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(Heft 4/2009)
Die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Interview mit Dr. Martin Dietz vom IAB in Nürnberg

Der Vortrag von Dr. Martin Dietz vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB auf dem Lohnhallengespräch der G.I.B. am 16. September 2009 löste zum Teil kontroverse Diskussionen aus, bei denen nicht so sehr die Analyse des Ist-Zustandes des deutschen Arbeitsmarkts, sondern die Frage der Strategien und Handlungsoptionen, die sich für die Arbeitsmarktpolitik ergeben, im Mittelpunkt standen: Wie langfristig kann Kurzarbeit als Strategie wirken und was bedeutet die Krise für die Diskussion um Niedriglöhne und Zeitarbeit?

G.I.B.: Herr Dr. Dietz, wie hat sich die Krise bundesweit entwickelt und welche nordrhein-westfälischen Besonderheiten fallen auf?

Dr. Martin Dietz: Die Krise hat sich vom Südwesten Deutschlands ausgebreitet, hier sind besonders viele exportabhängige Industriebetriebe angesiedelt, bspw. im Maschinenbau. Sie werden von einer globalen Krise als Erste und am stärksten getroffen. Weiter sehen wir deutliche Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern. In Ostdeutschland gibt es weniger Industrie und damit auch weniger exportabhängige Branchen und Betriebe. Das hilft dem Arbeitsmarkt in Deutschland zurzeit allerdings auch, da starke Regionen mit international wettbewerbsfähigen Betrieben und stabilen Arbeitsmärkten stärker betroffen sind als Regionen, in denen die Arbeitsmarktlage sowieso schon schlecht war.

NRW ist durchaus typisch für die Entwicklung in Westdeutschland. Während sich die Kurzarbeiterquote und die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet unterdurchschnittlich stark entwickelt haben, ist sie im Sauerland und im Siegerland, wo durch jahrzehntelange Verlagerungen die Betriebe der Zulieferindustrie und der Maschinenbau ansässig sind, überproportional gestiegen. Hier ist die Krise deutlich spürbar, obwohl die Ausgangssituation bezüglich der Verfestigung der Arbeitslosigkeit und der Zahl der problematischen Zielgruppen eigentlich günstiger ist. Im Ruhrgebiet läuft vieles schon seit Jahren auf gleichbleibend schlechtem Niveau, zum Glück hat sich die Situation durch die Krise aber nicht wesentlich verschlimmert.

Die Wirtschaftskrise konzentriert sich bislang vor allem auf das verarbeitende Gewerbe und darin auf bestimmte Segmente. Dagegen ist der Dienstleistungssektor, in dem rund 70 Prozent der Beschäftigten tätig sind, bisher noch relativ unbeschadet. Auch wegen dieses Struktureffektes der Krise zeigt sich die Beschäftigungslage noch weitgehend stabil. Zum Teil zeigen sich sogar gegenläufige Tendenzen, z. B. eine Zunahme der Beschäftigung, mehr offene Stellen und eine problematische Fachkräfteversorgung im Gesundheitssektor. Die starke Betroffenheit des produzierenden Sektors, in dem Vollzeittätigkeit die Regel ist, und die noch immer ruhige Lage bei den Dienstleis­tungen mit vielen Teilzeitbeschäftigten, führen zudem zu einer Verschiebung hin zu mehr Teilzeitbeschäftigung.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im 1. Quartal 2009 stark zurückgegangen, im Vorjahresvergleich um fast 7 Prozent. Im Verhältnis dazu zeigt sich an den Arbeitslosenzahlen noch relativ wenig. Wir haben im August 2009 3,47 Millionen Arbeitslose, etwa 270.000 mehr als im Vorjahr. Dies sind aber deutlich weniger als bei einem solchen Wirtschaftseinbruch normalerweise zu erwarten wären.

G.I.B.: Welche internen Anpassungsmaßnahmen werden von den Unternehmen eingesetzt, um Entlassungen zu verhindern?

Dr. Martin Dietz: 40 Prozent der vom IAB im 2. Quartal 2009 befragten Betriebe fühlen sich von der Krise betroffen. Von diesen 40 Prozent haben nur 11 Prozent mit Entlassungen reagiert. Die Betriebe reagieren intern sehr flexibel, nutzen interne „Puffer“ wie Arbeitszeitkonten, setzen auf Umstrukturierungsmaßnahmen, die neue Effizienzpotenziale erschließen, Beschäftigungssicherungsvereinbarungen oder auch temporäre Lohnkürzungen. So können sie die Belegschaft halten, ohne zu entlassen, und sie vermeiden die Kosten von Neueinstellungen, wenn die Auftragslage sich wieder bessern sollte.

Ein Grund dafür, dass nicht direkt mit Entlassungen reagiert wird, liegt sicherlich auch darin, dass gerade international wettbewerbsfähige Branchen im produzierenden Bereich betroffen sind, die noch wissen, wie schwer es im Aufschwung war, an gute Leute zu kommen. Hierzu muss man sich vergegenwärtigen, dass der Fachkräftemangel Mitte 2008 noch das beherrschende Thema war.

G.I.B.: Welche Rolle spielt die Kurzarbeit bei den Entwicklungen?

Dr. Martin Dietz: Die Kurzarbeit ist sicherlich eines der wichtigsten Instrumente, die zurzeit die Wirkung der Krise auf den Arbeitsmarkt abfedern. Wir gehen momentan davon aus, dass wir im zweiten Quartal dieses Jahres ca. 1,4 Mio. Kurzarbeiter hatten. Für das Jahr 2009 rechnen wir mit durchschnittlich 1,1 Millionen Kurzarbeitern. Man kann sich ungefähr ausrechnen, welchen Entlastungseffekt das auf den Arbeitsmarkt hat. Bei einem durchschnittlichen Arbeitsausfall von einem Drittel liegt das Beschäftigungsäquivalent bei etwa 350.000 Personen. Dies ist allerdings eine Obergrenze, denn es würden sicher nicht alle Personen arbeitslos werden, wenn es das Instrument Kurzarbeit nicht gäbe. Wenn die Krise kurz genug ist und ein Betrieb sieht, dass das Geschäft wieder anzieht, dann kann die Kurzarbeit helfen, Entlassungen zu vermeiden, und ihre Brückenfunktion erfüllen.

G.I.B.: Wie wirkt sich die Kurzarbeit auf die Stimmung am Arbeitsmarkt aus?

Dr. Martin Dietz: Mit höheren Arbeitslosenzahlen hätten wir wohl eine negativere Stimmung im Land. Das Konsumklima in Deutschland ist noch immer ziemlich gut. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass Kurzarbeit generell positiv bewertet wird, das Bemühen von Betrieben und Politik wird geschätzt. An der öffentlichen Debatte zur Kurzarbeit zeigt sich auch die Besonderheit der aktuellen Krise: die starke Nutzung von Kurzarbeit wird als Erfolgsgeschichte wahrgenommen. Hätte man die derzeitigen Zahlen vor einigen Jahren in den Raum gestellt, wäre das vor allem als dramatisches Zeichen für den Arbeitsmarkt gewertet worden. An beiden Sichtweisen ist wohl etwas Wahres.

G.I.B.: Wenn entlassen wird, wen trifft es dann?

Dr. Martin Dietz: Bevor es die Kernbelegschaft trifft, beobachten wir die Tendenz, dass die Randbelegschaft, also Zeitarbeiter und befristet Beschäftigte, als Erste entlassen wird. Bei den Befristungen haben wir zwar noch keine Zahlen, aber man kann annehmen, dass viele befristete Beschäftigungsverhältnisse nicht verlängert wurden. Bei der Zeitarbeit zeigt sich im Juni 2009 ein Rückgang von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, von 710.000 Zeitarbeitskräften auf 530.000.

Zudem wirkt sich die Krise auch bei den offenen Stellen aus, sie gehen vor allem auf dem ersten Arbeitsmarkt zurück. Je länger die Krise dauert, umso härter wird also der Wettbewerb am Arbeitsmarkt, denn mehr Arbeitslose konkurrieren um weniger offene Stellen.

G.I.B.: Zeitarbeit und Niedriglohn sind in dieser Diskussion eher kontroverse Themen …

Dr. Martin Dietz: Die Zeitarbeit war in den letzten Jahren die Erwerbsform, die am stärksten auf konjunkturelle Schwankungen reagierte. Das erleben wir jetzt in der Krise – aber eben auch im letzten Aufschwung. Sie bietet relativ schnell die Möglichkeit, Beschäftigung zu schaffen. Sie ist eine Art Frühindikator für den Arbeitsmarkt und kann ihn durchlässiger gestalten. Man sollte die positiven Eigenschaften dieser atypischen Beschäftigungsformen durchaus nutzen, aber gleichzeitig darauf achten, dass die Zeitarbeiter dort nicht stecken bleiben und sich beruflich und vom Einkommen her weiterentwickeln können.

Mit Blick auf die Problemgruppen am Arbeitsmarkt bin ich der Ansicht, dass man auch auf Niedriglohnbeschäftigung nicht verzichten kann, wenn man diesen Personen eine Teilhabe am Erwerbsleben ermöglichen will. Entscheidend ist auch hier, dass der Niedriglohnsektor so ausgestaltet wird, dass Beschäftigung für den Einzelnen existenzsichernd ist und Aufstiegsmobilität ermöglicht wird. Das ist die arbeitsmarktpolitische Aufgabe. Dagegen ist es eine sozialpolitische Aufgabe, über aufstockende Transfers für ein existenzsicherndes Haushaltseinkommen zu sorgen.

G.I.B.: Wie geht es 2010 weiter?

Dr. Martin Dietz: Bei einem erwarteten Einbruch von 5,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2009 wird die Erwerbstätigkeit nur um 0,4 Prozent zurückgehen. Der Rest wurde innerhalb der Betriebe durch Arbeitszeitverkürzung und Produktivitätssenkungen abgefedert. So wurden im Jahr 2009 Arbeitsplätze gesichert. Das heißt aber auch, dass durch die internen Flexibilisierungsmaßnahmen in diesen Betrieben ein gewisser Puffer an Beschäftigung liegt, der im Aufschwung aktiviert werden kann. Selbst bei einer relativ positiven Wachstumsrate von 2,5 Prozent für 2010 wird die Beschäftigung weiter zurückgehen. Was uns 2009 auf dem Arbeitsmarkt also extrem hilft, wird uns 2010 zwar nicht direkt schaden, aber die Betriebe werden sich im kommenden Jahr zunächst aus dem bedienen, was sie im laufenden Jahr zurückgelegt habe.

G.I.B.: Welche Gruppen des Arbeitsmarktes wird die Krise besonders treffen?

Dr. Martin Dietz: Eine Prognose ist schwierig. Aber es zeigt sich, dass Jüngere relativ stark betroffen sind. Das ist prinzipiell so: Im konjunkturellen Aufschwung profitieren sie überdurchschnittlich, im Abschwung leiden sie stark. Die Beschäftigungssituation der Älteren hat sich dagegen in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Sie sind auch von der Krise bislang nicht überdurchschnittlich stark betroffen. Aber insbesondere bei der Nutzung und Förderung ihrer Potenziale durch Weiterbildung gibt es bei den Älteren noch Nachholbedarf.

G.I.B.: Wie kann man verhindern, dass sich die Langzeit-Arbeitslosigkeit in der Krise verfestigt?

Dr. Martin Dietz: Momentan gehen eher Personen in die Arbeitslosigkeit, die einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben. Für 2010 erwarten wir, dass die Zunahme im Bereich des SGB II absolut stärker sein wird als beim SGB III. Die Gefahr ist, dass die Personen, die in Arbeitslosigkeit kommen, keinen neuen Job finden und Qualifikationen verloren gehen. Hier sollten Vermittlungsbemühungen mit Blick auf den ersten Arbeitsmarkt ansetzen. Diejenigen, die jetzt bereits im SGB II sind, haben in dieser Phase tatsächlich die schlechtesten Chancen. Wenn eine Arbeitsmarktintegration kurzfris­tig nicht möglich erscheint, wird es darauf ankommen, ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten. Dabei können auch länger angelegte Qualifizierungsmaßnahmen helfen, die mittelfristig die Chancen am Arbeitsmarkt erhöhen.

 

Das Interview führte

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767-152
m.keuler@gib.nrw.de

Kontakt

Dr. Martin Dietz
Institut für Arbeitsmarkt und
Berufsforschung (IAB)
Referent des Vizedirektors
Weddigenstr. 20 – 22
90478 Nürnberg
Tel.: 0911 1795940

 

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