Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2018 Crowdworking und Plattformökonomie „Alles möglich machen, was geht“
(Heft 1/2018)
Arbeitsverwaltung im Kreis Recklinghausen ist wichtiger Faktor bei der Standortentscheidung von Großkonzern

„Alles möglich machen, was geht“

Wer an die Logistik-Branche denkt, denkt zunächst an großen Flächenbedarf, riesige Lagerhallen, verkehrsgünstige Lage, modernste Lagertechnik. Bei der Standortsuche ist für ein Logistik-Unternehmen aber ein weiterer Faktor ganz wichtig: die relativ kurzfristige Verfügbarkeit einer großen Zahl von unterschiedlich qualifizierten Arbeitskräften. Als sich die Bertelsmann-Tochter Arvato SCM Solutions für einen neuen Logistik-Standort im Industriepark Dorsten/Marl entschied, waren die letztendlich entscheidenden Faktoren dafür die gute Zusammenarbeit mit den Akteuren auf der politischen und der Verwaltungsebene sowie mit dem Jobcenter und der Agentur für Arbeit im Kreis Recklinghausen, die mit ihrem professionellen Vermittlungskonzept überzeugt hatten.

Reiner Frank S. arbeitet seit Mai vergangenen Jahres im Wareneingang des neuen Arvato-Standorts Dorsten/Marl in der Entladung. Der 48-Jährige ist eine von derzeit fast 600 Kräften, die Arvato im vergangenen Jahr an dem neuen Standort eingestellt hat. „Ich bin mit dem, was ich jetzt tue, vollstens zufrieden“, sagt der gelernte Bergmann. „Das ist genau mein Job.“ Den Weg zu Arvato hat der lange Jahre arbeitslose Reiner Frank S. mithilfe der Arbeitsverwaltung des Kreises Recklinghausen gefunden, genau wie bisher über 130 weitere neue Arvato-Beschäftigte.

Dass Arvato sich für den Industriepark an der Stadtgrenze von Dorsten und Marl entschieden hat, ist für Reiner Frank S. und seine Kollegen ein Glücksfall. Viele Jahre sah es in der Region für Arbeitslose nicht besonders rosig aus. Der Kreis Recklinghausen hatte durch den Rückzug des Bergbaus, zuletzt vor zwei Jahren durch die Schließung der Zeche Auguste Victoria, eines der letzten Steinkohlenbergwerke in Deutschland, den Verlust von Tausenden von Arbeitsplätzen zu beklagen. Das traf besonders die Stadt Marl hart. „Was wird aus einer Stadt, die mit einem Schlag etwa doppelt so viele Arbeitsplätze verliert wie Bochum mit Opel?“, verdeutlicht Dr. Manfred Gehrke, Leiter der Wirtschaftsförderung der Stadt Marl, die Dimension. „Das steckt man nicht so leicht weg.“ Dass die Stimmung heute dennoch so positiv sei, hänge eng mit der erfolgreichen Vermarktung des Industrieparks und der Ansiedlung von Arvato zusammen.

Die Wirtschaftsförderung der Stadt Marl vertritt mit der Wirtschaftsförderung in Dorsten GmbH die beiden Städte in der Projektgesellschaft, die zur Vermarktung des Industrieparks gegründet wurde. Als weiterer Partner ist die Steag GmbH im Boot, die als Grundstückseigentümerin ursprünglich geplant hatte, ein Kraftwerk auf dem Gelände zwischen Wesel-Datteln-Kanal und B 225 zu errichten. Als sie die Pläne verwarf, war das der Startschuss für die interkommunale Zusammenarbeit der beiden Städte zur Entwicklung der Fläche. Durch Landesmittel flankiert konnte die Vermarktung im Jahr 2004 starten. Heute sind die gesamten 70 Hektar belegt. Die angesiedelten Branchen decken ein breites Spektrum ab. Es reicht von der Kreislaufwirtschaft über die Logistik, die Forschung und Entwicklung im Chemiesektor bis zu speziellen Arbeitsfeldern wie der Produktion von Asphalt.
Zurzeit arbeiten rund 1.700 Menschen auf der Fläche. Und es werden noch mehr werden, denn einige Unternehmen sind gerade dabei, sich zu vergrößern, und Arvato hat sich ebenfalls Erweiterungsflächen gesichert. In fünf Jahren sollen insgesamt 2.500 Arbeitsplätze entstanden sein.

International agierendes Großunternehmen
 

Arvato SCM Solutions ist Teil des international agierenden Dienstleistungsunternehmens Arvato, einer 100-prozentigen Bertelsmann-Tochter mit weltweit fast 70.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Im Bereich „Full-Service Supply Chain Management“ sind an über 70 Standorten rund 14.000 Mitarbeiter im Einsatz.

Der Arvato-Standort Dorsten/Marl gehört zum Industriezweig „Consumer Products“. Es geht um E-Commerce, also Internet-Handel. Unternehmen, die die Dienste von Arvato in Dorsten in Anspruch nehmen, sind führende Unternehmen der Mode- und Konsumgüterbranchen – auch Luxusmarken gehören dazu.

Zu den am Standort angebotenen Dienstleistungen gehören insbesondere Logis­tik-Dienstleistungen, unter anderem auch Auftrags- und Bestandsmanagement, Kommissionier-, Konfektionier- und Sonderleistungstätigkeiten, Versand- und Transportmanagement sowie die Abwicklung von Retouren. Es gibt kaum einen Kundenwunsch, den Arvato nicht erfüllt. „Wenn der Kunde das möchte, kümmern wir uns nicht nur um die Warenlagerung und -lieferung, wir schaffen eine attraktive Internetseite, kümmern uns um den gesamten Bezahlvorgang oder auch – wie wir das in Dorsten eingerichtet haben – eine Kundenbetreuung, also ein Customer Service, bei dem der Kunde anrufen und Fragen zur Ware klären kann“, verdeutlicht Roland Droste, Director Human Resources und Head of Recruiting and Employer Branding bei Arvato SCM Solutions.

Arbeitsplätze – zurzeit sind es rund 600 – sind in verschiedenen Qualifikations-Segmenten entstanden. „Wir haben natürlich einen hohen Anteil an Menschen, die das als angelernten Beruf ausüben“, sagt Roland Droste. „Wir brauchen aber auch immer höher qualifizierte Menschen, vom SAP-Key-User über den Supervisor bis zum Vorarbeiter. Im Customer Service brauchen wir besonders Fremdsprachentalente mit Kenntnis verschiedener Sprachen.“

Für die Wahl des Standorts im nördlichen Ruhrgebiet sprach eine ganze Reihe von Argumenten: seine zentrale Lage im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, seine Nähe zu den Benelux-Staaten, die ihn zu einer idealen Ergänzung zu den bestehenden Arvato-Logistikzentren in den Niederlanden, in Ostwestfalen, Hannover, dem Ruhrgebiet und dem Großraum Halle/Leipzig machen, seine hervorragenden Verkehrsanbindungen über die Autobahn A52, den Wesel-Datteln-Kanal und einen Gleisanschluss, seine gute Infrastruktur. Auch die direkte Nachbarschaft an die Paketverteilzentren der Logistikdienstleis­ter Deutsche Post DHL und DPD spielte eine Rolle.

Roland Droste, der das Logistikzentrum einfach „Warehouse“ nennt, macht aber deutlich, dass noch ein weiterer Faktor für die endgültige Standortwahl entscheidend war: „Früher wurden Standortentscheidungen ohne die Personalabteilung gefällt. Die Kollegen vom Logistic Engineering, die die Warehouses bauen und sich um Flächen- und Expansionsplanung kümmern, riefen mich an und stellten mir ihren favorisierten neuen Standort vor. Ihre Argumente: Super Cut-Off-Zeit1, die Autobahn direkt daneben, Spitzen-Quadratmeterpreis usw. Ich habe mir dann die Lage auf einer Karte genau angesehen und festgestellt: Da ist alles grün, da wohnt ja niemand. – Wir haben also erkannt, dass wir, wenn wir größere Standorte mit mehr als 100, 150, 200 Mitarbeitern planen, andere Strategien in der Standortfindung fah­ren müssen.“ Aufgabe sei eben auch zu schauen, wo in genügender Anzahl und Qualität Menschen als Mitarbeiter begeistert werden könnten, ohne riesige Spagate machen zu müssen. „Es gab also eine Ziel-Liste von mehreren Gebieten in der Region, die unsere Kriterien erfüllten, die Verantwortung für die endgültige Standortfindung lag dann aber bei der Mitarbeiterakquise.“

Was die Verfügbarkeit und die Qualifikation der Arbeitnehmer angehe, die Erreichbarkeit des Standorts und die Kooperationswilligkeit der Partner, sowohl aufseiten des Jobcenters als auch der Arbeitsagentur, habe sich Dorsten/Marl dann als idealer Ort für eine Niederlassung herausgestellt. „Unser Eindruck war: Hier will die Region mitziehen. Das war für uns ganz entscheidend“, sagt Roland Droste.

Günter Aleff, Prokurist der Wirtschaftsförderung in Dorsten GmbH, betont, dass die beispielhafte Entwicklung im Industriepark Dorsten/Marl nur möglich gewesen sei, weil die Partner in der Projektgesellschaft alle Gespräche mit den Investoren bis hin zum Vertragsabschluss konsequent gemeinschaftlich geführt hätten. „Auch darüber hinaus haben wir die Unternehmen unterstützt. Zum Beispiel haben wir für Arvato eine eigene Projektgruppe gegründet, die sich darum gekümmert hat, die genehmigungsrechtlichen Voraussetzungen zeitnah und rechtssicher zu schaffen.“

„Durch die Einbeziehung aller relevanten Akteure der unterschiedlichsten Ebenen von den Bürgermeistern der Städte über das Jobcenter und die Arbeitsagentur bis zur Wirtschaftsförderung haben wir von Anfang an die Botschaft rübergebracht: Wir treten hier in einem kompakten Schulterschluss auf“, ergänzt Dr. Manfred Gehrke.

Dazu gehörte auch, dass Arvato nicht mit mehreren Ansprechpartnern kommunizieren musste. Patrick Hundt, Fachdienstleiter Bereich Markt und Integration beim Jobcenter Kreis Recklinghausen, bot sich von Anfang an als Ansprechpartner für Arvato an und koordinierte das gesamte Verfahren – auch zwischen den verschiedenen Rechtskreisen der Arbeitsverwaltung, und das, obwohl in der Optionskommune Recklinghausen Jobcenter und Arbeitsagentur ja nicht aus einer Hand gesteuert werden.

Ihm oblag es auch, Arvato hausintern erst einmal bekanntzumachen, denn anders als zum Beispiel in der Region Gütersloh, hat der Konzern im Ruhrgebiet als Arbeitgeber noch keinen Namen. „Auch wenn wir ein Großkonzern sind, sind wir ein ‚Hidden Champion‘. Deswegen sind wir auf Botschafter angewiesen, in diesem Fall die Mitarbeiter der Arbeitsverwaltung, die den Erstkontakt zum Arbeitsuchenden haben, die für uns werben und auch erklären, dass Lagerarbeit nicht mehr mit ‚dunkel, kalt, schmutzig‘ assoziiert werden kann“, erklärt Roland Droste. Im Gegenteil, es handele sich um hochmoderne Logistik-Standorte.

Was sich in der Außendarstellung einer Region normalerweise nicht gut macht: eine hohe Arbeitslosigkeit und niedrige Beschäftigungsquote, stellte sich im Entscheidungsprozess von Arvato für den Kreis Recklinghausen als positiver Faktor heraus. „Wenn wir einen neuen Standort aufbauen, erschließen wir ihn zu einem hohen Prozentsatz mit Menschen, die gerade Arbeit suchen. Man schafft es nicht, 200 Menschen auf einen Schlag irgendwo abzuwerben“, so Roland Droste. „Es ist für uns also schon ein gewichtiges Argument zu sehen, es gibt in einer Region genug Menschen, die Arbeit suchen und zu uns passen.“ Deshalb sei als Vermarktungsargument von Anfang an ganz klar ins Spiel gebracht worden, dass die Region über die entsprechenden Kräfte verfügt, sagt Dr. Manfred Gehrke, übrigens ein Argument, das mittlerweile für die gesamte Region auch auf Immobilien-Messen wie der Expo Real in München eine Rolle spielt.

„Uns war klar, dass die Ansiedlung mit einem potenziellen Bedarf von rund 800 Mitarbeitern in der Endausbaustufe für den Wirtschaftsstandort und die Entwicklung im SGB II eine große Hilfe darstellen kann“, sagt Dominik Schad, Leiter des Jobcenters Kreis Recklinghausen. „Außerdem war uns von Anfang an bewusst, dass wir diese Größenordnung gemeinsam mit der Agentur für Arbeit im Kreis Recklinghausen auch bewältigen können. Der Auftrag war also ganz klar: Alles möglich machen, was in irgendeiner Weise und im rechtlichen Rahmen geht, und natürlich auch im persönlichen Kontakt zu überzeugen. Unser Ziel war es, ein Dienstleistungspaket anzubieten, das so überzeugend war, dass Arvato quasi gar nicht ablehnen konnte.“

Damit das gesamte Verfahren reibungslos funktionierte, gründeten Jobcenter und Agentur für Arbeit eine gemeinsame Projektgruppe. „Wir verfügen als Optionskommune nicht über einen gemeinsamen Datenbestand mit der Agentur für Arbeit, haben aber Arvato von Beginn an signalisiert: ihr werdet nicht merken, dass wir Optionskommune sind“, sagt Carsten Taschner, Ressortleiter Markt und Integration und Gesamtkoordinator im Vermittlungsservice des Jobcenters Kreis Recklinghausen.

Gemeinsam entwickeltes Rekrutierungskonzept
 

Besonders intensiv beschäftigten sich Jobcenter und Arbeitsagentur mit dem Konzept zur Rekrutierung der potenziellen neuen Arvato-Mitarbeiter. Zum Dienstleis­tungspaket gehörte, aufbauend auf die Tätigkeitsprofile, die Arvato zur Verfügung stellte, nicht nur das „Matching“, also das passgenaue Auswählen der Bewerberinnen und Bewerber aus dem gesamten Kreis mit seinen zehn Jobcenter-Standorten, sondern auch die Organisation von Informationsveranstaltungen. Jobcenter und Arbeitsagentur mussten nicht weniger als 2.000 Kunden zu den Info-Veranstaltungen einladen, um im Endeffekt auf eine ausreichende Zahl an Bewerbern zu kommen. Außerdem organisierte die Projektgruppe einen Shuttle-Service zu einem auf die Schichtpläne abgestimmten Probearbeiten der potenziellen neuen Arvato-Mitarbeiter am Arvato-Standort in Dortmund.

Im Februar 2017 fand die erste von sechs Informationsveranstaltungen statt, jeweils mit fünf bis sechs Runden aus halbstündiger Information und anschließenden Kurz­interviews. Es waren jeweils von den Arbeitsvermittlern vorgemerkte Kunden eingeladen. „In die Vormerkliste haben wir nur die aufgenommen, die im persönlichen Gespräch mit den Vermittlern Interesse daran bekundet hatten, bei Arvato zu arbeiten“, verdeutlicht Bettina Witzke, Teamleiterin im Vermittlungsservice Recklinghausen/Oer-Erkenschwick. Damit die Vermittler genaue Angaben zu den Tätigkeitsfeldern machen konnten, nutzten sie die Gelegenheit, sich zuvor den Standort in Dortmund anzusehen. Die vorgemerkten Kunden bereiteten dann im Vorfeld der Informationsveranstaltung bereits Bewerbungsunterlagen für die verfügbaren Stellen vor.

Bei den Veranstaltungen waren jeweils  Vertreter von Arvato vor Ort, die aus ers­ter Hand und anschaulich in Bild und Ton über das Unternehmen und das Stellenangebot informierten. Direkt im Anschluss an die Veranstaltungen führten Arvato-Führungskräfte dann die Kurzinterviews mit den Interessenten in vorab gebuchten Räumen.

„Diese Kurzinterviews waren für uns relevant, um einen ersten persönlichen Eindruck von den Kandidaten zu bekommen, auch um erste Kernkompetenzen abzuklopfen“, sagt Magdalena Statnik, Personalleitung und Director Human Resources der Arvato SCM Solutions und zuständig für den Standort Dorsten.

Große Bedeutung für den weiteren Auswahlprozess hatte insbesondere die 14-tägige, als Maßnahme finanzierte Probearbeit der Interessenten: „Für uns war es sehr wichtig, die potenziellen Mitarbeiter an dem Dortmunder Standort, der im gleichen Geschäftsfeld angesiedelt ist und nach sehr ähnlichen Prinzipien funktioniert, im Rahmen von zwei Wochen kennenzulernen. Insbesondere die Mitarbeiter, die wir schon Anfang des Jahres gesucht haben: Kommissionierer, Bucher, Packer“, sagt Magdalena Statnik. Anhand von Bewertungsbögen und persönlichem Feedback von Führungskräften habe man mit der Betriebs- und Standortleitung dann eine Auswahl getroffen und Empfehlungen ausgesprochen.

Für die Hochlaufplanung des Dorstener Standortes sei es extrem hilfreich gewesen, dass das gesamte Verfahren inklusive Shuttle-Service sehr flexibel umgesetzt worden sei. Qualifizierungen, die im Dienstleistungspaket der Arbeitsverwaltung mitgedacht waren, waren aufgrund der Kundenstruktur bei Arvato nicht notwendig. „Das kann aber bei dem nächsten Kunden, den wir akquirieren, schon passieren“, verdeutlicht Roland Droste. „Irgendwann kommt ein Kunde, für den wir Handscanner, Datenbrillen, Staplerscheine brauchen und dann freuen wir uns, wenn wir auf das Angebot der Arbeitsverwaltung schnell zurückgreifen können.“
 
Ein besonderes Lob zollt Magdalena Statnik der sehr guten Koordinierung hinter den Kulissen der Arbeitsverwaltung. „Wir waren zu jedem Zeitpunkt gut mit Informationen versorgt und wussten jederzeit, dass unser Anliegen immer die richtigen Ansprechpartner erreicht.“

Einschränkungen bezüglich besonderer Personengruppen machte Arvato nicht, „für uns ein wichtiger Punkt für eine langfristige und tragfähige Zusammenarbeit“, sagt Patrick Hundt. „Denn damit war klar: hier will man nicht nur eine bestimmte Kundenklientel abschöpfen, sondern man macht sich Gedanken über eine nachhaltige Personalentwicklung – und das ist für uns natürlich ein Glücksfall.“ Eine gute Verbleibquote im Unternehmen funktioniere nur bei guter Auswahl und der Möglichkeit für die potenziellen Mitarbeiter und das Unternehmen, sich vorab ohne Druck und im realen Arbeitsumfeld kennenzulernen, so Patrick Hundt.

Das zahlt sich offensichtlich aus: Viele Logistik-Mitarbeiter der ersten Stunde übernähmen mittlerweile verantwortungsvollere Aufgaben, hätten sich zügig weiterentwickelt, berichtet Magdalena Statnik. Diese interne Entwicklung sei für Arvato ein wichtiger Kanal, um Fach- und Führungskräfte zu rekrutieren.

Schneller Aufstieg möglich
 

Das zeigt sich an Reiner Frank S. und seinem Kollegen Frank S., die seit Mai bzw. April 2017 bei Arvato in Dorsten/Marl beschäftigt sind. Beide arbeiteten ursprünglich im Bergbau und haben danach sehr unterschiedliche Berufsstationen durchlaufen. Als die Zeche Ewald in Herten schloss, ging Reiner Frank S. zunächst zur Bundeswehr, wurde dort für vier Jahre Ausbilder. Danach arbeitete er ein Jahr bei Opel in Bochum im Presswerk. Dann folgte eine lange Arbeitslosigkeit, 16 Jahre. Vor zwei Jahren machte der 48-Jährige dann auf eigene Initiative hin eine Weiterbildung zur Fachkraft Logistik und Lagerwirtschaft (mit SAP), weil er sich in dieser Branche gute Chancen auf einen Job ausrechnete, „und ich der Meinung bin, dass man das, was man tut, auch richtig tun sollte“, sagt Reiner Frank S. selbstbewusst. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte. „Zwei Wochen nach dem Probearbeiten in Dortmund kam der Anruf von Arvato, dass ich am Standort Dorsten anfangen konnte.“

Das war am 16. Mai 2017. Schon bald konnte Reiner Frank S. seine Qualifikationen dort auch einsetzen, zum Beispiel Stapler fahren, denn einen Flurfördermittelschein, allgemein als Staplerschein bezeichnet, besaß Reiner Frank S. durch seine Fortbildung bereits. Die Warenannahme, in der er jetzt arbeitet, ist mit drei Mitarbeitern besetzt. Seit Anfang 2018 ist Reiner Frank S. Mitarbeiter mit Steuerungsfunktion in dieser Arbeitseinheit. Mit dem weiteren Ausbau des Dorstener Arvato-Standorts steht für ihn ein Vorarbeiter-Posten in Aussicht. „Das war auch ein Grund, warum ich mich für Arvato entschieden habe“, sagt Reiner Frank S. „Es ist eine neue Firma in der Region, ein neuer Standort, der noch wächst. Hier hat man die Chance weiterzukommen.“

Das sieht auch Frank S. so. Er arbeitet im Wareneingang für einen Großkunden im Konsumgüter-Umfeld. Frank S. hatte ursprünglich ebenfalls auf einem Bergwerk gearbeitet – als Sanitäter –, dann eine Umschulung zum IT-Systemelektroniker gemacht. Als er in dem Beruf keinen Job fand, ging er zum Rettungsdienst beim DRK. Die körperlich schwere Arbeit machte ihm mit fortschreitendem Alter aber zu schaffen. Er gab den Job auf, wurde arbeitslos. Allerdings nur zwei Monate. Dann nahm er die Chance der Bewerbungsgespräche bei Arvato wahr und wurde ebenfalls ausgewählt. Zunächst nur für das Einbuchen der angelieferten Ware zuständig übernimmt er mittlerweile den direkten Informationsaustausch zum Beispiel per E-Mail mit dem Kunden und hat eine Vorarbeiterfunktion.

Ausgewählt hat beide Frank Walter, Schichtleiter Wareneingang und Retoure. Er war eine der Arvato-Führungskräfte, die nach den Informationsveranstaltungen im Kreishaus Recklinghausen die Gespräche mit den Bewerbern führten. „Der Vorteil, wenn man als eventuell zukünftiger Vorgesetzter ein Interview mit dem Bewerber führen kann, ist, dass man sich schon zu diesem Zeitpunkt überlegen kann, ob man mit dem Bewerber zusammenarbeiten möchte und wie man ihn optimal einsetzen könnte“, sagt Frank Walter. „Klar es gibt auch die eine oder andere Enttäuschung, aber in der Summe sind meine Erfahrungen mit dem Verfahren sehr gut. Fast alle Bewerber, die ich nach dem Interview zum Probearbeiten ausgewählt habe, haben sich dabei bewährt und sind heute noch da.“ Von der Entwicklung, die die von ihm ausgewählten Kandidaten genommen haben, ist Frank Walter begeistert: „Jede Führungskraft, die ich selbst ausbilde, macht mir die Sache einfacher. Ich wäre schlecht beraten, wenn ich die, die Leistung zeigen und den Willen, auf der Treppe nach oben zu steigen, nicht fördern würde.“

Auch Teilzeitkräfte
 

Von den rund 2.000 Kunden, die Jobcenter und Arbeitsagentur zu den Info-Veranstaltungen einluden, nahmen 830 tatsächlich teil, 726 gingen auch in das sich anschließende Bewerbungsgespräch. 205 Arbeitsuchende machten anschließend den nächsten Schritt der zweiwöchigen Probearbeit. Eingestellt wurden letztendlich 85 Kunden des Jobcenters und 49 der Agentur für Arbeit.

„Eine Erhebung hat ergeben, dass ein Großteil von ihnen, die bei Arvato eingestiegen sind, beruflich schon einmal etwas mit Lagerhaltung zu tun hatte“, sagt Regina Haas­tert, Teamleiterin im Jobcenter-Vermittlungsservice Dorsten, Gladbeck. Es gebe aber auch viele Quereinsteiger, denn es handele sich zum großen Teil um niederschwellige, erlernbare Tätigkeiten, dementsprechend heterogen sei die Gruppe der Vermittelten. Dass es sich zudem nicht um körperlich schwere Tätigkeiten handelt, spiegelt sich in einer Frauenquote von rund einem Viertel der eingestellten Jobcenter-Kunden wider.

Gerade Frauen werden in bestimmten Bereichen mitunter vermehrt eingesetzt, zum Beispiel bei der Aufbereitung der Retouren, verdeutlicht Magdalena Statnik. Um die entsprechenden weiblichen Kräfte in ausreichender Zahl rekrutieren zu können, sei man sogar davon abgegangen, bevorzugt Vollzeitkräfte einzustellen. „Beim Lager­aufbau haben wir gemerkt, dass wir nicht genug dieser Kräfte an Bord hatten und haben dann auf einen Hinweis des Jobcenters hin das Auswahlprofil frühzeitig auf Teilzeitkräfte ausgeweitet. So konnten wir eine ganz neue Zielgruppe ansprechen und auch für uns gewinnen.“ Das habe man in der Zusammenarbeit als wichtigen Lerneffekt mitgenommen.

Und auch aufseiten der Arbeitsverwaltung gab es wichtige Erkenntnisse. Denn die Gründung einer Projektgruppe war für Jobcenter und Agentur für Arbeit Neuland. Ein wichtiger Erfolgsfaktor dabei war, dass das Jobcenter die Entscheidungswege verkürzte. „Man kann ein solches Projekt nur stemmen, wenn der direkte Ansprechpartner de facto mit Prokura ausgestattet ist“, sagt Dominik Schad. „Herr Hundt hatte also die volle Entscheidungsbefugnis, sonst hätte das überhaupt nicht funktionieren können.“ Auch auf anderen Ebenen, zum Beispiel im Vermittlungsservice, setzte das Jobcenter auf mehr Selbstständigkeit. „Die Tatsache, dass es kein alltägliches Projekt ist, bringt Dynamik in die Arbeit. Hier kann man Erfolg wirklich einmal messen. Das gesamte Team hat sich vor diesem Hintergrund sehr engagiert.“ Sicher sei die Arbeitsbelastung der Beschäftigten in gewissen Phasen gestiegen, dann müsse man anders priorisieren und Arbeitseinsätze anders planen. Andererseits habe man aber auch gespürt, dass ein neuer „Spirit“ entstanden sei, zum Beispiel als die Mitarbeiter ihre Kunden bei den Infoveranstaltungen begrüßen konnten. Sie hätten ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und das Gefühl: da schaffen wir auch noch mehr.

„Das Silo-Denken der Verwaltung hat sich durch das Projekt ein wenig aufgelöst. Inzwischen ist es selbstverständlich, dass man mit der Wirtschaftsförderung spricht, die Bürgermeister einspannt, wenn es baurechtliche Probleme gibt, oder auch mit dem ÖPNV verhandelt, um den Standort besser anzubinden“, sagt Dominik Schad.

Das Instrument einer gemeinsamen Projektgruppe hat sich so bewährt, dass die Arbeitsverwaltung im Kreis Recklinghausen bei anderen Projekten auf diesem Weg weitergeht. Zum Beispiel beim Projekt „Metro AG“, die ebenfalls in der Region inves­tieren will. Und auch die Arbeit bei Arvato ist noch nicht abgeschlossen: „Arvato hat im Moment gut ein Drittel der Gebäude erstellt, die in der Endausbauphase ge­plant sind. Wir sind also eigentlich noch mitten im Job“, sagt Günter Aleff. Der zweite Bauabschnitt ist bereits beantragt, in der endgültigen Ausbaustufe könnten rund 1.000 Menschen an dem Standort im Industriepark Dorsten/Marl arbeiten – eine gute Nachricht für Hunderte weiterer Kunden der Arbeitsverwaltung im Kreis Recklinghausen.


1Für Logistikanbieter meint die Cut off time die Uhrzeit, um die eine Bestellung das Lager spätestens in Richtung Transporteur verlassen muss, damit sie zum avisierten Termin ankommt. Ein Händler versteht unter der Cut off time die Uhrzeit, um die er die Daten einer Bestellung spätestens beim Logistikanbieter einliefern muss, damit die Bestellung rechtzeitig am Bestimmungsort eintrifft.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Jochen Bösel
Tel.: 02041 767253
j.boesel@gib.nrw.de

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767-157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Kontakte

Leiter Jobcenter Kreis Recklinghausen
Dominik Schad
kreis@vestische-arbeit.de

Fachdienstleiter Bereich Markt und Integration
Patrick Hundt
patrick.hundt@vestische-arbeit.de

Ressortleiter Markt und Integration,
Gesamtkoordinator Vermittlungsservice
Carsten Taschner
Carsten.Taschner@vestische-arbeit.de

Teamleiterin Vermittlungsservice für
die Städte Dorsten und Gladbeck
Jobcenter Kreis Recklinghausen
Regina Haastert
regina.haastert@vestische-arbeit.de

Teamleiterin Vermittlungsservice für die Städte
Recklinghausen und Oer-Erkenschwick
Jobcenter Kreis Recklinghausen
Bettina Witzke
Bettina.Witzke@vestische-arbeit.de

Director Human Resources und Head of Recruiting
and Employer Branding bei Arvato SCM Solutions
Roland Droste
Tel.: 05241 8041117
Roland.Droste@bertelsmann.de

Director Human Resources bei Arvato SCM Solutions
Magdalena Statnik
Tel.: 05241 8086151
Magdalena.Statnik@bertelsmann.de

Stadt Marl – Wirtschaftsförderung
Dr. Manfred Gehrke
Tel.: 02365 99-2201
manfred.gehrke@marl.de

Wirtschaftsförderung in Dorsten GmbH (WINDOR)
Günter Aleff
Tel.: 02362 663451
aleff@win-dor.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
Artikelaktionen