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(Heft 1/2017)
Interview mit Prof. Dr. habil. Detlef Aufderheide, School of International Business an der Hochschule Bremen

„Schwarzarbeit: Wandel im Handeln beginnt als Wandel im Denken“

Prof. Dr. habil. Detlef Aufderheide ist Inhaber der Professur für Wirtschaftsethik und strategisches Management an der SiB School of International Business an der Hochschule Bremen. Professor Aufderheide ist Autor und (Mit-)Herausgeber zahlreicher Publikationen zur Wirtschafts- und Unternehmensethik sowie zur neuen Institutionenökonomik und Ordnungspolitik. Er berät unter anderem Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen in wirtschafts- und unternehmensethischen Fragen und ist im Bereich der Erwachsenenbildung und der Lehrerausbildung tätig.

G.I.B.: Herr Prof. Aufderheide, welche Bedeutung haben Wirtschaftsethik und Moralökonomik im modernen Wirtschaftsleben?

Prof. Detlef Aufderheide: In der Wirtschaftsethik als Teilgebiet der Ethik geht es um ethische Dilemmata im Wirtschaftsleben, vor allem um Konflikte zwischen dem Motiv der Gewinnerzielung einerseits und der Einhaltung ethischer Normen andererseits, die im Wirtschaftsleben nicht immer zur Deckung kommen. Also stellt sich die Frage: Unter welchen Bedingungen kann es in einer Marktwirtschaft, die auf den Eigennutz des Einzelnen setzt, gelingen, dass sich Menschen auch an die ethischen Spielregeln halten? Hier können die Wirtschaftsethik und ihre Schwester, die Moral­ökonomik, wertvolle Hilfestellungen geben.

Die typische Leitfrage der Wirtschaftsethik lautet, vereinfacht gesagt und in Anlehnung an Immanuel Kant: „Was sollen wir tun?“. Die Moralökonomik wiederum kann uns bei der Suche nach gut begründeten Antworten sehr helfen, denn ihre typische Leitfrage ist: „Was können wir tun?“ Als ökonomische Theorie der Moral wendet sie ökonomische Analysemethoden auf moralische Fragestellungen wie etwa ethische Dilemmata im Kontext von Schwarzarbeit an. Sie untersucht Wert- und Interessenkonflikte, indem sie mögliche Folgen und Nebenfolgen von ethisch motivierten Vorhaben aufdeckt, verfügbare Alternativen aufzeigt und uns besser zu erkennen hilft, unter welchen Bedingungen wir das erreichen können – und in der Entscheidungssituation auch wollen –, was wir sollen. Wirtschaftsethik und Moralökonomik befassen sich also mit dem Wechselspiel von Sollen, Wollen und Können.

Dabei geht es auch um die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen als Organisationen, also nicht von Unternehmern oder Unternehmerinnen. Damit stellt sich zunächst die Frage, ob Organisationen überhaupt Verantwortung haben können oder nur Menschen. Das aktuelle Stichwort lautet „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Das, was wir heute in Anlehnung an eine ursprünglich anglo-amerikanische Initiative CSR nennen, haben gut geführte Familienunternehmen in Deutschland immer schon gelebt, ohne dass es großer Worte bedurft hätte. Auch hier sind nicht immer Heilige am Werk, aber sie sind lange nicht so anonym wie viele große Aktiengesellschaften. Das bietet besondere Möglichkeiten der Kommunikation und des Vorlebens von Werten, die für andere Unternehmen beispielhaft sein können.

Unternehmen sind durch Gesetze und weitere Vorgaben auch in der EU zunehmend zur Berichterstattung angehalten. Hier geht es um die Nachhaltigkeit ihres Handelns sowie um ethisch relevante Fragen zu den Arbeitsbedingungen, zur Entlohnung sowie zu ihrer gesamten Wertschöpfungskette bis hin zu den Menschen in Asien und Afrika, die unter teils schlimmen Bedingungen für westliche Unternehmen Textilien und andere Güter produzieren. Im Zentrum von CSR steht jedoch aus wirtschaftsethischer Sicht nicht der Bericht als solcher, sondern die Sicherstellung von Glaubwürdigkeit. Der Prüfstein für CSR-Aktivitäten lautet daher: Tun Unternehmen das, was sie sagen, und sagen sie das, was sie tun?

G.I.B.: Gibt es einen Widerspruch zwischen dem ökonomischen Leitspruch der Gewinnmaximierung und dem ethischen Anspruch, dass Wirtschaft für Menschen da sein soll und nicht der Mensch für die Wirtschaft?

Prof. Detlef Aufderheide: Der ausschließlich „egoistisch“ denkende Akteur – der Homo oeconomicus –, der nach Nutzen- und Gewinnmaximierung strebt, ist in Wahrheit eine Erfindung der mathematischen Ökonomik. Das war für sich genommen keine schlechte Idee, denn wer die überaus komplexen wirtschaftlichen Probleme besser durchschauen will, muss vereinfachen, muss reduzieren. Dadurch wird die Unternehmung in der Formelwelt der mathematischen Ökonomik eine Entscheidungseinheit, die eine Zielfunktion unter Nebenbedingungen maximiert. Doch anschließend kommt es darauf an, diese Vereinfachungen wieder in die Wirklichkeit zurückzuübersetzen.

Mathematische, also reduzierte und rigoros formulierte Modelle, sind durchaus sinnvoll, weil wir mit ihrer Hilfe Zusammenhänge auf Märkten und das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage besser erkennen können, was uns angesichts der Komplexität der Wirklichkeit aus dem Blick geriete. Ohne diese Vereinfachung würden wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Da sich die Modellwelt der Mathematik aber auf einige wesentliche Zusammenhänge reduziert und dafür andere wesentliche Aspekte ausblendet, müssen wir aufpassen, das Modell nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Es braucht also zwei Übersetzungsleis­tungen: Erstens die vom wirtschaftlichen und ethischen Problem in die Welt der Mathematik, und zweitens die Rückübersetzung der über mathematische Modelle generierten Ergebnisse in die Wirklichkeit – und daran hapert es manchmal leider.

Bezogen auf Ihre Frage heißt das: Im reduzierten mathematischen Modell zum Thema Gewinnmaximierung lernen wir viel über das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, aber leider nichts über Ethik. So ist der gnadenlose Gewinnmaximierer aus der Modellwelt eine extrem vereinfachte Version der Wirklichkeit, und wir müssen aufpassen, dass wir das Modell nicht mit der Wirklichkeit verwechseln: Anders als manche Ökonomen meinen, ist der reale Akteur in Wert- und Entscheidungskonflikten ja ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Schwächen und Stärken, hellen und dunklen Seiten.

Das heißt: In der Realität gehen wir nicht permanent ans Maximum, um noch den letzten Rest vom Allerbesten herauszuquetschen. Wir sollten also keine falschen Schlüsse aus dem Modell ziehen und meinen, nur weil man sich wie ein Homo oeconomicus benehmen kann, müsste man es auch sollen, weil der Markt angeblich verlangt, dass man sich so verhält – Stichwort „Sachzwang“. Aber das ist eine Verirrung der Gedanken, wie sie in der marktnaiven Euphorie der sogenannten „neoliberalen“ 1990er Jahre bis zur Finanzkrise weit verbreitet war.

Noch heute findet sich das Missverständnis zu meinen, Marktwirtschaft bedeute, sich ohne Rücksicht auf andere so viel wie möglich in die eigenen Taschen zu stecken. Marktwirtschaft würde demnach bedeuten, dass man jeden Einzelnen einfach nur machen lasse, was für ihn gut ist, und dann werde schon alles gut. Fälschlicherweise hat man sich dabei ausgerechnet auf den Urvater der modernen Ökonomik bezogen, auf Adam Smith. Tatsächlich aber hat Smith, der von Haus aus übrigens Moralphilosoph war, die Idee der Verfolgung des Eigeninteresses immer unter einem Vorbehalt gesehen. Dieser besagt, dass starke, also auch durchgesetzte Regeln den Menschen so leiten, dass derjenige, der hohe Gewinne erzielt, zugleich den anderen Beteiligten Gutes tut, also den Kunden, Lieferanten oder Mitarbeitenden. Mit anderen Worten: Es wird vom Einzelnen erwartet, dass er – in der Sprache des 21. Jahrhunderts – Win-Win spielt und dass jeder mit Verlust bestraft wird, der eine schlechte Produktqualität liefert oder mit den eigenen Beschäftigten nicht anständig umgeht.

Zusätzliche Orientierung bieten hier verantwortungsbewusste mittelständische Unternehmer, die schon immer wussten, dass sie gut beraten sind, wenn bei eigenem Erfolg gleichzeitig auch noch ihre Kunden und Lieferanten profitieren. Diese uralte Erkenntnis ist hochmodern und wichtig für die Entwicklung ethischer Mindeststandards. Dabei ist zu bedenken: Gewinne von Unternehmen sind durchaus legitim. Die Möglichkeit, Gewinne zu erzielen und besser zu sein als Konkurrenten im Wettbewerb, spornt die Menschen an und kann enorm dazu beitragen, die Qualität von Produkten und Dienstleistungen zu verbessern. Das ist ethisch hoch erwünscht, denken Sie nur an die gewaltigen Fortschritte der Medizintechnik in den letzten zweihundert Jahren. Aber Gewinne sind nur so lange legitim, wie sie auch Vorteile für Kunden, Lieferanten und Mitarbeitende generieren und etwa die Natur nicht über Gebühr in Anspruch nehmen.

Ihre Frage ist also leicht zu beantworten: Natürlich gilt, dass die Wirtschaft dem Menschen zu dienen hat –, was denn sonst? Wer wie bei der Schwarzarbeit, bei untertariflicher Entlohnung oder mit miserablen Arbeitsbedingungen seine Gewinne ohne Rücksicht auf Verluste Dritter maximiert, handelt nicht marktwirtschaftlich, sondern unmarktwirtschaftlich. Das ist das Gegenteil von Marktwirtschaft, das ist Ausbeutung. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es sich bei Schwarzarbeit oder Korruption nicht um ein Armutsphänomen handelt, sondern dass auch wirtschaftlich sehr gut gestellte Führungskräfte von Aktiengesellschaften in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Gier scheint schichtenunabhängig etwas Menschliches zu sein, dem wir klug oder weniger klug begegnen können.

G.I.B.: Ist aber unter diesen Prämissen nicht sogar Schwarzarbeit als Win-Win zu bewerten, weil sie denjenigen, die sie ausüben, und denen, die sie in Auftrag geben, einen Gewinn beschert?

Prof. Detlef Aufderheide: Hier gibt es ein Paradox zwischen Binnen- und Außensicht. In der Binnensicht schließen die beiden an Schwarzarbeit Beteiligten, der Kunde und der Handwerker zum Beispiel, einen wechselseitig vorteilhaften Deal, denn sie „sparen“ – sprich hinterziehen – Steuern: der eine Umsatz-, der andere zum Beispiel Einkommensteuer. In einem analytischen Einfachmodell handelt es sich um „marktwirtschaftliche“ Leistung und Gegenleistung, also Win-Win. Bei näherer Betrachtung aber ist Schwarzarbeit, ähnlich übrigens wie Korruption, ein Verbrechen – nur eben eines ohne sichtbares Opfer.

Ein ebenfalls analytisches, aber wirtschaftsethisches und moralökonomisches Modell deckt dies auf. Es lenkt den Blick von den beiden Beteiligten auf einen Dritten, den Betroffenen, und das ist die Gemeinschaft aller Steuerzahler. In der Sprache des Modells ist sie der Prinzipal, während der Kunde als Klient und der Handwerker als Agent fungiert. Doch der Handwerker ist nicht nur seinem Kunden gegenüber verpflichtet, eine ordentliche Handwerksleistung zu erbringen, sondern er ist zugleich verpflichtet, einen Teil seines Erfolgs in Form von Steuern an die Gemeinschaft weiterzugeben, damit sie wichtige gemeinschaftliche Aufgaben wie Straßen, Schulen und Krankenhäuser finanzieren kann, die auch der Klient und der Agent gerne in Anspruch nehmen.

Das heißt: Bei Schwarzarbeit schließen zwei Akteure einen wechselseitig vorteilhaften Deal, der zulasten Dritter, der Gemeinschaft, geht. Über Schwarzarbeit Steuern zu „sparen“ erscheint einzelwirtschaftlich hoch rational, ist kollektiv aber massiv schädlich. Das ist hochgradig unethisch und asozial, denn am Ende ist es gar nicht Win-Win, sondern, ebenfalls im modernen Denglisch, Win-Lose, und weil der Staat aufgrund der durch Schwarzarbeit bedingten Mindereinnahmen unnötig höhere Steuersätze verlangen muss, um die öffentliche Infrastruktur bauen zu können, ist es sogar Lose-Lose, also auch für die Beteiligten von Schwarzarbeit auf lange Sicht nachteilig. Dennoch haben die an Schwarzarbeit Beteiligten meist ein gering ausgeprägtes Schuldgefühl, es wird schnell die Haltung eingenommen: „Wenn ich brav meine Steuern zahle und andere mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, bin ich im Nachteil.“

Die Strategie, bei Ausschreibungen mit zum Beispiel über Dumpinglöhne oder Schwarzarbeit zustande kommenden Niedrigpreisen Aufträge zu generieren, sehen manche Unternehmen als Selbstschutz an, weil davon ihr ökonomisches Überleben abhängt oder sie ohne den Auftrag vielleicht einen Teil ihres Personals entlassen müssen – für einige der Unternehmen eine echte Konfliktsituation. Wir haben also wirtschafts­ethisch und moralökonomisch gesprochen das Phänomen: Der Ehrliche ist der Dumme.

G.I.B.: Ist das nicht, zumindest aus Binnensicht, eine Entschuldigung oder gar Rechtfertigung für Schwarzarbeit?

Prof. Detlef Aufderheide: Das ist in der Tat das große Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Einen Ausweg bietet ein anderes wirtschaftsethisches Modell an, das man mit einer Metapher aus dem Sport veranschaulichen kann. Wie im Sport gibt es auch im Wirtschaftsleben Spielregeln, die wir uns gegeben haben, und Spielzüge. Wenn die Spielregeln geändert werden, passen wir unser Spielverhalten oder unsere Spielzüge an. Im laufenden Spiel haben wir konfligierende Interessen gegen den Mitbewerber, haben „Win-Lose“ im Wettbewerb: Im laufenden Spiel möchten wir gewinnen, das sind unsere Handlungsinteressen. Zugleich haben wir aber alle ein gemeinsames Interesse zum Beispiel an einem anständigen Betrieb, an einer gut ausgebauten und funktionierenden Infrastruktur und daran, dass der Bessere gewinnt und nicht der Rücksichtslose. Das sind unsere Regelinteressen.

Es ist daher sinnvoll, Handlungsinteressen von Regel­interessen zu unterscheiden. Denn obwohl es Konflikte im laufenden Spiel gibt, können wir uns daran erinnern, dass wir gemeinsame Regelinteressen haben. Damit sind wir bei der Schwarzarbeit. Wir alle könnten bereit sein, uns an die Regeln zu halten und auf Schwarzarbeit zu verzichten. Aber es fällt uns viel leichter, uns an die Regeln zu halten, wenn durch starke Regeln und aufmerksame Schiedsrichter weitgehend sichergestellt ist, dass auch die anderen die Regeln einhalten. Doch auch – und hier kommt die Ethik des Einzelnen ins Spiel – wenn die Regeln gerade nicht so gut funktionieren, haben wir noch lange nicht das Recht, uns nicht daran zu halten.

G.I.B.: Wie weit geht, aus wirtschaftsethischer Sicht, die individuelle Verantwortung?

Prof. Detlef Aufderheide: Die Frage lautet, um bei der Metapher Sport zu bleiben: Muss etwa ein Fußballspieler, der vom Schiedsrichter unbemerkt ein Tor mit der Hand erzielt hat, die Toranerkennung des Schiedsrichters durch ein Schuldeingeständnis korrigieren, obwohl er damit sich und seiner Mannschaft schadet?

In der Tat gibt es immer wieder ein neues Ringen um die Frage, wo hier die Grenzen sind und ob man – wie im Beispiel – von einem Spieler verlangen kann, dass er – sich selbst und seine Mannschaft schädigend – das Handspiel oder die Schwalbe zugibt. Einige Wirtschaftsethiker behaupten, dass es im laufenden Spiel in den Spielzügen gar keine ethische Verantwortung mehr gebe und dass die Spielregeln das alles übernehmen sollten. Sie halten es mit dem Spieler, der auf die Frage, ob es ein Foul war, sibyllinisch antwortet: Foul ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Wir – außer mir auch noch einige andere Wirtschafts­ethiker – weisen aber darauf hin, dass die Lücken in den Spielregeln oder die beschränkten Fähigkeiten des Schiedsrichters, alles zu sehen, uns deutlich machen, dass auch der Einzelne Verantwortung übernehmen muss und dass das Spiel nur gelingen kann, wenn auch jeder Einzelne versteht, dass er als notwendige Bedingung für funktionierende Spiele die Pflicht hat, nur mit fairen Mitteln zu gewinnen – und dafür Anerkennung erhält. Wenn wir Entrüstung und Empörung über Foulspiel leichtfertig gegen „Anerkennung für Cleverness“ ersetzen, dann verspielen wir die große Chance, die ein waches moralisches Empfinden uns allen bietet. Anders wird es auf Dauer nicht gelingen, sonst ist das gesamte System bedroht: Wer schaut heute noch mit Freude die Tour de France?

G.I.B.: Wenn klar ist, dass zum Beispiel Schwarzarbeit oder Preisabsprachen von Kartellen letztlich allen schaden, warum ist es dann für manche Wirtschaftsakteure so schwer, sich für den ethisch sauberen Weg, also für den Verzicht auf Schwarzarbeit oder Preisabsprachen zu entscheiden?

Prof. Detlef Aufderheide: Zur Veranschaulichung bietet sich das moralökonomische Modell des Gefangenendilemmas an, das aus dem amerikanischen Strafrecht stammt. Hier stürzt eine Regeländerung, nämlich die Einführung der Kronzeugenregelung, zwei Gefangene, die eine Straftat begangen haben, in ein ethisch erwünschtes Dilemma. Beide haben auf Ganovenehre verabredet, niemals den anderen zu verpfeifen. Aber mithilfe der Regeländerung überredet sie der Staatsanwalt jeweils einzeln zu einem Deal. Er sagt: Wenn du gestehst, bist du frei und der andere geht in den Knast. Das führt dazu, dass beide die Kronzeugenregelung in Anspruch nehmen wollen, weil sie dem anderen nicht trauen können. Die Änderung der Spielregeln in Gestalt der neu eingeführten Kornzeugenregelung beeinflusst dramatisch die Handlungsinteressen: Bei dem Versuch, den anderen zu treffen und selbst frei zu kommen, benachteiligen die Ganoven sich mit ihrem Geständnis selbst: Die Kronzeugenregelung kommt gar nicht zum Einsatz, weil beide ein originäres Geständnis ablegen. Die Folge: Beide landen im Knast, der Staatsanwalt kann der Gerechtigkeit Genüge tun.

Auch hier also liegt ein Konflikt von individueller und kollektiver Rationalität vor: Bei dem Versuch, den individuellen Nutzen zu maximieren, schädigt sich der Homo oeconomicus, der ja im Gefängnis landet, selbst. Ob nun durch Regeln ein Dilemma etabliert werden soll – wie im ursprünglichen Beispiel der Gefangenen – oder ob Regeländerungen wie im Fall der Schwarzarbeit bei der Überwindung des Dilemmas helfen sollen, ist sodann Gegenstand wirtschaftsethischer Analyse. Wir lernen daraus: Eine geschickte Gestaltung der Spielregeln kann dazu beitragen, dass die Beteilig­ten das tun, was von der Gemeinschaft erwartet wird.

Nebenbei bemerkt: Die Kronzeugenregelung, mit deren Hilfe auch manches Kartell aufgebrochen werden konnte, ist wirtschaftsethisch nicht unumstritten. Warum sollte derjenige, der Straftaten begangen hat, nur deshalb straffrei ausgehen, weil er andere verpfeift? Nicht selten zahlen wir für die Gerechtigkeit einen nicht geringen Preis: Eine „ethisch perfekte“ Lösung erweist sich oft als Wunschdenken, denn Dilemmata lassen sich bisweilen nicht auflösen, sondern nur mehr oder weniger gut bewältigen. Die Moralökonomik hilft uns, im moralischen Eifer nicht den Bodenkontakt zu verlieren.

G.I.B.: Wie lässt sich das Dilemma im Blick auf die schwarz arbeitenden Firmen und Personen präventiv bewältigen?

Prof. Detlef Aufderheide: Meine Antwort lautet, ers­tens: Fangt bei den Spielzügen an und nicht bei den Spielregeln, also „Bottom up“, denn Änderungen fangen immer in den Köpfen an. Ohne Wandel in den Köpfen gibt es keinen Wandel in den Strukturen. Wir brauchen immer Menschen, die den Antrieb haben, in ihrem Unternehmen und in ihrem Umfeld etwas zum Besseren zu wenden. Um zu verhindern, dass der Ehrliche der Dumme ist, brauchen wir aber, zweitens, immer auch eine zupackende Politik, die die Ehrlichen stützt und die Unehrlichen belangt: Gute politische Rahmenbedingungen erweisen sich als in Form gegossene Verantwortung. Das nordrhein-westfälische Projekt zur Bekämpfung der Schwarzarbeit in der Emscher-Lippe-Region, das sie in dieser Ausgabe des G.I.B.-Infos ja auch vorstellen, ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Es zeigt, dass Menschen mit teils unterschiedlichen Handlungsinteressen, aber mit ähnlichen Werten bereit sind, auch die übereinstimmenden Regelinteressen zu nutzen und gemeinsam etwas für den überfälligen Wandel zu tun.

Es gibt – in einem ersten Schritt – eine Reihe von Unternehmen, die das Problem wahrgenommen und Maßnahmen ergriffen haben. Sie führen zum Beispiel entsprechende Schulungen durch, damit sich in den Köpfen auf allen Entscheidungsebenen etwas ändert, ein anderes Bewusstsein für die letztlich selbstschädigende Wirkung von Schwarzarbeit entsteht. Unternehmen, die erfolgreiche Anstrengungen erbracht haben, um eine faire Wirtschaft und faire Arbeit zu schaffen, brauchen Unterstützung. Dazu bieten sich – in einem zweiten Schritt – strukturelle Maßnahmen an: die Stärkung der Exekutive zum Beispiel, die Drohung mit schwarzen Listen, der Ausschluss von Ausschreibungen oder der unangemeldete Besuch auf Baustellen, also Regeländerungen, die dafür sorgen, dass diejenigen ihre Chancen verbessern und am Markt belohnt werden, die sich an die Spielregeln halten, um so den Ehrlichen auch zum Klugen werden zu lassen.

Es geht also darum, die schwarzen Schafe entschlossen in Angriff zu nehmen – aber mit Augenmaß, weil es keine gute Idee ist, Menschen von vornherein zu unterstellen, dass sie Verbrecher seien. Ein Gesetz, das so etwas signalisieren würde, wäre auch nicht klug. Angesagt ist eine Verbindung aus Entschlossenheit und Augenmaß, also zunächst niederschwellige Aktivitäten, bei denen mit niedrigen Kosten das Ziel erreicht wird und individuelle Schutzrechte gewahrt bleiben. So kann man mit möglichst geringem bürokratischen Aufwand und der Schaffung von Transparenz sicherstellen, dass alle Marktbeteiligten wissen, wo die schwarzen Schafe sind.

Aber es gibt auch keinen Grund, sich etwas schönzureden. Schwarzarbeit und ähnliche illegale Praktiken sind nun mal ein Geschäft, das sich im Verborgenen abspielt. Hier ist es besonders schwer, Transparenz zu schaffen, ohne die Datenschutzrechte aller Beteiligten allzu sehr zu strapazieren. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Präventionsmaßnahmen zum Schutz des Wettbewerbs immer zu Umgehungstatbeständen führen. Das werden wir auch bei Maßnahmen zur Bekämpfung von Schwarzarbeit beobachten. Hier ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Schwarzarbeit oder das Verabreden von Preisen langfristig alle schädigt, ist ein wichtiger Aspekt zum Verständnis von Marktwirtschaft und Wettbewerb. Im Sport wie im Wirtschaftsleben spielen Ethik und Moral eine ungeheure Rolle, wobei die Sprache der Ethik unser Handeln nicht in den Kategorien Gewinn und Verlust beurteilt, sondern in den Kategorien der Anerkennung und Missbilligung. Die Währung der Ethik ist nicht Geld, sondern Anerkennung. Glücklicherweise lassen sich auch hier Brücken zwischen Geld und Moral bauen: Auch im Wirtschaftsleben können Akteure durch anständiges Verhalten so viel Anerkennung gewinnen, dass es sich am Ende für sie in barer Münze auszahlt.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767152
m.keuler@gib.nrw.de

Kontakt

Prof. Dr. habil. Detlef Aufderheide
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an der Hochschule Bremen
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