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(Heft 4/2009)
Innovatives Handwerk

Technologie-Transfer-Ring Handwerk NRW

Hartnäckig hält sich das Vorurteil, das Handwerk sei wenig innovativ. Dabei hat zum Beispiel die Nanotechnologie zur Reparatur von Haarschäden längst Eingang in das Friseurhandwerk gefunden, kommt bei der Umsetzung innovativer, energiesparender Gebäude-Modernisierungssysteme neueste Technologie regelmäßig zum Einsatz.

Richtig ist aber auch, dass Handwerksbetriebe, meist Klein- und Kleinstunternehmen, in einem hohen Maße auf ihr Alltagsgeschäft konzentriert sind. Aufträge müssen schnell bearbeitet werden, oft am selben Tag – die Kunden warten nicht. Zeit, sich um Innovationen zu kümmern, bleibt dabei kaum. Unterstützung finden Handwerksbetriebe deshalb beim Technologie-Transfer-Ring Handwerk NRW (TTH), einer Einrichtung der nordrhein-westfälischen Handwerksorganisationen, angesiedelt bei der Landes-Gewerbeförderungsstelle des nordrhein-westfälischen Handwerks e. V. (LGH).

Im TTH sind sechs Handwerkskammern aus NRW vertreten sowie – als Vertreter der Fachverbände – die Bildungszentren des Baugewerbes (BZB) in Krefeld, der Fachverband des Tischlerhandwerks NRW in Dortmund und der Fachverband Sanitär Heizung Klima NRW in Düsseldorf. Die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld ist kooperierender Partner des TTH-Projekts. Seit über 20 Jahren sind die hier angesiedelten TTH-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erste, neutrale und kompetente Ansprechpartner für Handwerksbetriebe in allen Fragen technologischer und organisatorischer Veränderungen mit Innovationspotenzial.

Sensibilisierung für Schlüsseltechnologien
 

„Tradition beherrschen, Innovationen fördern, Netzwerke knüpfen und dadurch die Zukunftsfähigkeit des Handwerks als Stütze der nordrhein-westfälischen Wirtschaft steigern“ – das ist das Leitbild des Technologie-Transfer-Rings. Hauptaufgabe des TTH ist dabei, Handwerksunternehmen für innovative Schlüsseltechnologien zu sensibilisieren, ihre Innovationsfähigkeit zu erhöhen und die Durchsetzung von Innovationen im Handwerk zu fördern. Bei Bedarf vermittelt der TTH Kontakte zu wissenschaftlichen Einrichtungen und initiiert in den Regionen Netzwerke aus Handwerksbetrieben, Forschungs- und Entwicklungsdienstleistern sowie anderen interessierten Organisationen. TTH-Projektleiterin Dr.-Ing. Ursula Beller: „Weil wir sowohl die Sprache der Wissenschaft als auch die des Handwerks sprechen, übernehmen wir eine Übersetzerrolle und tragen so als Bindeglied zwischen Handwerk und Wissenschaft zu einem besseren Verständnis der unterschiedlichen Parteien bei.“

Die Schwerpunktthemen des TTH orientieren sich hauptsächlich an den aktuellen technologischen Entwicklungen und werden eigenverantwortlich durch die TTH-Berater bei den Mitgliedsverbänden bearbeitet. Technologische Schwerpunktthemen sind Life Sciences, Fügetechnik, Geothermie, optische Technologien, IuK-Technologien, Logistik und Nanotechnologien, aber auch Energie & Umwelt, neue Materialien, RFID, Geodaten-Mikrosystemtechnik sowie Automatisierungstechnik und Produktionstechnologien. Dr. Ursula Beller: „Nur durch die Spezialisierung der TTH-Stellen ist die Bearbeitung dieser Themenvielfalt möglich.“

Beispiel Nanotechnologie
 

Die Nanotechnologie, erläutert sie, habe das Potenzial, neue umweltverträgliche, energiesparende und ressourcenschonende Materialien für die verschiedensten Branchen hervorzubringen. Der Einsatz von Nanoprodukten werde in vielen Fällen zu Wettbewerbsvorteilen führen. Ein Grund mehr für Handwerksunternehmen, sich näher mit den Anwendungsfeldern dieser Technologie zu beschäftigen: „Untersuchungen sehen in unserem anwendungsorientierten Ansatz den besten Weg, diese Technologie voranzubringen.“

Doch die Förderung von Innovationen ist beim TTH nicht auf neue Technologien beschränkt. Das Augenmerk der Beraterinnen und Berater liegt vor allem auch auf einer erfolgreichen Durchsetzung von innovativen Technologien in den Zielmärkten. Dr. Ursula Beller: „Um aus einer Produktentwicklung tatsächlich eine Innovation zu machen, ist eine Konzentration auf die reinen Technologien nicht ausreichend. Daher gehören zu unserem Portfolio für den Innovationsprozess auch wichtige nicht technische Schwerpunkte.“ Diese umfassen insb. eine innovative Unternehmensführung und gewerbliche Schutzrechte, aber auch Projekt-, Zeit- und Personalmanagement sowie Rhetorik und Kommunikation.

Netzwerk aus Forschung und Wirtschaft
 

Ein Netzwerk aus Forschung und Wirtschaft, erläutert die Projektleiterin das TTH-Konzept, soll die Grundlagenforschung früh in anwendungsbezogene Bahnen lenken. Ein Netzwerkpartner ist etwa das Center for Nanotechnology (CeNTech) in Münster, ein interdisziplinäres Transferzentrum, das universitäre Forschung und Entwicklung sowie die industrielle Umsetzung nanotechnologischer Erkenntnisse unter einem Dach realisiert.

Ziel des TTH ist es, die unterschiedlichen Akteure aus Wirtschaft, Forschung und öffentlicher Hand zusammenzubringen und die Netzwerkbildung zu fördern. Dazu dienen u. a. auch dezentrale Informationsveranstaltungen unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten. So etwa das 1. Unternehmer- und Wirtschaftsforum auf dem Campus der FH Münster in Steinfurt über „Energiechancen – Ressourcen, Potenziale und Perspektiven“. Anhand praktischer Beispiele werden Energieeinsparpotenziale aufgezeigt, die zu einer besseren Wettbewerbsfähigkeit führen. Gleichzeitig werden aber auch Möglichkeiten im Hinblick auf die Entwicklung und Erforschung neuer Ideen, deren Finanzierbarkeit und Förderung thematisiert. Angesprochen sind Unternehmer, die in der Energiebranche tätig sind und hier für sich ein neues Zukunftsfeld sehen oder auch ihre Energiekosten durch moderne Maßnahmen senken möchten. Darüber hinaus sind aber auch kommunale Vertreter aus den Bereichen Planen und Bauen angesprochen. In dieser Veranstaltung soll insbesondere der nachhaltige Umgang mit Ressourcen auf europäischer Ebene aufgegriffen werden. Deshalb wird die Veranstaltung von einem Mitglied des Europäischen Parlaments unterstützt. Da Handwerksunternehmen bei der Markterschließung für neue Produkte und damit auch für neue Technologien eine wichtige Rolle einnehmen, fordert Dr. Ursula Beller eine stärkere Beteiligung des Handwerks bei der Entwicklung neuer Technologien „von Anfang an“, insbesondere bei der anwendungsbezogenen Forschung. Ihre Kritik: „In vielen Förderprogrammen ist die Beteiligung von Hochschulen verbindlich vorgeschrieben. Man kann Förderprogramme aber auch andersherum denken und die Einbeziehung von Handwerkern „vorschreiben“, denn das Handwerk ist heute so komplex und weit entwickelt, da gibt es genug schlaue Köpfe, die helfen können, gute Ideen in die Praxis umzusetzen!“ So konnte eine Frauenärztin ein von ihr entwickeltes Verfahren zur Vereinfachung von Untersuchungsmethoden nur umsetzen, nachdem der TTH sie an einen externen Experten vermittelt hatte: ein Handwerksunternehmen aus der Sparte System- und Messtechnik.

Innovationszirkel und Potentialberatung
 

Einer der regionalen TTH-Technologieberater ist Wolfgang Diebke von der Handwerkskammer Dortmund. Der Wirtschaftsingenieur weiß, dass im Handwerk alles schnell gehen muss. Lange Entwicklungsphasen können sich die meisten Betriebe nicht erlauben. Lösungen müssen oft innerhalb von Tagen gefunden werden, weil der Auftrag zum vertraglich vereinbarten Zeitpunkt fertiggestellt sein muss. Die Reaktionszeiten auf Unvorhergesehenes sind knapp bemessen. Technologieberater können in solchen Situationen helfen, Probleme direkt zu lösen, oder das entsprechende Handwerksunternehmen zumindest an kompetente Dritte weiter vermitteln.

Wolfgang Diebke berät nicht nur einzelne Betriebe im gesamten Innovationsprozess, sondern hat vor zehn Jahren auch den „Innovationskreis Handwerk“ gegründet. Ziel dieser Initiative ist es, innovative oder innovationsorientierte Betriebe des Kammerbezirks aus unterschiedlichen Gewerken zusammenzuführen. Angesprochen sind nicht zuletzt Innovatoren, die nicht in der Lage sind, ihre Projektidee allein zu realisieren und somit auf Kooperationspartner angewiesen sind. Wolfgang Diebke: „Im Innovationszirkel erfahren sie, dass Technologieberater Partner sind, wenn Betriebe eine Produkt- oder Verfahrensinnovation planen und entsprechende Unterstützung bei der Umsetzung in ein marktfähiges Angebot benötigen.“

Im Dortmunder „Innovationszirkel“ treffen sich regelmäßig mehr als zehn an neuen Ideen, Produkten und Dienstleistungen interessierte Unternehmen. Die Themen der Frühjahrs- und Herbstveranstaltungen mit externen Referenten legen die Teilnehmer selbst fest. Ein aktuelles Thema ist – in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Dortmund – der „Einsatz von Nanotechnik in der Architektur“. Hinzu kommen Exkursionen, z. B.: zum Institut für Spanende Fertigung an der Universität Dortmund, zur MST.factory (Mikrosystemtechnik), aber auch zum WDR nach Köln. Hier stand das Thema „Betriebsinterne und betriebsexterne Kommunikation“ auf dem Programm. Technologieberater Wolfgang Diebke: „Das zeigt, dass Innovationen weit über den technologischen Aspekt hinausgehen. Deshalb ist die EU-kofinanzierte Potentialberatung auch selbstverständliches und oft angewandtes Instrument im Kontext von Innovationsprozessen!“

Ein Beispiel: Wolfram Ungermann System-Kälte GmbH und Co. KG in Wetter
 

Wie innovativ Handwerksbetriebe sein können, illustriert Diebke am Beispiel der Wolfram Ungermann System-Kälte GmbH und Co. KG in Wetter. Orientiert an den Kundenwünschen, konzentriert sich der Kältetechniker auf die technologische Weiterentwicklung der von ihm produzierten Vollautomaten für Bäckereien. Eine seiner Innovationen ist der Gärvollautomat. Ursprünglich wollte der Geschäftsführer mit der Neuentwicklung Energiekosten senken. „Dann haben wir gesehen, dass sich dabei auch der Teig verändert hat – und zwar zum Positiven.“ Ein feiner Nebel, die von Ungermann patentierte MicroTec-Befeuchtung, wurde der Schlüssel zu einem neuartigen Gärverfahren. Mithilfe von Ultraschall wird dabei in einer Kammer – dem Gärvollautomaten – ein Nebel erzeugt, dessen Tropfen tausendmal kleiner sind als ein herkömmlicher Wassertropfen. Mit dieser Methode wird der Energieverbrauch deutlich gesenkt. Doch die Erfindung hatte noch einen zweiten Effekt: Die Backwaren schmecken anschließend besser und bleiben nach dem Erhitzen sogar noch länger frisch. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat der Unternehmer gemeinsam mit Professor Klaus Lösche und seinem Projektassistenten Markus Füchsel vom Bremerhavener Institut für Lebensmitteltechnologie und Bioverfahrenstechnik insgesamt eineinhalb Jahre an dem Kühlungsprinzip gearbeitet.

Technologieberater Wolfgang Diebke war von der Innovation so begeistert, dass er sie für den renommierten Adalbert-Seifriz-Preis vorgeschlagen hat. „Meister sucht Professor“ lautet das Motto des Wettbewerbs. Prämiert werden erfolgreiche Kooperationen zwischen Handwerk und Wissenschaft. Wichtig dabei ist, dass sich die Zusammenarbeit auf die Entwicklung von Produkten und Verfahren, auf Dienstleis­tungen oder die Einführung einer neuen betrieblichen Organisation beziehen können. Einer der Preisträger des Jahres 2009 ist auf Vorschlag des TTH-Beraters die Wolfram Ungermann System-Kälte GmbH und Co. KG aus Wetter. Nach der aktuellen 21. Auflage des Wettbewerbs steht Nordrhein-Westfalen ganz dicht davor, 50 Prozent der Sieger zu stellen: 47 von 95 Preisträgern kommen nun aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Für Dr. Ursula Beller geht diese Bilanz vor allem auf das von der Landes-Gewerbeförderungsstelle des nordrhein-westfälischen Handwerks (LGH) geleitete Netzwerk der Technologieberater zurück.
 

Kontakte

Dr.-Ing. Ursula Beller
Technologie-Transfer-Ring
Handwerk NRW (TTH)
Auf‘m Tetelberg 7
40221 Düsseldorf
Tel.: 0211 30108-350
beller@lgh.de
www.lgh.de
www.tth-nrw.de

Wolfgang Diebke
Handwerkskammer Dortmund
Tel.: 0231 5493-409
wolfgang.diebke@hwk-do.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
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