Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2017 Schwarzarbeit bekämpfen Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung steigt
(Heft 1/2017)
– Niedriglohnbeschäftigung auch

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung steigt

Die Zahl der Erwerbstätigen in NRW steigt seit Jahren kontinuierlich an und liegt seit 2012 über 9 Millionen. Doch wie hat sich die Struktur der Beschäftigung verändert? Der aktuelle Themenbericht beleuchtet die Entwicklungen der letzten Jahre, insbesondere in Bezug auf atypische und Niedriglohnbeschäftigung.

Mit den Themenberichten zum Arbeitsmarkt in Nordrhein-Westfalen werden die Quartalsberichte zur Entwicklung des Arbeitsmarktes um ausgewählte Vertiefungsbereiche ergänzt. Der zuletzt erschienene Bericht widmet sich dem Thema „Struktur und Entwicklung der Beschäftigung mit dem Schwerpunkt atypische und Niedriglohnbeschäftigung“.

Im Folgenden werden ausgewählte Ergebnisse vorgestellt, weitere Auswertungen, die zugrunde liegenden Daten und Datenquellen finden sich im online veröffent­lichten Bericht.

Sozialversicherungspflichtige und geringfügig entlohnte Beschäftigung
 

Seit 2005 steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – mit Ausnahme des Jahres 2009 – kontinuierlich an. 2015 liegt sie mit rund 6,4 Mio. fast 15 % über der Zahl aus 2005. Zwei Entwicklungstrends kennzeichnen diese Entwicklung. Zum einen steigt der Anteil der Frauen an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. 2005 lag er noch bei 43,2 %, 2015 sind bereits 45,1 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weiblich. Zum anderen ist der Anstieg des Anteils der Teilzeitbeschäftigten noch ausgeprägter: 2015 sind mehr als ein Viertel (25,7 %) aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Teilzeit tätig, 2008 waren es noch 22,2 %.

Gegenüber dem stetigen Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse zeigt sich bei der geringfügig entlohnten Beschäftigung ein anderes Bild. Bemerkenswert ist hier ein deutlicher Rückgang an ausschließlich geringfügig entlohnten Beschäftigungsverhältnissen von 2014 auf 2015 um rd. 46.000 bzw. 3,6 % (vgl. Abb. 1). GIB_Info_1_2017-36.jpgAngesichts der steigenden Zahlen sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und auch der geringfügig entlohnten Beschäftigung im Nebenjob von 2014 auf 2015 (um rd. 9.000 Beschäftigte bzw. 1,7 %) dürfte dieser Rückgang auf die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zum Jahresbeginn 2015 zurückzuführen sein. Für die Gesamtbeschäftigung in Nord­rhein-Westfalen ist den Daten zufolge davon auszugehen, dass mit der Einführung des Mindestlohns insgesamt kein negativer Beschäftigungseffekt verbunden ist. Auch aktuelle Analysen des IAB auf Bundesebene sehen kaum Hinweise auf Beschäftigungsverluste durch die Umsetzung des Mindestlohns.1

Anteil der atypisch Beschäftigten sinkt leicht
 

Nach der Definition des statistischen Bundesamtes werden alle abhängigen Beschäftigungsverhältnisse als atypisch gewertet, die eines oder mehrere der folgenden Merkmale aufweisen: Befristung, Teilzeitbeschäftigung mit weniger als 21 Wochenstunden, Zeitarbeitsverhältnis (Leiharbeit), geringfügige Beschäftigung.

Auf Grundlage der Daten des Mikrozensus2 für Nordrhein-Westfalen wurden für das Jahr 2015 1,71 Mio. atypisch Beschäftigte ermittelt, das entspricht einem Anteil von 25,4 % der abhängigen Kern-Erwerbstätigen3. 2011 lag dieser Wert noch bei 1,73 Mio. bzw. 26,6 %.

Deutlich höher liegt der Anteil bei den Kern-Erwerbstätigen von 15 bis 25 Jahren: 35,2 % sind hier atypisch beschäftigt. In den übrigen Altersgruppen liegt der Anteil deutlich darunter, am niedrigsten in der Altersgruppe 45 bis unter 55 Jahre mit 23,3 %. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die atypische Beschäftigung insbesondere die Berufseinstiegsphase kennzeichnet.

Atypische Beschäftigung wird zudem überwiegend von Frauen ausgeübt. 2015 waren 71,6 % der atypisch Beschäftigten weiblich. Das sind nur geringfügig weniger als 2011 (72,4 %). Deutlich überrepräsentiert sind die Frauen bei der Teilzeit-Beschäftigung unter 21 Stunden (93,6 %) sowie bei der geringfügigen Beschäftigung (78,4 %). Bei der befristeten Beschäftigung und der Leiharbeit liegen die Frauenanteile deutlich unter den 71,6 % insgesamt.

Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich steigt leicht
 

Zur Bestimmung der Niedriglohnbeschäftigung wird die Definition der OECD zugrunde gelegt, nach der diejenigen Beschäftigten einen Niedriglohn erhalten, deren Bruttomonatseinkommen weniger als zwei Drittel des Medianeinkommens beträgt (Niedriglohnschwelle).

2015 erhielten in NRW 19,0 % der Kern-Beschäftigten einen Niedriglohn. 2012 waren es noch 18,4 % und auch 2014 lag der Anteil mit 18,8 % geringfügig niedriger als 2015. Somit ist der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung trotz Einführung des Mindestlohns zum Jahresbeginn 2015 gestiegen. Dies klingt zunächst überraschend, ist jedoch vor dem Hintergrund der aktuellen Niedriglohnschwelle nachvollziehbar.

So lag für die westdeutschen Bundesländer die Niedriglohnschwelle für sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigte (ohne Auszubildende) zum 31.12.2015 bei 2.146 € monatlichem Bruttoeinkommen. Bei einer 40-Stunden-Woche entspricht dies einem rechnerischen Stundenlohn von 12,38 €4, den Vollzeit-Beschäftigte mindestens erhalten müssten, um über die Niedriglohnschwelle zu kommen. Durch die Einführung des Mindestlohns von 8,50 € und eventuellen Anpassungen geringerer Stundenlöhne bis zur oder über die Mindestlohngrenze war somit keine nennenswerte Reduzierung des Anteils der in Vollzeit tätigen Niedriglohnbeschäftigten zu erwarten.

Eine differenzierte Betrachtung der Entwicklung nach Geschlecht zeigt, dass die Zunahme der Niedriglohnbeschäftigung seit 2012 vor allem auf die der Männer zurückgeht. Bei den Männern stieg sie um 11,6 %, bei den Frauen nur um 0,9 % (vgl. Abb. 2).

GIB_Info_1_2017-37.jpg

    


1 Bellmann, Lutz/Bossler, Mario/Dütsch, Matthias/Gerner, Hans-Dieter/Ohlert, Clemens (2016): Folgen des Mindestlohns in Deutschland. Betriebe reagieren nur selten mit Entlassungen, IAB-Kurzbericht 18/2016, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg, http://doku.iab.de/kurzber/2016/kb1816.pdf

2 Die Ergebnisse des Mikrozensus und der Bundesagentur für Arbeit zur geringfügigen Beschäftigung weichen aufgrund erhebungsmethodischer Unterschiede und konzeptioneller Differenzen voneinander ab.

3 Kern-Erwerbstätige sind nach Definition des Statistischen Bundesamtes Erwerbstätige im Haupterwerbsalter von 15 bis unter 65 Jahren, die sich nicht in Bildung oder Ausbildung befinden. Abhängige Kern-Erwerbstätige umfassen nur abhängig Beschäftigte (Arbeiter, Angestellte und Beamte) ohne Selbstständige und mithelfende Familienangehörige.

4 Die folgende Berechnung liegt zugrunde: ((2.146 € × 12 Monate)/52 Wochen)/40 Wochenstunden = 12,38 €

Literatur

Der Themenbericht „Struktur und Entwicklung der Beschäftigung mit dem Schwerpunkt atypische und Niedriglohnbeschäftigung“ steht auf der Internet-Seite der G.I.B. zum Download zur Verfügung.

Autorin

Verena Schäfer
Tel.: 02041 767119
v.schaefer@gib.nrw.de

 

Artikelaktionen