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(Heft 4/2009)
Berufseinstiegshilfe für Jugendliche

Die Mentor-Mentee-Dyade

In Nordrhein-Westfalen haben sich in den letzten Jahren viele ehrenamtliche Mentoring-Projekte etabliert, die Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen – als Ergänzung, nicht als Ersatz für professionelle Regelangebote.

Mentoring hat eine fast 3.000 Jahre alte Tradition: Vor seinem Troja-Feldzug, schreibt der griechische Dichter Homer, bittet Odysseus den gelehrten Mentor, sich in seiner Abwesenheit um die Erziehung seines Sohnes Telemachus zu kümmern und ihn in die Gesellschaft einzuführen. Mentor hilft dem Jungen mit seinen Erfahrungen und Kontakten, wird für ihn zum Berater, Erzieher und Vertrauten. Seitdem ist der Name Mentor Synonym für eine geachtete und gebildete Person, die einen jüngeren und weniger erfahrenen Menschen beim Übergang in die Arbeitswelt begleitet und berät.

Eine Person mit genau diesen Eigenschaften und diesem Engagement ist Christiane Bunse. Die Geschäftsleiterin der IMW Industrie & Markenwerbung GmbH & Co. KG in Wuppertal hat die 21-Jährige Laura zwei Jahre lang auf ihrem Weg in die Berufsausbildung unterstützt. Zuvor hatte sich die Jugendliche nach ihrem Hauptschulabschluss vergeblich um eine Lehrstelle bemüht. „Ihr Zeugnis ist nicht schlecht”, lautet das differenzierte Urteil der Mentorin, „aber sie war unmotiviert und in ihren Leistungen unbeständig.” Mit ihrer Hilfe überarbeitete Laura ihre Bewerbungsunterlagen, frischte ihre Kenntnisse in Bruch- und Prozentrechnen auf und bereitete sich auf Vorstellungsgespräche vor. Christiane Bunse: „Ich habe ihr Anregungen gegeben und ihre Eigeninitiative gefördert. Entscheiden musste sie selbst.” Zurzeit absolviert ihr Mentee Laura ein Langzeitpraktikum in einem Autohaus. Wenn alles klappt, will sie im nächsten Jahr hier ihre Ausbildung zur Automobilkauffrau beginnen.

Das „Patenprojekt Ausbildung” der Stadt Wuppertal
 

Eingebettet ist das Engagement von Christiane Bunse in das „Patenprojekt Ausbildung” der Stadt Wuppertal. Das von Oberbürgermeister Peter Jung initiierte Angebot richtet sich an junge Menschen, darunter viele Hauptschüler und Jugendliche mit Migrationshintergrund, deren Motivation von den Berufsberatern der Bundesagentur für Arbeit zwar als hoch eingeschätzt wird, die aber dennoch aus unterschiedlichsten Gründen bei ihren Bewerbungen bislang gescheitet sind. Oberbürgermeister Peter Jung: „Mit dem Patenprojekt unterstützen wir die professionelle Arbeit der Berufsberater, vor allem aber geben wir jungen Menschen, die ansons­ten durch ein Raster fallen würden, eine Perspektive für ihr Berufsleben.“

Zwei Stunden pro Woche investieren die rund 40 Mentorinnen und Mentoren, durchweg lebens- und berufserfahrene Menschen, oft Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung, über einen Zeitraum von rund einem Jahr in ihre ehrenamtliche Tätigkeit Sie helfen ihren Mentees bei Bewerbungsschreiben, vermitteln Schlüsselqualifikationen, geben Tipps zur Berufswahl bis hin zum Dress­code beim Bewerbungsgespräch und erleichtern die Kontaktaufnahme zu potenziellen Arbeitgebern. Bei Bedarf geht die Unterstützung weit über bloße Ausbildungsfragen hinaus und umfasst Hilfen bei der Wohnungssuche ebenso wie bei der Beantragung von Kindergeld. Ein erfolgreiches Engagement, wie die Zahlen belegen: Seit dem Start des Projekts im November 2007 ist bereits in 43 Fällen die Vermittlung in reguläre Ausbildungsverhältnisse gelungen.

Vertrauensvolle Gespräche und Wertschätzung
 

Patenprojekte für Jugendliche wie das der Stadt Wuppertal sind in den letzten Jahren viele entstanden. Vorbild für viele dieser Patenprojekte und eins der ersten überhaupt war das ausschließlich über Spenden finanzierte Kölner Projekt „Der Pate“ vom Verein „Ceno & Die Paten“, das sich an Schülerinnen und Schüler von Hauptschulen richtet. Ähnlich auch das Projekt „AusbildungsPaten“ des Vereins „AusbildungsPaten“ im Kreis Recklinghausen, initiiert und finanziell gefördert vom bischöflichen Generalvikariat Müns­ter und zusätzlich unterstützt von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, dem Solidarfonds Castrop Rauxel und dem Solidaritätsfonds der Seelsorger im Bistum Münster.

Neben der konkreten Berufseinstiegshilfe übernehmen die Paten eine weitere Funktion, erläutert Jan Ehlers, Vorstand des interdisziplinären Think Tanks „Denkwerkstatt JugendMentoring“ mit Sitz an der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor von „Jugend-Mentoring in Deutschland – Patenschaftsprogramme im Handlungsfeld Berufsorientierung und Berufswahl (2007): „Mentoren behalten in schwierigen Situationen die Ruhe und geben Hoffnung. Durch vertrauensvolle Gespräche können im Mentoring-Prozess vergangene Ereignisse aufgearbeitet und neu interpretiert werden. Tiefgreifende Gespräche im Sinne eines proximalen Prozesses fördern das kritische Denken, die Urteilsfähigkeit und die Kommunikationsfähigkeit des Jugendlichen.

Mentoren können den Jugendlichen darin unterstützen, seinen persönlichen Handlungsspielraum zu identifizieren, und ihm bei der Suche nach alternativen Wegen helfen, also eine Berufswahlstrategie entwickeln. Idealerweise sehen die Jugendlichen im Mentor eine Art „Rollenmodell“ und haben so die Gelegenheit ihre Wertorientierungen zu überprüfen und zu modifizieren. Sie lernen, ihre Interessen und Fähigkeiten realistisch wahrzunehmen und ein positives berufliches Selbstkonzept aufzubauen, welches notwendig für ein nachhaltig erfolgreiches Berufsleben ist. „Das wichtigste qualitative Plus von Mentoring ist nach Auffassung des Forschers jedoch „die Wertschätzung, die ehrenamtlich Engagierte in Form von Zeit und Zuneigung dem Jugendlichen zur Verfügung stellen“ – eine für viele junge Menschen oft ganz neue Erfahrung.

Vorbereitung, Supervision, Fortbildung
 

Gutes Mentoring ist jedoch an Voraussetzungen geknüpft, stellt Jan Ehlers klar. Auf der Mikro-Ebene, in der Mentor-Mentee-Beziehung, gehören gegenseitiges Vertrauen dazu, Freiwilligkeit, Einhaltung von Vereinbarungen, Toleranz, Offenheit und das gleichberechtigte, respektvolle Miteinander. Auf der programmatischen, der „Meso-Ebene“ sind Ausbildung und Begleitung der Mentoren, Supervision und Fortbildung maßgeblich für den Erfolg sowie die Existenz einer „Clearingstelle“ zwischen allen am lokalen Übergangsmanagement beteiligten Akteuren wie Schule, Arbeitsamt und Eltern.

Genau das praktiziert „AusbildungsPaten e. V.“ im Kreis Recklinghausen Vor Beginn des Mentorings klärt der Verein Motive und Vorstellungen der rund 60 Paten ab, darunter Männer und Frauen im Alter zwischen 25 und 70 Jahren, Ruheständler und Berufstätige wie Handwerker, Lehrer, Anwälte oder Ingenieure. In einem Grundseminar, zu dem auch Vertreter der Arbeitsagentur und der Schulen sowie bereits tätige Paten eingeladen sind, informiert der Verein über die neue Aufgabe, organisiert Workshops und Austauschtreffen und bietet in Kooperation mit der Volkshochschule Fortbildungen zu den Themen Vorstellungsgespräche, Jugend- und Arbeitsschutz sowie Verhalten am Arbeitsplatz an.

Ganz ähnlich geht das Kölner Paten-Projekt vor. Hier bieten die Verantwortlichen den Paten ein dreimonatiges Vorbereitungsseminar, organisieren regelmäßigen Erfahrungsaustausch und Supervision und pflegen zugleich ständigen Kontakt zu Schulleitern, Lehrern, Eltern und Firmen. Projektleiterin Gabriele Wahlen: „Die Vorbereitung, die Auswahl und die professionelle Begleitung der Paten über die gesamte Zeit sind unverzichtbar. In fast jeder Patenschaft kommt es vor, dass die Jugendlichen aufgeben wollen, persönliche Krisen bewältigen müssen oder sich weitere Probleme zeigen. Supervision und Krisengespräche helfen, solche Krisen zu überwinden.“ Offensichtlich ein erfolgreiches Konzept: Mehr als zwei Drittel der Mentees fanden bisher einen Ausbildungsplatz oder gehen mit guten Aussichten auf eine weiterführende Schule.

Aber auch die Mentorinnen und Mentoren profitieren von ihrem Engagement, ihre Motivation ist nicht ausschließlich altruistischer Art. Ältere Menschen etwa, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind und sich als „nicht mehr gebraucht“ fühlen, geben ihrem Alltag mit dem Mentoring einen neuen Sinn. Anders die Motivation von Christiane Bunse: „Meine Eltern haben mir in allen schulischen Fragen und bei der Berufsentscheidung immer unterstützend zur Seite gestanden. Das Glück hat nicht jeder. Ich möchte deshalb Jugendlichen helfen, deren Familie diese Unterstützung nicht leisten kann.“

Bundesagentur für Arbeit: Berufseinstiegsbegleitung nach § 421 s SGB III
 

So wichtig und unverzichtbar die Eigeninitiative auf bürgerschaftliches Engagement ausgerichteter Akteure auch ist: Professionelle berufsorientierende Institutionen können sie hervorragend ergänzen, nicht aber ersetzen. Zu ihnen zählt die „Berufseinstiegsbegleitung“ nach dem neuen § 421 s SGB III, durchgeführt von der Bundesagentur für Arbeit. Sie soll Jugendliche von Haupt- und Förderschulen beim Übergang von der allgemeinbildenden Schule in eine berufliche Ausbildung unterstützen, damit mehr Jugendliche den Schulabschluss schaffen und leichter eine Lehrstelle finden.

Zugleich sollen Ausbildungsabbrüche wegen falscher Berufsvorstellungen vermieden werden. Darüber hinaus können Berufseinstiegsbegleiter bei der Herstellung der Ausbildungsreife mithelfen. Förderrechtlich wird damit eine intensivere Form der Berufsorientierung (SGB III) angeboten. Beginnen soll die individuell orientierte Berufseinstiegsbegleitung bereits während des Besuchs der Vorabgangsklasse der allgemeinbildenden Schule. Enden soll sie ein halbes Jahr nach Beginn einer beruflichen Ausbildung, spätestens jedoch 24 Monate nach Beendigung der allgemeinbildenden Schule. Für weitergehende Hilfen kann dann auf das Regelangebot der Agenturen für Arbeit zurückgegriffen werden.

Das Modell wird bundesweit an 1.000 ausgewählten Schulen erprobt und evaluiert. In Nordrhein-Westfalen sind rund 200 Schulen mit mehr als 5000 Schülerinnen und Schüler beteiligt. Dabei ist die Berufseinstiegsbegleitung mit bereits bestehenden und bewährten ehrenamtlichen Patenschaftsprogrammen verzahnt und arbeitet eng mit den Berufsberaterinnen und Berufsberatern der Agenturen für Arbeit und den Arbeitgebern in der Region zusammen.

Eine Vernetzung mit weiteren regional umgesetzten ESF-landesgeförderten Projekten wie z. B. Ein-Topf wird berücksichtigt. Die Begleitung der einzelnen Jugendlichen kann bis Ende 2014, in Einzelfällen sogar bis 2015 laufen.

Seit Beginn des Projekts ist die erste Resonanz durchgehend positiv, berichtet Frank Umberg von der Regionaldirektion Nord­rhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit: „Die Kooperation zwischen Schulen, Bildungsträgern Berufseinstiegsbegleitung und Berufsberatern klappt hervorragend, die Motivation der Schülerinnen und Schüler, den Schulabschluss zu schaffen und einen Ausbildungsplatz zu suchen, steigt. Die individuelle Förderung eines jeden Einzelnen scheint der richtige Ansatz für ein funktionierendes Übergangsmanagement zu sein.“

 

Abstract

In Nordrhein-Westfalen haben sich in den letzten Jahren viele ehrenamtliche Mentoring-Projekte etabliert, die Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen, darunter das Projekt „AusbildungsPaten e. V.“ im Kreis Recklinghausen, das „Patenprojekt Ausbildung” der Stadt Wuppertal sowie das Kölner Projekt „Der Pate“ vom Verein „Ceno & Die Paten“. So wichtig und unverzichtbar die Eigeninitiative auf bürgerschaftliches Engagement ausgerichteter Akteure auch ist: Professionelle berufsorientierende Institutionen – wie etwa die „Berufseinstiegsbegleitung“ nach dem neuen § 421 s SGB III, durchgeführt von der Bundesagentur für Arbeit – können sie hervorragend ergänzen, nicht aber ersetzen.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Friedel Damberg
Tel.: 02041 767-150
f.damberg@gib.nrw.de

Kontakte

„AusbildungsPaten e. V.“ im Kreis Recklinghausen
Tel.: 02361 48598-19
info@ausbildungspaten.de
www.ausbildungspaten.de

„Der Pate“ vom Verein „Ceno & Die Paten“
Agnes Boeßner
Ceno & Die Paten e. V.
Tel.: 0221 8008370
boessner@ceno-koeln.de
www.ceno-koeln.de

„Patenprojekt Ausbildung” der Stadt Wuppertal
Angelika Leipnitz, Stadtverwaltung Wuppertal
Geschäftsbereich des Oberbürgermeisters
Service Ehrenamt
Tel.: 0202 563-6501
angelika.leipnitz@stadt.wuppertal.de

Jan Ehlers
Leitung WIWEX.careers Karriere- und Placementnetzwerk
an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät
der Humboldt-Universität zu Berlin
Tel.: 030 20935672
Jan.Ehlers@wiwex.net
www.careers.wiwex.net

Frank Umberg
Programmberater – Arbeitnehmerintegration –
Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit
Tel.: 0211 4306-644
Nordrhein-Westfalen.Arbeitnehmerintegration@arbeitsagentur.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
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