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Mittendrin statt nur dabei

Das Jobcenter Wuppertal versteht sich nicht nur als Institution zur Integration von arbeitslosen Menschen in Arbeit, es hat sich auch als ein wichtiger Player in der Stadtentwicklung der finanzschwachen Stadt etabliert. Mit Projekten wie dem Bau der Nordbahntrasse leistet das Jobcenter einen gewichtigen Beitrag zur Infrastruktur und zum Gemeinwohl und sorgt gleichzeitig dafür, dass Vorurteile gegenüber arbeitslosen Menschen abgebaut werden.

Während es in vielen Kommunen in der Frage der Wettbewerbsneutralität und Zusätzlichkeit von Arbeitsgelegenheiten zu Konflikten mit den Kammern und der Wirtschaft kommt, ist das in Wuppertal nicht so. „Die Diskussion, ob öffentlich geförderte Beschäftigung der Wirtschaft insbesondere dem Handwerk schadet, ist eine Geisterdiskussion“, sagt Thomas Lenz, Vorstandsvorsitzender des Jobcenters Wuppertal. „Wenn die Stadt die gesamte Grünpflege nur über den zweiten Arbeitsmarkt bewerkstelligen und den entsprechenden Haushaltstitel auf null streichen würde – dann könnte ich eine solche Diskussion nachvollziehen. Die Stadt kürzt aber keine Haushaltstitel in den Bereichen, in denen wir tätig sind, zum Beispiel im Grünflächenbereich. Es wird also immer, wenn wir beteiligt sind, etwas zusätzlich gemacht, was sonst liegen bleiben würde.“ In Wuppertal hätten Akteure wie die Kammern und die Wirtschaftsunternehmen das erkannt und das, so Thomas Lenz, liege daran, dass sich das Jobcenter als Teil der Stadtgemeinschaft sehe und als solcher auch akzeptiert werde.

Viele verschiedene örtliche Stakeholder, auch die Kammern, hätten sich in der Vergangenheit Sorgen um die Stadt gemacht. Hohe Arbeitslosigkeit, über viele Jahre kaum Investitionen, weil in der Stadt eine Haushaltssperre galt – diese Situation habe zu der allgemeinen Stimmung geführt: da muss sich etwas verändern. Thomas Lenz bezeichnet das als ein „Aufbegehren der Stadtgemeinschaft.“ Dass sich dann wirklich etwas verändert hat, daran habe das Jobcenter entscheidenden Anteil gehabt und es dabei auch geschafft, Vorbehalte gegen Langzeitarbeitslose abzubauen.

Viele hätten nicht geglaubt, dass diese Menschen, wenn man sie intensiv begleitet, einen guten Job machen könnten. Das aber hätten sie ab 2005 bewiesen, als das Stadion am Zoo, Spielstätte des Traditionsvereins Wuppertaler SV, unter ganz wesentlicher Beteiligung von Langzeitarbeitslosen modernisiert wurde. In den Jahren 2005 bis 2008 wurden durch Qualifizierungsmaßnahmen auf dem zweiten Arbeitsmarkt sowohl die Nord- als auch die Südtribüne in ihrer heutigen Form gebaut. Ein großer Anteil der dabei Beschäftigten konnte anschließend erfolgreich in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

„Ansonsten hätten die vorhandenen Einrichtungen aus Gefahrengründen geschlossen werden müssen“, sagt Thomas Lenz. Aus dieser Situation sei in der Stadt ein Gemeinschaftsverständnis entstanden. Man habe erkannt, dass die Einbeziehung der Arbeitslosen nicht gegen die Wirtschaftsunternehmen gerichtet sei, im Gegenteil: „Wenn man sich die Maßnahmen, an denen wir beteiligt sind, ansieht, muss man erkennen: das sind eigentlich Wirtschaftsförderungsmaßnahmen, weil wir durch unsere Arbeit größere Investitionen ermöglichen. Und in einer Stadt, in der viel investiert wird, geht es auch dem Handwerk gut. Heute ist Wuppertal sehr innovativ. Die Haushaltssperre ist aufgehoben, es wird investiert wie in den letzten 40 Jahren nicht.“

Vorzeigeprojekt Nordbahntrasse
 

In rund 100 Projekten hat sich das Jobcenter bisher engagiert. Das bekannteste und umfangreichste Beispiel ist die Nordbahntrasse. Ohne den gesetzlich vorgeschriebenen Eigenanteil der Stadt, der durch Maßnahmen des Jobcenters abgedeckt wurde, hätte es dieses Projekt nicht gegeben. Und damit auch keine Aufträge für private Unternehmen. Insgesamt 35 Firmen waren im Rahmen des Mammut-Projekts mit dem Trassenbau befasst, 16 Unternehmen mit planerischen und gutachterlichen Aufgaben. Sie alle profitierten von den über 30 Millionen Euro an Fördermitteln. Besonders die Sanierung der über 130 Jahre alten Bauwerke auf der Strecke, darunter sieben Tunnel, vier Viadukte und 19 Brücken, verlangte den Einsatz von Fachfirmen. Diese Arbeiten sind bis heute nicht abgeschlossen.

Die 1879 eröffnete ehemalige Bahnstrecke, eine zweigleisige Verbindung zwischen Düsseldorf und Dortmund, verläuft auf 23 Kilo­metern mitten durch Wuppertal. 1999 fuhr hier die letzte Bahn.

Bemerkenswert: Die Idee, diese Trasse für die Allgemeinheit als Fuß- und Radweg nutzbar zu machen, stammt mitten aus der Bürgerschaft der Stadt. Der Verein Wuppertalbewegung erkannte das Potenzial, das in der alten Bahntrasse steckte, und legte im Mai 2006 eine Machbarkeitsstudie vor, die auch schon die Finanzierung einschloss. „Natürlich gab es Kritiker, die bezweifelten, dass sich das Projekt umsetzen ließe – schon aufgrund der Länge der Trasse und der großen Anzahl von maroden Bauwerken“, blickt Thomas Lenz zurück. „Aber die Bürgerinitiative war so stark, hat viele große Unternehmen, Stiftungen und auch die Öffentlichkeit einbezogen, samstags Wanderungen auf der Trasse organisiert, an denen hunderte Bürger teilnahmen, sodass letztendlich auch die Politik mitziehen musste.“ Weite Teile der Stadtgesellschaft seien überzeugt gewesen, dass man es gemeinsam schaffen könne, diese Vision zu verwirklichen. Auch das Jobcenter, damals noch ARGE, unterstützte die Idee von Anfang an.

Es gelang dem Verein, rund 3 Millionen Euro an Spendengeldern zu akquirieren. Dr. Andreas Kletzander, Jobcenter-Vorstand für Arbeitsmarkt und Kommunikation, macht deutlich, dass der Impuls durch die Wuppertalbewegung wichtig war, die wichtigste Säule der Realisierung sei aber neben der Landesförderung die Beschäftigungsförderung durch das Jobcenter gewesen.

Finanzierung aus vielen Töpfen
 

Das gesamte Investitionsvolumen betrug 32 Millionen Euro. Darin enthalten waren 14,5 Millionen Bundes- und Landesmittel im Rahmen einer 90-Prozent-Förderung, Tourismusfördermittel von über 7 Millionen Euro, darunter rund 4 Millionen Euro EU-Mittel aus dem EFRE-Fonds. 2 Millionen Euro steuerte das Bundesforschungsministerium bei (LED-Beleuchtung). Der Verein Wuppertalbewegung ließ 2,5 Millionen Euro an Spendengeldern in das Projekt fließen. Der Eigenanteil der Stadt, die diesen aufgrund der Haushaltskonsolidierung nicht selbst tragen durfte, bestand in der Arbeitsleistung im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose. Die Summe wurde auf der Grundlage eines Stundenlohns pro Stunde Einsatz für das Projekt berechnet. „Der Bundesrechnungshof hat das intensiv geprüft und konnte nichts finden, was man daran mäkeln könnte“, sagt Thomas Lenz. „Nur durch diesen anerkannten Anteil an der Finanzierung ist das Gesamtprojekt – immerhin das größte Verkehrsprojekt der letzten drei Jahrzehnte in Wuppertal – überhaupt zustande gekommen.“ Dr. Andreas Kletzander spricht von einer Summe von acht bis neun Millionen Euro, die über die Gesamtlaufzeit des Projekts in die Beschäftigung und Qualifizierung der Menschen an der Trasse investiert wurden.

Das Jobcenter stellte in der Spitze rund 200 Arbeitskräfte zur Verfügung, die in Form von AGHs zum Beispiel zur Vorbereitung des Ausbaus entlang der Trasse Instandhaltungsarbeiten und Rodungen durchführten, Schutt und Müll beseitigten, Pflaster verlegten und unter Begleitung von Fachingenieuren die zahlreichen Stützmauern restaurierten. Begleitet wurden die AGHs stets durch Coaching und Qualifizierung der Teilnehmenden. Je nach individuellem Bedarf wurden und werden sie zum Beispiel in den Bereichen Metall, Holz, Farbe, Schweißen oder Garten- und Landschaftsbau weitergebildet und können anerkannte Zertifikate erwerben.

Fairer Umgang mit Beschäftigungs- und Qualifizierungsträgern
 

Rund 1.000 arbeitslose Menschen haben bisher insgesamt am Projekt Nordbahntrasse teilgenommen. Träger der Beschäftigungsmaßnahmen waren die Wichernhaus Wuppertal gGmbH und die Gesellschaft für berufliche Aus- und Weiterbildung (GBA). „Bei den Pflasterarbeiten haben die oft ungelernten Mitarbeiter, die jedoch oft über langjährige Berufserfahrung in handwerklichen und gewerblichen Branchen verfügten, bewiesen, dass sie mit der notwendigen fachkundigen Unterstützung auch den gesamten Wegebau professionell bewerkstelligen können“, sagt Henry Wollner, Prokurist bei der GBA. Und Regine Widmayer-Wagner, Geschäftsführerin beim Wichernhaus schätzt, dass rund 80 Prozent des neuen Verkehrswegs von Langzeitarbeitslosen gebaut wurden. „Menschen, die lange Zeit unsichtbar und infolge ihrer Arbeitslosigkeit auch sozial isoliert waren, stemmten so eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der Stadt.“ Bis heute sind täglich rund 40 Arbeitslose für die Instandhaltung und Pflege der Nordbahntrasse im Einsatz.

Das Thema Träger ist Thomas Lenz wichtig. Er plädiert für einen fairen Umgang mit ihnen. Wenn man als Jobcenter ständig die Preise drücke, schaffe man es nicht, Projekte vernünftig umzusetzen. „Wir haben immer darauf geachtet, dass ein gewisser Qualitätsanspruch gewahrt bleibt, und Aufträge nicht an Träger vergeben, die in ganz Deutschland mit Dumping-Löhnen für die eigenen Beschäftigten agieren.“ Letztendlich sei aus diesem Grund die Trägerstruktur in Wuppertal auch intakt, während in vielen anderen Städten eine qualifizierte Trägerlandschaft nicht mehr existiere.

„Für uns war wichtig, dass unsere Leute in unterschiedlichen Gewerken mitten in der Stadt ständig präsent und an einem Projekt wesentlich beteiligt waren, das eine sehr hohe emotionale Bedeutung für die Bürgerschaft hatte“, sagt Thomas Lenz. „Dadurch erfahren die Menschen nach Jahren der Arbeitslosigkeit, dass sie gebraucht werden. Und bei den Bürger der Stadt sind dadurch auch Vorurteile abgebaut worden.“

Die Öffentlichkeitsarbeit des Jobcenters tut ein Übriges: Es gelte, dafür zu sorgen, dass die Anerkennung, die die Menschen verdienen, in den Köpfen bleibe, und zu vermitteln, dass diese Menschen nicht am Rande der Gesellschaft stehen, sondern mittendrin und Teil der Aufbruchstimmung in der Stadt­entwicklung seien, so Irene zur Mühlen, Referentin des Jobcenter-Vorstandes. Ein Mittel, um dies zu erreichen, waren in der Vergangenheit zum Beispiel Plakataktionen in der gesamten Stadt. Acht verschiedene Motive trugen in die Öffentlichkeit, an welchen Projekten arbeitslose Menschen in der Stadt wesentlichen Anteil hatten. Eine Aktion, die nicht ohne Widerhall in den Medien blieb. „Es gilt, zu erzählen, dass das bürgerschaftliche Engagement in der Stadt nicht nur durch Ehrenamtliche verkörpert wird, sondern zu einem weitaus größeren Teil von arbeitslosen Menschen“, erklärt Dr. Andreas Kletzander.

Verschiedene Arbeitsmarktinstrumente kombiniert
 

Aber wie macht man AGHs mit Qualifizierungsanteil möglich, obwohl das seit 2012 im SGB II eigentlich nicht mehr vorgesehen ist? „Man kann ja Instrumente kombinieren“, sagt Dr. Andreas Kletzander. Und so ergänzt das Jobcenter Wuppertal AGHs um Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine (AVGS gemäß § 16 Abs. 1 SGB II i. V. m. § 45 SGBIII), mit denen dann die Qualifizierungen der Teilnehmenden finanziert werden. „Mit diesem Kunstgriff, der in der Planung sehr aufwendig ist, weil für jeden Platz doppelte Arbeit entsteht, und auch in der Zertifizierung, die die Träger beantragen müssen, ist uns das gelungen. Man muss nur gewillt sein, die Freiräume, die es intern gibt, zu nutzen.“ Dabei betont Dr. Andreas Kletzander, dass das Jobcenter Wuppertal keine Sonderbehandlung vor dem Gesetz erfährt und ihm weder andere Instrumente zur Verfügung stehen noch mehr Ressourcen als anderen Jobcentern.

Das macht die AGHs zwar teurer, der Dreiklang aus praktischer Arbeit, Coaching und Qualifizierung verbessere aber ganz entscheidend die Chance auf einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt, erklärt Dr. Andreas Kletzander. Dazu komme, dass Arbeit in einem realen Arbeitsumfeld, zum Beispiel Pflaster verlegen, wesentlich motivierender sei, als reine Trainingsmaßnahmen, bei denen das Tageswerk eines Pflasterers am Ende wieder zerstört werde. Dieses Prinzip verfolge das Jobcenter Wuppertal schon geraume Zeit, zum Beispiel auch wenn es um die Ausbildung von Baggerführern gehe.

Zurzeit finanziert das Jobcenter Wuppertal 1.200 AGHs. Dazu kommen rund 350 Plätze finanziert aus dem ESF-Bundesprogramm zur Eingliederung langzeitarbeitsloser SGB II-Leistungsberechtigter auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt (LZA) und 180 Plätze im Rahmen des Programms Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt. Das sind insgesamt also ca. 1.730 Plätze für öffentlich geförderte Beschäftigung. Wenn der ganzheitliche Ansatz gemäß dem Programm Soziale Teilhabe wie zurzeit im Gespräch bundesweit auf insgesamt 150.000 Plätze ausgeweitet wird, entspräche das zusätzlichen 1.200 Plätzen in Wuppertal. „Auch das bekommen wir hin“, sagt Dr. Andreas Kletzander. „Wir haben den Willen, die Erfahrung, die Arbeit und auch die Träger, die da mitziehen. Die Frage ist, ob das Programm so gestaltet ist, dass es auch umsetzbar ist.“

Es habe seit 2010 dramatische Einsparungen in dem Segment Langzeitarbeitslose gegeben. Thomas Lenz beziffert die Reduzierung auf fast 50 Prozent. Und das, so Thomas Lenz, obwohl in den letzten rund zwei Jahren in Wuppertal ca. 8.000 Geflüchtete in das System SGB II aufgenommen wurden. Schon das ließe erkennen, dass man eigentlich mehr Geld bräuchte. Deswegen würde ein Passiv-Aktiv-Transfer, wie er zurzeit verstärkt diskutiert werde, sehr helfen. Es brauche eine politische Entscheidung, ob die Menschen, die bei allen Anstrengungen nicht in den ersten Arbeitsmarkt integrierbar seien, über dauerhafte öffentlich geförderte Beschäftigung gesellschaftlich integriert werden sollten oder nicht. Thomas Lenz‘ Position ist da klar: „Im Paragraf 1, Absatz 1 des SGB II heißt es: ‚Die Grundsicherung für Arbeitsuchende soll es Leis­tungsberechtigten ermöglichen, ein Leben zu führen, das der Würde des Menschen entspricht.‘ Eine reine SGB III-Sicht, sich im Prinzip nur um die Menschen zu kümmern, die im ersten Arbeitsmarkt verwertbar sind, wird der gesellschaftlichen Realität und dem gesetzlichen Auftrag im SGB II nicht gerecht.“ Es gebe viele Beispiele, wie sich gesellschaftlich Abgehängte über eine sinnstiftende Arbeit zum Positiven verändert hätten. Besonders bei Projekten mit städtischen Betrieben, zum Beispiel mit dem kommunalen Entsorgungsunternehmen AWG (Abfallwirtschaftsgesellschaft Wuppertal mbH) sei die Übernahmequote hoch, sie liege bei bis zu 90 Prozent.

Generell ist in Wuppertal mit seinen knapp über 50.000 Leistungsberechtigten (Stand Mai 2017) die Aktivierungsquote sehr hoch. Sie liegt bei über 34 Prozent gegenüber 9,4 Prozent im Bundesdurchschnitt. Im Jahr 2016 wurden zum Beispiel 28.000 Teilnahmeplätze geschaffen, sowohl für arbeitsmarktnahe Leistungsberechtigte als auch für Menschen mit sogenannten arbeitsmarktfernen Profillagen. Aber auch in Wuppertal sind die AGHs, genau wie alle Maßnahmen, befristet und oft ohne Anschlussperspektive für die teilnehmenden Menschen. Das werfe sie in ihrer Entwicklung wieder zurück, sagt Thomas Lenz. Nicht selten seien sie, wenn eine AGH oder eine Maßnahme endet, vollkommen verzweifelt. Deshalb, und weil letztendlich Arbeit den höchsten Stellenwert für die gesellschaftliche Integration habe, plädiert er für einen dauerhaften zweiten Arbeitsmarkt.

Wichtiger Impuls für die Stadtentwicklung
 

Die Nordbahntrasse ist heute die autofreie Verkehrsader in Wuppertal und wird von Einheimischen wie auch Touristen intensiv genutzt. Gerade unter Radtouristen ist die Trasse weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und beliebt.

Der Wegebau startete im Frühsommer 2010, Ende des Jahres 2014 wurde die Trasse vollständig freigegeben. Der Ausbau der Nordbahntrasse war für ihre gesamte Umgebung ein wichtiger Impuls. Rechts und links der Trasse habe es förmlich eine Entwicklungsexplosion gegeben, sagt Thomas Lenz. „Es entstehen neue Wohnflächen, es werden Kindergärten gebaut, es gibt zwei große Neubaugebiete, es siedelt sich Gastronomie an, auch Sport- und Freizeiteinrichtungen entstehen – die Nordbahntrasse hat dem gesamten Gebiet einen unglaublichen Drive gegeben.“ Die überschaubare öffentliche Investition habe jetzt schon ein Mehrfaches an privaten Investitionen ausgelöst. Dazu komme die Wertsteigerung der Grundstücke im Umfeld. „Das ist ein Planungsmehrwert, der nicht nur beschäftigungswirksam, sondern für die Stadtentwicklung von überragender Bedeutung ist“, sagt Dr. Andreas Kletzander.

Agierte das Jobcenter an der Nordbahntrasse mit AGHs und Qualifizierungen, handelte es sich beim Projekt „UFER“ um eine Ausbildungsinitiative, die gemeinsam mit der GESA (gemeinnützige Gesellschaft für Entsorgung, Sanierung und Ausbildung mbH) umgesetzt wurde. Die Auszubildenden zum Maler und Lackierer erlernten ihr Handwerk bei der Sanierung von Geländern entlang der Wupper. Auch hier konnte die Stadt die Kosten für die notwendigen Arbeiten an den rostigen und verrottenden Geländern nicht aufbringen, auch hier wurde Qualifizierung bzw. Ausbildung mit einer Aufwertung des städtischen Lebensraumes verbunden.

Das Projekt in Kooperation mit dem Handwerk startete im März 2015 mit zwölf Teilnehmenden. Die außerbetriebliche Ausbildung, sozialpädagogische Betreuung und besondere Förderung zur Vorbereitung auf Prüfungen übernahm die GESA im Auftrag des Jobcenters. In den Sommermonaten arbeiteten die Teilnehmenden an den Geländern, im Winter absolvierten sie Praktika in Malerbetrieben.

„Das waren Menschen, die nicht ausbildungsnah waren, – Menschen mit psychischen Problemen, auch Menschen mit krimineller Vergangenheit –, wir waren aber der Meinung, dass man sie mit intensiver Begleitung ‚auf die Spur‘ bringen könnte“, sagt Dr. Andreas Kletzander. „Und das hat sich bestätigt: Acht von zwölf Teilnehmenden haben die Ausbildungsprüfung Anfang dieses Jahres bestanden.“ Und drei Kilometer Geländer an der Wupper erstrahlen mittlerweile in neuem Glanz.

Besonders die gute Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft hebt Thomas Lenz hervor. Die habe nicht nur die Farbe für einen der Baustellenabschnitte gespendet, die von der Kreishandwerkerschaft vermittelten Praktikumsbetriebe hätten für viele Teilnehmende nach der Ausbildung auch den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt dargestellt. „Das zeigt, dass es ein gemeinsames Verständnis gibt und dass das Handwerk erkannt hat, dass die Qualifizierung von Arbeitslosen ein Weg ist, dem Fachkräftemangel im Malerhandwerk, aber auch in der gesamten Baubranche zu begegnen“, sagt Thomas Lenz.

Eine Win-win-Situation für alle also: Für die Teilnehmenden eröffnet sich eine Zukunftsperspektive, die Kreishandwerkerschaft freut sich über neue Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt und die Stadt Wuppertal und ihre Bürger profitieren von einer fachmännisch durchgeführten Stadtverschönerung.

„Das SGB II bietet, was das Instrumentarium zur Integration in Arbeit angeht, viele Möglichkeiten“, verdeutlicht Dr. Andreas Kletzander. Neben kooperativer Ausbildung, beruflicher Weiterbildung, AGHs mit Qualifizierung und weiteren Instrumenten nennt er auch Drittmittelprojekte wie das ESF-finanzierte „BIWAQ“ (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier), die das Jobcenter ebenfalls einsetzt. Jedes Jobcenter verfüge über diese vielfältigen Möglichkeiten – es müsse sie aber auch einsetzen wollen. Damit es überhaupt in die Stadtentwicklung eingespannt werde, sei es außerdem wichtig, dass das Jobcenter Teil der Stadtgemeinschaft sei. „Und das ist in Wuppertal so. „Ich vermute mal, dass die Kommunalpolitik in vielen anderen Städten gar nicht auf die Idee käme, das Jobcenter einzubinden, wenn es um Stadtentwicklungsprojekte geht“, sagt Thomas Lenz.

Kostentransparenz und offene Kommunikation
 

Zur Akzeptanz eines Jobcenters in dieser Rolle gehöre auch Kostentransparenz und offene Kommunikation, betont Dr. Andreas Kletzander. So sei es im Fall der Stadionsanierung wichtig gewesen darzustellen, dass die Stadt ohne eine Sanierung eine Millionen Euro nur für die Sicherung der Tribüne zurückstellen hätte müssen. Als klar war, dass das Jobcenter die Arbeitskräfte für die Sanierung zur Verfügung stellen konnte, habe die Stadt für dieses Geld das notwendige Material kaufen können. „Ganz wichtig ist außerdem eine offene Kommunikation. Als das Stadion saniert wurde, konnten die Bürger sich die Baufort­schritte jeden Tag über eine Webcam im Internet ansehen. Nach unserem Selbstverständnis müssen wir kommunizieren und in allen Netzwerken präsent sein, sowohl in wirtschaftlichen als auch in sozialen.“ Auch in Arbeitsgruppen wie dem Bündnis gegen Armut und dem Bündnis für Arbeit oder Formaten wie dem „Business Breakfast“, einem Unternehmer-Stammtisch, sei man selbstverständlich vertreten. Und das Jobcenter wird auch selbst aktiv: Als es zur ersten Runde eines Brainstormings für das Stadtentwicklungskonzept 2030 nicht eingeladen war, meldete es sich beim Oberbürgermeis­ter und bekam dann einen Platz am runden Tisch. Ebenso bei der Planung für die Gartenschau 2025. „Wir haben verdeut­licht, dass, wenn man uns nicht berücksichtigt, ein entscheidender Player im Bereich urban gardening und Grünflächenpflege in der Vorbereitung fehlt“, so Dr. Andreas Kletzander. „Und damit eine Institution, die gute Ideen einbringen kann, zum Beispiel die Vision, dass sich Menschen aus dieser Stadt aktiv an einer Bundesgartenschau beteiligen könnten, nämlich Bürger, die bei uns im System geführt werden.“

Es gilt also, trotz des hohen Bekanntheitsgrades der Möglichkeiten des Jobcenters weiterhin mit den Ämtern und Ressorts der Stadt zu reden, so wie das Jobcenter das seit dem Auftakt des Engagements mit der Sanierung des Stadions praktiziert. „Wir müssen zum Beispiel erklären, dass wir bei AGHs keine Ausschreibungen machen müssen, weil wir uns im Bereich des Zuwendungsrechts befinden, nicht im Vergaberecht“, erklärt Dr. Andreas Kletzander. Diese Diskussionen, zum Beispiel mit dem Rechtsamt der Stadt, seien zwar ermüdend, aber nach wir vor notwendig. Auch seien die Verwaltungsstrukturen oft sehr starr. Es koste zum Beispiel schon viel Überzeugungskraft, ein Tiefbauamt zu überzeugen, dass Arbeitslose durchaus Arbeiten übernehmen können, die von jeher im Zuständigkeitsbereich eben dieses Amtes lagen. „Dazu braucht es auch Kampfeswillen und Selbstbewusstsein“, sagt Thomas Lenz. „Wir müssen rausgehen in die Stadtgemeinschaft, uns einmischen und vermitteln: Wir haben selbst innovative Köpfe, haben exzellente Träger und gute Ideen. Und wir sind der Garant für den sozialen Frieden in der Stadt.“

Das bleibt nicht ohne Wirkung. Viele Projekte nimmt die Stadt dankend an. So werden zum Beispiel öffentliche Gebäude mit der Hilfe von Arbeitslosen renoviert, die ansonsten über Jahre unrenoviert bleiben würden. Auch die soziale Infrastruktur in der Stadt wird mithilfe des Jobcenters ge­stärkt. Bei der Wuppertaler Tafel sind zum Beispiel 40 Plätze für Arbeitsgelegenheiten eingerichtet worden. Dazu kommen zahlreiche andere Projekte wie „sauberer Schulweg“ und „saubere Ufer“. Eines der aktuellsten Projekte ist die Renovierung eines Flüchtlingswohnheims durch Langzeitarbeitslose gemeinsam mit Geflüchteten.

„In fast allen Ämtern und Abteilungen der Stadt hat sich das Jobcenter einen Namen gemacht als Institution, die die Stadt nach vorn bringt und sehr professionell arbeitet, zum Beispiel, was die Antragstellung angeht“, sagt Irene zur Mühlen. Zum Beispiel seien sehr gute und vertrauensvolle Kooperationen mit dem Jugendamt entstanden. Dazu gehöre aber auch, dass das Jobcenter in Kooperationsverträgen als gleichberechtigte Institution genannt werde. Nur so könne man auch Einfluss auf die Projekte nehmen.

Spätestens seit dem Nordbahntrassenprojekt weiß die Stadt Wuppertal, was sie an den arbeitslosen Menschen, die in den Stadt­entwicklungsprojekten eingesetzt werden, hat. Auf Anregung des Jobcenters hat sie ihnen ein eindrucksvolles Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung gesetzt: Besucher der Wuppertaler Nordbahntrasse können heute auf zahlreichen Informationstafeln entlang der Trasse nicht nur die Geschichte des Wandels von der ehemaligen Rheinischen Bahnstrecke zum Rad- und Wanderweg nachvollziehen, seit 2017 informieren fünf Schilder die Besucher auch darüber, dass es langzeitarbeitslose Menschen waren, die einen Hauptanteil an der Realisierung eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der Stadt geleistet und einen bleibenden Wert für die Allgemeinheit geschaffen haben.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Helmut Kleinen
Tel.: 02041 767-208
h.kleinen@gib.nrw.de

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767-157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Kontakte

Vorstandsvorsitzender Jobcenter Wuppertal AöR
Thomas Lenz
thomas.lenz@jobcenter.wuppertal.de

Vorstand für Arbeitsmarkt und Kommunikation
Dr. Andreas Kletzander
andreas.kletzander@jobcenter.wupertal.de

Referentin des Vorstandes
Irene zur Mühlen
irene.zurmuehlen@jobcenter.wuppertal.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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