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(Heft 4/2010)
Interview mit Prof. Dr. Klaus Dörre

„Flexibilität, ohne die elementaren Sicherheits- und Lebensbedürfnisse zu verletzen“

Mit dem neutralen Begriff „atypische Beschäftigung“ werden unterschiedliche Abweichungen vom „Normal­arbeitsverhältnis“ bezeichnet, die Prekaritätsrisiken beinhalten, wie niedrige Löhne, Diskontinuität, keine Absicherung durch die Sozialversicherung und nur geringen arbeitsrechtlichen Schutz.

Die G.I.B. sprach mit Prof. Klaus Dörre von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena über Definitionsfragen, die Triebkräfte für die Entwicklung von prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie deren gesellschaftliche Wirkungen im Spannungsfeld von Ausgrenzung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und mögliche Gegenstrategien.

G.I.B.: Herr Professor Dörre, mit Ihrer 2006 veröffentlichten Studie über Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse haben Sie den Begriff der Prekarität in die arbeitspolitische Debatte Deutschlands eingeführt. Aufgrund welcher gesellschaftlichen Entwicklungen haben Sie diesen Begriff entwickelt?

Prof. Klaus Dörre: In Frankreich arbeiten Soziologen wie Pierre Bourdieu oder Robert Castel schon lange mit diesem Begriff. Dort gibt es eine an Emile Durkheim angelehnte Soziologie, die Gesellschaft als Ganzes und nicht nur als eine Ausdifferenzierung von Teilsystemen versteht und sozial geschützte Erwerbsarbeit in ihrer integrativen Funktion für die Gesellschaft betrachtet.

In Deutschland hingegen bewegte sich die arbeitsmarktpolitische Debatte lange Zeit zwischen der vermeintlichen Skylla „Hochlohnland“ und der Charybdis „Langzeitarbeitslosigkeit“. Die Tatsache, dass mit jedem Zyklus die Dauerlangzeitarbeitslosigkeit wuchs und sich jeweils nahezu verdoppelte, führte zu den Hartz-Reformen mit dem Grundsatz: Jede Erwerbsarbeit ist besser als keine. In diesem Denkmuster hatte die Prekarisierungsdebatte keinen Platz. Bis heute gibt es Vertreter der neoklassischen Ökonomie wie Hans-Werner Sinn, für die Prekarität gar nicht exis­tiert. Für sie ist der Arbeitsmarkt ein Markt wie jeder andere, der allein durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird und auf dem durch die Neujustierung des Anspruchslohns, also des Lohns, zu dem ein Arbeitnehmer gerade noch bereit ist, seine Arbeitskraft anzubieten, schon Arbeit entsteht. Doch das ist eine mechanische Vorstellung, die auf falschen theoretischen Voraussetzungen beruht, denn der Arbeitsmarkt ist kein Markt wie jeder andere, weil die Arbeitskraft, das Arbeitsvermögen, die Arbeitsfähigkeit ein „sozialer Körper“ ist, den man nicht beliebig hin- und herschieben kann.

Bei meinen Studien zu neuen Produktions- und partizipativen Managementkonzepten bin ich in den Betrieben auf Phänomene gestoßen, für deren Beschreibung die Prekaritätskategorie sinnvoll ist, weil sie nicht nur zwischen Inklusion und Exklusion unterscheidet, sondern auf eine differenzierte Bandbreite von Problemlagen verweist, die bis tief in die Betriebe hineinreichen. Dabei geht es eben nicht nur um den Ausschluss von Arbeit, sondern auch um die zunehmende Bedeutung von unsicheren Arbeits-, Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen.

Deshalb teile ich die von Robert Castel in seinem Werk „Die Metamorphose der sozialen Frage“ vorgebrachte Kritik am Exklusionsbegriff, weil er suggeriert, dass die soziale Frage „außen“ ist und mit der Arbeitswelt „innen“ nichts zu tun hat. Ebenso stimme ich mit seiner Forschungsheuristik überein, wonach sich die Arbeitsgesellschaften des Westens, vielleicht mit Ausnahme der skandinavischen Länder, aufteilt in eine Zone mit geschützter sozialer Vollzeiterwerbsarbeit, eine Zone der Entkoppelung mit dem weitgehenden Ausschluss von Erwerbsarbeit, wobei die Menschen nicht ganz „draußen“ sind, sondern mit Sozialleistungen noch erreicht werden, sowie einer dritten, dazwischen liegenden Zone der Verwundbarkeit mit einem breiten Spektrum an unsicheren Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen.

Diese Heuristik und die Prekaritätskategorie habe ich zur Diagnose unserer Gegenwartsgesellschaft, des Desintegrationspotenzials moderner Gesellschaften genutzt. Mit der Veröffentlichung unserer Studie „Prekäre Beschäftigung“ ist es uns gelungen, die lange Zeit vom neoklassischen Marktliberalismus dominierte arbeitspolitische Debatte in Deutschland ein wenig zu beeinflussen.

Im Grunde gab es aus drei verschiedenen Perspektiven Widerstände, sich dieser Prekarisierungsdiskussion zu stellen. Die Feministinnen waren empört, weil sie dachten, hier würde die mit der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses einhergegangene Befreiung von Frauen aus ständisch-patriarchalischen Zwängen wieder infrage gestellt, die Marktliberalen waren empört, weil ihr Credo lautete: Noch der schlechteste Job ist besser als keiner, und die „Sozialdemokraten der neuen Mitte“ waren empört, weil sie gerade die Wende vom sicherheitsorientierten Anspruchsdenken zu mehr Eigenverantwortung und aktivierender Arbeitsmarktpolitik vollzogen hatten.

Trotz dieser Widerstände hat sich die Debatte über prekäre Beschäftigung entwickelt, weil ihr die Realentwicklung mit dem expandierenden Niedriglohnsektor in die Hände gespielt hat. Diese Debatte über prekäre Arbeit und Beschäftigung – was nicht das Gleiche ist – wird jetzt geführt, wobei die Grundfrage ist, wie sich Arbeit flexibilisieren lässt, ohne mit Prekarität identisch zu sein.

G.I.B.: Flexible Arbeit – das umfasst ein weites Feld unterschiedlicher Beschäftigungsformen. Wie lässt sich zwischen atypischer und prekärer Beschäftigung differenzieren?

Prof. Klaus Dörre: Ich benutze das Wort „atypische Beschäftigung“ nicht gern, weil darunter oft nur Befristung, Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung und Teilzeitarbeit subsumiert werden, doch es gehören auch die Solo-Selbstständigkeit und viele weitere, teils prekäre Beschäftigungsformen dazu. Zudem gibt es Branchen wie den Sektor „Nahrung, Genuss, Gaststätten“, wo „atypische“ Beschäftigung längst die Normalform der Beschäftigung ist.

Prekäre Beschäftigung hat mehrere Dimensionen. Sie ist nicht existenzsichernd, das ist die materiell-reproduktive Dimension; sie unterschreitet „normale“ Standards bei der Partizipation an industriellen und sozialen Schutzrechten wie soziale Sicherungen, Tarifbestimmungen und Mitbestimmungsmöglichkeiten, das ist die institutionelle Dimension; sie erschwert befriedigende Sozialbeziehungen am Arbeitsplatz und die Integration in soziale Netze, das ist die sozial-kommunikative Dimension; sie schränkt die Möglichkeit einer zukunftsorientierten Lebensplanung ein – die Zeitdimension; und sie bewirkt Anerkennungsdefizite und kann zu Sinnverlusten führen, das ist die sozial-moralische und sinnhaft-subjektbezogene Dimension.

Die wichtigste Dimension ist die der Lebensplanung. Der historische Fortschritt im sozialen Kapitalismus war, dass ein Großteil der Arbeiter und Angestellten insofern Anschluss an die Mittelschichten finden konnten, als das Leben einigermaßen planbar wurde: der Traum vom Häuschen und die Sicherheit eines einigermaßen sicheren Jobs, um den Kredit dafür abbezahlen zu können. Das war oft Fiktion, aber lebensprägend. Diese zukunftsgerichtete, stabile Art der Lebensplanung und ein entsprechend strukturiertes Zukunftsbewusstsein sind für prekär Beschäftigte nicht möglich.

Was genau unter Prekarität zu verstehen ist, hängt immer von den Standards ab, auf die sich das Konzept bezieht. Es geht nicht um absolute Armut, nicht um absolute Isolation, sondern um den Abstand zu einem Status, der von der Gesellschaft definiert und aus der subjektiven Sicht der Betroffenen, wahrgenommen und verarbeitet wird. Gegenwärtig kann man sagen, dass Hartz IV aus subjektiver Perspektive der Betroffenen, aber auch in der Mehrheitssicht der Gesellschaft unter der Schwelle des von der Gesellschaft definierten kulturellen Minimums liegt.

Das ist insofern wichtig, als die unternehmerische Ideologie, die die Agenda 2010 begleitet hat, auf einer vollständigen Fehlkonstruktion beruht. Unternehmerisch denken kann nur, wer ein in die Zukunft gerichtetes Bewusstsein hat und planen kann. Einen solchen Plan kann aber nur entwickeln, wer über ein Minimum an Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit verfügt. Eine Politik jedoch, die Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit reduziert und gleichzeitig den Betroffenen unternehmerisches Denken abverlangt, widerspricht sich selbst. Hier misst die Politik die sogenannten Unterschichten permanent an einem Ideal, das sie gar nicht einlösen können.

Weiterhin ist zu differenzieren zwischen Prekarität der Arbeit und Prekarität der Beschäftigung, wobei Beschäftigung das Vertragsverhältnis und Arbeit die Arbeitsinhalte umfasst. Das heißt, es gibt höchst unterschiedliche Kombinationen: So kann das Beschäftigungsverhältnis sicher sein, die Arbeit aber nervtötend, monoton und deshalb zur Prekarität führen. Umgekehrt kann das Beschäftigungsverhältnis unsicher sein, die Tätigkeit aber, wie etwa im journalis­tischen Bereich, hoch kreativ. So lassen sich höchst unterschiedliche Kombinationen finden, aber auch Kumulationen, wenn beide Dimensionen prekär sind. Des Weiteren kann ein flexibles, befristetes Arbeitsverhältnis nicht prekär sein, wenn kulturelle, soziale und materielle Ressourcen bei den Beschäftigten vorhanden sind, sodass sie Phasen der Beschäftigungsunsicherheit unbeschadet überstehen können. Wenn also der Bundesliga-Trainer Jürgen Klopp, seine Spieler oder der Freelancer in der IT-Industrie in einem befristeten Arbeitsvertrag arbeiten, ist das nicht prekär.

G.I.B.: Was waren die Triebkräfte, die zur Ausweitung der Flexibilisierung und des prekären Beschäftigungssektors geführt haben? Die Interessen der Unternehmen oder die Bedürfnisse der Menschen?

Prof. Klaus Dörre: Es gibt drei Ursachen. Erstens: Im Shareholder-Value-Kapitalismus orientieren sich die Unternehmen an Steuerungsgrößen, deren zentrale Komponente die Ergebnisbewertung ist mit dem primären Ziel, diese Zielgröße stabil zu halten. Alles andere, von der Belegschaftsstärke bis zur Entlohnung, ist Flexibilisierungspotenzial. Das ist marktgetriebene, mit externen und internen Instrumenten umgesetzte Flexibilisierung.

Ein Beispiel: Alle Analysten dieser Welt gehen davon aus, dass niedrige Personalkosten gut sind. Dementsprechend deckeln große Unternehmen ihre Personalkos­ten und geben sogar für die dezentralen Einheiten vor, wie viel Personal für eine bestimmte Produktionsaufgabe in Vollzeitäquivalenten genutzt werden darf. Wenn der so berechnete Personaleinsatz nicht ausreicht, werden Leiharbeiter eingestellt. Das hat gleich mehrere Vorteile: Leiharbeiter lassen sich als Sachkosten verbuchen und mit ihnen lassen sich Entlassungskosten sparen, weil der Kündigungsschutz ausgehebelt wird. Hinzu kommt der angenehme Nebeneffekt, dass den Festangestellten vor Augen geführt wird, dass die gleiche Arbeit zu weniger Geld und anderen Bedingungen ausgeübt werden kann. Wie eine aktuelle Umfrage der IG Metall bei mehr als 5.000 Betriebsräten zeigt, nutzen Unternehmen diese drei Vorteile sehr bewusst und setzen den gegenwärtigen Beschäftigungsaufbau fast ausschließlich mit Leiharbeit oder befristeter Beschäftigung um.

Zweite Ursache für den starken Ausbau flexibler und prekärer Beschäftigung ist die politische Förderung dieses Sektors. Die gesamte Hartz-Gesetzgebung hat zu einer Aufwertung prekärer Beschäftigung geführt. Ziel war, Arbeitslosigkeit „ungemütlicher“ zu gestalten, Vermittlungskosten zu reduzieren und Matchingprobleme zu lösen. Das Prinzip der Statussicherung wurde explizit aufgegeben, um mehr Bewegung am Arbeitsmarkt zu schaffen.

Doch in einer Befragung von ALG II-Beziehern und prekär Beschäftigten konnten wir feststellen, dass die Wirkung von Hartz IV nicht darin besteht, dass die in den meisten Fällen sowieso vorhandene Arbeitsmotivation von Arbeitslosen steigt, sondern in der abschreckenden Wirkung auf diejenigen, die noch Arbeit haben. Sie sind zu allen möglichen Konzessionen bereit, aber mit dem Effekt, dass sie qualifizierte Jobs akzeptieren, die sie sonst nicht angenommen hätten.

Schaut man sich die Zahlen an, stößt man auf eine Reihe alarmierender Befunde. So besetzen Qualifiziertere nunmehr oft Segmente, die eigentlich für geringer Qualifizierte geeignet wären, die ohnehin weniger Chancen haben. Die Folge: Die Unterbeschäftigung – inklusive Minijobbern etc. umfasst sie deutlich mehr als 4 Millionen – bleibt seit vier, fünf Jahren konstant, die Chancen der Problemgruppen, also der eigentlichen Zielgruppen der Hartz-Reform, werden nicht verbessert.

Hinzu kommt, dass die Illusion vom Brückeneffekt prekärer Beschäftigung geplatzt ist. Laut IAB lag der Klebeeffekt bei der Leiharbeit bei gerade mal sieben Prozent. Ein arbeitgebernahes Institut spricht von 40 Prozent, weil es alle Leiharbeiter, die etwa aufgrund eigener Aktivitäten zu irgendeinem Zeitpunkt X einen besseren Job gefunden haben, einfach mit einrechnet. Das ist unseriös, denn wenn hier nicht nach einigen Jahren Effekte nachzuweisen wären, hätten wir einen völlig erratischen Arbeitsmarkt, doch den haben wir natürlich nicht.

Des Weiteren expandiert laut einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Niedriglohnsektor. Je nach Bezugsgröße arbeiten hier bis zu 23 Prozent aller abhängig Beschäftigten, geht man von unterschiedlichen Niedriglohnschwellen in Ost und West aus, sind es ca. 20,7 Prozent. Wobei der Sektor intern enorm differenziert ist. Mehr als drei Prozent der Niedriglöhner verdienen weniger als fünf Euro pro Stunde, polnische Toilettenfrauen auf der Autobahnraststätte erhalten für 12 Stunden eine warme Mittagsmahlzeit und 1,50 Euro, also sittenwidrige Löhne am untersten Rand des Spektrums. Die Aufwärtsmobilität geht in diesem Sektor offenbar noch zurück. Das heißt, wir haben eine Verfestigung in der prekären Zone, in der sich zwar immer noch überdurchschnittlich viele gering qualifizierte Frauen und Migranten befinden, zunehmend aber auch – und das ist eine historisch neue Form von Prekarität – qualifizierte Männer, die früher zu den Abgesicherten zählten.

Die dritte Ursache für die Zunahme des prekären Sektors hat eine kulturelle Dimension. Der Feminismus hat zu Recht immer die herrschaftliche Funktion des Normalarbeitsverhältnisses kritisiert, wie sie in Westdeutschland besonders ausgeprägt war, wo Frauen bis in die siebziger Jahre hinein gesetzlich dazu verpflichtet waren, ihre Männer zu fragen, ob sie arbeiten dürfen, wenn sie wollten. Es gab eine Minderbewertung von Frauenerwerbsarbeit. Die Auflösung der Normalarbeit hatte aus feministischer Sicht also auch eine befreiende Komponente. 1985 hat Ulrich Mückenberger den Gewerkschaften vorgeworfen, sie vernachlässigten die befreiende Komponente und seien auf traditionalistische Normalarbeit fixiert. Das mussten die Gewerkschaften letztlich anerkennen. Tatsächlich hat die Auflösung der Normalarbeit und das Herauslösen aus patriarchalischen Zwängen etwas Befreiendes. Die Bereitschaft bei Frauen, als Alternative zu einem Ernährermodell atypische Beschäftigung zu akzeptieren, ist jedoch größer, weil sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen und sich deshalb in bestimmten Konstellationen leichter auf solche Tätigkeiten einlassen können. Frauen sind zwar heute mehr in Erwerbsarbeit integriert, landen aber vorwiegend in flexiblen, häufig prekären Jobs.

G.I.B.: Wie denken die prekär Beschäftigten selbst über ihre Situation. Welche Verarbeitungs- oder Kompensationsformen lassen sich ausmachen?

Prof. Klaus Dörre: Feststellbar ist: Es gibt eine kleine Gruppe von flexibel Beschäftigten, die über eine hohe Definitionsmacht verfügen und die Flexibilisierung als Freiheitsgewinn erleben. Das passiert im künstlerischen Bereich in den Kreativberufen. Die Übergänge zur Prekarität sind fließend, aber die Definitionsmacht liegt bei den Stars, die – wie im ironisch gemeinten Satz der Dreigroschenoper – sagen: „Was ist der Tod eines Mannes gegen die Festanstellung eines Mannes!“

Aus der Mehrheitsperspektive ist es genau umgekehrt. Sie tun alles für eine Festanstellung. Es gibt eine disziplinierende Wirkung prekärer Gruppen und Beschäftigungsformen auf diejenigen, die noch in gesicherter Beschäftigung sind und Ängste erzeugen insbesondere in Betrieben, in denen bis zu 60 Prozent Leiharbeiter beschäftigt sind.

Hinsichtlich der subjektiven Verarbeitungs- und Kompensationsformen gibt es eine enorme Bandbreite. Nach unseren Belegschaftsbefragungen halten sich in Metallbetrieben und auch in der Automobilindustrie 60 bis 70 Prozent der Arbeiter und Angestellten für relativ sicher. Aber für immer mehr Gruppen im Betrieb trifft das nicht mehr zu. Insbesondere Ältere treibt die Angst vor Statusverlust um. Sie fürchten nicht so sehr die Arbeitslosigkeit, sondern dass sie den erarbeiteten Status nicht halten können, das trifft auch auf Teile der Mittelschicht zu.

In der Zone der Verwundbarkeit gibt es sehr unterschiedliche Formen. Nicht alle, aber ein erheblicher Teil der Jüngeren betrachten den prekären Job erstmal als eine Chance und vertrauen trotz geringer Quote mit Blick auf ihre Qualifikation darauf, dass sie später einmal zur Stammbelegschaft zählen. Bei Frauen gibt es nach wie vor das Phänomen, dass sie sich als Zuverdiener definieren, selbst wenn der Mann arbeitslos ist. Es gibt also eine große Bandbreite an Verarbeitungsformen, abhängig beispielsweise von Lebensalter, Ethnie oder Bildungsstand.

Wir unterscheiden in der Zone der Prekarität drei verschiedene Typen: Die Hoffenden, die Realistischen und die Zufriedenen. Die Hoffenden erleben ihre Arbeit positiv, denn sie betrachten prekäre Beschäftigung als eine Chance, in einen normalen Job aufzusteigen. Die Realistischen sind mal arbeitslos und dann wieder prekär beschäftigt. Sie fühlen Frustration, denn sie erleben prekäre Beschäftigung als dauerhaftes Arrangement. Und bei den Zufriedenen handelt es sich vor allem um Hausfrauen und -männer, Erziehungsurlauber und Rentner. Aufgrund ihrer Zufriedenheit rechnen wir sie zur subjektiv „entschärften Prekarität“.

G.I.B.: Trotz Ausweitung des prekären Sektors verliert Erwerbsarbeit nicht ihre gesellschaftliche Zentralität. Woran liegt das?

Prof. Klaus Dörre: Nichts war falscher als die These vom Ende der Arbeitsgesellschaft. Es gab weder einen objektiven noch subjektiven Bedeutungsverlust von Erwerbsarbeit, selbst Hartz IV-Beziehende wollten immer eine geregelte Erwerbsarbeit. Prekäre Beschäftigung mündet auch nicht linear in soziale Desintegration, weil sekundäre an die Stelle primärer Integrationsmechanismen treten, was die Prekaritätsproblematik keineswegs entdramatisiert.

Ich spreche in diesem Zusammenhang vom Desintegrationsparadox, also von der Stabilisierung des Instabilen. Dem liegt zugrunde, dass Menschen, die von einem Tag auf den anderen denken und leben, die subjektive Basis für Widerstand im emphatischen Sinne genommen wird, weil sie zuerst sehen müssen, überhaupt über die Runden zu kommen. Ein Leiharbeiter wird sich vor jedem Engagement genau überlegen, ob nicht die Gefahr besteht, dass er selbst diesen prekären Job noch verliert und ganz abzurutschen droht. Die Angst ist in diesem Bereich oft sehr groß und Angst ist ein wichtiges Bindeglied, sodass manche Wissenschaftler für den Bereich ohne Mitbestimmung von einem Tausch von Repression gegen Angst sprechen.

Eine weitere Facette des Desintegrationsparadoxons ist der disziplinierende Effekt für die Stammbeschäftigten. Sie sehen, dass die prekär Beschäftigten die gleiche Arbeit wie sie selbst verrichten und irgendwann fliegen sie wieder raus. Ihnen wird permanent ihre Festanstellung als zu verteidigendes Privileg vorgeführt, selbst wenn sie etwas weniger Lohn erhalten, ihre Arbeit belastender wird und sie ein paar Überstunden leisten müssen – alles nicht schön, aber besser als prekäre Beschäftigung.

Ein Beispiel für das Paradoxon liefert ein französisches Automobilwerk mit absolut kämpferischer Belegschaft, alle CGT-Mitglieder und früher bei jedem Generalstreik vorneweg. Der Tod dieser militanten Arbeiterkultur trat ein, als ihre Söhne als Leiharbeiter in den Betrieb kamen und sagten: Was wollt ihr eigentlich, ihr habt doch das Paradies, das wollen wir auch, eure Kämpfe sind nicht unsere Kämpfe. Genau das ist der Mechanismus: Die einen ahnen, dass sie inzwischen eine „privilegierte“ Position haben und die anderen wollen sie auch.

Auch gesellschaftlich wird auf dieser Klaviatur ge­spielt: Was ist die angebliche spätrömische Dekadenz von Hartz IV-Leuten anderes als der Hinweis an Niedriglöhner: Ihr malocht und die machen sich einen Lenz auf eure Kosten! Hier wird die Diskriminierungslogik umgekehrt zu einem ideologischen Spaltungselement, das eine Gruppe gegen die andere ausspielt. Natürlich stimmt es, dass inzwischen Menschen 40 Stunden oder länger für ein Gehalt arbeiten, das nicht viel über Hartz IV liegt. Nur: Diese Art von Diskurs sieht das Problem bei den zu hohen Transfers und nicht bei den zu geringen Löhnen. Gleichzeitig haben wir einen Niedriglohnsektor, in den in den letzten vier Jahren 50 Milliarden Euro für Aufstockungen hineingeflossen sind, damit die Beschäftigten überhaupt über die Runden kommen.

G.I.B.: Ist diese Herausbildung einer Zone unsicherer Beschäftigungsverhältnisse Beleg für einen gesellschaftlichen Ausdifferenzierungsprozess oder zeichnet sich hier ein neuer gesellschaftlicher Integrationsmodus ab?

Prof. Klaus Dörre: Das ist keine Ausdifferenzierung. Im rheinischen oder sozialen Kapitalismus galt, dass sozialer Friede eine Produktivkraft ist und dass Menschen über eine einigermaßen gute Arbeit und über hohe Löhne integriert werden. Das ist heute außer Kraft gesetzt. Heute soll schon ein einigermaßen sicheres Beschäftigungsverhältnis genügen, die Beschäftigten zur Anstrengung zu animieren. Es wird stärker diszipliniert durch den Markt, aber auch seitens einer starken Bürokratie, die mit solchen Marktmechanismen immer einhergeht. Einerseits sollen auch Hartz IV-Beziehende eigenständig agieren, gleichzeitig wird jede ihrer Einnahmen durchleuchtet. Bekommen sie 100 Euro zum Geburtstag geschenkt und wird das Geld auf ihr Konto überwiesen, geben sie 50 Euro davon ab, eine enorme bürokratische Überwachung.

Wir haben in vielen Bereichen des prekären Sektors „low-trust-relations“, weil Integration nicht mehr über die Beschäftigung und die Lohnhöhe erfolgt. Weil die Loyalität zum Unternehmen nicht mehr darüber gewährleistet werden kann, werden teure Überwachungskameras installiert und Unternehmen greifen zu Bagatellkündigungen, um ein Exempel zu statuieren – Druckmechanismen, die alles andere als funktional sind für motivierte Mitarbeiter.

G.I.B.: Welche Entprekarisierungsstrategien sind möglich oder zeichnen sich bereits ab?

Prof. Klaus Dörre: Die entscheidende Veränderung sehe ich im demografischen Wandel, wie in Ostdeutschland zu beobachten ist. Das Fachkräfteparadies gibt es nicht mehr, das Reservoir ist in Teilarbeitsmärkten erschöpft. Noch ist es kein exorbitantes Problem, aber es wird größer, vor allem in Regionen, die eine Niedriglohnstrategie eingeschlagen haben. Das bedeutet jedoch nicht automatisch einen Weg der Entprekarisierung. Vielmehr kann sich die Problematik noch verschärfen, weil die Unternehmen angesichts des Fachkräftemangels ihre Produktion verlagern könnten. Diese Gefahr droht und sie ist ein Druckpotenzial.

Deshalb kommen wir an Mindestlöhnen nicht vorbei. Ich bin für einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn, der deutlich über sieben Euro liegen muss, sonst nutzt er nichts. Er darf nicht zu hoch sein, sonst kos­tet er Arbeitsplätze und auch nicht zu niedrig, weil sonst das Tarifgefüge weiter nach unten gezogen wird. Selbst Industrie- und Handelskammern fordern das inzwischen. Mit Blick auf die Dienstleistungsrichtlinie, die Freizügigkeit in der EU, brauchen wir als Haltelinie nach unten dringend einen Mindestlohn.

Des Weiteren brauchen wir eine Reform der Hartz-Gesetzgebung in entscheidenden Punkten, ohne dass ich ein Patentrezept hätte. Arbeitslosigkeit ist vor allem ein Strukturproblem und nicht in erster Linie eins des individuellen Kalküls. Entgegen manchem, was gegenwärtig in den Medien verbreitet wird, können wir in unseren Forschungen nicht bestätigen, dass „Hartz IV“ im Sinne der Intentionen einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik erfolgreich gewesen ist. Reformen, die nicht dazu beitragen, die Langzeitarbeitslosigkeit abzubauen, gehören auf den Prüfstand und gegebenenfalls revidiert. Deutliche Worte der Gewerkschaften sind hier angebracht. Das gilt auch mit Blick auf die Arbeitsgelegenheiten, die mangels Alternative stark nachgefragt werden, aber arbeitsmarktpolitisch eher dysfunktional wirken. Sie sollten durch sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse ersetzt werden, die den Arbeitenden einen wirklichen Statuswechsel ermöglichen.

G.I.B.: Sehen Sie auf der Unternehmensseite gegenläufige Entwicklungen zur Ausweitung prekärer Beschäftigung? Kündigt sich eine Richtungsänderung an, wenn Siemens angesichts des Fachkräftemangels mit seinen Arbeitnehmern unbefristete Arbeitsverträge abschließt?

Prof. Klaus Dörre: Möglicherweise. Aber das wird man sehr genau beobachten müssen. Ich halte mich hier mit einem raschen Urteil zurück, wir haben keine Bewertungen, die sich auf Forschungsergebnisse stützen könnten. Das ist alles noch zu frisch, aber doch sehr interessant. Man wird sehen, ob das stilbildend ist.

Eines können wir aber mit Sicherheit sagen: Managementkonzepte, die Unsicherheit einseitig den Beschäftigten aufbürden, mögen kurzfristig Kostenvorteile bringen; längerfristig und gesamtwirtschaftlich wirken sie eher destruktiv. Das nicht nur, weil sie die zahlungsfähige Nachfrage schwächen und so wirtschaftliche Ungleichgewichte verstärken. Prekarisierungsstrategien erzeugen im Management „Innovationsfaulheit“; sie erschweren die Identifikation der Beschäftigten mit ihrer Tätigkeit und ihrem Unternehmen. Verbreitete Unsicherheit wirkt daher unweigerlich als Flexibilitätsbremse. Diejenigen Unternehmen, die darauf setzen, über besonders niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und austauschbare Belegschaften Extragewinne zu erwirtschaften, weil sie so weniger in neue Produkte, Produktionsverfahren und intelligente Produktionsmethoden investieren müssen, handeln fahrlässig in einer Ökonomie, die im Kern immer stärker auf wissensintensiven Produktionen und Tätigkeiten beruhen muss, weil die unmittelbar verarbeitenden Tätigkeiten tendenziell woanders erledigt werden. „Tacit Knowledge“, informelles Wissen, Produzentenwissen aber, was kreativ und innovativ zu nutzen ist, geben Beschäftigte nur preis, wenn die Bedingungen stimmen. Eine Prekarisierungsstrategie aber wird die Unternehmen in der Perspektive schwächen.

G.I.B.: Wo entstehen Ihrer Meinung nach Strategien zur Entprekarisierung und neue Ideen, die visionär Flexibilität und Sicherheit verbinden?

Prof. Klaus Dörre: Zunächst ist festzuhalten, dass gegen Flexibilität nichts einzuwenden ist, wenn die elementaren Sicherheits- und Lebensbedürfnisse von Beschäftigten nicht verletzt werden. Das Grundproblem der letzten drei Jahrzehnte ist vielmehr, dass man alles durch die Kunden- und Konsumentenbrille gesehen und immer mehr Flexibilität gefordert hat. Die leeren Geschäfte nach 18, 20 Uhr beispielsweise hier im Jenaer Einkaufszentrum Goethe-Gallerie beweisen jedoch, dass diese Flexibilität in den Konsumentenstrukturen häufig gar keine Verankerung hat, das ist eine Pseudokonsumentenperspektive.

Im Bereich sozialer Dienstleistungen gibt es einen Fachkräftemangel und gleichzeitig sind die Arbeitsverhältnisse zum Teil so belastend, dass die hier Beschäftigten „freiwillig“ auf Teilzeitstellen gehen, weil sie es sonst nicht mehr aushalten könnten und das obwohl die Löhne niedrig sind. Hier wird es einen erheblichen Problemdruck geben. Ob das allein mit Migration zu lösen ist, bleibt fraglich. Entscheidend ist vielmehr die Organisation. Will man die „24-Stunden-Polin“ im Pflegebereich weiter illegalisieren oder einen steuerfinanzierten Sektor mit qualifizierten Jobs schaffen? Letzteres hätte Auswirkungen auf die Einnahmeseite des Staates und würde zu Wachstum im sozialen Bereich führen, einem der wenigen Sektoren, in dem Wachstum überhaupt noch sinnvoll ist. Hier kann Flexibilität Arbeitsbedingungen schaffen, die Beschäftigte in die Lage versetzt, sich auf die individuellen Bedürfnisse der zu pflegenden Personen einzustellen. Damit kämen wir zu einem anderen gesellschaftlichen Modell, das mehr in Richtung Skandinavien geht.

In den siebziger Jahren hat die IG Metall das Thema „Lebensqualität“ in den Diskurs eingebracht. Von einer solchen Diskussion ist heute nicht mehr viel zu spüren. Was völlig fehlt als Ergänzung zum durchaus wichtigen Klein-Klein im Alltagsengagement ist „der lange Pass“ und damit die Diskussion der Frage: Welche Art von Gesellschaft wollen wir eigentlich? Hier wäre wünschenswert, den DGB und die Einzelgewerkschaften als starke politische Stimme in der Öffentlichkeit wahrzunehmen, aber von Ausnahmen abgesehen, ist da zurzeit nicht viel zu hören. Diesen Part haben gegenwärtig wichtige zivilgesellschaftliche Akteure übernommen: die Diskussion großer überbetrieblicher Fragen, die aber bis in die Unternehmen hineinreichen, wird eher in sozialen Bewegungen geführt.

Ein Kernproblem in Deutschland ist zudem, dass die Aufwärtsmobilität, die aus der „Zone der Prekarität“ hinausführt, im internationalen Vergleich besonders gering ist. Daher werden Maßnahmen benötigt, die darauf zielen, die Übergänge zwischen den Zonen möglichst offen zu halten. Einen wichtigen Ansatzpunkt könnte hier die französische Debatte um die Schaffung eines gesellschaftlichen Aktivitätsstatus bieten. Damit ist gemeint, dass jede Person, die eine gewisse Zeit lang in irgendeiner Form erwerbstätig war, einen Status in Anspruch nehmen kann, der eine wirkliche Wahl zwischen Erwerbsarbeit und anderen Tätigkeitsformen ermöglicht. Im Unterschied zum bedingungslosen Grundeinkommen würde so der Gefahr begegnet, dass sich die Gesellschaft in „Produktive“ und vermeintlich „Unproduktive“ spaltet. Ein Aktivitätsstatus könnte selbst den „Entkoppelten“ für einen begrenzten Zeitraum die Möglichkeit eröffnen, sich einer frei gewählten Betätigung zu widmen. Dies wäre ein weiterer Ansatzpunkt für einen Sozialstaat, der die Frage nach „Sicherheit in der Flexibilität“ neu beantworten könnte.

Das Interview führte

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767-152
m.keuler@gib.nrw.de

Kontakt

Prof. Dr. Klaus Dörre
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Soziologie
Carl-Zeiß-Straße 2
07743 Jena
Tel.: 03641 9-45521
klaus.doerre@uni-jena.de

Literatur

Castel, Robert/Dörre, Klaus (2009): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M.: Campus

 

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