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(Heft 1/2018)
„EU-Thematisches Netzwerk mit dem Fokus Migranten/-innen” auf Studienreise in NRW. Zu Besuch bei beispielhaften Projekten in Essen, Dortmund und Marl

Firmen öffnen Flüchtlingen das Tor zur Arbeitswelt

Sie heißen Nour Taleb und Arshad Imamali. Zwei Beispiele für Flüchtlinge, die in Nordrhein-Westfalen beruflich Fuß fassen. Wie sie den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt finden und wie sich die Arbeitsmarktintegration geflüchteter Menschen generell in NRW gestaltet, erfuhr eine Delegation des transnationalen EU-Netzwerks Migration im Rahmen eines Studienbesuchs, der sie zu ausgewählten Arbeitgebern und Organisationen führte.

In transnationalen Netzwerken arbeiten Mitgliedstaaten der Europäischen Union thematisch zusammen. Sie dienen der Information und dem Austausch über spezielle Politikfelder. Das EU-Thematische Netzwerk mit dem Fokus Migranten ist innerhalb des Europäischen Sozialfonds (ESF) angesiedelt und arbeitet mit der Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Inklusion (DG Employment, Social Affairs and Inclusion) zusammen. Es ist eines von zehn „Thematischen Netzwerken“ in dieser Förderperiode, die sich unterschiedlichen Schwerpunktthemen widmen, wie beispielsweise Arbeit und Beschäftigung, Gender, Inklusion etc.

Der ESF ist das bedeutendste Instrument innerhalb der EU zur Förderung von Beschäftigung und sozialer Integration. In der Förderperiode 2014 – 2020 inves­tiert der ESF über 80 Milliarden Euro zur Förderung des Humankapitals in den EU-Mitgliedstaaten, hinzu kommen mindestens 3,2 Milliarden Euro für die Jugendbeschäftigungsinitiative.

„Als Netzwerk entwickeln wir in zweijährigen Arbeitsprogrammen Ideen für das künftige Design des Europäischen Sozialfonds in Migrationsfragen“, erklärt die Britin Dr. Rachel Marangozov, thematische Expertin des Netzwerks. Zur 15-köpfigen Studiengruppe des EU-Netzwerks zählten Mitglieder staatlicher Ministerien für Arbeit und Soziales, nationaler ESF-Verwaltungsbehörden, lokaler und nationaler Nichtregierungsorganisationen aus Belgien, Finnland, Frankreich, Italien, Schweden, Slowenien, Tschechien und Deutschland sowie drei Mitarbeiter der EU-Kommission. Gemeinsam gewannen sie bei ihrem Besuch in NRW einen Einblick in die Rolle der Wirtschaft bei der Integration von Migranten, insbesondere Flüchtlingen, in den Arbeitsmarkt.

G.I.B. pflegt die „Landkarte der guten Ideen“
 

Für die Organisation des Studienbesuchs war die landeseigene Beratungsgesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) verantwortlich. Fachlich begleitet sie in Nordrhein-Westfalen von der EU geförderte arbeitsmarktpolitische Programme und Projekte – in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW. Zudem evaluiert die G.I.B. die Wirksamkeit der Maßnahmen. Gemeinsam mit dem Landesarbeitsministerium entstand 2016 die Aktion „NRW. Das machen WIR!“ Die Landesaktion würdigt und fördert die vielfältigen Bemühungen in Wirtschaft und Gesellschaft, Flüchtlingen durch den Zugang zu Ausbildung und Beruf ein eigenständiges Leben zu ermöglichen.

Als nachahmenswert bezeichnet in diesem Zusammenhang Marianne Doyen, Policy Officer der EU-Kommission im Bereich der Kohäsionspolitik, die Aktion und die in diesem Rahmen entstandene „Landkarte der guten Ideen“. Sie präsentiert auf der Plattform www.das-machen-wir.nrw anschaulich gute Beispiele der Integration von Flüchtlingen in NRW – in Text, Bild und kurzen Videospots. „Möglichst viele Regionen in Europa sollten in ähnlicher Weise sichtbar machen, wo Unternehmen und Initiativen sich besonders für Flüchtlinge einsetzen“, sagt Marianne Doyen. Im Rahmen des Studienbesuchs stellte das Universitätsklinikum Essen ein Pilotprojekt vor, um geflüchtete Menschen an eine Ausbildung in der Krankenpflege heranzuführen. In Dortmund besuchten die Delegierten ein Mentorinnenprojekt für qualifizierte geflüchtete Frauen. Die Delegation lernte, wie geflüchtete Menschen durch eine Kooperation zwischen dem EL-Net Plus Projekt (IvAF Netzwerk) und dem internationalen Konzern Evonik beim Einstieg in die Ausbildung für Berufe in der Chemiebranche unterstützt werden können.

Essen: Uniklinik bildet Krankenpfleger aus
 

Das Uniklinikum Essen zählt mit über 6.000 Beschäftigten zu den großen Arbeitgebern der Ruhrmetropole. Menschen mit Migrationshintergrund gehören zum Alltag in der Klinik mit seinen vier Tochterhäusern – Mitarbeiter wie Patienten. So empfindet das Haus eine besondere soziale Verantwortung, als 2015 immer mehr Flüchtlinge Essen erreichen. „Unser Ziel ist es, Menschen aus den Kriegsgebieten die Chance auf ein neues Leben zu eröffnen“, sagt Ingo Neupert, stellvertretender Leiter des Sozialdienstes am Uniklinikum.

Im Herbst 2015 stieg das Haus in die Planung für ein Projekt ein, das Flüchtlingen eine Jobperspektive im Pflegebereich bieten soll. Hier ist der Fachkräftemangel besonders virulent. Bei ambulanten Diensten, in Pflegeeinrichtungen oder den Hospitälern wächst der Personalbedarf. 2016 verzeichnete der Pflegesektor in Nordrhein-Westfalen 5.300 offene Stellen. Die Ausbildung kann den Bedarf weiterhin nicht vollständig decken, die Lücke wächst bis heute um 1.000 Stellen. Im Regierungsbezirk Düsseldorf, zu dem Essen zählt, werden allein 1.400 Fachkräfte gesucht.

Die Uniklinik suchte die Unterstützung von Netzwerkpartnern, „weil unsere eigentliche Aufgabe das Heilen und nicht die Integration von Arbeitskräften ist“, sagt Ingo Neupert. Mit der „Neuen Arbeit“ der Diakonie Essen, die über große Erfahrung mit Integrationskursen für Migranten verfügt, entwickelte die Uniklinik „ein Projekt mit Pilotcharakter“, so Dr. Andrea Dahme-Zachos, Abteilungsleiterin Bildung bei der „Neuen Arbeit“. Das kommunale Jobcenter Essen, ein wichtiger Anlaufpunkt für Flüchtlinge mit Bleiberechtsperspektive und anerkannte Asylbewerber, half bei der Auswahl der Projektteilnehmer.

Gesundheitssektor für viele völliges Neuland
 

Der Einladung zu einem Schnuppertag folgten 50 Interessierte. 29 von ihnen begannen im November 2016 das auf 18 Monate angelegte Projekt, für die meisten wird es die erste Erfahrung in einem Gesundheitsberuf. „Möglichst vielen von ihnen“, sagt Ingo Neupert, „wollen wir eine hohe Qualifikation ermöglichen, damit sie anschließend die dreijährige Pflegeausbildung an unserer Pflegeschule beginnen können.“ Die Gruppe war alles andere als homogen. Das Alter der Teilnehmer lag zwischen 19 und 55 Jahren, Herkunftsländer sind Syrien, Afghanistan, Irak sowie afrikanische Staaten. Die größte Gruppe verfügt über einen mittleren Schulabschluss oder Abitur. Fünf der Teilnehmenden sind weiblich. Das erscheint wenig in einem Projekt, das auf den eher weiblich geprägten Pflegebereich vorbereiten soll. Zur Erklärung lenkt Bodo Kalveram vom Jobcenter Essen, das 2017 rund 800 Flüchtlinge in Arbeit brachte, den Blick auf die Statistik: „85 Prozent der Flüchtlinge sind männlich und jünger als 35 Jahre.“

Für alle ist der Spracherwerb ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die Pflegeberufe, ohne B2-Zertifikat bleibt eine Ausbildung verwehrt. Die Sprachbegabten legten in der zweiten Projektphase im Frühsommer 2017 bereits einen Pflegehelferkurs beim DRK ab. Er ermöglichte ihnen, bis zum Ende des Projekts im März 2018 Hilfstätigkeiten auf den Stationen zu übernehmen. Der Großteil der Teilnehmer aber benö­tigte weiter intensive Sprachkurse, sodass ihre praktischen Einheiten im Uniklinikum entfielen.

Auf unterschiedliche Lernerfolge war das Uniklinikum auch personell vorbereitet. Zwei Bezugspersonen standen den Teilnehmern zur Seite. Ein inzwischen pensionierter Leiter der hauseigenen Pflegeschule half in fachlichen Fragen. Für die intensive sozialpädagogische Betreuung entsendete die „Neue Arbeit“ der Diakonie Essen ihren Mitarbeiter Sebastian Kunst. „Natürlich haben Flüchtlinge unterwegs auch Zweifel, ob ein Pflegeberuf die richtige Entscheidung ist“, sagt Sebastian Kunst, der in solchen Fällen beratend tätig wurde. Zudem half er den Flüchtlingen über eine Fülle von bürokratischen Hürden: Zeugnisse und Ausbildungen müssen dokumentiert und anerkannt, Behördengänge erledigt werden. Hinzu kamen Alltagsprobleme wie Wohnungssuche oder Kindergartenplätze für den Nachwuchs. Nicht zuletzt gehörten gemeinsame Aktivitäten an einem Nachmittag pro Woche zu den Angeboten, um die deutsche Kultur und sich als Gruppe besser kennenzulernen.

Wichtiger Beitrag für den Integrationsprozess
 

Nach den 18 Projektmonaten beginnen im April 2018 aus dem Teilnehmerkreis immerhin fünf Männer am Uniklinikum ihre Pflegeausbildung, zwei weitere Männer müssen zunächst die Anerkennung ihrer Schulzeugnisse abwarten und folgen im Herbst. Eine Frau und ein Mann lassen sich an einem anderen Krankenhaus zu Krankenpflegehelfern ausbilden. Dazu können drei Männer direkt eine Stelle im Haus antreten, sofern ihre vorhandene Qualifizierung anerkannt wird. Über eine Teilanerkennung als Krankenpfleger verfügen zwei Männer; einer von ihnen durchläuft einen Anpassungslehrgang für die berufliche Anerkennung, beim anderen ist die Finanzierung noch offen. Von den 29 Gestarteten beendeten 13 das Projekt nicht. Drei Männer aus diesem Kreis begannen sofort eine Hilfsarbeit, um die Familien in den Herkunftsländern finanziell zu unterstützen. Für drei Teilnehmer, davon zwei Frauen, sind andere Berufe wie Erzieher eine Option. Jeweils zwei Frauen und Männer erreichten das erforderliche B2-Sprachniveau nicht. Zwei Teilnehmerinnen bot das Klinikum Helferstellen an.

Das Uniklinikum sei nicht in dem Glauben an das Projekt gegangen, so Ingo Neupert vom Sozialdienst, „dass wir damit den Fachkräftemangel beheben können.“ Das eigentliche Ziel aber, als großer Arbeitgeber mit Partnern den Integrationsprozess in Essen voranzubringen, sei erreicht worden. Ob ein ähnliches Projekt auch für Flüchtlinge denkbar sei, die über Vorerfahrung im Gesundheitswesen verfügen, interessierte Griet Jacques aus der EU-Studiengruppe. Sie hat in ihrer Eigenschaft als Mitglied der staatlichen Behörde für Integration und Einbürgerung in Flandern (Belgien) Erfahrungen mit einem solchen Projekt gemacht. Das könne er sich durchaus vorstellen, sagte Ingo Neupert. Allerdings sei der Weg zur Anerkennung von ausländischen Berufsausbildungen gerade im Gesundheitsbereich lang und steinig.

Dortmund: „PerMenti“ hilft höher qualifizierten Frauen
 

Solche Hindernisse beiseite zu räumen ist ein Ansatzpunkt von „PerMenti“ (Perspektive, Mentoring, Integration), einer gemeinsamen Initiative von Grone Bildungszentren, Dortmunder Forum Frau und Wirtschaft, Kompetenzzentrum Frau und Beruf Westfälisches Ruhrgebiet sowie dem Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund. Das Projekt des betrieblichen Mentorings will speziell jenen geflüchteten Frauen das Tor zum Arbeitsmarkt öffnen, die bereits über einen guten Schulabschluss und Erfahrungen in höher qualifizierten Berufen verfügen oder Ausbildung bzw. Studium im Herkunftsland begonnen hatten. Schon während der Deutsch-Sprachkurse soll den Frauen daher über Hospitationen oder Praktika eine Brücke zu möglichen Arbeitgebern gebaut werden.

Die Initiatoren des Dortmunder Projekts gingen von der Annahme aus, dass unter den Geflüchteten ein nicht zu unterschätzender Anteil gut ausgebildeter Frauen sein müsse. Schließlich falle die Hälfte aller Universitätsabschlüsse im Bürgerkriegsland Syrien auf Frauen, sagt Dr. Monika Goldmann vom Forum Frau und Wirtschaft, „unsere Annahme hat sich schnell bestätigt“. Allerdings, ergänzt „PerMenti“-Projektleiterin Barbara Wenzel vom bundesweit tätigen Bildungsträger Grone, sei es schwierig, die arbeitswilligen Frauen überhaupt zu identifizieren. Über berufliche Qualifikationen der Flüchtlinge führten Arbeitsagentur oder Ämter nicht Buch, viele Frauen würden sich zudem nicht als arbeitssuchend zu erkennen geben.

Wie aber finden Projekt und Teilnehmerinnen zueinander, ohne voneinander zu wissen? Grone wählt zum Beispiel die direkte Ansprache über die zahlreichen Integrationskurse für Flüchtlinge, die zum Portfolio des Trägers gehören. „Viel lief auch über Mund-zu-Mund-Propaganda in den Flüchtlingseinrichtungen“, sagt Barbara Wenzel. So meldeten sich binnen vier Wochen 17 Frauen selbsttätig, „das hat uns sehr überrascht“. Mitarbeiter des Integration Points von Agentur für Arbeit und Jobcenter, der zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge in Dortmund, reichen die Information bis heute ebenso weiter wie geflüchtete Frauen untereinander.

Viele Ehrenamtler betreuen gut 60 Geflüchtete
 

So erreichten die Kooperationspartner des auf zwei Jahre angelegten Projektes seit September 2016 mit ihren Angeboten mehr als 60 Frauen, zum Großteil im Alter von 20 bis 35 Jahren. Zugeordnet wurden sie nach Erstgesprächen über die berufliche Vergangenheit in vier Gruppen: 1. Wirtschaft (Informatikerinnen, Ingenieurinnen, Betriebswirtinnen, Buchhalterinnen und Journalistinnen, die in Unternehmen oder im öffentlichen Dienst tätig sein können); 2. Lehrerinnen, die wieder in ihrem Beruf arbeiten möchten; 3. medizinische Berufe (Ärztinnen, Apothekerinnen und Therapeutinnen); 4. Azubis, Studentinnen (mit unterbrochenem Studium bzw. nicht beendeter Ausbildung, die sich neu orientieren).

„PerMenti“ dient bei der Neuorientierung der Frauen als eine Art Lotse. Ehe die Frauen sich bei den Arbeitgebern vorstellen, vermittelt das Projekt zunächst hilfreiche Kenntnisse etwa beim Verfassen von Lebensläufen, der Präsentation im Bewerbungsgespräch sowie Fertigkeiten bei der PC-Nutzung. Sechs vierstündige Workshops von ehrenamtlichen Trainern bereiten die Frauen zudem auf den Berufsalltag in deutschen Unternehmen vor. Breiten Raum nimmt auch die Unterstützung bei der Anerkennung von Zeugnissen oder der Suche nach geeigneter Kinderbetreuung ein. Dank intensiv gepflegter Kontakte zu Unternehmen und öffentlichen Arbeitgebern ist das Projekt schließlich in der Lage, den Teilnehmerinnen in ausreichender Anzahl Hospitationen und Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen.

Neue Karriere als Bauleiterin beim Tiefbauamt
 

Aufseiten der Unternehmen wirkt „PerMenti“ darauf hin, den geflüchteten Frauen während der drei- bis sechsmonatigen Praktika Mentorinnen an die Seite zu stellen. Diese für interkulturelle Anforderungen zu qualifizieren sei allerdings schwierig, sagt Dr. Monika Goldmann. „Ihnen fehlt es schlicht an der Zeit.“ Umso wichtiger sei ihr Erfahrungsaustausch bei regelmäßigen Mentorinnen-Treffen.

Erkenntnisgewinne sind auf allen Seiten zu erkennen. Für die Mentees, die geflüchteten Frauen, öffnet sich die Arbeitswelt ihrer neuen Umgebung. Mit Erfolg. Als beispielhaft loben Dr. Monika Goldmann und Barbara Wenzel den Weg von Nour Taleb durch das Projekt. Die 31 Jahre alte Ingenieurin aus Syrien kam 2015 nach Deutschland. „PerMenti“ vermittelte ihr zunächst Praktika bei der Emscher Genossenschaft und dem Pumpensystem-Hersteller WILO. Seit August 2017 arbeitet sie in Vollzeit als Bauleiterin beim Tiefbauamt der Stadt Dortmund. Viele weitere Frauen haben inzwischen eine reguläre Stelle gefunden. Dies zeige, so Barbara Wenzel, dass geflüchtete Frauen nicht allein als Familienmütter oder Opfer angesehen werden dürfen. „Viele sind selbstbewusste Berufstätige.“ Viele benötigen aber auch eine längerfristige Begleitung, um erfolgreich in den Beruf einzusteigen. Dafür sorgt „PerMenti“ mit regelmäßigen Gruppensitzungen und einem individuellen Case-Management für die beteiligten Frauen. Die große Hoffnung der „PerMenti“-Träger: Je mehr Geschäftsleitungen ihre Unternehmen für diese Klientel öffneten, umso eher funktioniere die Integration zugewanderter qualifizierter Frauen und weiblicher Führungskräfte in den hiesigen Arbeitsmarkt.

Marl: Evonik öffnet „Start in den Beruf“ für Geflüchtete
 

Auch Somayeh Jafari setzt darauf, ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit bestreiten zu können. Die junge Frau hat nach ihrer Flucht aus dem Iran die erste Hürde genommen und ist im dualen Ausbildungssystem Deutschlands angekommen. Bei Evonik im Chemiepark Marl durchläuft sie eine dreieinhalbjährige Ausbildung zur Chemiekantin, was kein typischer Frauenberuf in ihrer alten Heimat ist. „Ich empfinde meine Ausbildung als große Chance, den gleichen Beruf wie Männer ausüben zu können.“ Die Chance erhält sie in Marl überhaupt nur, weil Evonik im Jahr 2015 die Berufsvorbereitungsmaßnahme „Start in den Beruf“ auch für Flüchtlinge öffnete. Seit der Einführung 2001 hatte das Angebot – entwickelt von Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) und Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) – ausschließlich auf hiesige Schulabgänger abgezielt, die ohne Aussicht auf eine Lehrstelle waren und zunächst mit zusätzlichem Training zur Ausbildungsreife geführt werden müssen.

„Evonik handelt aus der sozialen Verantwortung eines großen Arbeitgebers heraus“, sagt Volker Kemper, Ausbildungsleiter bei Evonik Nord für die Standorte Marl, Krefeld und Essen. Zur Unternehmenskultur gehöre die Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Nationalitäten, die sich auch an Zahlen ablesen lässt. Für das Spezialchemie-Unternehmen arbeiten Menschen aus 105 verschiedenen Staaten, von den über 30.000 Beschäftigten hat etwa jeder dritte keinen deutschen Pass. In Marl sind von 10.000 Mitarbeitern etwa 800 Auszubildende, 561 von ihnen bei Evonik. Der Rest lernt bei anderen der insgesamt fast 100 im Chemiepark ansässigen Unternehmen. Kooperationsvereinbarungen dieser Firmen sorgen für einen vergleichbar hohen Standard der Ausbildung, den bei Evonik die internationale Norm DIN ISO 29990 dokumentiert.

Somayeh Jafari: Azubi nach acht Monaten Training
 

Bundesweit öffnet Evonik „Start in den Beruf“ erstmals 2015/16 für 30 Flüchtlinge. Im November 2016 erhält das Projekt seinen heutigen Zuschnitt: Nun werden pro Jahr 20 Flüchtlinge in das Programm aufgenommen, zur Hälfte in Marl und an den südlichen Standorten Hanau und Darmstadt. Das Unternehmen, sagt Volker Kemper, habe gleichzeitig die Hilfe für deutsche Jugendliche ausbauen wollen. Auch hier werden 20 weitere „Start in den Beruf“-Plätze eingerichtet, über die 50 obligatorischen hinaus. Die 40 zusätzlichen Plätze werden bis 2018/19 durch die Evonik Stiftung finanziert. Dies gilt auch für 20 Arbeitsplätze für Einheimische mit abgeschlossener Ausbildung an einem neuen Gründerzentrum in der ruandischen Hauptstadt Kigali. Beiträge wie dieser, so Kemper, könnten Bedingungen schaffen, die es Menschen in Afrika erlauben, ihre Zukunft in den Heimatländern zu sehen.

Für Flüchtlinge wie Schulabgänger besteht „Start in den Beruf“ aus einem achtmonatigen Training, das mit drei Tagen Praktikum und zwei Tagen Schule das Prinzip der dualen Ausbildung spiegelt und zwei Tests beinhaltet. Ausprobieren können die Teilnehmer sich in den Berufsfeldern Chemielaborant, Elektroniker, Anlagenmechaniker und Chemikant. Erfüllen sie die Erwartungen, bietet Evonik den meisten Teilnehmern im Anschluss eine Lehrstelle an oder vermittelt die Absolventen an geeignete Unternehmen. „Durch diese Chance sind die Teilnehmer in der Regel sehr motiviert“, sagt Ausbildungsleiter Volker Kemper, „die Übergangsquote in Ausbildung oder Beruf lag 2017 bei über 80 Prozent.“ Somayeh Jafari machte in Marl durch überdurchschnittliche Leistungen auf sich aufmerksam und wurde mit einem Ausbildungsplatz belohnt.

Enge Kooperation im Netzwerk ELNet plus
 

Flüchtlinge wie sie finden nicht zufällig zu Evonik. Das Unternehmen hat die Auswahl der „Start in den Beruf“-Teilnehmenden in die Hände des Emscher-Lippe Netzwerks zur Integration von Asylbewerbern und -bewerberinnen sowie Flüchtlingen (ELNet plus) gelegt, das vom Europäischen Sozialfonds und dem BMAS gefördert und vom Projektträger RE/init geleitet wird. „Bei der Vielzahl der Anfragen würde uns ein Bewerbungsverfahren überfordern“, sagt Volker Kemper. Die Partner des Netzwerks setzen sich in vielen Projekten und durch Lobbyarbeit dafür ein, den Zugang von Flüchtlingen zu schulischer Bildung, Berufsausbildung und Arbeit zu erleichtern.

Dr. Marion Lillig, Migrationssoziologin bei der Caritas Haltern, ein Partner in diesem Netzwerk, verfügt über zehn Jahre Berufserfahrung auf diesem Gebiet und begleitet aktuell etwa 900 Flüchtlinge, ihre Betreuung ist umfassend und schließt auch rechtliche Beratung ein. Partnerinnen wie Dr. Marion Lillig „können einschätzen“, so Volker Kemper, „wer die Voraussetzungen mitbringt, eine duale Ausbildung erfolgreich zu bestehen.“ Aus vielen Gesprächen kennt sie die Stärken und Schwächen, Fähigkeiten und Wünsche junger Flüchtlinge. „Die Kooperation mit dem Weiterbildungskolleg Gelsenkirchen war von unschätzbarem Wert“, sagt Dr. Marion Lillig. Vor vier Jahren gewann ELNet-plus-Projektkoordinator Gerd Specht (RE/init) das Kolleg als Partner. Flüchtlinge können hier – unabhängig von Aufenthaltsstatus und Herkunft – mittlere Schulabschlüsse erwerben, die meist Bedingung für ein Ausbildungsverhältnis sind. „Häufig sind die jungen Flüchtlinge bei der Einreise älter als 18 Jahre“, erklärt Dr. Marion Lillig, „damit endet hier die Schulpflicht, und ein regulärer Schulbesuch ist nicht mehr möglich. Bei uns werden dagegen Menschen bis etwa 25 Jahre aufgenommen.“ Aus den Absolventen wählt sie in der Regel die Kandidaten für das „Start in den Beruf“-Projekt von Evonik aus.

Soziologin im Einsatz für mehr Gleichbehandlung
 

Mit Menschen aus Marokka, Nepal, Afghanistan, Mali oder der Elfenbeinküste sind im ELNet-plus-Projekt aktuell auch Staaten vertreten, deren Anerkennungsquote in Asylverfahren bei unter 50 Prozent liegt. Damit schwinden ihre Chancen, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. Umso höher wertschätzt Dr. Marion Lillig die Initiative von Evonik, Flüchtlingen ungeachtet ihrer Herkunft im Anschluss an „Start in den Beruf“ nicht nur einen Ausbildungsplatz, sondern im Idealfall nach erfolgreicher Lehre auch unbefristete Arbeitsverträge anzubieten. „Denn das neue Integrationsgesetz fragt nach fünf Jahren den Status abgelehnter Asylbewerber ab“, so Dr. Marion Lillig über das 3+2-Modell. Das besagt: Geflüchtete, die sich in einer dreijährigen Ausbildung befinden und im Anschluss zwei Jahre arbeiten können, müssen Deutschland nicht verlassen. Denn danach gilt: Wer seinen Lebensunterhalt ohne Transferleistungen des Staates bestreiten kann, erhält ein Aufenthaltsrecht.

Auf genau diese Perspektive hofft Arshad Imamali. Gemeinsam mit Somayeh Jafari befindet er sich bei Evonik inzwischen im zweiten Ausbildungsjahr zum Chemielaboranten, ihre Leistungen sind ähnlich gut. Was sie unterscheidet, ist die Herkunft. Die Iranerin Somayeh Jafari erhielt Asyl, Arshad Imamali kann als Flüchtling aus Aserbaidschan nicht davon ausgehen. Für Dr. Marion Lillig ist dies eine immer wiederkehrende Herausforderung. Denn für Menschen wie Arshad Imamali gibt es keinen Zugang zu Förderunterricht, für anerkannte Flüchtlinge wie Somayeh Jafari schon. „Beide befinden sich doch in der gleichen Ausbildungssituation mit guter Bleibeperspektive. Warum also diese Ungleichbehandlung? Unser Netzwerk versucht, die Nachhilfe durch den großen Einsatz Freiwilliger auszugleichen.“

EU-Studiengruppe beeindruckt vom Engagement in NRW
 

Die Studiengruppe zeigte sich besonders vom Engagement beeindruckt, mit dem die verschiedenen Akteure die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt betreiben. „Bei uns fehlt noch ein wenig der partnerschaftliche Ansatz, dass Unternehmen, Verbände und Initiativen gemeinsam Flüchtlingen zu Ausbildung und Arbeitsplatz verhelfen“, sagt etwa Sinem Yilmaz, Europäisches Netzwerk von Migrantinnen aus Belgien. Cassandra Koch Dandolo vom italienischen Minis­terium für Arbeit und Soziales nimmt als Anregung aus Nordrhein-Westfalen mit, den Flüchtlingen eine sozialpädagogische Betreuung zu ermöglichen. „Wir wissen einfach nicht, warum viele von ihnen ein Praktikum abbrechen. Diese Daten erfasst Italien nicht.“

Dr. Rachel Marangozv, thematische Expertin des Netzwerks, hält es für besonders wichtig, jene Arbeitgeber bestmöglich zu unterstützen, die Flüchtlinge in ihr Unternehmen integrieren wollen. „Wer bereit ist, mit Flüchtlingen zu arbeiten, muss in engem Kontakt und sehr sorgfältig begleitet werden.“ Der Besuch in Nordrhein-Westfalen habe ihr einerseits gezeigt, wie vielfältig die Beweggründe für eine Beschäftigung von Migranten sein können. Andererseits seien auch alle Schwierigkeiten bei der Eingliederung offen benannt worden, seien es interkulturelle, behördliche oder auch nur alltägliche Probleme. „Ganz gleich ob die Motivation der Fachkräftemangel oder die soziale Verantwortung ist, müssen die Arbeitnehmer gut vorbereitete und verlässliche Menschen in den Betrieb bekommen.“ Ihr Netzwerk habe in Nordrhein-Westfalen gute Beispiele für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt kennen gelernt. Dokumentieren werde sie diese in ihrem Abschlussbericht über den Studienbesuch. Um Einfluss auf die Programme des ESF zu nehmen, müssen letztlich Politiker und Regierungen von der Wirksamkeit der Projekte überzeugt werden. Das EU-Thematische Netzwerk mit dem Fokus Migrantinnen und Migranten wird nicht müde, diese Anstrengungen zu unternehmen.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Carsten Duif
Tel.: 02041 767-178
c.duif@gib.nrw.de

Kontakt

Ministerium für Kinder, Familie,
Flüchtlinge und Integration des
Landes Nordrhein-Westfalen
Dr. Hildegard Logan
Tel: 0211 837-2752
hildegard.logan@mkffi.nrw.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0251 2809666
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