Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2009 Innovationsstrategien in mittelständischen Unternehmen Innovationsregion Westmünsterland
(Heft 4/2009)
Selbstvertrauen und Kooperation

Innovationsregion Westmünsterland

Heute ist das Westmünsterland eine der innovativsten Regionen in Nord­rhein-Westfalen. Das war nicht immer so. Seit den siebziger Jahren verzeichnete die Textilindustrie, bis dahin der eindeutig führende Wirtschaftszweig, einen kontinuierlichen – manche sagen: einen dramatischen – Strukturwandel. Viele Tausende Arbeitsplätze gingen in dieser Branche verloren.

Ersatzjobs in anderen Branchen waren dringend nötig, wollte man ein wirtschaftliches Ausbluten der Region mit allen negativen Begleiteffekten wie Abwanderung und Verarmung verhindern. Damals war die Region aber industriell sehr einseitig ausgerichtet. Neben der Textilwirtschaft waren andere Branchen in der ansons­ten landwirtschaftlich geprägten Region kaum zu finden.

Kooperation zwischen Hochschulen und Betrieben? Fehlanzeige. Die nächste Hochschule, Lieferant von Wissen und Ideen sowie Produzent hoch qualifizierter Fachkräfte, war weit entfernt. In dieser scheinbar aussichtslosen Lage wurde natürlich auch der Ruf nach Fördergeldern von Bund und Land immer lauter, gleichwohl setzte man aber auch auf die eigene Kraft.

Heute, dreißig Jahre später, blüht die Wirtschaft im Westmünsterland, die Arbeitslosenquote ist vergleichsweise niedrig, gleich mehrere Hochschulen zieren den Standort. Die verbliebenen Betriebe der Textilindustriebranche haben ihre Produktion und ihre Produkte über z. T. umfangreiche Innovationen den Anforderungen des Weltmarktes angepasst, z.  B. durch Spezialisierung auf technische Textilien. Andere Branchen haben neue Schwerpunkte gebildet. Die Kunststoffindustrie z. B. hat sich zu einem europaweit einmaligen regionalen Cluster entwickelt, Metall- und Holzindustrie florieren mit Spitzenleistungen auf Weltmarktniveau! Wie konnte das gelingen?

Eigeninitiative und Selbstvertrauen
 

Für Dr. Heiner Kleinschneider, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Borken mbH (WFG), sind Wirtschaftsaufschwung und Innovationskraft der Region auch eine Frage der Mentalität der ortsansässigen Menschen: „In der Zeit des wirtschaftlichen Problemdrucks mussten die Unternehmen sehen, wie sie ohne massive staatliche Unterstützung allein zurechtkamen. Sie besannen sie sich auf ihre traditionelle Stärke: Sich selbst helfen, das wird hier in der Region gelebt. Anders als etwa in anderen Teilregionen, in die enorme Fördermittel geflossen sind, gilt hier eher der Spruch „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“

Inwieweit diese Maxime wirklich die entscheidende Basis für den wirtschaftlichen Erfolg der Region ist, dürfte schwer nachweisbar sein. Tatsache aber ist, dass sich die meisten Unternehmen sehr gut auf die Bedürfnisse des Weltmarkts eingestellt haben, immer mit Rückgriff auf das vorhandene Know-how. Ein Beispiel: Mit der Beantwortung der Frage „Wie lassen sich Kunststoffe mit Sintermethoden so bearbeiten, dass sie in spezifischen Anwendungen im Metallbereich eingesetzt werden können?“ erkundete ein Unternehmen der Kunststoffbranche – nur ein Beispiel von vielen – neue Produktionsverfahren und Absatzmärkte, auf denen es heute äußerst erfolgreich agiert.

Das Leistungsspektrum der WFG Borken
 

Dass ohne Eigeninitiative und Selbstvertrauen keine Wirtschaft prosperiert, ist unumstritten. Doch ohne ein innovationsförderndes Umfeld wäre der ökonomische Aufstieg wohl kaum in dieser Weise gelungen. Zum „innovationsfördernden Umfeld“ aber gehört die WFG selbst. Als eine der ersten Wirtschaftsförderungsgesellschaften im Land NRW, die 2007 als „STARTERCENTER NRW“ zertifiziert wurden, ist ihr oberstes Ziel die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Struktur im Kreis Borken sowie die Sicherung bestehender und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Dazu stärkt die Gesellschaft gezielt auch die Innovationskraft im Kreis und entwickelt die wirtschaftsnahe Infrastruktur in der Region.

Aktuell steht etwa der Aufbau einer Glasfaser-Netzstruktur im Kreisgebiet auf dem Arbeitsprogramm, denn die Sicherstellung leistungsfähiger moderner Kommunikationswege ist ein nicht zu unterschätzendes Alltags-Problem vieler mittelständischer Betriebe in ländlichen Regionen. Auch die Verlängerung der Start- und Landebahn am Flugplatz Stadtlohn-Vreden und ebenso der Ausbau des Fachhochschulangebots sowie das Standortmarketing haben hohe Priorität.

Konkret unterstützt die WFG Neugründungen und Ansiedlungen von Unternehmen, entwickelt zugleich den Gewerbebestand und informiert, berät und unterstützt Existenzgründerinnen und -gründer sowie alle Unternehmen im Kreis Borken kostenfrei und individuell. Zwar haben sich mit Unterstützung der WFG eine ganze Reihe zugewanderter Betriebe in neu geschaffenen Gewerbegebieten niedergelassen, doch die Ansiedlungspolitik steht nach Aussage von Dr. Kleinschneider nicht im Mittelpunkt der Arbeit der WFG. Die wirtschaftliche Dynamik der Region hat sich weitgehend „von innen“ entwickelt – durch Neugründungen und Wachstum vorhandener Betriebe. So ist es konsequent, dass man – statt große Beträge in die Ansiedlungswerbung zu stecken – lieber in die Innovationsförderung investiert. Dr. Kleinschneider: „So verfahren wir auch gegenwärtig im Rahmen der Clusterstrategie, wo wir eine zusätzliche, von der Sparkasse Westmüns­terland teilfinanzierte Stelle eingerichtet haben. Das ist aus unserer Sicht für unsere Region wesentlich effizienter!“ Dabei erfolgt die Innovationsstrategie der Gesellschaft zweigleisig: Zum einen umfasst sie die Unterstützung bei der Vorbereitung, Realisierung und Vermarktung betrieblicher Innovationsprojekte, zum anderen geht es um die Verbesserung der Standortqualität durch den Aufbau innovationsorientierter Institute, Verbundprojekte und Netzwerke.

Innovationsberatung für Unternehmen
 

Trotz vorhandener Selbsthilfe-Mentalität stellt sich die Frage „Wie kommt man als mittelständisches Unternehmen an öffentliche Förderprogramme, um das mit jedem Innovationsvorhaben verbundene Risiko zu reduzieren?“ Diese Frage steht laut Dr. Kleinschneider natürlich auch im Kreis Borken im Zentrum vieler Anfragen innovationswilliger Unternehmen. Die WFG weiß Rat und informiert die Betriebe über alle relevanten Landes-, Bundes- und EU-Förderprogramme. Besondere Aktualität hat hier zurzeit die mittelstandsorientierte Forschungs- und Entwicklungsförderung des Bundesministeriums für Wirtschaft, wie sie im „Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand“ (ZIM) umgesetzt wird. Aber auch die Landesprogramme wie etwa das Ziel 2-Programm sowie der Innovationsgutschein und „Personaltransfer NRW“ bieten nach Auffassung der WFG wichtige Innovationsimpulse.

Dabei beschränkt sich die WFG nicht auf die Weitergabe von Informationen, sondern übernimmt in geeigneten Fällen die gesamte Antragsabwicklung und Verfahrenskoordination. Nicht ohne Grund, denn die meisten kleinen und mittelständischen Betriebe sind mit der teils komplizierten Fördermittelbeantragung und -abwicklung zumindest zeitlich überfordert. „Entweder ich arbeite mich intensiv in die Antragstellung ein oder ich leite mein Unternehmen weiter – beides zusammen geht nicht“, lautet ein übertrieben formulierter, gelegentlich gehörter Kommentar von Unternehmern.

Zentraler erster Schritt in der Innovationsberatung der WFG sind oft die sogenannten „Vor-Ort-Aufschlussberatungen“. Dabei werden die grundsätzlichen Chancen und Risiken konkreter Innovationen für den einzelnen Betrieb besprochen sowie die Wege zur Realisierung dieser Innovationen, ebenso auch die Möglichkeiten staatlicher Unterstützung. Dazu gehören oft auch intensive Recherchen über die Möglichkeiten gewerblicher Schutzrechte zur Absicherung der geplanten Innovation. Dabei geht es häufig auch um mögliche Kooperationspartner, um Netzwerk­organisation, Technologietransfer und Vermarktungswege. Dr. Kleinschneider: „Unser Anspruch ist, mittelständische Unternehmen während des gesamten Innovationsprozesses zu begleiten und zu betreuen.“ Insgesamt hat die WFG Borken allein im vergangenen Jahr 74 innovationsorientierte Unternehmen in mehr als 300 Beratungsgesprächen bei konkreten Innovationsvorhaben unterstützt.

Zum Leistungsspektrum der WFG zählt auch die Betreuung in organisatorischen Fragen, denn die Einführung technologischer Innovationen ist oft auch mit Umstrukturierungen der Aufbau- und Ablauforganisation verknüpft – und mit Qualifizierung! Dr. Kleinschneider: „Lebenslanges Lernen ist in der Prioritätenliste der Unternehmen ganz weit nach oben gerückt. Die Auseinandersetzung mit Organisationsstrukturen und beruflicher Fortbildung gehören deshalb zum Portfolio eines Innovationsberaters!“ Immer mehr Unternehmen nutzen dabei nach seiner Erfahrung die landesgeförderte Potentialberatung: „Wenn es im Zuge technologischer Innovationen um die organisatorische Neugestaltung und um berufliche Fortbildung geht, ist der Link auf die Potentialberatung und auf den Bildungsscheck NRW gut gelegt!“

Vertrauen und Nähe
 

Bei der traditionellen betriebswirtschaftlichen Beratung geht der Kontakt häufig von den Unternehmen aus. Bei der Innovationsberatung hingegen kommt die Initiative nicht selten unmittelbar von der WFG. Für den Geschäftsführer ist eine gelegentliche Reserviertheit der Unternehmen – zumindest dann, wenn die handelnden Personen sich noch nicht kennen, – durchaus nachvollziehbar, denn: Im frühen Innovationsstadium wissen die Betriebe noch nicht mit Sicherheit, ob ihnen ihr Vorhaben auch wirklich gelingt. Sie wollen ihre Pläne aus nachvollziehbaren Gründen zunächst geheim halten: vor der Konkurrenz sowieso, aber gelegentlich auch vor den Kunden. Deshalb wenden sie sich nach Einschätzung von Hermann-Josef Raatgering, Dipl.-Wirtschaftsingenieur und bei der WFG unter anderem zuständig für Technologietransfer und Kooperationsvermittlung, in Innovationsfragen nur an Personen und Institutionen, zu denen sie absolutes Vertrauen haben. Nach seiner Meinung ist dies auch ein Grund, warum Unternehmen die Transferstellen der Hochschulen zu wenig in Anspruch nehmen: „Die Betriebe fürchten, dass auch Unbefugte Wind bekommen können von den Innovationsplänen. Zudem gibt es in manchen Transferstellen eine relativ hohe Fluktuation bei den Ansprechpartnern. Für das Entstehen von Vertrauen und Nähe ist personelle Kontinuität unerlässlich.“ Der Berater: „Dieses Vertrauen haben wir uns in langen Jahren und in unzähligen Projekten erarbeitet. Die Betriebe wissen: Wir wollen die bestmögliche Lösung für sie erreichen und sie können sich darauf verlassen, dass alles Besprochene unter vier Augen bleibt.“

Außerdem sind nach seiner Meinung Hochschulen verständlicherweise auf den „Verkauf“ ihres eigenen Leistungsspektrums fokussiert und damit angebotsorientiert, auch wenn im Zuge der Innovationsallianz NRW deutliche Fortschritte erkennbar sind. Die WFG hingegen orientiere sich an der Nachfrage, am konkreten Problem des Betriebs und an dessen Nutzen. Unabdingbar sei dafür, sich in die Bedarfe des Betriebs hineinzudenken. Ein konkretes Beispiel: Ein Unternehmer will zukünftig eine besonders leistungsfähige Art von Elektromotoren entwickeln und produzieren. Hermann-Josef Raatgering: „Hier stellt sich die Frage: Wo fängt man überhaupt an? Es gibt völlig unterschiedliche Ansätze etwa hinsichtlich der Produktentwicklung und/oder der Prozess-Automation. Wir können an dieser Stelle sagen: Wir kennen z. B. einen Experten etwa für Robotik. Mit dem Einverständnis des Inhabers laden wir ihn ins Unternehmen ein. Dort können sich Geschäftsführung, Entwicklungsleiter und Arbeitsvorbereiter sowie externer Experte gemeinsam tief in die Materie einarbeiten und Lösungswege skizzieren.“

Aufbau von Kooperationen und Netzwerken
 

Gefragt ist bei der Innovationsberatung immer eine individuelle Lösung. Die aber lässt sich oft nur in Kooperation mit anderen Personen oder Einrichtungen finden, die ihre unterschiedlichen Kompetenzen zusammenführen. Die Integration externen Sachverstands gewinnt für Technologieunternehmen im internationalen Wettbewerb zunehmend an Bedeutung, denn Technologietransfer erweitert die unternehmenseigene Technikkompetenz und beschleunigt die Entwicklung neuer Technologien.

Deshalb arbeitet die WFG mit vielen „Know-how-Lieferanten“ wie etwa der Fachhochschule Münster, der Fachhochschule Gelsenkirchen (Abteilung Bocholt) sowie der Universiteit Twente in den Niederlanden eng zusammen. Dr. Kleinschneider: „Zum einen gilt es, den Bedarf der Unternehmen zu erfassen und zu bündeln, zum anderen sind für diese Betriebe relevante Zukunftstechnologien zu identifizieren und anschließend ein entsprechender Transfer zu organisieren. Inzwischen gibt es im Kreis Borken zum Beispiel an der Fachhochschulabteilung in Bocholt hervorragendes Expertenwissen in maßgeblichen Schlüsseltechnologien wie der Mechatronik.“

Aktuell unterstützt die WFG Projekte mit Hochschulen und Ingenieurgesellschaften beispielsweise in folgenden Technikfeldern: mechatronische Entwicklungen, neue Fertigungskonzepte, Automatisierungskonzepte für die Produktion einschließlich Robotik, intelligente Steuerungskonzepte für Produkte und Produktion, künstliche Intelligenz in der Maschinen- und Anlagensteuerung (Selbstoptimierung), Finite-Elemente-Methoden und Mehrkörper-Simulation zur Produktoptimierung.

Besondere Transferaktivitäten wurden 2008 für das Mechatronik-Institut (MIB) in Bocholt in Form der Kooperation in sieben neuen FuE-Firmenprojekten entfaltet. Dr. Kleinschneider: „Damit konnte das MIB als ´verlängerte Entwicklungswerkbank` besonders für kleine und mittlere Firmen weiter ausgebaut werden.“ Und am kürzlich beendeten Netzwerk-Projekt „Künstliche Intelligenz in Ihrem Betrieb?“ (kiib) waren 70 Firmen beteiligt, am Projekt „Produktionstechnik-Center (PIC)“ 40 weitere Unternehmen.

Mit der Einbindung Externer und der Betreuung der Kooperation von Unternehmen bei gemeinsamen Neuentwicklungen setzt die WFG zugleich Impulse für die regionale Wirtschaft. Zu den Aktivitäten in diesem Handlungsfeld zählt aktuell auch die Gestaltung eines „BIONIK FuE-Netzwerkes für kleine und mittlere Unternehmen“. Hier entwickelt die WFG derzeit gemeinsam mit niederländischen Partnern ein Gesamtkonzept für die Wirtschaft in der EUREGIO.

Kooperationspartner im Rahmen der Innovationsstrategie können aber auch „geeignete Dritte“ aus Partnerbetrieben sein. Dass auch reine Unternehmenskooperationen erfolgreich agieren, zeigt folgendes Beispiel: Zwölf Unternehmen hatten sich bereits in der 1990er Jahren in einem von der WFG koordinierten Verbundprojekt zum Thema Qualitätsmanagement mit einer Hochschule zusammengeschlossen. Sechs von ihnen arbeiten noch heute, lange Zeit nach Projektabschluss, immer noch eng zusammen und ziehen nach wie vor erheblichen Nutzen aus dieser Zusammenarbeit. Von derartigen Kooperationen profitiert jeder einzelne Betrieb – und damit auch die gesamte Region.

 

Kontakt

WFG für den Kreis Borken mbH
Dr. Heiner Kleinschneider, Geschäftsführer
Tel.: 02561 97999-10
Hermann-Josef Raatgering, Innovationsberatung
Tel.: 02561 97999-40
Erhardstr. 11
48683 Ahaus
info@wfg-borken.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
Artikelaktionen