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(Heft 4/2009)
Kontinuierlich, abgestimmt und effektiv

Alles klar mit STARTKLAR

Mitte September ist „STARTKLAR! Mit Praxis fit für die Ausbildung“ in Köln an den Start gegangen. Mit dem Programm sollen Schüler an Haupt-, Förder- und Gesamtschulen gefördert werden, die nach dem erfolgreichen Schulabschluss direkt in eine Ausbildung wechseln wollen und auf dem Weg dorthin noch Unterstützung benötigen, um die nötige Ausbildungsreife zu erlangen.
Eine Besonderheit des Programms ist, dass Bund und Land bei STARTKLAR kooperieren. Sie führen ihre Bemühungen um die schulische und berufliche Ausbildung von Jugendlichen in einem gemeinsamen Vorgehen zusammen.

STARTKLAR ist auf drei Jahre angelegt; es beginnt in Klasse 8 und umfasst bis Klasse 10 schulische und berufsorientierende Aspekte. Mehr als 300 Haupt-, Förder- und Gesamtschulen landesweit haben sich für dieses mit dem Ministerium für Schulen und Weiterbildung NRW und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) abgestimmte Programm beworben. Nach einer ersten Auswahl und Klärungsphase steht die Zahl der teilnehmenden Schulen jetzt bei rund 190 – knapp 60 Förderschulen, mehr als 100 Hauptschulen, gut 25 Gesamtschulen. Das sind landesweit gut 8.000 Schüler, die an STARTKLAR partizipieren. Das Programm ist nicht für Schüler gedacht, die ihre Schullaufbahn fortsetzen wollen oder die nicht in der Lage sind, eine Ausbildung aufzunehmen. Die Teilnehmerschulen sind derzeit dabei, die Projektmodule in Unterricht und Schulalltag zu integrieren und Strukturen zu schaffen. In einer zweiten Runde 2010 sollen weitere Schulen ausgewählt werden, die das STARTKLAR-Programm übernehmen können.

Viele Berufspraktiker in den Schulen schauen mit großer Hoffnung auf STARTKLAR. Für Bert Butzke von der Hauptschule Alstaden in Oberhausen ist „STARTKLAR ein Programm, das endlich eine kontinuierliche, individuelle und zwischen den vielen beteiligten Stellen wirklich abgestimmte Förderung der Schüler erlaubt.“ Er hofft, dass drei Jahre Projektdauer auch für Nachhaltigkeit der Bemühungen und ein abgestimmtes Vorgehen aller Beteiligten stehen. Das wäre dann, so Bert Butzke, ein deutlicher Unterschied zu der „Projektitis früherer Zeiten“. Die war seiner Ansicht nach durch eine Vielzahl unterschiedlichster Förderansätze gekennzeichnet, die vielfach unvermittelt nebeneinander standen und sich so in ihrer Effektivität gegenseitig lähmten.

Auch Ludger Reiberg von der „Stiftung Partner für Schule“ in Düsseldorf ist der Meinung, dass singuläre Ansätze immer häufiger zu kurz greifen, um die gewünschte Ausbildungsreife zu gewährleis­ten. Bei dem Schulexperten, der früher im Schulverwaltungsamt Köln tätig war, liegt die pädagogische Projektleitung. Er sagt: „STARTKLAR ist der erste konsequente Versuch, von Einzelmaßnahmen wegzugehen hin zu einer langjährigen Strategie.“ Der wesentliche Unterschied zu singulären Ansätzen ist die jahrgangsübergreifende Dauer. Die Schüler werden drei Jahre lang gezielt gefördert, die Phasen bauen aufeinander auf. STARTKLAR verspricht den Schulen in einem relativ genau vorgeschriebenen Rahmen Unterstützung bei der Berufsorientierung. STARTKLAR führt dabei Schulen und externe Partner aus Wirtschaft und Bildung eng zusammen.

Kernelement ist ein Drei-Phasen-Modell zur Berufsorientierung von Jugendlichen. Die Inhalte passen sich in die Arbeit der Jahrgänge 8 – 10 ein:
  1. Klasse 8 – Kompetenzen feststellen und sich orientieren: drei verschiedene Berufsfelder kennenlernen; die Schüler absolvieren bei einem externen Bildungsträger eine Kompetenzfeststellung sowie drei „Schnupperpraktika“, um sich ein Bild von ihren Möglichkeiten zu machen
  2. Klasse 9 – Praxisbezogen lernen und sich qualifizieren; die Schüler verbessern aufgrund individueller Beratung gezielt ihre Fähigkeiten, je nach Bedarf für Anforderungen an ihre manuelle Geschicklichkeit, sprachliche Ausdrucksfähigkeit und/oder soziale Kompetenz
  3. Klasse 10 – Berufswahl konkretisieren und in Ausbildung begleiten; die Schüler absolvieren ein obligatorisches Langzeitpraktikum, um ihre Berufswahl zu konkretisieren und sich ihrer Pläne zu vergewissern

In Klasse 8 werden alle Schüler in STARTKLAR einbezogen. Es geht in diesem Jahrgang um die Feststellung von Kompetenzen und das Kennenlernen von drei Berufsfeldern. Die wesentlichen Bestandteile sind bekannt vom Bundesprogramm Berufsorientierung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Vorgesehen sind bei STARTKLAR unter anderem 20 Stunden Kompetenzerhebung und 60 Stunden Berufsorientierung in drei Berufsfeldern, jeweils extern.

In Klasse 9 sollen die teilnehmenden Schulen in der Regel Gruppen von 15 bis 20 Schülerinnen und Schülern bilden. Wer dazugehört, entscheidet sich nach Willen und Zielsetzung der Schüler sowie Einschätzung und Auswahl durch die Lehrer. Deshalb ist die Gruppengröße nicht fest vorgegeben. (Gesamtschulen müssen hier überlegen, ob sie die zur gymnasialen Oberstufe strebenden Schüler integrieren wollen.) Es ist ein Kontingent von Stunden externer Förderung bei Bildungsträgern vorgesehen, z. B. Angebote zu Lernhilfen und zur Kompetenzerweiterung. Schule, Schüler und extern Beteiligte verpflichten sich jeweils, konkrete Leistungen zu erbringen. So bringen etwa die Schüler über die dreijährige Projektzeit hinweg rund 600 Stunden ihrer Freizeit ein.

Das Grundmodell umfasst mindestens 546 Unterrichtsstunden, davon sind 266 in der Stundentafel verankert. Rund 280 Unterrichtsstunden werden von außerschulischen Partnern organisiert und umgesetzt. Als Erweiterung ist in Jahrgang 10 in der Regel ein (Langzeit-)Praktikum mit bis zu 145 Zeitstd. (entsprechend 194 Unterrichtsstunden) anzubieten. Die schulischen und außerschulischen Lernangebote haben einen Gesamtumfang von bis zu 820 Unterrichtsstunden.

Allerdings ist STARTKLAR nicht für alle Schülerinnen und Schüler gedacht. Das Programm zielt nur auf diejenigen Jungen und Mädchen ab, die eine Ausbildung anstreben. Wer dies nicht will oder wem dies nicht möglich ist, für den ist nach Klasse 8 Schluss mit STARTKLAR. Für Durchstarter und für Problemfälle gibt es andere Programme, so zum Beispiel die BUS-Klassen. („Betrieb und Schule“) Hier lernen Hauptschüler durch Förderpraktika den beruflichen Alltag in Betrieben kennen. Wenn sie sich bewähren, können sie auf diesem Wege eine Ausbildungsstelle erhalten – auch ohne oder nur mit einem sehr schwachen Hauptschulabschluss.

Qualitätssicherung der Wirtschaft

 
Ein Grund für STARTKLAR ist die Beobachtung, dass in Schulen mit einer langjährigen Berufsorientierung die Quote der Wechsler in eine duale Ausbildung höher liegt als in Schulen ohne eine solche Tradition.

STARTKLAR will diesen Erfolg nun quasi flächendeckend organisieren. Davon sollen nicht nur die Schulen und Schüler, sondern auch die Betriebe profitieren, so Gabriele Götze von der Stiftung Partner für Schule. Die Betriebe können sich, auch über ihre Organisationen, frühzeitig einbringen, um die für sie wesentliche Qualifikation der Lehrstellen-Bewerber sicherzustellen. Dazu werden auf regionaler Ebene, beginnend bei den Regierungsbezirken und nach Bedarf fortgesetzt auf unteren Ebenen, regionale Workshops und Arbeitszirkel geschaffen. Dort verabreden die beteiligten Stellen, wie Schulen, Betriebe, Handwerkerschaften, Kammern und Arbeitsagenturen ihr Vorgehen. Die Wirtschaft ist damit sehr frühzeitig daran beteiligt, dem vorhergesagten Mangel an Facharbeitern entgegenzuwirken. Die Qualitätssicherung erfolgt dabei auf regionaler Ebene, die Stiftung unterstützt die Zusammenarbeit mit einer regionalen Kontaktbörse im Internet und bei Workshops.

Erfolgskriterium Schülermeinung

 
Das vordringliche Ziel von STARTKLAR ist, mehr Schulabgänger als bisher ohne Umwege oder Warteschleifen in Ausbildung zu bringen und so langfristig einem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wie das Projekt in seinen vielen Aspekten insgesamt evaluiert wird, steht zwar noch nicht fest. Aber ein Kriterium für den Erfolg des Projektes wird ohne Frage sein, welchen Wert die Teilnahme an STARTKLAR hat. Vor allem auf das Entscheidungsverhalten der Betriebe bei Bewerbungsverfahren kommt es dabei an. Die Schüler erhalten zum Abschluss der dreijährigen Projektphase ein Zertifikat. Es stellt keine Garantie auf einen Ausbildungsplatz dar, kann und soll aber dem Berufswahlpass oder der Bewerbungsmappe beigefügt werden. Unter den Schülern, aber nicht nur da, wird sich schnell herumsprechen, ob das Zertifikat ihre Berufschancen erhöht. Und: STARTKLAR kommt zu einer Zeit mit günstigen ökonomischen und demografischen Rahmenbedingungen. Die Schülerzahlen sinken weiter und der Wettbewerb der Firmen um qualifizierten Nachwuchs ist schon spürbar. Die Chancen müssten also gut stehen.

Praxisaspekte von STARTKLAR

 
Obwohl STARTKLAR ein neues Programm ist, dass erst jetzt nach und nach in den Schulalltag integriert wird, können die Schulen schon auf vielfältige Erfahrungen im Rahmen der Berufsorientierung zurückgreifen. Praxiserfahrungen werden bei der Umsetzung von STARTKLAR eine wichtige Rolle spielen. So hat man in Oberhausen und Mülheim mit Kompetenzfeststellungen und Berufstests schon ausgiebig Erfahrungen gemacht. Dreitausend Schüler haben dort die Kompetenzfeststellungen im Rahmen des Berufsorientierungsprogramms des Bundes absolviert. Als Erfahrung daraus weiß man, dass die Arbeit mit Ausgabe der persönlichen Ergebnisse nicht beendet ist, sondern gerade erst beginnt.

Mit den Ergebnissen dieser Tests muss auch konkret gearbeitet werden. Das Entscheidende, sagt Hauptschullehrer Bert Butzke, ist „die absolut wichtige Frage der Auswertung“. Er ist beim Schulamt Fachberater für Schule und Beruf und engagiert sich seit 1982 in der Berufs­orientierung. Immer wieder hat er in Folge der Kompetenztests beobachtet, dass die Schüler oft nicht einmal verstehen, welche Empfehlungen sie für ihr persönliches Lernprogramm oder für ihre Berufswahl erhalten haben. Selbst die Berufswahlempfehlung kann unklar sein: Wer weiß schon, welcher Beruf sich hinter der Bezeichnung Bauten- und Objektbeschichter verbirgt: Maler? Estrichleger? Trockenbauer? Solche Fragen sind kein Einzelfall. Bert Butzke: „Fast jedem Schüler wird etwas vorgeschlagen, was er nicht kennt, womit er nicht umzugehen weiß. Deshalb muss man in einem zweiten Schritt in der Schule mit den Ergebnissen weitergearbeitet werden.“

Die Schulen können – und sollen – bei STARTKLAR daher alle ihre bisherigen Initiativen zur Berufsorientierung einbinden. In vielen Schulen führen die Schüler sogenannte „Berufswahlordner“, in denen sie relevante Unterlagen für ihre Berufswahl aufbewahren, von Zeugniskopien über Praxishefte bis hin zu Bewerbungstrainings und Beurteilungen. Wenn mit diesen Ordnern kontinuierlich gearbeitet werden soll, sollten sie nach Ansicht von Bert Butzke am besten in der Schule aufbewahrt werden, damit sie jederzeit zur Verfügung stehen. Ort dafür könnte etwa das Berufsorientierungsbüro sein. Diese Anlaufstelle für Schüler gibt es ebenfalls schon in vielen Schulen. STARTKLAR zeigt hier gegenüber singulären Programmen Vorteile, da es auf Dauer angelegt ist.

Die Berufsorientierung konkurriert bei Jugendlichen bekanntermaßen allerdings mit vielen anderen Interessen. Dirk Neitmann, Lehrer an der Heinrich-Lersch-Gemeinschaftshauptschule in Mönchengladbach, hat die Erfahrung gemacht, dass manchmal der Erfolg gezielter Förderung selbst ein neues Problem schafft. Die Schule praktiziert schon seit Jahren ein differenziertes Drei-Säulen-System zur Berufsorientierung. Ein Erfolg: Bei den Übergangsquoten in Lehrstellen ist sie vorne mit dabei. Aber: Wenn Schüler bessere Leistungen zeigen, wollen manche Eltern, dass ihre Kinder nun statt eines Ausbildungsplatzes einen höheren schulischen Abschluss anstreben. Dirk Neitmann: „Viele Eltern sehen aber nicht, dass ihre Kinder mithilfe der Förderung zwar vorangekommen sind, jetzt aber an ihrer oberen Leistungsgrenze sind. In so einem Fall sollte man zuerst vielleicht besser eine praktische Ausbildung machen. Danach kann man ja immer noch weitersehen.“ Er meint, dass deutlich mehr Schüler in eine Ausbildung vermittelt werden könnten, wenn es gelänge, die Schüler auf ihrem Weg zu halten. Das ist seine Hoffnung an STARTKLAR.

Von der persönlichen und kontinuierlichen Fürsorge um die Jugendlichen versprechen sich die STARTKLAR-Organisatoren allerdings noch einen anderen Vorteil. Sie hoffen, dass die zielgerichteten Bemühungen für viele Jugendliche eine positive Erfahrung sein werden. „Bislang denken viele, sie hätten keine Chance, jetzt und später auch nicht. Es würde sich ja sowieso keiner um sie bemühen und die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei trostlos. Beides trifft bei STARTKLAR nicht zu“, sagt Gabriele Götze, die organisatorische Leiterin von STARTKLAR bei der Stiftung Partner für Schule. Während viele Förderprogramme Defizite beseitigen wollen, ist für sie STARTKLAR vor allem eine „individuelle Begleitung und Förderung der Stärken“ von Schülern.
 

Abstract

STARTKLAR ist ein dreijähriges Förderprogramm von Land und Bund mit dem Ziel, dass mehr Absolventen von Haupt-, Förder- und Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen direkt nach dem Schulabschluss eine Berufsausbildung aufnehmen. Das Programm ist nicht für Jugendliche gedacht, die ihre schulische Laufbahn fortsetzen wollen oder bei denen die erforderliche Ausbildungsreife nicht gegeben ist. Es soll zum einen die Berufs- und Lebensplanung der Jugendlichen unterstützen und zum anderen dem vorhergesagten Fachkräftemangel entgegengewirken. Im Rahmen von STARTKLAR kooperieren die 190 teilnehmenden Schulen mit einer Reihe externer Stellen, von Bildungsträgern über Betriebe und Wirtschaftsorganisationen bis zur Schulverwaltung und der Arbeitsagentur. Der Beitrag stellt Ansätze, Inhalte und Förderung durch STARTKLAR vor und diskutiert pädagogische Aspekte zum Erfolg des Programms.

Informationen zu STARTKLAR

Kontakte

Stiftung Partner für Schule NRW
Oststraße 86
40210 Düsseldorf

Ludger Reiberg
Pädagogischer Leiter STARTKLAR
reiberg@partner-fuer-schule.nrw.de

Gabriele Götze
Organisatorische Leiterin STARTKLAR
goetze@partner-fuer-schule.nrw.de

Bert Butzke
Hauptschullehrer und Berufsfachberater
GHS Alstaden
Bebelstraße 182
46049 Oberhausen
Butzke-bert@t-online.de

Dirk Neitmann
Hauptschullehrer und
Berufswahlkoordinator
GHS Heinrich-Lersch
Rohrstraße 43
41065 Mönchengladbach
berufswahl@ghs-heinrich-lersch.de

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