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(Heft 1/2017)
„Chance Zukunft“ – Modellprojekt zur persönlichen und beruflichen Förderung junger Langzeitarbeitsloser in NRW

„Das Projekt hat mich wieder ins Leben zurückgeholt“

Das im September 2015 gestartete Modellprojekt „Chance Zukunft“ stärkt arbeitslose junge Menschen im SGB II-Bezug, die durch komplexe Problemlagen und vielfältige Vermittlungshemmnisse geprägt sind, für die Rückkehr in Schule, Ausbildung oder Arbeit – und das sehr erfolgreich. Von den rund 480 jungen Menschen, die bisher teilnahmen, haben es 53 Prozent geschafft, eine Perspektive für die berufliche Zukunft zu entwickeln oder sogar schon in Schule, Ausbildung oder Arbeit einzusteigen. „Chance Zukunft“ wird mit finanzieller Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen, des Europäischen Sozialfonds (ESF) und durch die finanzielle Beteiligung von 28 regionalen Jobcentern ermöglicht.

„Das Projekt gibt mir die Möglichkeit, in Ruhe, ohne Stress und Druck, aber dennoch produktiv herauszufinden, was ich machen kann …“, sagt einer der Teilnehmenden. Das vermittelt einen guten Eindruck von dem Ansatz, den „Chance Zukunft“ verfolgt. Das Projekt ist bewusst nicht so aufgebaut wie eine der üblichen Maßnahmen, die eine feste Struktur vorgeben. Es gibt keinen modularisierten Aufbau, keine festen Beratungszeiten und auch keine ortsgebundene Beratung. Alles wird personenzentriert, äußerst individuell und flexibel gehandhabt. Und: Man lässt den jungen Leuten Zeit.

Die Betreuung ist dennoch sehr intensiv. Ihr Ziel ist es, die Teilnehmenden persönlich zu stabilisieren und sie für Angebote der Jobcenter, Arbeitsagenturen und andere Unterstützungsdienste (wieder) erreichbar zu machen, sodass sich mittel- bis langfristig die Perspektive eröffnet, in Schule, Ausbildung oder Arbeit (wieder-)einzusteigen.

Träger des Modellprojekts ist das Kolping-Berufsbildungswerk Essen im Trägerverbund mit neun weiteren Berufsbildungswerken (BBW) in NRW. Damit nehmen zehn BBWs verteilt über ganz NRW teil.1 „Chance Zukunft“ wird in 28 Jobcenter-Bezirken in Nordrhein-Westfalen angeboten. Die Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) begleitet die Umsetzung und den Projekttransfer. Die Firma Wissensimpuls aus Dresden wurde mit Monitoring und Evaluation des Projekts beauftragt.

Bis zum 31.12.2017 stehen insgesamt 286 Teilnahmeplätze zur Verfügung (Übersicht auf: www.mais.nrw/chance-zukunft). Die sind mittlerweile alle vergeben, die Jobcenter führen Wartelisten für eine große Zahl weiterer Interessenten. Das macht deutlich, dass ein großer Bedarf besteht.

Persönliche Stabilisierung steht am Anfang
 

Eine zentrale Rolle spielt in dem Modellprojekt der Aspekt der persönlichen Stabilisierung der Teilnehmenden. Denn es handelt sich in den meisten Fällen um sogenannte „schwer erreichbare Jugendliche“, die sich aufgrund von Erfahrungen des Scheiterns – sei es schulisch, sei es beruflich, sei es privat – weitgehend aus der Gesellschaft zurückgezogen haben. Umso dramatischer ist das, wenn sie diese Erfahrungen schon in der Phase des Übergangs von der Schule in den Beruf gemacht und den Sprung in die Arbeitswelt nie geschafft haben.

Viele der Teilnehmenden sind durch Probleme im familiären Zusammenleben, gesundheitliche Einschränkungen, fehlende Berufserfahrungen oder Qualifikationen, eine schwierige Wohnsituation bis hin zur Obdachlosigkeit oder traumatische Erlebnisse stark belastet. Nicht selten entsteht ein Teufelskreis, aus dem die Jugendlichen aus eigener Kraft nicht mehr ausbrechen können.

„Misslingen Übergänge im Bildungs- Ausbildungs- und Erwerbssystem dauerhaft, können sich also junge Frauen und Männer nicht erfolgreich in Ausbildung oder Erwerbsarbeit platzieren, droht ihnen eine immer stärker werdende soziale Exklusion“, heißt es in einer Studie des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2015. Das bedeutet: Die Situation der Zielgruppe verfestigt sich immer mehr, auch im fortschreitenden Alter. Das berücksichtigt das Modellprojekt „Chance Zukunft“ dadurch, dass die Altersspanne relativ weit gefasst ist. Es können junge Menschen, im Alter zwischen 18 und 30 Jahren teilnehmen, im Einzelfall sogar bis zum 35. Lebensjahr. Voraussetzung für die Teilnahme ist aber, dass die bisherigen Fördermöglichkeiten nicht erfolgreich waren. Konkret bedeutet das, dass die Teilnehmenden in den meisten Fällen schon mehrere Maßnahmen ohne Erfolg abgebrochen haben.

Der Betreuungsschlüssel liegt bei 1 zu 5, ist also vergleichsweise niedrig und schlägt sich dementsprechend in den Betreuungskosten von 1.440 € pro Platz und Monat nieder. Ist ein solch kostenintensives Instrument zu rechtfertigen? „Trotz eines sehr breiten und immer weiter ausdifferenzierten Angebots an Instrumenten der Arbeitsförderung, an Eingliederungsleis­tungen im SGB II und der sozialpädagogischen Hilfen für sozial benachteiligte und individuell beeinträchtigte junge Menschen im SGB VIII scheitert eine wachsende Anzahl an den Anforderungen der Übergangsprozesse im Jugend- und jungen Erwachsenenalter“, sagt Stefan Kulozik vom MAIS dazu. – Stefan Kulozik schätzt die Zahl für NRW auf rund 4.000 – an denen die Regelangebote vorbeigingen. Es bringe einfach nichts, diesen jungen Menschen weitere Maßnahmen anzubieten. „Mit dem Modellprojekt Chance Zukunft haben die zehn Berufsbildungswerke in NRW ein besonderes Angebot geschaffen, um junge Menschen, die drohen, aus den Hilfesystemen herauszufallen, wieder zu stabilisieren und zur Teilhabe zu befähigen.“

Projekt kommt zu den jungen Menschen
 

Ein wichtiges Prinzip dieses Angebots ist die „aufsuchende Sozialarbeit“. Das Projekt kommt zu den jungen Menschen, nicht umgekehrt. „Es ist ganz wichtig, dass die Betreuer an die Orte gehen, wo die Jugendlichen sich aufhalten“, sagt Stefan Kulozik, „das heißt, zum Beispiel auch auf die ‚Platte‘.“ Für die Jugendlichen, die sich komplett zurückziehen und nur noch zu Hause anzutreffen sind, greift man im Rahmen des Projekts auf die Kontaktdaten der Jobcenter zurück. „Eine Einladung reicht in diesen Fällen aber nicht, die Betreuer machen sich dann auf den Weg und besuchen sie auch zu Hause“, so Stefan Kulozik.

Diese sehr spezielle Zielgruppe zu aktivieren, ja, überhaupt erst einmal einen Kontakt zu ihr aufzubauen, ist keine leichte Aufgabe. Deshalb ist die Auswahl der Betreuer von entscheidender Bedeutung. Wobei Chance Zukunft den Trägern hier alle Freiheiten einräumt. Eine bestimmte Qualifikation der eingesetzten Kräfte schreibt das Modellprojekt nicht vor.

60 Betreuer sind derzeit insgesamt im Einsatz. Beim BBW des CJD in Dortmund und den vom Standort Dortmund (2) gesteuerten CJD-Standorten Mettmann (3) und Düsseldorf (6) sind es allein elf Betreuer. Mechtild Ronge, Leiterin des Dortmunder BBW, setzt bei der Auswahl der Projekt-Mitarbeitenden nicht nur auf eine passende Ausbildung: „Die Mitarbeiter kommen größtenteils aus dem Stammpersonal des Berufsbildungswerkes. Es sind Sozialpädagogen, Erzieher, auch Ausbilder. Ausgesucht habe ich Personen, die in der Lage sind, einen guten Kontakt zu jemandem aufzubauen. Die Chemie zwischen Betreuer und Teilnehmendem muss einfach stimmen.“ Außerdem habe sie darauf geachtet, dass die Altersstruktur der Betreuer gemischt sei. Es gebe im Team die Betreuerin, die frisch aus dem Studium komme, ebenso wie den erfahrenen Mitarbeiter, der in unterschiedlichsten Projekten schon alle möglichen Dinge gesehen und erlebt habe. Sie scheint damit den richtigen Riecher gehabt zu haben. Das Feedback sei sehr gut: „Alle Teilnehmenden sagen, dass sie froh sind, nicht mehr in einer klassischen Maßnahme zu sein. Sie kommen, weil sie wissen: Da ist einer für mich da.“

Um den Kontakt zur Zielgruppe aufzubauen und zu halten, benutzt das multiprofessionelle Betreuer-Team, das auch andernorts aus Sozialarbeitern, Psychologen, Erlebnispädagogen, Erziehern und Berufspädagogen besteht, moderne Ansätze und Kommunikationswege. So wird zum Beispiel über soziale Netzwerke wie WhatsApp mit den Jugendlichen kommuniziert.

Der individuelle Ansatz lässt den BBWs viele Freiheiten. Daher ist die Umsetzung an den 28 Projektstandorten sehr unterschiedlich und teilweise sehr kreativ. Das BBW Niederrhein des CJD setzt zum Beispiel einen Beratungs-Bulli ein, der als mobiles Office genutzt wird und mit Laptop, Drucker usw. in den Sozialräumen der Zielgruppe unterwegs ist. So baut man Kontakte vor Ort auf und pflegt sie. Andernorts geht man bei der Kontaktaufnahme eher klassische Wege oder nutzt von Fall zu Fall die jeweils erfolgversprechendste Herangehensweise. So werden im Jobcenter-Bezirk Ennepe-Ruhr-Kreis potenzielle Teilnehmer an dem Projekt vom Jobcenter-Mitarbeiter überzeugt, einen Informations-Termin mit einem Fallmanager in einer der neun Regionalstellen des Jobcenters im Kreis wahrzunehmen.

„Unsere Vorstellung war, dass die Jugendlichen von dem Projekt nicht überrumpelt werden sollten“, sagt Moritz Schneider, Koordinator des Projekts beim Jobcenter Ennepe-Ruhr-Kreis. „Es sollte von Anfang an klar sein, woher das Angebot kommt. Zwar sei von den vereinbarten Terminen nur etwa die Hälfte wahrgenommen worden, man sei aber überrascht gewesen, wie gut die Gespräche, die dann tatsächlich stattgefunden hätten, gelaufen seien. Als wichtigen Grund dafür nennt Moritz Schneider die sehr überzeugende Vorstellung des Projekts durch den Träger, in diesem Fall also durch das Berufsbildungswerk Volmarstein.

Jobcenter treffen Vor-Auswahl
 

Für die Vor-Auswahl der potenziellen Teilnehmenden durch die Jobcenter gilt: die Jugendlichen müssen beim Jobcenter schon länger im Leistungsbezug stehen, Regelangebote, auch niederschwellige, wurden abgebrochen. Die Fallmanager treffen auf dieser Grundlage eine sogenannte Prognoseentscheidung. Wenn aus der hervorgeht, dass aufgrund des bisherigen individuellen Fallverlaufs eine Integration in Schule oder Ausbildung innerhalb der nächsten 24 Monate unwahrscheinlich erscheint, ist der Kunde ein potenzieller Kandidat für das Projekt, wobei die Teilnahme aber grundsätzlich freiwillig bleibt.

Darüber hinaus lässt das Konzept des Projekts den Jobcentern gewisse Freiheiten, die Zielgruppe weiter zu differenzieren. So wurden im Ennepe-Ruhr-Kreis bevorzugt die jungen Menschen angesprochen, bei denen man davon ausging, dass sie psychische oder psychosoziale Probleme haben. Diese Gruppe ist nach Eindruck von Moritz Schneider in den letzten Jahren gewachsen. „Diese Jugendlichen haben wir zu mehreren Beratungsgesprächen eingeladen, zunächst um die Bereitschaft, an dem Projekt teilzunehmen, zu erfragen und kurz danach dann zu einem weiteren Gespräch unter Teilnahme des Projektmitarbeiters des Berufsbildungswerkes Volmarstein (Evangelische Stiftung Volmarstein), bei dem das Angebot noch genauer dargestellt wurde.“

Rund 35 Gespräche dieser Art wurden im Ennepe-Ruhr-Kreis geführt. Dann entschied das BBW Volmarstein als Träger, mit welchen Jugendlichen er sich eine sinnvolle Zusammenarbeit in einer Gruppe vorstellen konnte, denn neben Einzelangeboten gehören auch Gruppenangebote zum Methoden-Portfolio des Projekts. So startete man Chance Zukunft im Ennepe-Ruhr-Kreis im September 2015 schließlich mit acht Teilnehmenden. Mehr Plätze waren zunächst nicht geplant. Das Interesse war aber so groß, dass im Januar 2016 um weitere vier Plätze aufgestockt wurde. Alle Plätze sind seitdem durchgängig besetzt. Drei Teilnehmende schieden wegen einer „positiven Weiterentwicklung“ aus: In einem Fall nahm ein Teilnehmer eine Arbeit auf, zwei andere machten mit beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen weiter, davon einer schon im Bezug zu einer Ausbildung und einer in Form einer Therapie. „Schon die Aufnahme einer Therapie ist ein großer Erfolg, weil es für Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt sind, sehr schwierig ist, hierfür die Grundlagen zu schaffen“, sagt Moritz Schneider.

Nur eine Person brach das Projekt ohne Anschluss ab, wobei wie auch in den anderen Fällen jeweils sofort ein Interessent auf den frei werdenden Platz nachrückte. Auch zurzeit stehen zwölf Interessierte auf der Warteliste. Insgesamt waren es über den gesamten Projektzeitraum 37 Personen.

Beim BBW des CJD Dortmund hat das Modellprojekt größere Dimensionen. Von Dortmund aus, wo zehn Jugendliche an dem Projekt teilnehmen, werden auch die CJD-Standorte Mettmann und Düsseldorf gesteuert, wo es 15 bzw. 30 Chance Zukunft-Plätze gibt. Alle Plätze waren ähnlich wie im Ennepe-Ruhr-Kreis schnell besetzt. Auch an diesen drei Standorten führen die Jobcenter Wartelisten. Die meis­ten Teilnehmenden sind unter 25 Jahre alt, am Düsseldorfer Standort reicht die Altersspanne sogar bis 35 Jahre, also bis zum maximalen Alter, das in dem Projekt möglich ist.

Die Ansprache und Kontaktaufnahme geschieht an allen Standorten individuell. „Das ist so vielfältig, wie es die jungen Menschen in der Zielgruppe sind“, sagt Mechtild Ronge. „Der eine kommt auf eine Einladung hin sofort zum Jobcenter oder zu uns, beim anderen braucht es drei oder vier Besuche unseres Mitarbeiters, bis er überhaupt die Tür öffnet.“

In kleinen Schritten denken
 

Genau wie bei der Ansprache sind auch zur Aktivierung der Zielgruppe unterschiedliche Ansätze möglich, darunter zum Beispiel erlebnispädagogische. So bietet das Berufsbildungswerk des CJD Dortmund Kanutouren auf dem Sorpesee, Kochworkshops, 3D-Schwarzlicht- Minigolf an oder besucht an „Aktionsfreitagen“ Museen wie das Filmmuseum Düsseldorf. „Es geht dabei darum, Erlebnisse für die Teilnehmenden zu schaffen: Ich kann etwas, ich erreiche etwas, ich kann im Team arbeiten“, erklärt Mechtild Ronge. Ein erster kleiner Schritt, auf den weitere folgen müssen.

In intensiven Gesprächen des Betreuers mit den Teilnehmenden wird geklärt: Welche Probleme haben sie? Was machen sie momentan? Wie organisieren sie sich? Wie sind sie eingebunden in Familie, wie im Stadtteil? Es gebe, berichtet Mechtild Ronge, Teilnehmende, die paketweise ungeöffnete Briefe zu Hause horteten. Die würden dann erst einmal sortiert und abgeheftet. Bei vielen anderen stünde das Schuldenproblem oder eine Sucht (häufig Drogen-, Alkohol-, Spielsucht) am Anfang im Mittelpunkt der Projektarbeit. In diesen Fällen begleitet der Betreuer den Teilnehmenden dann zum Beispiel zur Schulden- oder Drogenberatung. In anderen Fällen müsse erst einmal dafür gesorgt werden, dass die Teilnehmenden wieder auf ihre Körperhygiene achten oder einen dringend benötigten Arzt aufsuchen. Oft lebten die Personen auch in schwierigen Verhältnissen, nicht selten seien sie alleinerziehend. Viele hätten keinen festen Wohnsitz, schliefen mal hier bei Freunden, mal dort, auch Obdachlosigkeit käme vor.

Erst nach der Stabilisierung der persönlichen Situation, der Vermittlung einer Tagesstruktur kann kann eine praxisnahe berufliche Orientierung erfolgen. Was Moritz Schneider überrascht hat, ist der starke Bedarf an psychologischer Begleitung. „Nicht in dem Sinne, dass die Teilnehmenden in jedem Fall ein therapeutisches Angebot brauchten, aber die meisten haben einen Punkt erreicht, wo sie mit einfachen Motivationssprüchen nicht weiter aufzubauen waren, weil sie psychisch am Boden lagen.“ Einige seien tatsächlich psychisch krank, einige depressiv oder in einer Vorstufe dazu, einige durch familiäre Rahmenbedingungen in der Kindheit traumatisiert. Verständlich, dass man in diesen Fällen erst später an Unterstützungen wie ein Bewerbungscoaching oder an die gemeinsame Suche nach einem Praktikumsplatz denken kann.

Auch wenn die Teilnehmenden mehrere Tage nicht zu vereinbarten Terminen erscheinen, führt das nicht zum Abbruch, wie das bei einer normalen Maßnahme der Fall wäre. „In diesem Projekt nimmt der Träger in solchen Fällen dann Kontakt mit dem Teilnehmenden auf, fährt ggf. auch zu ihm raus. Die vorgesehenen Aktionen können dann im Sozialraum stattfinden, das kann bis dahin gehen, dass sie in den vier Wänden des Teilnehmenden stattfinden“, erläutert Moritz Schneider. „Das ist bei der Zielgruppe immer wieder nötig, um spontane Tiefs zu überbrücken und somit Abbrüchen vorzubeugen.“ Das braucht unter Umständen eine längere Zeit. Deshalb ist die Teilnahme-Dauer am Förderangebot flexibel und kann maximal 24 Monate betragen, also viermal so lange wie bei einer Standard-Maßnahme. Im Ennepe-Ruhr-Kreis bleiben die Teilnehmenden nach den bisherigen Erfahrungen im Schnitt zehn bis 15 Monate im Projekt.

Das Feedback der Teilnehmenden, das die Träger festhalten, bestätigt die Sinnhaftigkeit dieser Vorgehensweise. Zwei Beispiele: „Die Arbeit im Projekt hat mich wieder ins Leben zurückgeholt. Ich habe nur noch in den Tag gelebt und mir keine Gedanken über meine Zukunft gemacht.“

„Ich bin sehr gern bei euch im Projekt dabei. Find es top, ich denke, es ist genau der richtige Ansatz, auf die Leute individuell einzugehen und eine lockere und persönliche Atmosphäre zu schaffen. Hätte vorher nicht gedacht, dass das Projekt, was mir vom Jobcenter vermittelt wurde, wirklich mal etwas Sinnvolles ist, was ich jedem empfehlen würde.“

In Zahlen liest sich die Zwischenbilanz zum Beispiel für den CJD-Standort Düsseldorf so: 65 Personen haben das Projekt dort bisher begonnen bei 17 Abbrüchen wegen mangelnder Motivation oder chronischer gesundheitlicher Einschränkung. In 29 Fällen kam es zu einer erfolgreichen Vermittlung oder Entwicklung: zehnmal in Vollzeitarbeit, dreimal in Teilzeitarbeit, einmal in Ausbildung, zweimal in Arbeitsgelegenheiten (AGH/MAE), siebenmal in ambulante Therapie, zweimal in eine Tagesklinik, dreimal in Obdach, einmal wurde eine Erwerbsunfähigkeit anerkannt. Der Rest der Teilnehmenden befindet sich noch im Projekt.

Auch die Vernetzung mit Einrichtungen und Beratungsstellen von Unterstützungsleistungen ist wichtiger Bestandteil des Projektes, wobei darauf geachtet wird, dass die Arbeits-, Beratungs-, Gesundheits-, Beschäftigungs- und Bildungsangebote im Sozialraum des Teilnehmenden stattfinden. Das CJD greift in Mettmann und Düsseldorf auch auf die Angebote der bei den Jobcentern angesiedelten Jugendberufsagenturen zu, die selbst zahlreiche Dienste wie zum Beispiel eine Schuldenberatung bereitstellen.

Darüber hinaus kann der Bildungsträger bestehende eigene Angebote einbringen, beim CJD in Dortmund zum Beispiel die Dienste der angestellten Psychologin oder Bewerbungstrainings. Für die Dortmunder Teilnehmenden sind in den verschiedenen Werkstätten des CJD in Dortmund darüber hinaus Praktika möglich.

Intensiver Austausch und Supervision
 

Die Betreuer an den einzelnen Standorten tauschen sich untereinander und auch standortübergreifend über ihre Projektarbeit aus. Zu ihren Aufgaben gehört außerdem die enge Kontaktpflege mit dem Jobcenter. „Bei Chance Zukunft ist es Projektbestandteil, dass die Jobcenter-Mitarbeiter sehr viel stärker in die Projektdurchführung und -begleitung eingebunden sind“, sagt Moritz Schneider, „und zwar schon in einer frühen Prozessphase.“ So soll das Risiko der für die Zielgruppe typischen Gefahr des „Verlorengehens im Aufnahmeprozess“ reduziert werden –, was auch gelingt. „Im Unterschied zu Regelangeboten finden beim Projekt Chance Zukunft in sehr kurzen Zeitintervallen – mindestens alle drei Monate – Fallkonferenzen mit dem Projektmitarbeiter beim Berufsbildungswerk, dem Ansprechpartner beim Jobcenter und dem Teilnehmenden statt“, erklärt Moritz Schneider. Auch zwischen diesen Terminen gibt es einen regen Austausch. In einem Abstimmungsprozess zwischen den Teilnehmenden, dem jeweiligen Berufsbildungswerk und dem Jobcenter wird ein individueller Förder- und Handlungsplan erstellt, der regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst wird. In diesem Plan werden die Unterstützungsbedarfe priorisiert, eine Ziel­hierarchie erstellt und Ziel- und Angebotsvereinbarungen getroffen. Mindestens alle vier Wochen reflektieren Fallmanager und Teilnehmer den Stand der Zielerreichung gemeinsam und passen die Interventionsplanung gegebenenfalls entsprechend an.

Begleitend finden im Dreimonats-Rhythmus Gespräche zwischen Träger und Jobcenter statt. Außerdem ist als Projektbestandteil eine Supervision vorgeschrieben, an der die Projektbeteiligten auf Jobcenter- und Trägerseite teilnehmen müssen. „Die Arbeit ist zum Teil schwer belastend. Es ist wichtig, dass man als Betreuer diese Arbeit reflektiert und dass jemand von außen schaut, wie man mit der Situation und mit dem Teilnehmer umgeht“, erklärt Mechtild Ronge den Sinn der Supervision. Auch die Zusammenarbeit mit den Jobcenter-Mitarbeitenden wird in der Supervision reflektiert und so die Gefahr von Konflikten minimiert.

Für den Erfolg des Modellprojekts macht Stefan Kulozik vor allem drei Faktoren verantwortlich: gute Träger, eine gute Angebotsstruktur und die Akteure in den Jobcentern, bei den Berufsbildungswerken und auch bei den begleitenden Institutionen. Es zeige sich immer mehr, dass der personenzentrierte Ansatz greife und die aufsuchende individuelle Hilfe und Begleitung angenommen werden. Dadurch werde der Mut und die Motivation der jungen Menschen entwickelt und gefördert, sodass sie sich auf den Weg zum Einstieg oder Wiedereinstieg in Schule, Ausbildung und Arbeit machten –, wobei von den Projektbeteiligten angesichts der zum Teil sehr schwierigen Problemlagen, in denen sich die Teilnehmenden befinden, auch schon die Schritte, die vor diesem Einstieg liegen, als Erfolg gewertet werden.

So unterschiedlich auf der Träger- und Jobcenterseite die Ansätze und Vorgehensweisen an den verschiedenen Standorten auch sind, die Bewertung des Modellprojekts ist überall gleich. „Ich bin hier im Jobcenter Ennepe-Ruhr-Kreis seit 2011 für Jugendprojekte verantwortlich und kenne einen Teil der Namen der Teilnehmenden aus früheren Projekten. Dass die schon über ein Jahr bei Chance Zukunft dabei sind, ist schon ein Riesenerfolg“, sagt zum Beispiel Moritz Schneider. „Das kenne ich so aus anderen niederschwelligen Angeboten nicht.“ Gleichzeitig macht Moritz Schneider noch einmal deutlich, dass Chance Zukunft kein Programm ist, das man in Vermittlungszahlen in Ausbildung oder Arbeit messen kann, sondern andere Erfolge zählen. „Schon dass wir bei solch einem Projekt bisher nur einen selbst verschuldeten Abbruch zu verzeichnen haben, ist sensationell.“

Moritz Schneider beantwortet die Frage, ob es sich lohnen würde, Chance Zukunft zu einem Regelangebot zu machen, unumwunden mit einem Ja. „Spannend ist nur die Frage, wie wir das finanzieren könnten, denn im Vergleich zu den Regelangeboten ist das ein sehr teures Angebot. Das Projekt wird zu mehr als der Hälfte vom Land finanziert, ich würde mir wünschen, dass das Land eine Möglichkeit findet, das Projekt nach 2017 weiter finan­ziell zu unterstützen – der Bedarf ist riesig.“


Ein Fallbeispiel

G. mündet im August 2016 in das Projekt ein. Der 24-Jährige lebt in einem unsicheren Familiensystem, leidet an Schizophrenie, steht unter gesetzlicher Betreuung und hat ein Betreutes Wohnen beendet. Bei Projektbeginn ist er Cannabiskonsument, hat Schulden, hat die Medikation gegen die Schizophrenieerkrankung abgesetzt und ist aus einer Klinik entlassen worden.
Zustand ein halbes Jahr nach Eintritt in Chance Zukunft: Cannabis-Konsum verringert, Schizophrenieerkrankung wird behandelt und überwacht, geregelter Tagesablauf, geplante Ergotherapie, regelmäßige Teilnahme an Angeboten des Projektes.


1 Christliches Jugenddorfwerk NRW (3 BBW): BBW Dortmund, BBW Frechen, BBW Moers, Ev. Stiftung Volmarstein: BBW Volmarstein, Josefsgesellschaft Köln (2 BBW): BBW Reken, BBW Bigge – Olsberg, Kolping BBW Brakel, Kolping BBW Essen, Landschaftsverband Westfalen-Lippe: BBW Soest, v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel: BBW Bielefeld

Ansprechpartner in der G.I.B.

Benedikt Willautzkat
Tel.: 02041 767204
b.willautzkat@gib.nrw.de

Kontakte

CJD Dortmund
Fachbereichsleitung BBW Dortmund/
Dienststellenleitung
Am Oespeler Dorney 41 – 65
44149 Dortmund
Mechtild Ronge
Tel.: 0231 96 91-126
mechtild.ronge@cjd.de
www.cjd-dortmund.de

Ministerium für Arbeit, Integration und
Soziales des Landes NRW
Fürstenwall 25
40219 Düsseldorf
Stefan Kulozik
stefan.kulozik@mais.nrw.de
Ennepe-Ruhr-Kreis – Jobcenter EN
Sachgebiet Eingliederungsmaßnahmen/
Projektkoordination
Nordstraße 21
58332 Schwelm
Moritz Schneider
Tel.: 02336 4448-129
Moritz.Schneider@en-kreis.de
www.jobcenter-en.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

 

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