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(Heft 4/2009)
Gleiches Bildungsniveau und zusätzlich qualifiziert

Vorurteile gegen „Altbewerber“ meistens unberechtigt

Anna R. ist 19 Jahre alt und wohnt in Köln. Ihr Abitur hat sie mit 2,2 abgeschlossen. Beruflich will sie mit Menschen arbeiten, deren Lebenssituationen und Notlagen erfahren, helfen. Sie hat sich für ein Freiwilliges soziales Jahr entschieden. Anna plant, sich 2010 für den gehobenen Dienst bei der Polizei zu bewerben. Sie ist dann 20 und gilt als Altbewerberin.

Das Beispiel zeigt: Die sogenannten „Altbewerber“ – nach der statistischen Definition also alle, die nicht im Jahr ihrer Schulentlassung eine Ausbildung aufnehmen – sind nicht zwangläufig diejenigen, die an der Schwelle Schule/Beruf aufgrund von persönlichen Problemen scheitern oder prinzipiell schlechter qualifiziert sind. Werner Marquis, Leiter der Stabsstelle Presse und Marketing der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen, ist deshalb auch nicht glücklich mit dem Begriff „Altbewerber“: „Das ist ein eher negativ besetzter Begriff, den man eigentlich durch etwas Positiveres ersetzen müsste, aber wenn solch ein Wort erst einmal in Statistiken und Ähnlichem auftaucht, ist das nur schwer zu korrigieren.“

In der Realität zeigt sich, dass viele Altbewerber die Zeit zwischen der Schule und dem Beginn der Ausbildung gut nutzen. „Das Bild ist hier sehr bunt“, weiß Jana Niemeier, aus dem Programmbereich Arbeitnehmerintegration der NRW-Regionaldirektion. „Neben Wehr- oder Zivildienst können in dieser Zeit auch Auslandsaufenthalte oder Praktika liegen. Natürlich gibt es auch Bewerber, die nur jobben, weil sie die gewünschte Ausbildungsstelle nicht gefunden haben.“ Gründe dafür können sein, dass man sich auf einen bestimmten Ausbildungsberuf fixiert hat, bei dem man beim ersten Anlauf nicht zum Zuge gekommen ist, oder bei Beendigung der Schule erst eine vage Vorstellung von seiner beruflichen Laufbahn entwickelt hat. Das gilt nicht nur für Bewerber mit höherwertigen Schulabschlüssen, wie ein weiteres Beispiel belegt:

Der 19-jährige Konstantinos I. aus Aachen machte 2008 seinen Hauptschulabschluss. Die Ausbildungsangebote, die er bekam, sagten ihm nicht richtig zu, und bei den Ausbildungsplätzen, die ihn interessiert hätten, kam er nicht zum Zuge, weil andere besser waren. In einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme konnte Konstantin in unterschiedliche Berufsfelder hineinschnuppern und in Praktika verschiedene Betriebe kennenlernen. Ein Praktikum in einer Autolackiererei brachte ihm den Ausbildungsplatz, den er sich vorgestellt hatte, und dem Fachbetrieb einen begabten und engagierten Azubis.

Vergleichbare Schulabschlüsse


Das Beispiel zeigt: Ein etwas verzögerter Weg ins Berufsleben kann Vorteile sowohl für den Bewerber als auch für das Unternehmen bringen. Während eine spätere Bewerbung für Absolventen von höheren Schulen kein wesentliches Hindernis darstellt, müssen Bewerber mit Hauptschulabschluss, die sich ein Jahr zusätzlich auf eine Ausbildung vorbereitet haben, oft mit Vorurteilen zurechtkommen. Dabei weichen die erreichten Schulabschlüsse der Altbewerber nicht entscheidend von den Abschlüssen derer ab, die sich direkt nach dem Schulabschluss bewerben. Knapp ein Viertel (22 Prozent) hat den Hauptschulabschluss, 32 Prozent (37 Prozent) haben einen mittleren Bildungsabschluss erreicht. 13 Prozent (19 Prozent) können die Fachhochschulreife und 6 Prozent (9 Prozent) die allgemeine Hochschulreife vorweisen. Die Prozentzahlen sind bei weiblichen und männlichen Bewerbern nahezu identisch. Im Schnitt der vergangenen Jahre haben etwa 60 Prozent der Altbewerber einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss.  

Jana Niemeier schränkt jedoch ein: „Die­se Zahlen sagen nichts darüber aus, wie gut der Schulabschluss war. Natürlich spielt auch das Notenbild eine Rolle, wenn Arbeitgeber Bewerber auswählen. Zwischen 30 und 40 Prozent der Altbewerber hat einen Hauptschul- oder keinen Bildungsabschluss und dazu kommen dann die, die einen anderen Abschluss mit sehr schlechten Noten haben. Dieser Anteil hat als Altbewerber natürlich auch die größten Probleme.“ 

Altbewerber sind naturgemäß etwas älter als die Bewerber insgesamt. 25 Jahre und älter sind aber gerade mal 4 Prozent (3 % = Bewerber insgesamt). 35 Prozent sind sogar noch unter 20 Jahre alt. „In bestimmten Berufen, zum Beispiel in den Pflegeberufen oder der Gastronomie, werden ganz gern etwas ältere, erfahrenere Bewerber genommen. Altbewerber haben es hier also zum Teil sogar einfacher“, stellt Marquis in der Praxis fest. 

Viele Bewerber, die ohne Ausbildungsplatz bleiben, nehmen als Starthilfe an berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen oder Langzeit-Praktika (Einstiegsqualifizierungen) teil: 

Sedat-Arif U. ist 22 Jahre alt und wohnt in Bielefeld. 2005 schloss er die Realschule mit einem sehr guten Zeugnis ab. Um seine Chancen zu verbessern, ging er zur Berufsfachschule und absolvierte die Fachhochschulreife. Allerdings lief es nicht mehr so glatt wie in der Realschule. „In einigen Fächern musste ich richtig kämpfen“, sagt Sedat-Arif. Mit der Note 4 konnte er den Studienplatz vergessen. Der Einstieg in eine Berufsausbildung klappte 2008 nicht. Die Berufsberatung vermittelte ein Langzeitpraktikum in einer großen Einzelhandelskette. Hier konnte er zeigen, was er drauf hat. Ab 1. September macht er eine Ausbildung im Einzelhandel. Auch Sedat-Arif ist Altbewerber.

Bessere Chancen, rückläufige Zahlen

Mit der Ausweitung von vorbereitenden Qualifizierungsmaßnahmen und Berufsausbildungen in außerbetrieblichen Einrichtungen wurde 2006/2007 der Entwicklung von hohen Bewerberzahlen bei einem rückläufigen Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen arbeitsmarktpolitisch gegengesteuert. Das verbesserte Angebot erzeugte eine „Bugwelle“ an Bewerbern. Deren Chancen verbesserten sich, das Problem des fehlenden Ausbildungsplatzes wurde aber ins nächste Jahr verlagert.

Dennoch sind sowohl die absoluten Zahlen der Altbewerber als auch der prozentuale Anteil an den Gesamtbewerbern in NRW seit 2007 rückläufig: Knapp die Hälfte der Bewerber, die sich seit Anfang Oktober 2008 bis Ende September dieses Jahres bei den Agenturen für Arbeit gemeldet haben, sind Altbewerber, die im Jahr 2008 oder früher die Schule beendet haben. In absoluten Zahlen ausgedrückt sind dies 63.798 gegenüber der Gesamtzahl von 131.689 Bewerbern um einen Ausbildungsplatz. Im September 2007 lag die Zahl der Altbewerber noch bei 84.990 oder 55 Prozent. Der Anteil wurde also um rund 21.000 auf 48 Prozent abgebaut. Dementsprechend haben 52 Prozent der Schüler, die noch ohne Ausbildungsplatz sind, die Schule in diesem Jahr abgeschlossen.

Für Bewerber mit höherwertigen Schulabschlüssen ist es auch als Altbewerber leichter, einen adäquaten Ausbildungsplatz zu bekommen. Der Anteil der Altbewerber mit Fachhoch- oder Hochschulreife an den unversorgten Bewerbern insgesamt macht aktuell lediglich 18 Prozent aus (28 % = Bewerber insgesamt).

Nach Einschätzung von Jana Niemeier sind die fallenden Zahlen bei den Altbewerbern auf den Erfolg der genannten Qualifizierungs-Angebote und des anschließenden, von den Arbeitsagenturen durchgeführten „Absolventen-Managements“ zurückzuführen. Hierzu gehören zum Beispiel die Vermittlung von Kontakten zu Ausbildungsbetrieben und die Unterstützung bei Bewerbungen durch die Berufsberater. Außerdem macht sich in Nordrhein-Westfalen das Instrument des „Ausbildungsbonus“ positiv bemerkbar: Arbeitgeber können bei der Einstellung von Altbewerbern, die bestimmte Kriterien erfüllen, mit einem Bonus zwischen 4.000 und 6.000 Euro unterstützt werden. Dieses Programm ist in NRW sehr gut angenommen worden. Nach Auskunft der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit floss etwa ein Drittel der bundesweit im Rahmen des „Ausbildungsbonus“ verteilten Mittel in unser Bundesland (nach NRW).

Hinter dem für viele negativ besetzten Begriff „Altbewerber“ verbirgt sich also eine Menge Positives: Altbewerber haben ein gleichhohes Bildungsniveau, sind oft zusätzlich qualifiziert und wissen, was sie wollen; sie sind meist nur geringfügig älter als andere Bewerber, haben dafür aber auch oft schon berufliche Erfahrungen; – Höchste Zeit also, Vorurteile gegen Altbewerber endgültig abzulegen.

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

Kontakt

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der Bundesagentur für Arbeit
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Tel.: 0211 4306-0
Werner Marquis
Werner.Marquis@arbeitsagentur.de

 

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