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(Heft 1/2018)
Supermärkte suchen Fachkräfte – Dortmunder Initiative schafft vielfältige Anreize

Die Arbeit an Wurst- und Käsetheken schmackhaft machen

Ist der schönste Platz tatsächlich an der Theke? Träfe dies auch für die Arbeitswelt zu, wäre der Lebensmittel-Einzelhandel um eine Sorge ärmer. Denn er kämpft mit Personalengpässen an den Fleisch-, Wurst-, Fisch- und Käsebedientheken. Ein Dortmunder Projekt zur Fachkräfte-Deckung reagiert darauf mit einem neuen Ansatz.

Sie reichen dem Nachwuchs ein Stückchen Fleischwurst, raten den Erwachsenen zu Schulter oder Nacken für den Sonntagsbraten, wissen die Geschmacksnuancen österreichischen Almkäses vom Allgäuer zu unterscheiden und empfehlen zur Mahlzeit passende Dips und Weinsorten. Die Servicekräfte an den Bedientheken erledigen die wohl vielfältigsten Aufgaben, die in Supermärkten vorzufinden sind. „Mit diesem Angebot im direkten Kundenkontakt besitzen Vollsortimenter ein klares Alleinstellungsmerkmal gegenüber Discountern“, sagt Markus Kaluza, Projektleiter und Pressereferent des Handelsverbands NRW Westfalen-Münsterland. Nahezu allein stehen die Supermärkte aber auch der Herausforderung gegenüber, ausreichend Menschen zu finden, die sich mit Käse, Wurst, Fisch und Fleisch auskennen und all dies im Markt auf Kundenwunsch portionieren und verpacken.

„Seit 2012 melden die Filialleiter und Geschäftsführer unserer Mitgliedsbetriebe vermehrt unbesetzte Stellen an den Bedientheken“, so Markus Kaluza, dessen Verband die Interessen von 1.300 Einzelhändlern von Dortmund bis Borken vertritt. „Gleichzeitig erkennen wir das Phänomen, dass Supermärkte kaum Probleme bei der Stellenbesetzung von Tätigkeiten mit geringerer Qualifikation haben“, sagt Markus Kaluza. „Für die Annahme und Lagerung der Waren oder das Befüllen der Regale bewerben sich mehr.“ Er nennt verschiedene Gründe: Gerade der intensive Kundenkontakt sei nicht jedermanns Sache; die anspruchsvolle Arbeit mit frischen Lebensmitteln werde oft aus grundsätzlichen, zum Teil auch aus religiösen Gründen abgelehnt; hinzu kämen besondere Hygienevorschriften und ein offener Umgang im Team.

Pilotprojekt will bis zu 75 Menschen qualifizieren
 

Weil weder für Ausbildung noch Anstellung genügend Bewerberinnen und Bewerber zu finden seien, habe die Situation sich inzwischen laut Markus Kaluza zu einem strukturellen Problem ausgewachsen. Händler müssten einiges Geschick bei der täglichen Einsatzplanung beweisen, um durchgängig Personal an den Bedientheken aufzubieten. Interne Personalrochaden seien nahezu ausgereizt. „Es wäre ein Horrorszenario, wenn auf Fleischtheken irgendwann ein Schild mit der Aufschrift stünde: ,Im Moment unbesetzt, bin beim Leergut'“, so Markus Kaluza. Er ist aber überzeugt, dass es so weit nicht kommen werde. Dennoch strengt der Handelsverband 2016 ein Pilotprojekt im Rahmen der Fachkräfte-Initiative des Landesarbeitsministeriums Nordrhein-Westfalen an, kofinanziert durch den Europäischen Sozialfonds (ESF). Es verfolgt anfangs das Ziel, in drei Qualifizierungsrunden bis Mitte 2018 insgesamt 75 Menschen für Bedientheken in Dortmund sowie dem Gebiet Hamm/Kreis Unna zu gewinnen.

Als Projektpartnerin gewinnt der Handelsverband die Soziale Innovation (SI) Dortmund GmbH mit Geschäftsführer Dr. Uwe Jürgenhake, die die teilnehmenden Betriebe intensiv vorbereitet und betreut. Das Forschungs- und Beratungsunternehmen arbeitet schwerpunktmäßig auf dem Feld des betrieblichen Personalmanagements und war 2015 Herausgeber der von Landesarbeitsministerium und ESF geförderten Studie „Wichtiger als gedacht?!“. Darin untersucht SI mit Wirtschaftsförderung und Technischer Universität Dortmund die Relevanz von sogenannten Einfacharbeits­plätzen für den Arbeitsmarkt im Westfälischen Ruhrgebiet. Zunehmend steige die Bedeutung gering qualifizierter Menschen für die Überwindung der Fachkräftelücke, heißt es im Resümee. Es bedürfe dafür aber auch unkonventioneller Beratungs- und Unterstützungsleistungen aller Akteure, zumal bei der Integration von Langzeitarbeitslosen in den Betriebsalltag. Hier setzt das Projekt „Arbeiten an Bedientheken des Lebensmitteleinzelhandels“ an. Es versucht, fachlich nicht oder kaum vorgebildeten Menschen schnell den Zutritt in das „Berufsfeld Verkäufer/-in“ mit dem Schwerpunkt Bedientheken zu ermöglichen, was normalerweise eine mehrjährige Ausbildung voraussetzt.

Gesucht: Kommunikationstalente mit Sozialkompetenz
 

Das Entwicklungszentrum für berufliche Qualifikation und Integration in Dortmund (EWZ) führt den fachlich-theoretischen Teil des Projekts durch. Es existiert seit 30 Jahren und qualifiziert Menschen seit 15 Jahren auch für den Bereich Verkauf und Handel. In der Schulung von Menschen für die Arbeit an Bedientheken „ist auch die sozialpädagogische Betreuung von Bedeutung“, sagt Dr. Uwe Jürgenhake von der Sozialen Innovation. Das EWZ legt daher einen Schwerpunkt darauf, den Teilnehmern „Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit sowie Freude am Umgang mit Menschen“ und die für die Kundenbindung nötige Sozialkompetenz zu vermitteln. Dr. Uwe Jürgenhake verdeutlicht: „Das EWZ muss die Leute auf dem Weg zurück in Arbeit begeistern und zugleich befähigen, den anspruchsvollen Job an den Bedientheken allein zu bewältigen.“

Das Bedientheken-Projekt bewegt sich also im Spannungsfeld der Herausforderungen eines Ausbildungsberufs, der kurzfristig nötigen Qualifizierung Ungelernter sowie des konkreten Bedarfs der jeweiligen Supermärk­te. Es dauert rund eineinhalb Jahre, bis das Design des Projekts steht und die Förderanträge im Juni 2016 bewilligt sind. Ein Grund dafür ist, dass keine Blaupause für Bedientheken-Projekte vorhanden ist und umfangreiche Vorarbeiten zu leisten sind.

Beispiel Arbeitsumgebung. 37 Einzelhändler mit insgesamt über 40 Arbeitsplätzen an Bedientheken signalisierten gegenüber Handelsverband und Sozialer Innovation ihr Interesse an einer Teilnahme. Kein Markt gleicht allerdings dem anderen. Daher entwirft SI zunächst einen detaillierten Fragebogen, um die Erwartungen der Marktbetreibenden und die Arbeitsbedingungen im Laden zu erfassen. Die Antworten geben Aufschluss zum Beispiel über die Mitarbeiteranzahl im Markt, die Öffnungszeiten, die zu besetzende Stundenzahl, das Warenangebot an den Theken und die Anforderungen an die Projektteilnehmer. Mit den Profilen der Supermärkte bekommen Arbeitsagenturen und Jobcenter wertvolle Hilfe an die Hand, um aus ihrem Betreuungspool die Interessenten möglichst passgenau auszuwählen. Das ist auch für die Arbeitsuchenden von Vorteil. Denn anhand der Liste der infrage kommenden Supermärk­te können Interessierte ihren Einsatzort zum Beispiel nach Wohnortnähe wählen. Längere Anfahrtswege lassen die Arbeitsagenturen im Normalfall nicht als Grund gelten, eine Arbeitsaufnahme abzulehnen. Im Bedienthekenprojekt kommt man überein, sie den Teilnehmern nicht zuzumuten. „Andernfalls würden wir zum Beispiel Müttern eine Jobchance verwehren, die ihre Schichten an den Betreuungszeiten ihrer Kinder in Tagesstätten oder Schulen ausrichten müssen“, sagt Markus Kaluza vom Handelsverband.

Garantie: Mit dem Zertifikat direkt in die Anstellung
 

Beispiel Arbeitsvermittlung. So unterschiedlich die Arbeitsplätze sind, so wenig homogen ist auch die Gruppe der ungelernten Arbeitsuchenden. In den Qualifizierungsprojekten der Sozialen Innovation tauche ein Problem immer wieder auf, sagt Dr. Uwe Jürgenhake: Jene Menschen durch die Arbeitsagentur zu identifizieren, die eine hohe Arbeitsmotivation mitbringen. Denn eine besondere fachliche Eignung wird nicht vorausgesetzt. Wichtig waren den Händlern dagegen zunächst die sogenannten „Soft Skills“, weiche Fähigkeiten. „Hier sind kommunikationsfreudige, flexible Menschen gefragt, die den Umgang mit Menschen nicht scheuen“, sagt Dr. Uwe Jürgenhake. Wenn Schulabschluss oder vorhandene Ausbildung aber nicht die vorrangigen Auswahlkriterien für eine Tätigkeit sind, „stoßen Arbeitsagenturen und Jobcenter bei der Vermittlung automatisch an ihre Grenzen.“ Das sei kein Vorwurf, sagt Markus Kaluza vom Handelsverband, sondern entspreche den Vorgaben für die Behörde. Die Schwierigkeit bestätigt sich vor der ersten Qualifizierungsrunde in Dortmund, für die 25 Plätze zur Verfügung stehen. Von 100 Menschen, die gegenüber der Arbeitsagentur Interesse am Projekt bekunden, greifen schließlich 21 zu.

Beispiel Projektdesign. Um den Erwartungen der Einzelhändler und Arbeitsuchenden möglichst weit entgegenzukommen, wird ein mehrstufiges Verfahren entworfen. Danach steht zu Beginn ein zweiwöchiges Praktikum der Projektteilnehmer in dem ausgewählten Supermarkt. „Das dient dem gegenseitigen Kennenlernen und kann früh einen Eindruck vermitteln, ob die Kombination funktionieren kann oder nicht“, sagt Dr. Uwe Jürgenhake von der SI. Verläuft das Probearbeiten zur beiderseitigen Zufriedenheit, beginnt die eigentliche, auf sechs Monate angelegte Qualifizierungsphase. Entscheidend für Markt und Projektteilnehmer ist aber eine verbindliche Verabredung vor Projektbeginn. Mit einem Kontrakt legen sie fest, automatisch ein einjähriges, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis einzugehen, sofern der Teilnehmer das sechsmonatige Projekt erfolgreich mit einem Zertifikat besteht. Unabhängig davon kann das Zertifikat auf eine reguläre Ausbildung zum Verkäufer oder im kaufmännischen Bereich für den Einzelhandel angerechnet werden. Auch der Verdienst innerhalb des zwölfmonatigen Anschlussvertrags ist als Anreiz zu verstehen. „Es ist mit 10,50 Euro Stundenlohn für Ungelernte der bestbezahlte Job im Laden“, sagt Markus Kaluza.

Teilnehmer im Alter von 19 bis 63 Jahren
 

Das Design des Projekts bietet laut Dr. Uwe Jürgenhake eine „Mischung aus Arbeitsmotivation und spezifischer fachlicher Qualifikation“. Es folgt dem Prinzip der dualen Ausbildung und hält in den sechs Projektmonaten pro Woche drei Tage fachlichen Unterricht sowie zwei Tage im Betrieb bereit, in Summe 600 Stunden Theorie und 120 Stunden Praxis im Supermarkt. In dieser Zeit gelten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen weiter als arbeitsuchend, die Arbeitsagentur fördert die Maßnahme über Bildungsgutscheine, sodass den Händlern in dieser Zeit keine Kosten entstehen.

Das Projekt beginnt in der zweiten Jahreshälfte 2016 mit 21 Teilnehmern in Dortmunder Supermärkten und den Schulungsräumen des EWZ. Drei Viertel der Teilnehmer kommen über die Vermittlung des Jobcenters Dortmund, sind also länger als zwölf Monate ohne Arbeit. „Die Altersspanne reicht vom 19-jährigen Mann bis zur 63 Jahre alten Frau“, sagt Markus Kaluza. Insgesamt sind mehr Frauen im Projekt, die Teilnehmer haben unterschiedliche Nationalitäten, knapp zwei Drittel sind Deutsche. Das Modell des vorgeschalteten Praktikums erweist sich in jeder Hinsicht als sinnvoll. In den meisten Fällen gehen Projektteilnehmer und Einzelhändler den Weg gemeinsam weiter, es gibt aber auch vereinzelt Wechsel zu anderen Supermärk­ten. „Damit hat das Praktikum seinen Zweck erfüllt und auch eine Umorientierung ermöglicht“, betont Markus Kaluza.

Paten als ständige Ansprechpartner für die Neuen
 

Die Verbindung von Projektteilnehmenden und Supermärkten wird während der sechsmonatigen Projektphase durch ein weiteres Modul gestärkt: Die Märkte stellen einen Paten für die neue Kraft. „Auf diese Bedingung haben wir während der Händlerakquise hingewiesen“, sagt Markus Kaluza. „Wichtig war uns dabei, dass Händler und Mitarbeiter das Modell nicht als Zwang, sondern als Hilfestellung begreifen, die auch die betriebliche Seite stärkt.“ So reiße der Gesprächsfaden zwischen dem angestammten Personal im Markt und den Neulingen nicht ab. Intensiv zu besprechen seien nicht nur fachliche Aspekte der Arbeit, sondern auch Fragen der internen Arbeitsorganisation wie etwa Schichtpläne. Markus Kaluza sieht gerade darin enormes Konfliktpotenzial. „Wenn nicht alle die beliebten Schichten von 8 bis 13 Uhr haben können, funktioniert das Team in einem Supermarkt nur über Geben und Nehmen. Wer da im Gespräch Flexibilität erkennen lässt, wird schneller ein gleichwertiges Mitglied der Gruppe.“ Patensys­teme sind generell im Einzelhandel ein bewährtes Mittel für die Integration neuer Mitarbeiter. „Meist erklärt sich jemand als Pate bereit, der bereits eine besondere Rolle im Team innehat und dadurch positiven Einfluss nehmen kann“, sagt Dr. Uwe Jürgenhake von der Sozialen Innovation. Eine spezielle, externe Schulung der Paten sei zwar möglich und wünschenswert. Sie könne aber von den wenigsten Märkten erwartet werden, zumal die Paten im Betrieb mitarbeiten.

Catherine Tiedemann von der Sozialen Innovation entwickelt ersatzweise ein Handbuch und ein Selbstlerntool für jene Beschäftigten der Märkte, die den Neuen an die Seite gestellt werden. „Es geht zum Beispiel um die Anleitung, wie ich richtig Feedback gebe, wie ich positiv und auf Augenhöhe mit der Person umgehe“, erklärt sie.

80 Prozent bleiben nach dem Projekt als Angestellte im Laden
 

Die intensive Betreuung im Schulungs- und praktischen Teil führt dazu, dass das Projekt „Arbeiten an Bedientheken“ in der ers­ten Runde kaum Ausfälle verzeichnet. Lediglich vier der 21 gestarteten Teilnehmer steigen vorzeitig aus. „Mit 80 Prozent liegen wir weit über dem Durchschnitt anderer Projekte“, sagt Markus Kaluza vom Handelsverband und verweist auf Zahlen der Arbeitsagentur, die von einer üblichen Eingliederungsquote von bis zu 50 Prozent sprechen. Die ersten Projektteilnehmer und -teilnehmerinnen haben inzwischen auch ihren zwölfmonatigen Anschlussvertrag erfüllt und seien zu wertvollen Arbeitskräften in ihrem Supermarkt geworden, zumeist ausgestattet mit Teilzeitverträgen. „Die größte Erfolgsgeschichte für uns ist dabei die Entwicklung des jüngsten Teilnehmers“, sagt Markus Kaluza. „Der 19 Jahre junge Mann erhielt direkt innerhalb des sechsmonatigen Projekts das Angebot, eine Abteilungsleiterstelle zu übernehmen. Damit hat er gleich mehrere Karrierestufen übersprungen.“

Nicht nach Wunsch fiel die Resonanz auf das Bedienthekenprojekt im Raum Hamm und Kreis Unna aus, wo die zweite Runde mit Schulungen in der Stadt Hamm vorgesehen war. Dort schlug der Versuch fehl, die für die Qualifizierungsmaßnahme erforderliche Mindestzahl von 15 Teilnehmern zu erreichen. Dr. Uwe Jürgenhake macht für das mangelnde Interesse Besonderheiten des Arbeitsmarktes in Hamm und dem Kreis Unna verantwortlich. So gebe es durch die größeren Entfernungen in der Region das Problem, Interessierte und Einzelhändler passend zueinander zu bringen. Die zweite in Dortmund angesetzte Runde musste gleichfalls um Teilnehmer kämpfen, konnte aber schließlich mit 16 von 25 möglichen Teilnehmern beginnen. Für Dr. Uwe Jürgenhake ist dies allein deswegen ein Erfolg, da die Arbeitsagenturen parallel stark damit befasst gewesen seien, 2.000 Arbeitsuchende für einen neuen Standort des Online-Versandhändlers Amazon zu rekrutieren.

Im Mai 2018 werden mit Ende des zweijährigen Projekts insgesamt über 30 neue Kräfte an Bedientheken in Dortmunder Supermärkten arbeiten, Fisch, Fleisch, Wurst und Käse anbieten und dabei auch fragen: „Darf es ein bisschen mehr sein?“ Erkundigt man sich mit dieser Frage nach den Schlüssen, die Dr. Uwe Jürgenhake von der Sozialen Innovation und Markus Kaluza vom Handelsverband aus dem Bedientheken-Projekt ziehen, sehen sie durchaus Ansatzpunkte für Verbesserungen. So wünscht Dr. Uwe Jürgenhake sich mehr Teilnehmerinnen aus der für den Einzelhandel „attraktivsten Zielgruppe“: Frauen, die nach langer Abwesenheit wieder für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, weil die Kinder aus dem Haus sind. Viele dieser Frauen hätten aber gar nicht erst Kenntnis von dem Bedientheken-Projekt erhalten, weil die Arbeits­agenturen sie mangels Leis­tungsbezuges nicht in ihrer Kartei führten. „Sie gehen daher zumeist nicht den Umweg über eine sechsmonatige Schulung, sondern nehmen direkt einen Job an der Kasse eines Discounters an“, so Dr. Uwe Jürgenhake.

Kinderbetreuung reformieren, um Dienstleistungsberufe zu stärken
 

Solange der Nachwuchs noch im Haus ist, stehen alleinerziehende Mütter oder Doppelverdiener-Haushalte vor dem gravierenden Problem, die Kinderbetreuung organisieren zu müssen. „An das Thema müssen wir umfassend heran“, sagt Markus Kaluza vom Handelsverband, „es betrifft alle Dienstleistungsberufe.“ Die Betreuungszeiten in Kindertagesstätten orientierten sich nach wie vor an Kern­arbeitszeiten, also an „längst überholten Arbeitszeitmodellen“, so Markus Kaluza. Damit sei vielleicht den Bürokauffrauen geholfen, aber weder den Kellnerinnen und Beschäftigten im Gesundheitswesen noch den Arbeitskräften im Einzelhandel, wo inzwischen wöchentliche Öffnungszeiten von 70 Stunden zu besetzen sind. Und wer für die Randstunden des Tages private Tagesmütter engagieren und mit bis zu 16 Euro pro Stunde bezahlen müsse, ergänzt Dr. Uwe Jürgenhake, für den rechne sich ein 10,50-Euro-Job an Bedientheken schlicht nicht. „Unser jetziges System der Kinderbetreuung schafft also Angebote für die, die es sich leisten können. Wir brauchen aber viel mehr Flexibilität, wenn wir auch die Arbeitsplätze im Einzelhandel attraktiver gestalten wollen.“

Grundsätzlich sei mehr Mut nötig, neue Wege bei der Arbeitsvermittlung einzuschlagen. Gerade für die vielen Betriebe, die einfache Arbeiten anbieten, müsse das Auswahlverfahren infrage kommender Arbeitskräfte vereinfacht und verbessert werden. „Wir beraten heute schon intensiv mit den Betrieben, wie wir für einfache Tätigkeiten jene herausfiltern können, die wirklich arbeiten wollen“, sagt Dr. Uwe Jürgenhake. Mit den Arbeitsagenturen müsse ein Verfahren zur Kompetenzfeststellung entwickelt werden, das weniger auf formale Qualifikationen wie Zeugnisse oder Berufslebensläufe setzt. Allerdings berühre dies sensible Bereiche wie den Datenschutz, wenn Arbeitsvermittlung, Projektentwickler und Bildungsträger in einer Art Task Force verfügbare Informationen über Mitarbeiter und Arbeitgeber austauschen wollten. Eine Idee könnte eine Koordinierungsstelle für solche Abstimmungsprozesse bei den Kommunen sein.

Diese Ansätze zeigen: Um Projekten wie „Arbeiten an Bedientheken im Einzelhandel“ zum Erfolg zu verhelfen und verstärkt ungelernte Menschen in Arbeit zu bringen, ist an vielen Stellschrauben zu drehen – durchaus auch „ein bisschen mehr“.

Ansprechpartnerin in der G.I.B.

Karin Linde
Tel.: 02041 767257
k.linde@gib.nrw.de

Kontakte

Soziale Innovation GmbH
Dr. Uwe Jürgenhake
Tel.: 0231 88086420
juergenhake@soziale-innovation.de
www.soziale-innovation.de

Handelsverband NRW Westfalen-Münsterland e. V.
Markus Kaluza
Tel.: 0231 577950
m.kaluza@hv-wm.de
www.wm.hv-nrw.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
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