen sowohl die Situation der Region, der Betriebe als auch von Beschäftigten mit berücksichtigen können. Und noch ein anderer Effekt für den Arbeitsmarkt ist möglich: Oft scheuen sich Betriebe trotz eines vorhandenen Bedarfes, Menschen aus den sogenannten „Zielgruppen des Arbeitsmarktes“, z. B. Langzeitarbeitslose, einzustellen, da sie den Aufwand für die Einarbeitung als zu hoch und die Gefahr des Scheiterns eines Arbeitsverhältnisses als zu groß einschätzen.

Hier kann das Teilen des Risikos die Hemmschwelle für eine Einstellung absenken, zumal das AGZ-Management als Intermediär zwischen Betrieb und Beschäftigten eine zusätzliche Betreuungsfunktion übernehmen kann. Der AGZ Soest-Ruhr-Lippe nutzt prinzipiell alle Wege der Mitarbeitergewinnung, bevorzugt allerdings Initiativ-Bewerber. Drei der bisherigen Mitarbeiter haben auf diesem Weg zum AGZ gefunden.

Unterstützung durch Mittelstandsverband
 

Der Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft e. V. (BVMW), der mitgliederstärkste Interessenverband der mittelständischen Wirtschaft in Deutschland, hat die Vorteile des AGZ-Modells, gerade für kleine und mittlere Unternehmen, erkannt und engagiert sich bei der Klärung der Rechtslage und bei der Verbreitung von AGZ. Der 2007 gegründete Bundesverband der Arbeitgeberzusammenschlüsse vertritt die Interessen der AGZ und definiert einheitliche Qualitätsstandards.

Unter anderem regeln diese Standards, dass die AGZ-Beschäftigten mindestens gleichen Lohn und gleiche Arbeitsbedingungen wie vergleichbare Beschäftigte der Stammbelegschaften erhalten (equal pay, equal treatment). AGZler sollen nicht Beschäftigte zweiter Klasse sein. Von Zeitarbeitsfirmen, die meist wechselnde Arbeitskräfte zur Verfügung stellen, gewinnorientiert arbeiten und das Risiko der Nichtauslastung in der Regel auf die Beschäftigten verlagern, will man sich bewusst abgrenzen.

Arbeitgeberzusammenschlüsse sind als „Unternehmen der Unternehmen“ ein interner Dienstleister. Sie stellen eingearbeitetes, regelmäßig wiederkehrendes Personal zur Verfügung, organisieren Flexibilität auf Dauer und bieten durch unbefristete Arbeitsverträge langfristig soziale Sicherheit und eine gerechte Bezahlung der Arbeit. Der Lohn eines AGZ-Beschäftigten kann jedoch je nach Einsatzbetrieb variieren und wird an die jeweiligen regio­nalen und Branchen-Lohnniveaus angepasst. In der Landwirtschaft ist das Lohnniveau – auch in den AGZ – eher niedrig. Die Lohnkosten liegen im Fall des AGZ Soest-Ruhr-Lippe für den Entleiher zwischen 14 € und ca. 20 € pro Stunde inklusive aller Sozialabgaben, Versicherungen, Weiterbildungs- und Ausfallzeitenpauschale sowie der Managementkosten, die bei rund 15 Prozent liegen. Allerdings fällt bei dieser Beschäftigungsform 19 Prozent Mehrwertsteuer für die Unternehmen an, sodass insgesamt zwischen ca. 17 € und 24 € für einen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu zahlen sind.

„Außerdem führen wir im Rahmen unserer Qualitätsstandards vor der Bereitstellung von Mitarbeitern eine Betriebs­analyse durch, um zu entscheiden, ob die Mindestbedingungen für eine Beschäftigung – zum Beispiel Sicherheitsstandards – erfüllt sind“, erläutert Rita Leßmann-Kind. Der AGZ führt für die Mitarbeiter ein Arbeitszeitkonto, sodass in Zeiten mit Arbeitsspitzen eine Ausweitung der Arbeitszeit möglich ist. Die entsprechenden Stunden können dann in weniger arbeitsintensiven Phasen abgefeiert oder am Ende des Jahres ausgezahlt werden. Auch auf dieser Ebene gilt also das Prinzip der Flexibilität.

Neidvoller Blick nach Frankreich
 

Besonders in Frankreich, das auf diesem Terrain eine Vorreiterrolle einnimmt, hat man gute Erfahrungen mit dem AGZ-Konzept gemacht. Hervorgegangen sind die „groupements d‘employeurs“, wie die AGZ in Frankreich bezeichnet werden, aus dem Umfeld der Landwirtschaft. 1985 wurde eine weit verbreitete Praxis der landwirtschaftlichen Betriebe – das Teilen von Personal – durch ein Gesetz legalisiert. Daraufhin gründeten sich die ers­ten Arbeitgeberzusammenschlüsse. Mitte der 1990er Jahre entstanden groupements d‘employeurs dann auch in anderen Branchen wie im Handwerk, im Transportwesen, in der Industrie, im Dienstleistungsbereich und im Sport. Dazu kamen AGZ, die sich der Einarbeitung und Qualifizierung von Arbeitskräften sowie der Ausbildung von Jugendlichen widmeten.

Heute gibt es in Frankreich über 5.000 Arbeitgeberzusammenschlüsse. Insgesamt sind 35.000 Menschen in den französischen AGZ beschäftigt bei einem Jahresgesamtumsatz von 650 Millionen Euro. Die Mehrzahl der französischen AGZ, die meistens als Vereine gegründet werden, findet sich auch heute noch in der Landwirtschaft (ca. 4.000). Meist sind dies kleine Zusammenschlüsse mit durchschnittlich drei Unternehmen und zwei Beschäftigten. Die Zufriedenheit auf Arbeitgeber- und auf Arbeitnehmerseite mit diesem Modell ist in Frankreich groß. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass es trotz der großen Beschäftigungszahlen zurzeit keinerlei arbeitsrechtliche Verfahren gibt. Seit 2005 können in Frank­reich auch öffentliche Einrichtungen in die AGZ einbezogen werden.

In Deutschland gibt es bisher nur wenige AGZ. In den neuen Bundesländern sind es fünf. Der älteste ist der im Jahr 2004 gegründete AGZ Spreewald in Brandenburg, in dem sich 40 Betriebe zusammengeschlossen haben. Für den Westen Deutschlands hat der AGZ Soest-Ruhr-Lippe eine Vorreiterfunktion. Auf Initiative des Arbeitsministeriums NRW befragte der Arbeitgeberverband für land- und forstwirtschaftliche Betriebe in Westfalen-Lippe im Jahr 2007 rund 4.500 landwirtschaftliche Betriebe. Die Umfrage ergab, dass in Zukunft der Bedarf sowohl für regelmäßig oder gelegentlich tätige Hilfskräfte als auch für qualifizierte Kräfte steigen wird. Daraufhin entwickelte der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) das Konzept für das Modellprojekt AGZ Soest-Ruhr-Lippe, das seit November 2008 vom Arbeitsministerium NRW und aus dem EU-Sozialfonds gefördert wird. Mittlerweile hat der AGZ 32 Mitgliedsbetriebe. 17 Betriebsleiter beschäftigen regelmäßig AGZ-Mitarbeiter. Zu Beginn des Projektes entwickelte sich die Nachfrage jedoch nicht wie erhofft. Die angepeilte Mitarbeiterzahl von zwölf bis 15 Vollzeitkräften ist bisher nicht erreicht.

Die zunächst auf zwei Jahre befristete Förderung zielte vor allem darauf ab, den Aufbau des AGZ zu finanzieren. Grundsätzlich senkt der AGZ die Hemmschwelle zur Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte gerade bei kleineren Unternehmen in der Landwirtschaft und schafft sozialversicherungspflichtige Vollzeit-Stellen anstatt prekäre Arbeit. Bis heute beschäftigt der AGZ vier Vollzeit- und eine Teilzeitkraft, zwei 400-Euro-Bürokräfte und eine Kraft im hauswirtschaftlichen Bereich (Direktvermarktung).

Bereits im Sommer hat der WLV die Verlängerung der Förderung um weitere 18 Monate beantragt. Begründet wird der Antrag damit, dass bisher nicht die geplante Anzahl an neu eingestellten Mitarbeitern erreicht wurde und der AGZ daher noch nicht ohne öffentliche Förderung existieren kann.

Die Gründe für die langsame Entwicklung liegen in mehreren Bereichen. Da sind zunächst die Kosten: Die Beschäftigung eines AGZ-Mitarbeiters ist, anders als bei einer Direktanstellung, umsatzsteuerpflichtig. Da die Umsatzsteuer fast ein Fünftel der Lohnkosten ausmacht, ist sie für die Landwirte schlicht zu teuer. 95 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe nutzen zur Vereinfachung der Buchführung bei der Zahlung der Umsatzsteuer die Möglichkeit der Pauschalierung. Sie können daher die Mehrwertsteuer, die sie für die AGZ-Kräfte bezahlen müssen, nicht verrechnen.

Für das Teilen von Arbeitskräften in mehreren Unternehmen mit einem festen Arbeitsvertrag gibt es – anders als in Frank­reich – in Deutschland keine gesonderte gesetzliche Regelung. Deshalb fallen Arbeitgeberzusammenschlüsse in Deutschland in den gesetzlichen Rahmen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG), das für Zeitarbeitsfirmen gilt. Die AGZ verstehen sich aber ausdrücklich nicht als Zeitarbeitsunternehmen.

Etwas neidisch blickt deshalb Rita Leßmann-Kind nach Frankreich: „Dort gründen drei Landwirte einen Verein, stellen zwei Leute ein und dann läuft die Sache – das ist mit dem bürokratischen Aufwand, der bei uns durch die Regelung über die Arbeitnehmerüberlassung entsteht oder dadurch, dass wir eine GmbH oder eine Genossenschaft gründen müssen, überhaupt nicht zu vergleichen.“ Im Fall des AGZ Soest-Ruhr-Lippe entschied man sich bei der Wahl der Rechtsform für eine Genossenschaft, weil durch eine Änderung im deutschen Genossenschaftsrecht eine Gründung mit relativ wenigen Mitgliedern möglich ist und nicht wie bei der GmbH zunächst ein Stammkapital von 25.000 Euro aufgebracht werden muss. Außerdem bietet eine Genossenschaft eine flexiblere Regelung bei der Aufnahme und dem Ausscheiden von Mitgliedern.

Akzeptanz verbessern, Einzugsgebiet vergrößern
 

Ein weiterer Grund für die zögerliche Entwicklung des AGZ Soest-Ruhr-Lippe ist, so die AGZ-Geschäftsführerin, die Weltwirtschaftskrise, die die Erzeugerpreise im Jahr 2009 in der Landwirtschaft auf ein historisch tiefes Niveau sinken ließ. Viele Betriebe waren deshalb nicht in der Lage zusätzliches Geld für Personal auszugeben. Außerdem ist das Informationsdefizit in der Landwirtschaft über Arbeitgeberzusammenschlüsse noch groß: „Viele Betriebsleiter können sich schlicht nicht vorstellen, dass ein AGZ funktionieren kann“, stellt Rita Leßmann-Kind fest. „Vor allem denken viele, dass der Bedarf bei den Betrieben immer zur gleichen Zeit auftritt und dann alle zum gleichen Zeitpunkt die Kräfte beschäftigen wollen. Dass man das koordinieren kann, ist den Betriebsleitern nicht klar.“

In der Verlängerungsphase des Modellprojekts will man die Mitarbeiterzahl auf zwölf bis 15 Vollzeitkräfte oder entsprechend mehr Teilzeitkräfte ausbauen. Damit könnte sich der AGZ selbst tragen. Dazu soll die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt und der Einzugsbereich des AGZ vergrößert werden. Bisher hat der AGZ  schwerpunktmäßig die Kernregion Soest und Ruhr-Lippe sowie deren angrenzende Kreise beworben. Zurzeit weitet er seine Öffentlichkeitsarbeit ins westliche Münsterland und in die übrigen Kreise in Westfalen-Lippe aus. Auch eine Kooperation mit dem Rheinischen Landwirtschafts-Verband und eine Ansprache von Unternehmen aus dem Rheinland ist vorgesehen. Außerdem will der AGZ weitere Branchen wie den Gartenbau, Sonderkulturbetriebe und hauswirtschaftliche Dienstleistungen einbeziehen. Der Aufbau eines Ausbildungsnetzwerks zur betrieblichen Verbundausbildung zwischen Landwirtschaftsbetrieben des AGZ im Ausbildungsberuf Landwirt ist in Planung. Mittlerweile wurde der Antrag zur Verlängerung der Förderung genehmigt – wir werden weiter beobachten, ob es auch in NRW gelingt, die in Frankreich so erfolgreiche Idee der Arbeitgeberzusammenschlüsse umzusetzen.

Abstract

Seit November 2008 fördert das Arbeitsministerium NRW mit Mitteln aus dem EU-Sozialfonds den Arbeitgeberzusammenschluss (AGZ) Soest-Ruhr-Lippe als Modellprojekt. Nach dem Vorbild der französischen „groupements d’employeurs“ soll der AGZ das Prinzip der Fachkräfteteilung über Unternehmensgrenzen hinweg in der westfälisch-lippischen Landwirtschaft umsetzen. Dabei werden für die AGZ-Mitarbeiter aus mehreren, oft prekären Teilzeitbeschäftigungen in unterschiedlichen Unternehmen Vollzeitstellen geschaffen, die die Anforderungen der Betriebe an Flexibilität mit dem Bedürfnis der Beschäftigten nach Arbeitsplatzsicherheit verbinden. Weil der Aufbau des AGZ aus verschiedenen Gründen langsamer voranschreitet als geplant, ist die Förderung im Jahr 2010 um weitere 18 Monate verlängert worden. Der AGZ Soest-Ruhr-Lippe will nun die Akzeptanz bei den landwirtschaftlichen Betrieben durch verstärk­te Öffentlichkeitsarbeit verbessern, sein Einzugsgebiet ausweiten und weitere Branchen wie den Gartenbau einbeziehen.

Ansprechpartner/-in in der G.I.B.

Ulla Böcker
Tel.: 02041 767-203
u.boecker@gib.nrw.de

Arnold Kratz
Tel.: 02041 767-209
a.kratz@gib.nrw.de

Kontakt

AGZ Soest-Ruhr-Lippe eG
Rita Leßmann-Kind
Nottebohmweg 13
59494 Soest
Tel.: 02921 3676-13
info-agz@arbeitgeberzusammenschluss.de

Links

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
Artikelaktionen