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(Heft 3/2010)
Unternehmen, die ihr Personal in der Krise gehalten haben, sind jetzt fit für den Aufschwung

„Ohne Kurzarbeit wäre der Laden dicht!“

Drei vom historischen Konjunktureinbruch im Jahr 2008 betroffene nordrhein-westfälische Unternehmen hatten wir im G.I.B.-Info 3/2009 unter dem Titel „Handlungsoptionen in Krisenzeiten“ vorgestellt: die VOSS Automotive GmbH, die Flender AG und das Integrationsunternehmen RIS.

Sie hatten versucht, mit Kurzarbeit Entlassungen zu verhindern und ihr Stammpersonal zu halten, um so auf den erwarteten Aufschwung vorbereitet zu sein. Heute boomt die Wirtschaft und alle drei Firmen beweisen: Der Einsatz von Kurzarbeit hat sich als weitsichtige Personalstrategie erwiesen.

Über mangelnde Aufträge kann die deutsche Wirtschaft zurzeit kaum klagen, die Stimmung ist gut. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Juli um mehr als vier Punkte von 101,8 auf 106,2 Punkte gestiegen – der stärkste Zugewinn seit der Wiedervereinigung. Vor einem Jahr hätte das kaum jemand für möglich gehalten. Allzu plötzlich und intensiv hatte die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise vor allem kleine und mittlere Betrieb erschüttert, waren die Umsätze binnen kürzester Zeit dramatisch eingebrochen. Viele Unternehmen reagierten besonnen, verzichteten auf voreilige Entlassungen und versuchten, mit dem Abbau von Leiharbeit, von Überstunden sowie von Plusstunden auf den Arbeitszeitkonten, vor allem aber durch Kurzarbeit ihr Stammpersonal zu halten.

Qualifizierungs- und Anlaufkosten gespart
 

Die Voss Automotive GmbH etwa hatte Kurzarbeit schwerpunktmäßig in den Produktionsbereichen angemeldet, aber auch im indirekten Bereich wie zum Beispiel der Produktentwicklung. Anfangs noch hatte sich die Agentur für Arbeit schwergetan, das zu akzeptieren, aber „wir konnten deutlich machen“, so VOSS-Personalleiter Ralf Hühnerfeld, „dass Entwicklungsarbeit im Bereich ,Automobilzulieferer‘ in erster Linie Entwicklungsarbeiten im Kundenauftrag sind. Durch den massiven Auftragsrückgang im vergangenen Jahr hatten wir natürlich auch hier weniger Aufträge, sodass wir auch im Entwicklungsbereich kurzarbeiten mussten.“ Die Zeit der Kurzarbeit – in den direkten Bereichen bis zu 15 Arbeitstage im Monat – nutzte der am internationalen Markt agierende Betrieb für Sprachschulungen und spezielle fachliche Weiterbildung. Gleichzeitig hielt das Unternehmen trotz Kurzarbeit und Umsatzflaute an seinen Zukunftsprojekten fest. Der Personalleiter: „Wir wollten die Entwicklung hier unbedingt vorantreiben, weil wir uns von unseren Innovationen vor allem im Bereich der Abgasnachbehandlungstechnologie in den nächsten Jahren deutliche Umsatzsteigerungen versprechen.“

Den im Winter 2008 einsetzenden rapiden Abwärtstrend jedenfalls konnte das Unternehmen Mitte 2009 stoppen. „Zwar mussten wir das Jahr 2009 mit einem Umsatzrückgang von 50 Prozent abschließen“, so Ralf Hühnerfeld, „doch 2010 hat uns bis jetzt eine deutliche Verbesserung gebracht, sodass wir gegenwärtig 20 Prozent über dem Niveau von 2009 liegen und im Vergleich zu 2008 haben wir wieder ein Niveau von 60 Prozent erreicht.“ Die positive Entwicklung erlaubte, die Kurzarbeit zum 1. Juni 2010 zunächst zu unterbrechen, in der Hoffnung, dass es weiter aufwärts geht. Das Instrument Kurzarbeit bewertet der Personalleiter im Rückblick so: „Wir hatten eine ganz geringe Fluktuation, sodass es uns gelungen ist, das Fachkräftepersonal im Unternehmen zu halten. Dadurch haben wir in großem Umfang Qualifizierungs- und Anlaufkosten gespart, weil wir im anderen Fall Personal hätten einstellen und einarbeiten müssen.“

Intensivierte Ausbildung
 

Betriebsbedingte Kündigungen konnte auch die Flender AG durch den massiven Einsatz von Kurzarbeit vermeiden. Sie nutzte die Flaute für „flächendeckende Schulungen“, so Personalleiter Hans-Wilhelm Schmoor, „die wir in Boomzeiten vernachlässigt haben.“ Dazu gehörten in erster Linie PC- und Sprachschulungen auch im gewerblichen Bereich sowie Qualifizierungen zum Thema „KVP“ und Führungstrainings. Genauso wie die VOSS Automotive GmbH hat auch die Flender AG in der Krise weiter an Innovationen gearbeitet. Der Personalleiter: „Unsere Entwicklungsingenieure haben im Schnitt nur an drei Tagen im Monat kurz gearbeitet. Die durch die Auftragsrückgänge im vergangenen Jahr frei gewordenen Kapazitäten haben wir für die Weiterentwicklung von Getrieben im Bereich der Windenergiegewinnung genutzt.“

Heute hat sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens wieder stabilisiert, ers­te Wachstumstendenzen sind erkennbar. Hans-Wilhelm Schmoor: „Den aktuellen Aufschwung im Bereich ,Maschinenbau‘ werden wir im Bereich der ,Antriebstechnik‘ wahrscheinlich erst in sechs Monaten richtig spüren. Zurzeit bewegen wir uns auf einem Niveau von 80 Prozent gegenüber dem Jahr 2008.“ Schon im März 2010 konnte das Unternehmen seine Kurzarbeit beenden, im indirekten Bereich lief sie bereits im November letzten Jahres aus.

In den Vorkrisenjahren hatte die Flender AG sehr intensiv Fachkräfte gesucht und dabei die eigenen Ausbildungskapazitäten erheblich erweitert: „Durch die Kurzarbeit ist es uns gelungen, unser Fachkräftepotenzial im Unternehmen zu halten. Auch ein großer Teil der Facharbeiter, die wir zunächst befristet eingestellt hatten, können wir weiter beschäftigen.“ Im Ausbildungsbereich intensiviert das Unternehmen aktuell seine Anstrengungen: „Im Herbst dieses Jahres werden wir unsere Ausbildungsplätze im integrierten Bachelor-Mechatronik-Studium in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Gelsenkirchen (Abteilung Bocholt) von 6 auf 18 Plätze verdreifachen.“

Dramatisch war damals in der Krise auch der Auftragsrückgang – 70 Prozent – der Rönsahler Industrie-Service GmbH, ein Integrationsunternehmen, dessen Personal zu 95 Prozent aus schwer behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besteht, viele davon mit seelischen Erkrankungen. Mit einem Mix aus Kurzarbeit, Qualifikationen und Innovationen ist es Geschäftsführer Rolf Schönberger gelungen, die komplette Belegschaft über die Krise zu retten. Mittlerweile hat sich die Auftragslage erheblich verbessert, liegt aber immer noch um 30 Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Deutlicher als mit den Worten des RIS-Managers lässt sich der ökonomische wie arbeitsmarktpolitische Nutzen des Instruments „Kurzarbeit“ nicht illustrieren: „Ohne Kurzarbeit wäre der Laden dicht!“

NRW: Positive Tendenzen
 

Wieder aufwärts geht es nicht nur in den drei vorgestellten Betrieben, sondern in ganz Nordrhein-Westfalen. Die Halbzeit-Bilanz der Regionaldirektion NRW zur Jahresmitte kann sich sehen lassen: Weniger Arbeitslose und Kurzarbeiter, mehr Beschäftigte und mehr Angebote und dabei handelt es sich um mehr als eine Spätfolge des alljährlichen Frühjahrsaufschwunges. Vor allem Arbeitgeber aus dem Handel, der Gesundheits- und der Pflegebranche sowie der Zeitarbeitsbranche melden mehr offene Stellen, so Werner Marquis von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit: „Gerade die Zeitarbeit wirkt wie ein Indikator – ihre Beschäftigten spüren die Krise als erste, sind aber auch die Ers­ten, die jetzt von einer wieder anziehenden Konjunktur profitieren.“ Vor allem qualifizierte Fachkräfte werden gesucht, sodass – bei deutlichen regionalen Unterschieden – der größte Rückgang bei den Arbeitslosenzahlen in der Gruppe der 25- bis 49-Jährigen zu verzeichnen ist.

Erheblich gesunken ist auch – um 5,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr – die Zahl der männlichen Arbeitslosen. Der Grund: Viele von ihnen arbeiteten im gewerblichen Bereich und verloren in der Krise ihren Job. Mit der beginnenden Erholung finden sie wieder Arbeit. Bemerkenswert auch der Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit. Zwar sank sie im Vergleich zum Mai nur gering, aber deutlich in Relation zu den Zahlen vom Juni 2009. Hingegen profitieren die älteren Arbeitslosen vom leichten Aufschwung überhaupt nicht, im Gegenteil: Ihre Zahl liegt mit 209.600 höher als im vergangenen Jahr. Insgesamt sind im August 2010 rund 787.600 Menschen immer noch ohne Job.

Die Zahl der monatlich neu angemeldeten Personen zur Kurzarbeit (nach § 170 SGB III) ist nach ihrem Höchststand im März 2009 (147.836) weiter kontinuierlich auf rd. 7.000 bis rd. 9.000 Personen pro Monat im 2. Quartal 2010 zurückgegangen. Im Laufe des 2. Quartals 2010 wurden insgesamt rd. 25.000 Beschäftigte neu zur Kurzarbeit nach § 170 SGB III angemeldet. Gegenüber dem 1. Quartal 2010 entspricht dies einem Rückgang von rd. 22.000. Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise im September 2008 wurden damit landesweit insgesamt rd. 850.000 Beschäftigte zur Kurzarbeit angemeldet. Im Verlauf des 1. Quartals 2010 befanden sich pro Monat zwischen rd. 140.000 und rd. 181.000 Beschäftigte in Kurzarbeit, wobei die Zahlen zuletzt pro Monat um rd. 20.000 zurückgingen. Ihren bisherigen Höchststand hatte die Zahl der tatsächlichen Kurzarbeiter im Monat Mai 2009 mit rd. 350.000 erreicht. 45.960 Arbeitsplätze, so die Rechnung der Statistiker, wurden durch Kurzarbeit gesichert.

Qualifizierung in der Kurzarbeit
 

Von 349.000 Kurzarbeitenden in Nord­rhein-Westfalen nahmen bei 26.000 Maßnahmeeintritten gerade mal 10.000 Beschäftigte an Weiterbildungsmaßnahmen teil (ESF und F&B). Burkhard Schütz von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit bewertet Qualifizierung in der Kurzarbeit allerdings nicht als Flop: „Es hätte mehr sein können, aber jede Weiterbildung zählt!“ Für die geringe Qualifizierungsbereitschaft der Unternehmen in Zeiten der Kurzarbeit sieht Burkhard Schütz vor allem strukturelle Gründe: „Für die Betriebe war es nicht leicht, angesichts des Teilarbeitsausfalls an bestimmten Tagen oder nur für eine bestimmte Zahl von Stunden geeignete Qualifizierungsangebote zu finden und gleichzeitig die Aufrechterhaltung des ,Rest-Betriebs‘ zu organisieren. Zudem mussten die Unternehmen gewährleisten, dass die Teilnahme ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Qualifizierungen nicht die Annahme neuer Aufträge gefährdet. In dieser Situation waren insbesondere externe Qualifizierungen problematisch. Deshalb haben auch viele Unternehmen ESF-Qualifizierungen in Anspruch genommen, weil hiermit auch interne Qualifizierungen gefördert werden können.“

Trotz Unterstützung von Qualifizierungsmaßnahmen in der Kurzarbeit mussten die Agenturen für Arbeit darauf achten, dass Qualitätskriterien eingehalten werden: „Die Qualifizierungen durften nicht nur den internen Bedarfen der Unternehmen genügen, sondern mussten die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbessern, also umfassend genug konzipiert sind.“ Sein Fazit: „Der scheinbare Widerspruch von hoher Bedeutung von Qualifizierung und tatsächlicher Umsetzung wird nachvollziehbar, wenn man die konkreten Rahmenbedingungen berücksichtigt.“

Blick in die Zukunft
 

Mittlerweile hat die Bundesregierung die gesetzliche Regelung zur Kurzarbeit über das Jahresende 2010 hinaus bis zum 31. März 2012 verlängert. Betriebe, die 2010 Kurzarbeit einführen, können die Regelung einer maximalen 18-monatigen Bezugsfrist von Kurzarbeitergeld weiterhin nutzen.

Länger werden diese Regelungen auch kaum nötig sein, denn schon in den kommenden Jahren könnte die Arbeitslosenquote in Deutschland auf Werte fallen, wie sie einst während des Wirtschaftswunders üblich waren, prognostiziert das Forschungsinstitut Kiel Economics. Danach werden bis 2014 nur noch 1,84 Millionen Menschen ohne Beschäftigung sein, die Arbeitslosenquote läge damit knapp unter 4,5 Prozent – der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung. Die Expertinnen und Experten vom Ins­titut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg gehen für das Jahr 2025 sogar von einem Rückgang auf 1,5 Millionen aus – inklusive „stiller Reserve“. Zum Vergleich: Derzeit liegt die Zahl der Arbeitslosen bei rund 3,25 Millionen, zusammen mit der stillen Reserve sind knapp fünf Millionen Menschen ohne Arbeit.

Einen Grund für den Rückgang sehen die IAB-Forscher in der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung. Allein bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter, also das Erwerbspersonenpotenzial, nach IAB-Berechnungen um 1,8 Millionen sinken. Folglich warnen die Forscher vor einem Fachkräftemangel und fordern größere Anstrengungen bei der Bildung: „Wenn dies nicht gelingt, besteht die Gefahr, dass es langfristig zu einem Fachkräftemangel bei gleichzeitig hoher Unterbeschäftigung Geringqualifizierter kommen könnte.“ Tatsächlich ist in der jetzigen Aufschwungphase die Zahl der Arbeitsuchenden im SGB III-Bezug gesunken, im SGB II-Bereich hingegen bleibt das Niveau trotz günstiger Konjunktur unverändert.

 

Ansprechpartner in der G.I.B.

Arnold Kratz
Tel.: 02041 767-209
a.kratz@gib.nrw.de
Susanne Marx
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Autor

Paul Pantel
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