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(Heft 3/2010)
Modellprojekt hilft türkisch-stämmigen Jugendlichen beim Übergang Schule – Beruf

„Sie nennen mich abla“

Türkisch-stämmige Hauptschüler haben große Schwierigkeiten beim Übergang in das Berufsleben. Die Zahlen des statistischen Bundesamtes und anderer Untersuchungen sprechen eine deutliche Sprache: Junge Türken und Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund sind im dualen Ausbildungssystem deutlich unterrepräsentiert.

Mit dem Modellprojekt FIBA – Förderung In Berufswahl und Ausbildung –, gefördert vom Land NRW und durch die EU, soll dem entgegengesteuert werden. Die G.I.B. hat die beiden Träger des Modellprojekts, das ESTA-Bildungswerk und den Verband türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa e. V., ATIAD, besucht.

In den Städten Bielefeld, Duisburg und Essen, in denen FIBA Ende des vergangenen Jahres angelaufen ist, liegt die Quote der Schüler mit Migrationshintergrund an den Hauptschulen sehr hoch, übertrifft den Anteil deutscher Schüler teilweise deutlich. In Bielefeld haben nach einer Studie des Migrationsrates aus dem Jahr 2005 zum Beispiel 58 Prozent der Schüler an den Hauptschulen einen Migrationshintergrund. In Essen sind nach Auskunft des FIBA-Büros 39,8 Prozent der Hauptschüler türkischer Herkunft. Die Ausbildungsbeteiligungsquote, also der Anteil der aus dem Ausland stammenden Auszubildenden, die nach der Schule in eine berufliche Ausbildung einmünden, an allen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, liegt bundesweit bei 32,3 Prozent gegenüber 68,2 Prozent bei deutschen Jugendlichen. „Bereits anhand dieser Daten ist erkennbar, dass sich der Zugang junger Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bzw. mit Migrationshintergrund zu einer beruflichen Erstausbildung als schwierig erweist“, heißt es im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 20101.

Zentrale Rolle für Berater
 

Das Modellprojekt FIBA will türkisch-stämmige Jugendliche und ihr Umfeld für die Bedeutung beruflicher Ausbildung sensibilisieren, Praktikums- und Ausbildungsplätze akquirieren und Vorbehalte gegen diese Jugendlichen in Unternehmen abbauen. Die direkte Ansprache der Jugendlichen – wenn gewünscht in türkischer Sprache – durch die FIBA-Berater mit gleichem Migrationshintergrund gehört ebenso zu den innovativen Elementen des Projekts wie die Einbeziehung der Eltern und Familien der Jugendlichen, der islamischen Gemeinden und der türkischen Migranten-Selbst-Organisationen (MSO). Durch diesen umfassenden Beratungsansatz sollen Benachteiligungen ausgeglichen werden.

Sowohl Studien2, 3 als auch die Erfahrungen der FIBA-Berater lassen erkennen, dass oft schon ausländische Namen dazu führen, dass Bewerber von Personal­entscheidern aussortiert werden. Dabei ist es den Jugendlichen, die in den meisten Fällen in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, im Vorfeld oft gar nicht bewusst, dass ihr Migrationshintergrund bei Bewerbungen für sie ein Problem darstellen könnte. Im Modellprojekt geht es aber auch darum, den türkisch-stämmigen Hauptschülern, die am Übergang Schule – Beruf oft mit schlechten Schulnoten oder fehlendem Schulabschluss dastehen, besondere Hilfen anzubieten.


Die Auswahl der Projekt-Standorte erfolgte nach Bedarfsanalysen, wobei die Anzahl türkischer Schüler in den Hauptschulen und das Ausbildungsplatzdefizit einflossen. An den Standorten Bielefeld und Duisburg ist der Qualifizierungsträger ESTA, in Essen der türkische Unternehmerverband ATIAD als Projektträger federführend. An jedem der drei Standorte kümmert sich eine Beraterin oder ein Berater mit türkischem Migrationshintergrund um die Umsetzung des Projekts. „Wir haben bei der Auswahl unserer Mitarbeiter darauf geachtet, dass sie vor Ort schon einen Namen hatten und selbst Teil des Netzwerkes waren. Nur so war es möglich, relativ schnell eine gute Kooperation mit den anderen Akteuren hinzubekommen“, erläutert Jürgen van Capelle, Geschäftsbereichsleiter International Cooperation beim ESTA-Bildungswerk.

ESTA-Mitarbeiter Cengiz Yildirim ist für die Projektleitung, die Koordination und die FIBA-Beratung in Bielefeld zuständig. Er hat lange für Stiftungen in Projekten zur Förderung verschiedener Migrantengruppen gearbeitet sowie als Wirtschaftsförderer. ESTA-Mitarbeiterin Yasemin Yadigaroglu ist FIBA-Beraterin in Duisburg. Die Migrationsforscherin ist Duisburgerin und war dort jahrelang in der Erwachsenenbildung tätig, besonders im Bereich Übergang Schule – Beruf. ATIAD-Mitarbeiterin Fatma Öksüz arbeitet als FIBA-Beraterin in Essen. Sie ist Volljuristin, hat viele Jahre in der Jugendarbeit gearbeitet und war Leiterin des Europabüros und der Jugendarbeit des türkischen Fußballverbandes. An allen drei Standorten wurden Beratungsbüros eingerichtet, die als Anlaufstellen für die Jugendlichen und ihre Eltern dienen und auch für Veranstaltungen im Rahmen des Modellprojekts genutzt werden.

Mangelndes Wissen über Berufsausbildung
 

Einen der Hauptgründe für die schlechte Ausbildungsbeteiligungsquote von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund sieht Jürgen van Capelle im unterschiedlichen Ausbildungssystem: „Ein Facharbeiter hat hier in Deutschland einen hohen Status. Eine solche Ausbildung hat in der Türkei aber keine Tradition und in der Vorstellungswelt der aus der Türkei stammenden Menschen deshalb keinen großen Stellenwert.“ Auch Ömer Saglam, Geschäftsführer beim Projektträger ATIAD, stellt fest: „Die türkischen Elternhäuser kennen die duale Berufsausbildung aus ihrer eigenen Berufsbiografie oft nicht.“ Gleiches gilt in vielen Fällen für die Strukturen der Arbeitsmarktverwaltung.

Auch mangelndes Wissen über die Vielfalt an Ausbildungsberufen stellen die FIBA-Berater fest. „Viele kennen nur vier oder fünf Berufe, dadurch engen sich die türkischen Jugendlichen in ihrer Entwicklung selber ein“, weiß Yasemin Yadigaroglu. Das sind bei den Mädchen die Berufe Friseurin, Verkäuferin, medizinische Fachangestellte, bei den Jungen Berufe im Handwerksbereich. „Wenn ich andere Berufsbilder vorstelle, zum Beispiel den Hotelfachangestellten, zeigen die türkischen Jugendlichen aber durchaus Interesse“, hat Fatma Öksüz festgestellt. Wichtig sei bei der Berufswahl grundsätzlich, die Eltern mit ins Boot zu holen und ihnen zu vermitteln, dass ihre Kinder andere Perspektiven haben können. „Meistens muss ich sogar eher die Eltern motivieren als die Jugendlichen“, stellt Yasemin Yadigaroglu fest.

Auch Unkenntnis über das Ausbildungssys­tem spielt eine Rolle. „Nicht selten denken die Eltern der Schüler, die ich betreue, dass sie mit einem Hauptschulabschluss studieren können“, so die engagierte Beraterin. Auch sei Überzeugungsarbeit zu leisten, dass es besser ist, eine Ausbildung zu machen, als irgendeinen Job anzunehmen und damit schnelles Geld zu verdienen. Auf der anderen Seite haben Bildung und Berufsausbildung bei vielen türkischen Eltern auch einen hohen Stellenwert, weiß Ömer Saglam. Es gebe ein türkisches Sprichwort, das übersetzt heißt „Beruf ist ein goldenes Armband“. Darauf könne man bei der Beratung aufbauen. Weitere Schwierigkeiten, die die Arbeit vor Ort beeinflussen, sind: schlechte Schulnoten, Sprachdefizite trotz Sozialisation in Deutschland, fehlende Informationen über Beratungseinrichtungen und allgemeine Orientierungslosigkeit.

Zahlreiche Baustellen für die FIBA-Berater – wo setzt man da an? „Ich habe zuallererst die Hauptschulen in Essen besucht und bin bei den Schulen und Berufswahlkoordinatoren auf großes Interesse gestoßen“, sagt Fatma Öksüz. Die FIBA-Beraterin konnte den türkisch-stämmigen Schülern das Projekt direkt in den Schulen vorstellen. In den ersten Wochen und Monaten haben die FIBA-Berater auch mit allen türkischen Migranten-Selbst-Organisationen Kontakt aufgenommen. So kam relativ rasch ein Pool an Jugendlichen und Eltern zusammen, die beraten werden wollten.

Berater als Vertrauensperson
 

Bei den folgenden Eltern- und Schülergesprächen wurde deutlich, dass viele türkische Eltern Probleme haben, ihre eigenen Kinder zu erreichen.“ In diesen Fällen ist es nach Erfahrung von Cengiz Yildirim hilfreich, wenn ein Dritter – in diesem Fall der FIBA-Berater – mit den Jugendlichen spricht. Fatma Öksüz hatte in Essen zum Beispiel einen Fall, in dem die Eltern von den zahlreichen Fehlstunden ihres Sohnes erst im Dreier-Gespräch mit der Beraterin erfahren haben. „Es gibt oft eine Kommunikationssperre zwischen den Eltern und ihren Kindern“, sagt die Beraterin.

Grundlage der Beratungsarbeit ist Vertrauen. Oft fragen die Jugendlichen die Berater nach ihren eigenen Erfahrungen und ihrem Werdegang. Die FIBA-Berater nehmen so etwas wie eine Vorbildfunktion ein. „Die Jugendlichen nennen mich ‚abla‘, große Schwester, und erzählen mir auch sehr viele private Sachen“, so Yasemin Yadigaroglu. Ganz ähnliche Erfahrungen hat Fatma Öksüz in Essen gemacht: „Als ‚Fatma abla‘ bin ich praktisch Teil der Familie. Bei anderen nicht türkischen Institutionen würden sich die Jugendlichen und die Eltern einfach nicht verstanden fühlen.“ Allerdings beschränkt sich das Vertrauen auf die eine Person der FIBA-Beraterin. Empfehlungen anderer Hilfen und Weitervermittlung, zum Beispiel an sozialpädagogische Dienste, hat in Essen nicht funktioniert: „Ich hätte nie gedacht, dass das so schwierig ist, aber die türkischen Familienstrukturen und Beziehungen sind einfach anders gestrickt“, so Fatma Öksüz.

Jürgen van Capelle sieht die türkisch-stämmigen Berater denn auch in einer ganz zentralen Rolle: „Regelangebote von Beratung und Information, Broschüren, Informationsmaterial gibt es viele, trotzdem ist der Effekt nicht wie gewünscht. Bei den türkischen Jugendlichen verpuffen diese Angebote. Deshalb versuchen wir im Rahmen von FIBA diese Situation durch die stark personenbezogene Vorgehensweise zu verbessern.“ ATIAD-Geschäftsführer Ömer Saglam ergänzt: „Vorbereitung – zum Beispiel mithilfe der Jobmappe – Akquise von Praktikums- und Ausbildungsplätzen, Vermittlung, psychosoziale Betreuung – bei unserer Zielgruppe ist es wichtig, dass viele Dinge aus einer Hand gebündelt an einem Ort mit einem Ansprechpartner angeboten werden.“

Die FIBA-Beratung stellt für die Jugendlichen keinen geschützten Raum dar, in dem die realen Anforderungen ausgeblendet werden. „Wir haben unsere Beratungsstelle in Duisburg in einem Gründerzentrum. Das Umfeld, in dem die Beratungen stattfinden, ist also reales Business“, so Jürgen van Capelle. Das bedeute, dass sich die Jugendlichen entsprechend verhalten müssten. „Am Empfang anmelden, an die Tür des Beraters anklopfen usw. Das ist für die Jugendlichen ein Stück Kontakt zur arbeitsweltlichen Realität – und das ist von uns auch so gewollt.“

Jobmappe NRW ist Stütze für Beratungsarbeit
 

Grundlage für die weitere Beratung ist zunächst die Feststellung der persönlichen Kompetenzen. Für jeden Beratungswilligen wird eine Profil mit Stärken und Schwächen erstellt. Schon das und die Hilfen bei Bewerbungen haben sich als sehr zeitaufwendig herausgestellt. „Wir mussten 85 Prozent der Texte neu schreiben und 90 Prozent der Bewerbungsfotos neu erstellen lassen“, sagt FIBA-Beraterin Fatma Öksüz. Dazu kamen Vorbereitungen auf Bewerbungsgespräche und Bewerbungstrainings. Als Hilfe benutzen die Berater dabei die Jobmappe NRW. „Sehr gut ist das System von Selbstanalyse und Fremdanalyse“, stellt Yasemin Yadigaroglu fest „ein guter Ansatz, die Eltern mit einzubeziehen, die die Fremdanalyse übernehmen müssen, weil wir ja ihre Kinder nicht so gut kennen.“

Auch Fatma Öksüz arbeitet gern mit der Jobmappe, auch wenn es einigen Aufwand bedeutet. „Manche Dinge werden von den Jugendlichen nicht richtig verstanden, zum Beispiel die Themen Kernkompetenzen oder Konfliktfähigkeit.“ Das bedeutet für die FIBA-Berater zusätzlichen Erläuterungsbedarf. „Insgesamt ist die Jobmappe NRW für die Jugendlichen aber ein gutes Instrument, um sich selbst überhaupt erst einmal zu orientieren und eine wichtige Stütze für die gesamte Beratungsarbeit“, stellt Ömer Saglam fest.

Besonders bei den männlichen Jugendlichen müsse man darauf achten, dass sie selbst einen aktiven Part in der Beratungssituation übernehmen und nicht alles dem Berater überlassen, so die übereinstimmenden Erfahrungen der FIBA-Berater. Die türkisch-stämmigen Mädchen in den neunten und zehnten Klassen seien demgegenüber reifer, disziplinierter, zielstrebiger und hielten sich auch besser an Absprachen.

„Manche Mädchen tragen ein Kopftuch. Das ist bei der Vermittlung eine wahnsinnige Hürde“, weiß Fatma Öksüz. Die FIBA-Beraterin sucht in diesen Fällen das Gespräch mit den Eltern, fragt nach den Gründen für das Kopftuchtragen und danach, ob es möglich sei, das Kopftuch im Job wegzulassen – etwas, was auch in der Türkei praktiziert wird. „Da braucht man viel Fingerspitzengefühl“, weiß die FIBA-Beraterin. Trotzdem muss das Thema nach Meinung von Ömer Saglam angesprochen werden: „Wenn das Kopftuch eine Hürde bei der Vermittlung von Praktikums- oder Ausbildungsplatz ist, ist dieses heikle Thema unumgänglich.“ Auch deshalb sei es dringend notwendig, dass die Berater vor Ort türkisch sprechen und selbst aus der türkischen Community kommen. Besteht die Familie auf das Kopftuch, ist besondere Unterstützung nötig, weil Kopftuchträgerinnen nach Erfahrung von Fatma Öksüz von den Personalabteilungen meis­tens rigoros aussortiert werden. „Dann müssen sich die Mädchen über Praktika profilieren und zeigen, dass sie auch mit Kopftuch Einsatz zeigen und ihre Arbeit leis­ten können.“

Bewährt hat sich eine „funktionale Zusammenarbeit“ mit den beratenen Schülern. Das bedeutet, dass die Jugendlichen bis zum nächsten Beratungstermin bestimmte Aufgaben zu erfüllen haben. So ist gesichert, dass sie die FIBA-Beratung nicht als reine Service-Leistung begreifen. Besonders bei Problem-Schülern hat sich zudem der Einsatz von „Paten“ bewährt. „Jugendliche, die ich bereits früher in Ausbildung vermittelt habe und die sich aktuell in einem Arbeitsverhältnis befinden, haben eine Vorbildfunktion“, so Yasemin Yadigaroglu. Auch Eltern mit pädagogischem Hintergrund hat sie als Paten gewinnen können. Ziel der Beraterin ist es, diesen Personenkreis dazu zu bewegen, auch über den Projektzeitraum hinaus als ehrenamtliche Berater für Schüler tätig zu sein. Insgesamt hat es sich aber an allen Standorten als schwierig herausgestellt, geeignete Paten zu finden.

Enge Verzahnung mit bestehenden Strukturen
 

Wichtiges Merkmal des Modellprojektes ist die enge Zusammenarbeit mit den bestehenden Strukturen. Das sind sowohl die Schulen und die deutschen Beratungs- und Informationsstellen als auch die verschiedenen Einrichtungen der türkischen Gemeinschaft. Seien es die islamischen Gemeinden, Moscheevereine, Elternvereine oder sonstige MSO. So haben zum Beispiel die Imame in den türkisch-islamischen Gemeinden der Projektstädte ihre Mitarbeit zugesagt. Sie wollen als Schlüsselpersonen die Eltern in ihren Ansprachen vor dem Freitagsgebet verstärkt auf das wichtige Thema Ausbildung hinweisen. „Wir verstehen uns innerhalb der bestehenden Strukturen als eine Art Brücke“, sagt Cengiz Yildirim.

Wichtige Aufgabe der FIBA-Berater ist es also, das Thema „Übergang Schule – Beruf“ nachhaltig in den türkischen MSO zu etablieren. Dazu führen die Berater Gespräche mit den Eltern, führen vor Ort Informationsveranstaltungen durch und initiieren Elternkreise, die sich in den FIBA-Büros treffen. In Essen hat Fatma Öksüz türkische Fußballvereine in das Projekt eingebunden. In Duisburg wurde auf Initiative von Yasemin Yadigaroglu gemeinsam mit den Akteuren, die sich vor Ort mit dem Übergang Schule – Beruf befassen, ein Netzwerk gegründet, das gemeinsam Informationsveranstaltungen durchführt. So lernen türkische Jugendliche und deren Eltern auch die anderen Anbieter kennen. Gleichzeitig fördert das die Vernetzung der verschiedenen Institutionen.

Die MSO haben das Projekt nach Einschätzung der Berater durchweg sehr positiv aufgenommen. Einige Institutionen waren zunächst skeptisch, da das Modellprojekt als Konkurrenzangebot aufgefasst wurde. Das sei durch die konstruktive Mitarbeit der FIBA-Berater im gesam­ten Netzwerk aber schnell verflogen. Die Zusammenarbeit mit dem türkisch-islamischen Dachverband DITIB und zu den anderen islamischen Gemeinschaften, zu denen die meisten Moschee-Gemeinden gehören, verlief bisher ebenfalls gut. Die Moschee-Gemeinden stellen einen zentralen Ansatzpunkt für das Projekt dar, sind sie doch Treffpunkt sowohl für türkische Eltern als auch für die Jugendlichen.

Viel Überzeugungsarbeit bei Unternehmen
 

Weitere operative Projektpartner sind gemäß der Projekt-Konzeption sowohl von Migranten geführte als auch deutsche Unternehmen. Ziel ist es, Praktikums- und Ausbildungsplätze für die betreuten türkisch-stämmigen Jugendlichen zu akquirieren. Neben einer Zusammenarbeit mit den Regionalagenturen, IHKn und Unternehmerverbänden sind die in das Projekt eingebundenen Berater hier auch selbst aktiv. Bis Ende März hatten sie bereits zu insgesamt 117 Unternehmen Kontakt aufgenommen. Zwischen dem türkischen Unternehmerverband ATIAD und dem Arbeitgeberverband NRW herrscht nach Aussage des ATIAD-Geschäftsführers Ömer Saglam auch Einvernehmen darüber, dass es nicht heißen könne „Türkische Unternehmen bilden türkische Jugendliche aus, deutsche Unternehmen deutsche Jugendliche“. Vielmehr sei von beiden Seiten eine interkulturelle Zusammenarbeit gewünscht.

Allerdings haben die FIBA-Berater bisher noch sehr viel Überzeugungsarbeit in den Betrieben zu leisten. „Oft ist wegen der schlechten Schulnoten eine direkte Vermittlung in einen Ausbildungsplatz nicht möglich. Wir versuchen dann, die Unternehmen über ein Praktikum von den Qualitäten der Jugendlichen zu überzeugen“, beschreibt Fatma Öksüz ihre Vorgehensweise. Dazu heißt es für die FIBA-Berater, hartnäckig am Ball zu bleiben und die Personalentscheider zu überzeugen, auch Schülern mit schlechteren Noten eine Chance zu geben. Kommt es zu einem Vorstellungsgespräch, begleitet die Beraterin oder der Berater die Schüler. Oft mit Erfolg, wie in dem Fall, in dem Fatma Öksüz gegen zunächst große Widerstände einen Jugendlichen als Praktikanten in einen Bürofachmarkt vermittelte, der dann in der praktischen Arbeit schnell überzeugte und schon nach wenigen Tagen als Auszubildender übernommen wurde. „Betriebe dazu zu bewegen, ihre Einstellungskriterien bezüglich türkisch-stämmiger Jugendlicher zu überdenken, ist äußerst schwierig, selbst bei Mitgliedsunternehmen der ATIAD“, weiß Ömer Saglam. Natürlich spielt auch die gesamtwirtschaftliche Situation bei der Vermittlung eine Rolle. „Es sind einfach weniger Ausbildungsplätze da“, so Cengiz Yildirim.
Als Instrumente nutzen die FIBA-Berater drei verschiedene Flyer: zweisprachige für Eltern und Jugendliche sowie türkische Unternehmer und einer für deutsche Unternehmer. Außerdem wurden Plakate in den MSO aufgehängt und zweisprachige Elternbriefe verfasst und an die Eltern verschickt. Die FIBA-Berater leisten zudem Pressearbeit, wobei sowohl die türkischen als auch die lokalen deutschen Zeitungen regelmäßig über das Modellprojekt informiert werden.

Jürgen van Capelle sieht aber auch die Grenzen des Möglichen: „Wir haben jeweils nur einen Berater in den drei Städten. Es ist also illusorisch zu glauben, damit in der Projektzeit die gesamte Zielgruppe erreichen zu können. Wir müssen daher sehr schnell den Transfer hinbekommen, damit das Aufgebaute weitergegeben wird.“ Fatma Öksüz hält außerdem auch Änderungen in der bisher üblichen Beratung Jugendlicher für notwendig: „Ich denke, dass auch die Regelanbieter, was ihr Personal angeht, umdenken sollten und mehr interkulturelle Kompetenz durch Einstellung von mehr Mitarbeitern mit Migrationshintergrund aufbauen müssten.“ Auch Ömer Saglam glaubt, dass die Erkenntnisse aus dem Modellprojekt in die Regelangebote einfließen müssen, um die Nachhaltigkeit des Erfolges zu sichern. Zum Beispiel müsse der Beratungsprozess mehr Coaching-Aspekte beinhalten, sich mehr in Richtung einer Begleitung der Jugendlichen und Eltern entwickeln.

Erfolge nicht nur in Zahlen messbar
 

Das Modellprojekt kann nach einem halben Jahr bereits erste Vermittlungserfolge aufweisen. Die FIBA-Berater sind sich sicher, dass sie die bei der Planung des Projektes avisierten Zahlen an zu erreichenden Schülern, Eltern und Unternehmen sowie die Anzahl an Vermittlungen in Praktika und Ausbildungsplätze (35 Ausbildungsplätze, 130 Praktikumsplätze zum 1.8.2010) erreichen werden. Im Mittelpunkt der Projektarbeit stehen aber nicht nur Zahlen, wie Cengiz Yildirim verdeutlicht: „Ein zentraler Baustein meiner Beratung ist, den Jugendlichen aufzuzeigen, was für eine große Bedeutung berufliche Ausbildung für ihren persönlichen Werdegang hat. Wenn das bei den Jugendlichen ankommt, dann habe ich die wertvollste Hilfe geleistet.“ Yasemin Yadigaroglu sieht das ähnlich: „Neben der Vermittlungsquote wäre es für mich ein Erfolg, wenn ich es schaffe, dass sich die Eltern der Jugendlichen selbstständig untereinander austauschen.“

Jürgen van Capelle sieht als übergeordnetes Ziel eine Überwindung von speziell auf bestimmte ethnische Gruppen zugeschnittene Angebote. „Ein Erfolg wäre es, wenn wir es durch die Arbeit im Rahmen des Modellprojektes schaffen, dass die türkisch-stämmigen Jugendlichen die Beratungs-Regelangebote nutzen. Denn wir wollen ja prinzipiell keine unterschiedlichen, auf die jeweiligen ethnischen Gruppen zugeschnittenen Beratungen.“ Die Modellphase sei wichtig, um das Bewusstsein und die Sensibilität der Akteure und der Zielgruppe in diese Richtung positiv zu beeinflussen. Ömer Saglam plädiert zunächst jedoch für eine Ausweitung des Projekts: „Wir sehen durch das Modellprojekt, dass Nachfrage da ist, dass Bedarf da ist, dass wir zu Ergebnissen kommen. Wir möchten das Programm gerne ausbauen und hoffen, dass auch entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.“

Das Modellprojekt wird im Herbst dieses Jahres einer Bewertung unterzogen und soll bei positivem Ergebnis zum Jahresende auf die Standorte Herne/Bochum und Wuppertal ausgeweitet werden.
 


1Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2010 – Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn, 2010

2Akman, Saro; Gülpinar, Meltem; Huesmann, Monika; Krell, Gertraude (2005): Auswahl von Fach- und Führungskräften: Migrationshintergrund und Geschlecht bei Bewerbungen. In: Personalführung, Heft 10. S. 72 – 75

3Imdorf, Christian (2007): Individuelle oder organisationale Ressourcen als Determinanten des Bildungserfolgs? Organisatorischer Problemlösungsbedarf als Motor sozialer Ungleichheit. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 32. Jg. Heft 3. S. 407 – 423

 

Abstract

Die Ausbildungsbeteiligungsquote von Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt bundesweit bei 32,3 Prozent gegen­über 68,2 Prozent bei deutschen Jugendlichen. Mit dem Modellprojekt FIBA – Förderung In Berufswahl und Ausbildung –, wird in NRW zunächst an den drei Standorten Duisburg, Essen und Bielefeld versucht, türkisch-stämmige Hauptschüler beim Übergang von der Schule in das Berufsleben zu unterstützen. Zu den innovativen Elementen des Projekts gehört die Einbeziehung der Eltern und Familien der Jugendlichen, der islamischen Gemeinden und der türkischen Migranten-Selbst-Organisationen sowie vor allem die direkte Ansprache der Jugendlichen durch FIBA-Berater mit gleichem Migrationshintergrund.

Kontakte

Jürgen van Capelle
ESTA-Bildungswerk gGmbH
Bismarckstr. 8
32545 Bad Oeynhausen
Tel.: 05731 157130
juergen.vancapelle@esta-bw.de

Cengiz Yildirim
ESTA-Bildungswerk gGmbH
Zimmerstraße 8
33602 Bielefeld
Tel.: 0521 56038-18
Cengiz.Yildirim@esta-bw.de

Yasemin Yadigaroglu
ESTA-Bildungswerk gGmbH
Bismarckstraße 142
47057 Duisburg
Tel.: 0203 3061360
yasemin.yadigaroglu@esta-bw.de

Ömer Saglam, M. A.
ATIAD e. V.
Wiesenstraße 21
40549 Düsseldorf
Tel.: 0211 502121
oemer.saglam@atiad.org

Fatma Öksüz
ATIAD e. V.
Kopstadtplatz 24/25
Schwarze Horn 6
45127 Essen
Tel.: 0201 24489866
fatma.oeksuez@atiad.org

Ansprechpartner in der G.I.B.

Thomas Lindner
Tel.: 02041 767-276
t.lindner@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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