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(Heft 1/2017)
Aufgaben der Beauftragten für Chancengleichheit in den Jobcentern Wuppertal und Gelsenkirchen

Arbeitsmarktchancen für Alleinerziehende im SGB II

Alleinerziehende sind zu einem hohen Anteil und meist über mehrere Jahre lang im SGB II-Leistungsbezug, bundesweit und auch in NRW. Die Hilfequoten der Alleinerziehenden-Bedarfsgemeinschaften sind in den letzten sieben Jahren hierzulande nur um 1,4 Prozentpunkte zurückgegangen und liegen bei 45,7 %. Nach dem Auslaufen der beiden großen Bundesprogramme für Alleinerziehende, 2012 und 2013, herrschte Funkstille zum Thema. Armutsberichte konstatieren steigende Armutsgefährdung von Alleinerziehenden und ihren Kindern. Vor Ort in NRW sind allerdings viele Jobcenter und auch unterschiedliche ESF-geförderte Projekte aktiv für die Zielgruppe. Ein Lohnhallengespräch der G.I.B. hat das Thema „Arbeitsmarktchancen für Alleinerziehende“ im Januar 2017 aufgegriffen. Vor diesem Hintergrund führte die G.I.B. mit den Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) Monika Maas aus dem Jobcenter Wuppertal und Irene Pawellek aus dem Jobcenter Gelsenkirchen ein Interview.

G.I.B.: Welche Aufgaben haben Sie als Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) in Ihrem Jobcenter?

a_Maas_2016_rz_500.jpgMonika Maas: In Wuppertal steht mir als BCA eine volle Stelle zur Verfügung. Der Fokus liegt auf Alleinerziehenden, auf der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Frauenförderung, aber auch auf Migranten und Migrantinnen sowie geflüchteten Menschen. Wenn Defizite deutlich werden, sind Ideen gefragt, um die Lücken mit geeigneten Maßnahmen zu schließen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit ist eine wichtige Aufgabe. Dazu gehört der große Bereich der Vernetzung.

Im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen immer die Kundinnen und Kunden. Wir müssen unsere Angebote für alle Zielgruppen erreichbar machen.

Pawellek.jpgIrene Pawellek: Auch ich bin Vollzeit-BCA und sehe mich als Dienstleisterin für alle Hierarchiestufen im Jobcenter, aber auch für die anderen am Thema arbeitenden Akteure und Akteurinnen in der Stadt Gelsenkirchen und darüber hinaus.

Im Jobcenter entwickle und begleite ich Projekte, Maßnahmen und Angebote und stehe in komplexen Fällen auch für Beratungen zur Verfügung. Ich arbeite eng mit den verschiedenen Einrichtungen der Stadt zusammen. Für die Realisierung der Chancengleichheit ist die Kinderbetreuung ein zentrales Thema.

G.I.B.: Gibt es in Ihren Jobcentern, außer Ihnen, noch weitere Beschäftigte, die sich gezielt um die Belange von Alleinerziehenden kümmern, vielleicht sogar ein spezielles Team?

Monika Maas: Bei uns gibt es kein Team für Alleinerziehende; das ist übergeordnet mein Thema. Die Betreuung findet in den Teams statt.

Irene Pawellek: Das ist in Gelsenkirchen genauso. Alleinerziehende werden natürlich von unseren persönlichen Ansprechpartnern und -partnerinnen betreut. Die Teams kommen bei Problemen in der Regel auf mich zu. Sie wissen, dass ich für diese Gruppe auf hilfreiche Netzwerke zurückgreifen kann.

G.I.B.: Hätten Sie denn gerne Unterstützung durch ein Team?

Irene Pawellek: Ich finde die derzeitige Lösung gut: Unsere persönlichen Ansprechpartner und -partnerinnen kennen die gesamte Bandbreite der Kundinnen und Kunden und können in Einzelfällen auf mein spezielles Know-how zurückgreifen. Das bedeutet nicht zwingend, dass ich dann auch das Beratungsgespräch mit dem Kunden oder der Kundin führe. Ich bereite die Teams mit meinem entsprechenden Hintergrundwissen aber oft darauf vor.

Monika Maas: Für ein Team für Alleinerziehende sind die Weichen derzeit nicht gut gestellt. Eine interessante Variante könnte darin liegen, bestimmte Aktionen des Jobcenters verstärkt auch für Alleinerziehende zu nutzen: zum Beispiel die Vermittlungsoffensiven, bei denen wir geeignete Personen nach bestimmten Kriterien auswählen und in enger Taktung einladen.

Unser dezentrales Prinzip mit sieben, demnächst acht Geschäftsstellen könnte auch dafür geeignet sein, testweise in vielleicht zwei Geschäftsstellen den Fokus ganz gezielt auf Alleinerziehende zu richten.

G.I.B.: Welche Impulse hat Ihnen das Bundesprogramm „Netzwerke für Alleinerziehende“ für Ihre Arbeit geliefert?

Monika Maas: Das Bundesprogramm hat uns bei der Entwicklung und Weiterentwicklung von geeigneten Maßnahmen sehr geholfen. Wir konnten Lücken und Bedarfe aufdecken und eine Förderkette realisieren. So haben wir zum Beispiel Angebote für Schwangere und für Erziehende in Elternzeit und für danach entwickelt.

G.I.B.: Spielt das ursprünglich vom Bundesprogramm initiierte Netzwerk heute noch eine Rolle?

Monika Maas: Grundsätzlich ja. Das Netzwerk besteht noch, es ist allerdings nicht mehr so aktiv.

Die Bedeutung des Themas steht eigentlich außer Frage. Das Ziel, Nachhaltigkeit zu implementieren, wurde eine Zeitlang erreicht, dann aber durch den Wegfall der Fördergelder gefährdet. Die Probleme der Alleinerziehenden stehen nicht mehr so sehr im Blickpunkt –, obwohl sich die Probleme nicht geändert und die Rahmenbedingungen sich nicht wesentlich verbessert haben.

Irene Pawellek: In Gelsenkirchen haben wir zunächst vom ESF-Bundesprogramm „Gute Arbeit für Alleinerziehende“ profitiert, das schon lief, bevor es die BCA in den Jobcentern überhaupt gab. Später kam das „Netzwerk für Alleinerziehende“ hinzu. Die Erfahrungen und Kontakte aus beiden Projekten waren für uns sehr wertvoll. Mit ihnen konnten wir zum Beispiel die „Infobox für Alleinerziehende“ entwickeln: ein Netzwerk, das noch heute von Bildungseinrichtungen und karitativen Trägern gern genutzt wird. Daraus sind auch Folgeprojekte über andere Finanzierungen entstanden.

Das ESF-Bundesprogramm hat also eine gute Basisarbeit geleistet. Nicht vergessen sollte man das Landesprojekt „Neue Wege NRW“, das für die Kinderbetreuung ein starkes und nachhaltiges Netzwerk aufgebaut hat.
Monika Maas: Auch in Wuppertal haben wir eine bunte Trägerlandschaft und arbeiten mit vielen Bildungseinrichtungen zusammen, die u. a. auf alleinerziehende Frauen fokussiert sind. Das funktioniert seit Jahren gut. Aber der Schwung, der die Projekte in der Förderphase antrieb, ist deutlich abgeebbt. Eine gewisse Ermüdung, auch in der Öffentlichkeit, ist unverkennbar.

G.I.B.: Wie haben sich die Zahlen der Alleinerziehenden im SGB II in den letzten Jahren entwickelt?

Irene Pawellek: Die Zahlen sind recht stabil geblieben. Im Januar 2008 bezogen in Gelsenkirchen 3.500 Alleinerziehende Leistungen nach dem SGB II, im April 2016 waren es gerade einmal 300 mehr. Die Schwankungen sind also gering, die Personen wechseln nur ständig. Einige Alleinerziehende bleiben auch längerfristig im Leistungsbezug, wechseln aber den Familienstand.

Monika Maas: In Wuppertal leben derzeit etwa 8.900 Alleinerziehende, von ihnen befindet sich gut die Hälfte im Leistungsbezug. Deren Zahl hat sich in den letzten Jahren bei 4.500 bis 4.600 eingependelt. Die Männerquote unter den Alleinerziehenden ist übrigens auf über zehn Prozent gestiegen.

Der auf den ersten Blick recht statische Eindruck täuscht. Wie schon gesagt, gibt es unter den Alleinerziehenden im SGB II-Bezug eine Fluktuation, wir integrieren Alleinerziehende in Arbeit und Ausbildung. Die Personen wechseln, die Problematik bleibt.

G.I.B.: Lässt sich daraus schließen, dass ein beachtlicher Teil der Alleinerziehenden mobil und somit vermittelbar ist?

Irene Pawellek: Der Mobilitätsaspekt spielt eher eine untergeordnete Rolle. Größere Erfolge erzielen wir mit unseren zielgruppengerechten Angeboten für die Qualifizierung, die Umschulung und die Vermittlung in eine neue Arbeitsstelle. Auch der Wechsel des Beziehungsstatus hat beachtliche Auswirkungen: Wer als Alleinerziehende zu uns kommt, später heiratet und dann aus dem Leistungsbezug fällt, wird in der Statis­tik für Alleinerziehende nicht mehr erfasst.

Monika Maas: Nach der für 2015 vorliegenden Statis­tik bleiben knapp 45 Prozent der Alleinerziehenden in Wuppertal länger als vier Jahre im Leistungsbezug. Diese Verweildauer erscheint zwar auf den ers­ten Blick recht lang. Sie ist aber kürzer als bei den Bedarfsgemeinschaften ohne Kinder (ca. 50 Prozent) und als bei den Single-Haushalten (ca. 46 Prozent). Das ist bemerkenswert, vor allem, wenn man die schwierigen Rahmenbedingungen für Alleinerziehende berücksichtigt.

G.I.B.: Die Angebote für Kinderbetreuung haben sich in den Städten und Gemeinden verbessert, scheinen jedoch noch immer nicht flächendeckend ausreichend zu sein. Sehen Sie dennoch auch positive Entwicklungen speziell für die Zielgruppe der Alleinerziehenden?

Irene Pawellek: Auf jeden Fall. Unser Ziel ist klar formuliert: Integration darf nicht daran scheitern, dass ein Kind keinen Betreuungsplatz erhält. Das haben wir in Gelsenkirchen zum Glück bislang immer geschafft.
Die Zahl der Kindergartenplätze wurde bei uns sukzessive ausgebaut. Unsere enge Kooperation mit dem Träger der Kindertagesbetreuung ist sehr erfolgreich. In Gelsenkirchen gibt es Kinderbetreuung um sechs Uhr morgens und um acht Uhr abends. Wir haben auch einen Kindergarten, der samstags geöffnet ist. Die Dichte an Kindergärten ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – sehr hoch. Eltern und Kinder müssen in der Regel keine weiten Wege zurücklegen.

Bis zum sechsten Lebensjahr ist die Welt von Kindern und Eltern, auch der Alleinerziehenden, bei uns weitgehend in Ordnung. Schwieriger wird es dann ab dem Grundschulalter.

Monika Maas: Die Probleme im Grundschulalter sind vermutlich landesweit ausgeprägt. Das liegt auch daran, dass es für Grundschulkinder noch keinen Rechtsanspruch auf Betreuung gibt.

In Wuppertal werden aber auch Betreuungsplätze in Kindertagesstätten noch permanent ausgebaut. Problematisch ist die Lage bei den unter 3-Jährigen. In dieser Altersklasse liegen wir im NRW-Vergleich leider weit hinten. Tageseltern können die Betreuung übernehmen; das ist aber zu bestimmten Zeiten auch schwierig. Morgens um sechs oder abends um 20 Uhr sind unsere Einrichtungen nicht geöffnet. Ich bin gespannt, wie sich die notwendige Flexibilisierung der Öffnungs- und Betreuungszeiten in Zukunft entwickelt.

Diese Schwierigkeiten haben weitreichende Auswirkungen. Wenn wir für Alleinerziehende eine Stelle suchen, müssen wir immer darauf achten, dass die Arbeitszeiten passen. Oft sind individuelle Regelungen notwendig. Das ist ein Dauerthema. In dieser Frage sind auch die Arbeitgeber in der Pflicht. Sie müssen sich öffnen und mehr flexible Lösungen nicht nur für ihre schon beschäftigten, sondern auch für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaffen. Der Schritt ins Unternehmen ist immer am schwierigsten.

G.I.B.: Bestimmte Branchen mit sehr ungünstigen Arbeitszeitmodellen haben große Not, geeignetes Personal zu finden: zum Beispiel das Hotel- und Gaststättengewerbe. Gibt es seitens dieser Branchen Bemühungen, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren?

Irene Pawellek: Der DEHOGA-Verband in Gelsenkirchen hat das Problem aktuell aufgegriffen und eine Veranstaltung für Arbeitgeber zum Thema Teilzeit-Berufsausbildung initiiert – nach dem Motto: „Wenn Ihr gute Mitarbeiter wollt und es sich dabei um Eltern handelt, müsst Ihr ihnen etwas anbieten!“

Monika Maas: Bei uns existiert für die Teilzeit-Berufsausbildung ein bergisches Netzwerk, bei dem u. a. die Kreishandwerkerschaft mitwirkt. Aber auch hier gilt: Die Bereitschaft ist groß, die Umsetzung oft schwierig.

G.I.B.: Kommen wir auf Ihre konkreten Angebote vor Ort zu sprechen: Welche Maßnahmen, Projekte und Förderangebote gibt es aktuell in Gelsenkirchen für Alleinerziehende und wie haben sie sich entwickelt?

Irene Pawellek: Unsere Förderkette ist im Laufe der Zeit differenzierter und ausbalancierter geworden. Sie beginnt schon während der Schwangerschaft und begleitet die Frau in jeder Familienphase mit passenden Angeboten. Besonders junge schwangere Frauen sind oft mit der Situation überfordert. Ihnen stehen wir in dieser schwierigen emotionalen Lage zur Seite und zeigen ihnen konkrete Lösungswege und eine berufliche Perspektive auf.

Für Alleinerziehende mit Kindern unter drei Jahren ist das Projekt „Frühstart“ interessant. Hier geht es darum, einen Plan zu entwickeln: für die Betreuung des Kindes, aber auch für den eigenen künftigen Berufsweg. Im Mittelpunkt stehen Fragen wie: Brauche ich eine Ausbildung, eine Weiterbildung, ein Praktikum? Wann, wie und wo kann ich in den Beruf starten?“ Dieses Projekt läuft bei uns seit mehr als sechs Jahren mit großem Erfolg und wurde von anderen Städten wie Krefeld und Recklinghausen übernommen. Es gibt sogar eine Warteliste für Teilnehmerinnen.

Für Eltern mit Kindern über drei Jahren haben wir verschiedene Angebote im Portfolio, die je nach Betreuungssituation variieren. Sie finden bei unterschiedlichen Trägern immer in Teilzeit und möglichst zu flexiblen Zeiten und mit Kinderbetreuung in den Ferien statt.

Ein spannendes Projekt ist die „Perspektive Wiedereinstieg“: eine reine Coachingmaßnahme, die AVGS-gefördert ist und die Rechtskreise des SGB II und SGB III vereint. Hier kooperieren wir eng mit der Agentur für Arbeit. Zielgruppe sind Frauen, deren Kinder schon eine weiterführende Schule besuchen oder deren Kinderbetreuung früh gesichert ist. Die hohe Vermittlungsquote in den ersten Arbeitsmarkt zeigt, dass wir mit unserer „Gelsenkirchener Variante“ des ursprünglichen Bundesprogramms richtig liegen.

Wichtig ist: Alle unsere Angebote sind individuell auf die jeweilige Person zugeschnitten. Dabei berücksichtigen wir den Ausbildungsstand und die Berufserfahrung genauso wie die Sprachkenntnisse. Eine junge Frau ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung, vielleicht noch mit Zuwanderungsgeschichte, hat ganz andere Voraussetzungen und Erwartungen als eine 35-jährige Mutter mit zehn Jahren Berufserfahrung.

G.I.B.: In Gelsenkirchen leben sehr viele Frauen mit türkischem Migrationshintergrund. Was bieten Sie ihnen an?

Irene Pawellek: Frauen mit türkischem Migrationshintergrund, die schon seit längerer Zeit bei uns leben und trotzdem nur über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügen, sprechen wir gezielt mit Projekten an, die türkische Namen wie „Meryem“ („Maria“) tragen.

Diese Frauen lernen bei uns nicht nur Deutsch. Sie entdecken gleichzeitig ihre Potenziale und erhalten viele Informationen über den Bildungs- und Ausbildungsmarkt, die auch für ihre Kinder nützlich sind. Wir zeigen den Frauen, wo und wie sie etwas leisten können. Arbeitgeber stellen ihre Jobs vor. In den Projekten wird zum Teil Türkisch, mit zunehmender Projektdauer jedoch immer mehr Deutsch gesprochen.

Die meisten Frauen sind sehr offen für diese Angebote. Das hat uns überrascht. Die Frauen fühlen sich von uns ernst genommen und sind begeistert bei der Sache.

G.I.B.: Frühere Bemühungen zur Erreichung dieser Zielgruppe waren nicht so erfolgreich. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Irene Pawellek: Es ist vor allem die Art der Ansprache in Kombination mit der individuellen Betreuung. Die kleineren Projekte von heute ermöglichen eine intensivere Betreuung und Unterstützung der Teilnehmerinnen als früher. Wir haben in Gelsenkirchen vor etwa acht Jahren mit der „Schalker Nachbarschaft“ auf freiwilliger Basis ein sehr niederschwelliges Projekt für diese Zielgruppe initiiert. Dabei haben wir eine wichtige Erfahrung gemacht: Wir sind dann erfolgreich, wenn wir die Frauen dort abholen, wo sie stehen, wenn wir ihnen nichts aufzwingen und wenn wir auf Augenhöhe miteinander sprechen. Von dieser Erkenntnis profitieren wir in unseren neuen Modell-Projekten.

G.I.B.: In Wuppertal sind die Probleme auf dem Arbeitsmarkt ähnlich: Der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund im SGB II-Bezug ist hoch bzw. steigend. Verfolgen Sie eine ähnliche Strategie wie in Gelsenkirchen?

Monika Maas: Grundsätzlich verfolgen wir das Ziel, dass wir keine besonderen Projekte benötigen. Wir möchten unsere Angebote so zur Verfügung stellen, dass sie von allen genutzt werden können. Aber es gibt natürlich Zielgruppen, auf die wir ein besonderes Ausgenmerk richten müssen. Dazu zählen vor allem Alleinerziehende, unter 25-Jährige, Migranten und Migrantinnen und geflüchtete Menschen.

Unsere Angebote für Alleinerziehende starten – genau wie in Gelsenkirchen – während der Schwangerschaft. Schon in dieser Phase müssen wir die Frauen aktivieren und ihnen klarmachen: Die Schwangerschaft ist nicht das Ende des Berufslebens!

Die weitere Förderkette hat sich aus dem Netzwerk für Alleinerziehende entwickelt: Wenn ein Kind jünger als vier Jahre ist und sich noch nicht in der Regelbetreuung befindet, kann es in Maßnahmen schon niederschwellig betreut werden. Wenn die Mutter erkennt, dass das gut funktioniert, bereitet sie sich gleichzeitig in aller Ruhe im „Zentrum für Erziehende“ auf das Berufsleben vor.

Im jobcentereigenen Maßnahmebetrieb „Zentrum für Erziehende“ entwickeln die Teilnehmenden eine tragfähige berufliche Perspektive, erhalten umfassende Informationen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie konkrete Lösungsansätze zur Kinderbetreuung. Für viele (Allein-)Erziehende mit jüngeren Kindern ist die (Wieder-)Aufnahme einer Berufstätigkeit wegen ungünstiger Betreuungszeiten, eingeschränkter Mobilität und fehlender beruflicher Perspektive eine Herausforderung. Daher gibt diese Maßnahme Hilfestellungen, um einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu erhalten. Der Ansatz der frühen Aktivierung führt dazu, dass gedanklich und konkret der (Wieder-)Einstieg in das Erwerbsleben bereits während der Elternzeit vorbereitet wird.

Später bieten wir viele Fördervarianten an: zum Beispiel für Mütter mit Migrationshintergrund und für Frauen über 40 und ohne Berufserfahrungen. Ein anderes Projekt bereitet alleinerziehende Mütter auf eine Teilzeitausbildung vor. Wir haben auch eine Maßnahme, an der alleinerziehende Väter teilnehmen – das ist unter dem Aspekt der Chancengleichheit wichtig. Das oberste Ziel ist immer die Vermittlung in Arbeit. Die Zeiten der Teilnahme sind gestaffelt. Die Tendenz geht dahin, die Stundenzahl sukzessive in Richtung Vollzeit zu steigern.

G.I.B.: Partizipiert die Zielgruppe der Alleinerziehenden am allgemeinen Aufschwung am Arbeitsmarkt? Wenn ja, welchen Einfluss haben Ihre Angebote an einer stärkeren Arbeitsmarktpartizipation der Alleinerziehenden?

Monika Maas: Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen. Aber am allgemeinen Anstieg der Integrationsquote in Wuppertal haben unsere vielen Angebote und Maßnahmen für Alleinerziehende auf jeden Fall einen beachtlichen Anteil.

Irene Pawellek: In Gelsenkirchen ist die Integrationsquote gar nicht allgemein, wohl aber bei den Frauen gestiegen. Es nehmen auch zunehmend Frauen an einer Fortbildung oder Umschulung teil. Am Ende einer solchen Maßnahme steht nicht automatisch die Integration. Aber dafür hat die Frau einen Schulabschuss nachgeholt oder sich auf andere Weise höher qualifiziert und ihre Perspektive verbessert, was nur durch eine entsprechende Unterstützung möglich war.

Bei Alleinerziehenden dauert der Weg bis zur Integration oft länger. Eine Kundin, die heute an der Maßnahme „Frühstart“ teilnimmt, zählt zu den Integrierten von übermorgen. Auffällig ist: Eine Frau behält eine neue Stelle im Schnitt länger als ein Mann. Die Nachhaltigkeit der Integration ist bei Frauen größer, auch bei den Alleinerziehenden. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass eine Frau vor der Berufsaufnahme intensiver darüber nachdenkt, was sie leisten kann und welche Stelle wirklich zu ihr passt.

Monika Maas: In Wuppertal ist auffällig, dass überdurchschnittlich viele Alleinerziehende im Leistungsbezug stehen, obwohl sie arbeiten. Meistens sind schlechte Verdienstmöglichkeiten daran schuld und/oder Teilzeittätigkeit. Alleinerziehende gehen oft Minijobs nach, bei denen der Grat zwischen Chance und Bremse schmal ist. Es gibt aber natürlich auch in dieser Gruppe gut ausgebildete Frauen und Männer, die nur für eine kurze Zeit Sozialleistungen beziehen.

G.I.B.: Vielleicht als Zwischenfazit: Welche Wirkfaktoren halten Sie für besonders hilfreich und Erfolg versprechend bei der Integration von Alleinerziehenden?

Monika Maas: Ein ganz entscheidender Faktor ist die Kinderbetreuung. Deren weiterer Ausbau ist eine wichtige Aufgabe des jeweiligen Trägers. Eine bessere Kinderbetreuung gibt den Alleinerziehenden mehr Zeit.

Genauso wichtig sind gute und persönliche Verbindungen zu den Arbeitgebern, die geeignete Arbeits- und Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen müssen. Der erste wichtige Schritt für Alleinerziehende besteht dann darin, einen Fuß in die Tür des potenziellen neuen Unternehmens zu bekommen. Im zweiten Schritt folgt die Frage der Präsentation, die neben der Qualifikation für die Einstellung entscheidend ist.

Irene Pawellek: In Gelsenkirchen organisieren wir mindestens einmal im Jahr eine Veranstaltung zum Thema „Jobs für Eltern“. Dann stellen ausgewählte Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sowie Bildungsträger geeignete Arbeitsplätze bzw. dazu passende Qualifizierungsmaßnahmen vor.

An unserer letzten Veranstaltung im September 2016 haben rund 350 von 500 eingeladenen Kundinnen und auch Kunden teilgenommen. Dabei wurden viele konkrete Gespräche geführt und sogar Praktika und Vorstellungstermine vereinbart. Auch diese Veranstaltung hat gezeigt: Mit einem interessanten Angebot kommt eine Menge in Bewegung. Wenn man die Frauen richtig anspricht und die Hürden nicht zu hoch legt, trauen sich die Alleinerziehenden auch etwas zu und zeigen das nötige Engagement, um erfolgreich zu sein.

Monika Maas: Ganz wichtig ist es, die Frauen nach der Aufnahme einer neuen Arbeit oder nach dem Ausbildungsstart weiter zu betreuen. In dieser Phase verändern sich viele Dinge und es können Probleme auftauchen, an die man vorher gar nicht gedacht hat. Die Nachbetreuung ist seit der letzten SGB II-Änderung seit dem 1. August 2016 möglich. Von dieser Option sollte man auf jeden Fall Gebrauch machen.

G.I.B.: Kommen wir auf die Finanzen zu sprechen: Wie spiegeln sich Ihre Strategien für Alleinerziehende in den letzten Jahren im Eingliederungstitel des Jobcenters wider?

Monika Maas: Die deutliche Zunahme an geeigneten Fördermaßnahmen hat auch zu einer entsprechenden Steigerung der finanziellen Mittel geführt.

Irene Pawellek: Das gilt für Gelsenkirchen genauso.

G.I.B.: Welchen Stellenwert haben Alleinerziehende in der Geschäftspolitik in den Jobcentern Wuppertal und Gelsenkirchen?

Irene Pawellek: Wir arbeiten hier für eine wichtige Personengruppe, die modifizierte Angebote benötigt. Wir müssen die Alleinerziehenden unterstützen und nehmen dafür das notwendige Geld in die Hand.
Monika Maas: Das ist in Wuppertal genauso und wird von unserem Vorstand ausdrücklich unterstützt. Wichtig ist es, den Unternehmensservice – anderswo heißt er Arbeitgeberservice – in die strategische Arbeit zu integrieren und für die Problemlagen der Alleinerziehenden zu sensibilisieren.

G.I.B.: Abschließend: Wie bewerten Sie die aktuelle Situation der Alleinerziehenden und was wünschen Sie sich für die Zielgruppe in der Zukunft?

Monika Maas: Positiv sind die vielen hilfreichen Maßnahmen und Angebote, die wir für die Zielgruppe entwickelt haben. In Zukunft werden wir ein weiteres Augenmerk auf geflüchtete Frauen richten. Bedenklich ist aber, dass Alleinerziehende oft immer noch als defizitär und mit Makeln behaftet betrachtet werden. Deshalb wünsche ich mir, dass unsere Gesellschaft Alleinerziehenden mit mehr Offenheit und weniger Vorurteilen begegnet.

Irene Pawellek: Auch in Gelsenkirchen haben wir die Angebote für Alleinerziehende in den letzten Jahren deutlich verbessert. Das ist ein fortlaufender Prozess. Fortschritte wünsche ich mir vor allem bei der Betreuung von Schulkindern. Erfreulicherweise beobachten wir, dass Unternehmen sich endlich in kleinen Schritten öffnen und flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten. Hier ist aber noch deutlich Luft nach oben.


Funktion der Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA)

Seit 1998 wird die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Prinzip in den Zielen des Arbeitsförderungsrechts (§§ 1 und 8 SGB III) durch die Funktion der Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) bei den Agenturen für Arbeit unterstützt. Seit 2011 gibt es diese hauptamtlichen Strukturen der BCA auch bei den Jobcentern für die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (§§ 1 und 18e SGB II). Im Unterschied zur Kollegin in der Agentur für Arbeit beraten die Jobcenter-BCA auch direkt und nicht nur über Informationsveranstaltungen. Vor allem die fachliche Unterstützung der Kollegeninnen und Kollegen, die Mitarbeit am örtlichen Arbeitsmarkt- und Integrationsprogramm und die Vertretung in Gremien gehören mit zu den Aufgaben der BCA. Die Themen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinderbetreuung, Pflege Angehöriger, Berufsrückkehrende und Alleinerziehende sowie Migrantinnen/Migranten adäquat zu unterstützen, sind ihre fachlichen Felder.

Das Interview führten

Karin Linde
Tel.: 02041 767257
k.linde@gib.nrw.de

Oliver Schweer
Tel.: 02041 767252
o.schweer@gib.nrw.de

Kontakte

Jobcenter Wuppertal AöR
Bachstelze 2
42277 Wuppertal
Monika Maas
Tel.: 0202 74763901
monika.maas@jobcenter.wuppertal.de

Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen –
das Jobcenter
Ahstr. 22
45879 Gelsenkirchen
Irene Pawellek
Tel.: 0209 60509521
irene.pawellek@jobcenter-ge.de

Weitere Infos

Das G.I.B.-Lohnhallengespräch „Arbeitsmarktchancen für Alleinerziehende“ ist auf den Internetseiten des MAIS und der G.I.B. dokumentiert: https://www.mais.nrw/lohnhallengespraech_alleinerziehende und zum anderen auf der Internetseite „Beruf und Familie“ der G.I.B.: http://www.gib.nrw.de/themen/wege-der-arbeit/beruf-und-familie/daten-und-berichte

Zu den beiden ESF-Bundesprogrammen „Gute Arbeit für Alleinerziehende“ und „Netzwerke wirksamer Hilfen für Alleinerziehende“ stehen auch noch einige Jahre nach Auslaufen der Förderung Informationen im Internet zur Verfügung.

Zum ESF-Bundesprogramm „Gute Arbeit für Alleinerziehende“ finden Sie diese unter http://www.gute-arbeit-alleinerziehende.de/
Informationen zum ESF-Bundesprogramm „Netzwerke wirksamer Hilfen für Alleinerziehende“ finden Sie unter
https://www.gsub.de/projekte/archiv/netzwerke-wirksamer-hilfen-fuer-alleinerziehende/
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