(Heft 4/2010)
Europäische Qualitätsstandards für Rehabilitation

EQUASS

„European Quality in Social Services – EQUASS“: Mit einem europäischen Qualitätsmanagement unterliegen die angebotenen Leistungen von Sozialdiensten einem ständigen Verbesserungsprozess und werden somit europaweit vergleichbar.

Dahinter steht die „Europäische Plattform für Rehabilitation“, in der, mit Unterstützung und Anerkennung durch die EU-Kommission, ihre Mitglieds­einrichtungen voneinander lernen und sich zertifizieren lassen. Die Zertifizierung nach EQUASS erfolgt im Rahmen eines allgemeinen Prozesses der Europäischen Union, gemeinsame Qualitätsstandards für soziale Dienstleis­tungen für die Mitgliedsländer zu empfehlen. Mit dabei ist der Benediktushof in Reken – Maria Veen. Vor Kurzem wurde das Berufsbildungswerk zertifiziert als „Excellence in Social Services“.

Im Benediktushof in Maria Veen hat sich in den vergangenen drei Jahren einiges verändert. „Unser bisheriges Qualitätsmanagementsystem kommt aus der Industrie und ist nur bedingt für soziale Einrichtungen geeignet. Es ist stark prozessorientiert und fragt nach der richtigen Umsetzung von zuvor definierten Prozessen. Erfolg definiert sich danach, ob diese Prozesse richtig umgesetzt werden. Ob dann am Ende das Ergebnis dem Kunden auch zusagt, steht nicht im Fokus“, so Norbert Rohlf, Ausbildungsleiter im Benediktushof Maria Veen. EQUASS dreht die Sichtweise um. Im Vordergrund steht weniger die Beschreibung von Arbeitsprozessen, sondern die Frage: Ist der Kunde mit dem Ergebnis zufrieden und verbessert es seine Lebensqualität?

Neun Qualitätsprinzipien für die Rehabilitation
 

Natürlich kommt auch EQUASS nicht ohne inhaltliche Vorgaben aus. Im Gegenteil: Mit insgesamt neun „Principle of Quality“ werden inhaltliche Vorgaben gemacht, die zu einer hohen Qualität in der Erbringung sozialer Dienstleistungen führen. Die Prinzipien lauten: Rechte der Teilnehmer, Ethik, Partnerschaft, Kundenorientierung, Teilhabe, Ganzheitlichkeit, Ergebnisorientierung, Kontinuierliche Verbesserung und Führung.

Die Einrichtung, die sich nach EQUASS zertifizieren lassen will, muss in einem intensiven Prozess definieren und beschreiben, welche Inhalte hinter den neun Prinzipien stecken und wie sie diese konkret umsetzen will. In einem dreijährigen Prozess hat der Benediktushof dies erarbeitet. „Entstanden ist daraus eine Selbstbewertung, die alle diese Inhalte, alle Umsetzungsschritte, alle Ziele enthält, die im Fokus unserer Arbeit stehen“, so Ausbildungsleiter Norbert Rohlf.

Teilnehmerrechte als Bestandteil der Unternehmenspolitik
 

Um es am Beispiel des Prinzips „Rechte der Teilnehmer“ konkret zu fassen: Es wurde eine „Charta der Rechte“ verfasst, die verbindlich die Grundrechte der Teilnehmer festlegt. Dies gilt z. B. für Chancengleichheit, gleiche Behandlung und Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe. Der Benediktushof stellt sicher, dass die Kunden Entscheidungen auf der Grundlage umfassender Informationen treffen können und dass in der täglichen Arbeit niemand diskriminiert wird.

Mit der formalen Gewährung und der Veröffentlichung dieser Rechte war es aber nicht getan. „Wir haben im Weiteren sichergestellt, dass diese Rechte auch wahrgenommen werden können“, so Norbert Rohlf. Die Teilnehmervertretung wird z. B. mehr in Entscheidungsprozesse eingebunden. Bis vor Kurzem hing es vor allem vom Verständnis des zuständigen Mitarbeiters ab, ob Vorschläge der Rehabilitandenvertretung aufgegriffen und umgesetzt wurden. Seit der EQUASS-Zertifizierung ist die Vertretung direkt an die Leitungsebene angegliedert. In regelmäßigen Gesprächen zwischen der Teilnehmervertretung und der Leitungsebene werden Verbesserungsvorschläge, Beschwerden und Ziele gemeinsam besprochen und die daraus abgeleiteten Maßnahmen beschlossen.

Ein zentrales Prinzip ist die Kundenorientierung. Der Benediktushof strebt an, mit all seinen Prozessen die Lebensqualität seiner Kunden zu verbessern, richtet seine Dienstleistungen an den Zielen der Kunden aus und berücksichtigt dabei ihre Lebenssituation und ihr soziales Umfeld. „Wir erstellen mit jedem Teilnehmer einen individuellen Förderplan auf der Grundlage der Internationalen Klassifikation der Gesundheit (ICF), die von der Weltgesundheitsorganisation als Basis für Reha-Leis­tungen entwickelt wurde. Dieser Plan beschreibt nicht nur die Förderleistungen des Trägers, sondern auch die Pflichten des Teilnehmers und wird von ihm unterschrieben“, erläutert Norbert Rohlf. Der Rehabilitationsverlauf wird anschließend sehr intensiv zwischen dem Teilnehmer, seinem persönlichen Fallmanager und dem Reha-Team reflektiert. Zudem führt der Benediktushof regelmäßig Kundenbefragungen durch. „Früher wurden die Teilnehmer den Einrichtungen zugewiesen, die sie dann versorgt haben. Mit EQUASS entsteht in der Organisation eine ganz andere Haltung zum Kunden und zu seinen Anforderungen, die wir erfüllen möchten“, so der Ausbildungsleiter im Benediktushof Maria Veen.

Selbstbewertung als Veränderungsprozess
 

Am Anfang des EQUASS-Prozesses steht die Erarbeitung einer schriftlichen Selbstbewertung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Bereichen und allen Hierarchieebenen, von Ausbildung, Sozialpädagogik über die Fachdienste bis zum Case-Management, wurden in die Erarbeitung der Selbstbewertung einbezogen. Alle Verfahren wurden im Hinblick auf die EQUASS-Prinzipien diskutiert, beschrieben und gegebenenfalls verbessert. Der Prozess der Selbstbewertung wurde durch Experten von der EPR/EQUASS begleitet.

Ein wesentlicher Bestandteil der EQUASS-Zertifizierung ist das Benchmarking. Der Vergleich von Anbietern von sozialen Diens­ten in Europa dient der Standortbestimmung und der Qualitätsverbesserung (Best Practice). Dabei werden Trends und Entwicklungen über mindestens einen Zeitraum von 3 Jahren erhoben und beurteilt. Dies ermöglicht eine qualitative Analyse.

Europäische Vernetzung
 

Über die Josefs-Gesellschaft ist der Benediktushof Mitglied in der EPR. Sie wurde Ende der 80er Jahre von französischen, italienischen und deutschen Rehabilitationseinrichtungen ins Leben gerufen. Inzwischen besteht sie aus 26 Organisationen in 15 Ländern. EPR ist ein Netzwerk von führenden europäischen Anbietern von Rehabilitationsmaßnahmen für Menschen mit Behinderung. ERP-Mitgliedsorganisationen stehen für hohe Qualität ihrer Leis­tungen in den Bereichen der beruflichen Aus- und Weiterbildung, Wiedereingliederung, medizinischer Rehabilitation und sozialer Betreuung. Anerkannt als ein wichtiger Akteur auf der europäischen Bühne, erhält das Netzwerk Strukturförderung im Rahmen des EU-Programmes „Lebenslanges Lernen“. EPR hat einen Sitz in der EU „High Level Group on Disability“ und partizipativen Status beim Europarat.

Die EPR ist aber nicht nur eine repräsentative Organisation, die für und mit den Mitgliedsorganisationen in den europäischen Institutionen wirkt. Eines der grundlegenden Ziele der EPR ist es, professionelle Entwicklung, Forschung und Innovation der Mitglieder und ihrer Mitarbeiter zu unterstützen und die Qualität der erbrachten Leistungen mit einer Reihe von verschiedenen Aktivitäten und Bedürfnissen der Mitglieder zu verbessern.

Durch das Netzwerk eröffnen sich für die Mitglieder Möglichkeiten von Kooperationen und inhaltlicher Arbeit. Die Josefs-Gesellschaft erarbeitet jährlich einen sogenannten Center-Action-Plan. Darin wird festgelegt, welche Fragestellungen und Themen innerhalb der Josefs-Gesellschaft mit europäischen Nachbareinrichtungen bearbeitet werden sollen. Jede Mitgliedseinrichtung erstellt einen eigenen Center-Action-Plan.

Center-Action-Pläne
 

Beispielsweise ist die Benchlearning Group „Ergebnismessung in der beruflichen Rehabilitation“ eine Aktivität, initiiert aus den Center-Actions-Plänen, an der Mitglieder aus Frankreich, Portugal, Norwegen, Deutschland, Finnland und Irland teilnahmen.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Richard Osterholt
Tel.: 02041 767-153
r.osterholt@gib.nrw.de

Kontakt

Norbert Rohlf
Benediktushof Maria Veen
Meisenweg 15
48734 Reken
Tel.: 02864 889221

Links

Europäische Plattform für Rehabilitation: www.epr.eu
European Quality in Social Services – eQuass: www.epr.eu/index.php/equass
Benediktushof: www.benediktushof.de

Autor

Andrea Arcais
andrea@arcais.de
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